13.05.1974

„Das ist meine Beichte“

2. Fortsetzung und Schluß
Als Leiter der sowjetischen Delegation war ich (1960) auf der 15. Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York. In formellen Debatten und Abstimmungen sollte über die Tagesordnung der Ausschüsse entschieden werden.
In jedem Gremium waren Sitze für die sozialistischen Staaten, für die Staaten des Westens und für die neugeschaffenen Staaten vorgesehen, die erst kürzlich die Unabhängigkeit von ihren Kolonialherren erhalten hatten.
Das alles war neu für mich. Ich bin ein alter Mann, der noch die Zeit vor der Revolution erlebt hat. Ich kann mich noch erinnern, daß ich als sehr junger Mensch Zeitungsartikel über die Duma zur Zeit Rodsjankos (einer führenden Persönlichkeit des zaristischen Parlaments vor der Revolution) gelesen habe.
Aber ich hatte noch nie in demokratischen Regierungs- oder Kommunalgremien mitgearbeitet. So kam ich denn jetzt zum erstenmal mit einem Parlament in Berührung, in dem verschiedene Klassen und verschiedene politische Systeme vertreten sind.
Manchmal ging es heiß her. Da legte eine Delegation zum Beispiel Wert darauf, ihr Mißvergnügen an bestimmten Sprechern anderer Delegationen zum Ausdruck zu bringen. Unsere Delegation unterstützte Vorschläge -- vor allem im Bereich der Wirtschaft -, die für sozialistische und sogenannte blockfreie Länder von Vorteil waren.
Während der Reden entstand manchmal große Unruhe, und die Vertreter des Westens nahmen oft Zuflucht zu den Methoden bürgerlicher Politik, um deutlich zu machen, daß sie bestimmte Reden mißbilligten. Sie machten dann auf jede Weise Obstruktion, hämmerten auf ihre Pulte und lärmten.
Wir gingen dazu über, es ihnen in gleicher Münze heimzuzahlen. Schließlich war es das erstemal, daß ich an einer solchen Tagung teilnahm. Auch wir konnten Obstruktion machen. Wir stifteten Unruhe, stampften mit den Füßen und so weiter.
Zu einem ernsten Konflikt kam es wegen Spanien. Als bei der Eröffnung der Versammlung die Plätze verteilt wurden, hatten wir das Pech, direkt hinter die spanische Delegation placiert zu werden. Der Leiter der Delegation (Außenminister Fernando Maria Castiella) war schon betagt und hatte auf dem Schädel eine große kahle Stelle. Sein Gesicht war mager und runzlig, seine Nase lang. Er war ein sehr netter Mensch, und wenn unsere Beziehungen zu Spanien normal gewesen wären, hätte ich sogar gesagt, der Mann verdient Respekt.
Aber unsere Beziehungen waren nicht normal. Wir konnten nur Verachtung für die spanische Delegation und ihren Leiter zu erkennen geben. Kurz vor meiner Abreise nach New York hatte mich die Genossin Dolores Ibárruri (La Pasionaria) um einen Gefallen gebeten: ich sollte eine Gelegenheit suchen, das Franco-Regime bloßzustellen.
Seit meiner Ankunft in New York hatte ich darüber nachgegrübelt, wie ich das anstellen könnte, ohne grob zu werden. Ein gewisses Maß an Grobheit würde natürlich unvermeidlich sein, aber ich wollte im Rahmen der parlamentaischen Gebräuche bleiben.
Und min saß ich also direkt hinter dem Leiter der spanischen Delegation. In Gedanken pickte ich mit meiner Nase auf der kahlen Stelle seines Schädels herum und stellte mir vor, wie das Gesicht meiner Freundin Dolores Ibárruri dabei vor Vergnügen strahlen würde.
Im Verlauf der Debatte sah ich dann plötzlich eine gute Gelegenheit, etwas gegen Spanien zu sagen. Es wurde über Kolonialismus diskutiert, und ich bat ums Wort. Ich sprach von Francos "reaktionärem, blutigem Regime" und gebrauchte noch andere Ausdrücke, die unter Kommunisten und anderen wohl© 1974 Little, Brown and Co., Boston. Übersetzung: DER SPIEGEL.
* Vorn rechts: Spaniens Außenminister Castiella.
bekannt sind, die gegen Diktaturen wie die Francos kämpfen.
So hatte ich den Auftrag der Genossin Dolores Ibárruri erfüllt. Na, und dann bat der spanische Delegierte ums Wort zu einer Entgegnung.
An einer bestimmten Stelle begannen die sozialistischen Delegationen, darunter auch ich, zu lärmen, Zwischenrufe zu machen und zu schreien. Ich zog sogar einen Schuh aus und hämmerte damit auf das Pult.
Für die Journalisten, Kameramänner und andere war das natürlich ein gefundenes Fressen. Unsere Freunde machten jedesmal ihre Witze darüber, wenn wir uns begegneten.
Als der Spanier wieder an seinen Platz zurückkam, wechselten wir einige schaffe Worte. Zwar verstand keiner von uns beiden die Sprache des anderen, aber an unseren Gesten und Mienen war deutlich genug abzulesen, was wir einander sagten.
Plötzlich näherte sich uns ein Polizist. Es war kein amerikanischer, sondern ein dem Generalsekretär der Vereinten Nationen unterstehender Polizist. Der große Mann, wahrscheinlich der Nationalität nach Amerikaner, kam also auf uns zu und stellte sich wie eine Statue zwischen dem Spanier und mir auf. Er machte deutlich, daß er Handgreiflichkeiten sofort unterbinden würde.

DER SPIEGEL 20/1974
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