13.05.1974

Das ist meine Beichte

Ich hatte Mitleid mit ihm

Chruschtschow über John F. Kennedy

Von John F. Kennedy wußten wir wenig. Er war ein sehr vielversprechender junger Mann und sehr reich -- ein Millionär. Wie wir aus Presseberichten erfahren hatten, zeichnete er sich durch Intelligenz, Bildung und politische Geschicklichkeit aus.

Wir wußten, daß wir auf Nixon nicht zählen konnten; seine aggressive Einstellung gegenüber der Sowjet-Union, sein Antikommunismus, seine Verbindung mit dem McCarthyismus -- all das war uns wohlbekannt.

In der Hitze des Wahlkampfes von 1960 ersuchten die USA uns offiziell, den Piloten Francis Gary Powers freizulassen. Der Zeitpunkt hatte große politische Bedeutung. Einige Zeitungen behaupteten damals, derjenige Kandidat hätte die größere Wahlchance, der den Eindruck erwecken könnte, er sei eher imstande als sein Gegenkandidat, die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjet-Union zu verbessern.

Vor unserer Führung legte ich meine Ansicht folgendermaßen dar: "Die Regierung der USA hat uns gebeten, Powers freizulassen. Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür, weil beide Präsidentschaftskandidaten versuchen würden, die Freilassung des Piloten als Verbesserung der Beziehungen zwischen unseren Ländern auszuschlachten. Wenn wir Powers jetzt freilassen, wirkt sich das zu Nixons Vorteil aus. Nach den Presseberichten glaube ich, daß beide Kandidaten auf einem toten Punkt angelangt sind.

"Wenn wir Nixon die kleinste Unterstützung geben, wird das so ausgelegt, als wollten wir ihn im Weißen Haus sehen. Und ich glaube nicht, daß Nixon als Präsident dazu beitragen würde, daß sich die Beziehungen zwischen unseren Ländern verbessern. Deshalb bin ich dafür, die Freilassung von Powers zu verzögern. Sobald die Wahlen vorbei sind, können wir ihn den Amerikanern übergeben."

Meine Genossen stimmten mir zu, und wir ließen Powers nicht frei. Wie * Linkes Bild: Eisenhower, Herter. Rechtes Bild: Chruschtschow mit Gromyko (l.) und Malinowski.

sich herausstellte, war das richtig. Kennedy siegte mit einer knappen Mehrheit (von 115 000 Stimmen). Der kleinste Anstoß in der einen oder anderen Richtung wäre ausschlaggebend gewesen.

-Als ich Kennedy später begegnete, erschien er als angenehmer, vernünftiger Mann, und ich glaubte, mir einen Scherz über die Präsidentschaftswahlen erlauben zu können. "Sie wissen doch, Mr. Kennedy, daß wir für Sie gestimmt haben?"

Er sah mich scharf an und lächelte: "Wie denn?"

"Dadurch, daß wir den Piloten erst nach den Wahlen freigelassen haben."

Es war natürlich nur ein Scherz, aber in ihm spiegelte sich die wirkliche Situation, und ich muß sagen, daß ich, nachdem Kennedy Präsident geworden war, keinen Grund hatte, es zu bedauern.

Auch Kennedy fürchtete einen Krieg. Er sagte es mir nie ausdrücklich, schien aber entschlossen, etwas Konkretes zu tun. Er ließ uns wissen, daß er gern mit Vertretern der Sowjet-Union zusammenkommen würde. Da die Presse der Bourgeoisie gern Personen ins Spiel bringt, formulierten es die amerikanischen Zeitungen immer so, als habe Kennedy den Wunsch, mich persönlich zu sprechen, mich, Mr. Chruschtschow, den Chef unserer Regierung.

Auch wir wollten Kontakt mit Kennedy aufnehmen, denn wir teilten seine Kriegsfurcht. Ich hatte Angst vor einem Krieg. Aber wer hat das nicht, außer Narren? Das heißt nun nicht, daß ich der Meinung wäre, wir müßten einen Krieg um jeden Preis vermeiden. Natürlich dürfen wir nicht auf Kosten unserer Selbstachtung klein beigeben.

Während ich Regierungschef war, sahen wir uns oft der Eifersucht und Aggressivität anderer ausgesetzt, und gegen diese Kräfte mußten wir zurückschlagen. Durch solche Gegenangriffe haben wir eine Reihe bedeutender moralischer Siege errungen. Doch das waren Siege im Kalten Krieg -- einen heißen Krieg zu vermeiden, ist uns gelungen. Kennedy schien sich demselben Ziel verpflichtet zu haben.

"Wir haben gemeinsam eine Katastrophe verhindert."

Während unserer Gespräche in Wien erkannte Kennedy die Notwendigkeit an, einen militärischen Konflikt zu vermeiden. Er war der Meinung, wir sollten ein förmliches Abkommen des Inhalts unterzeichnen, daß wir an den Grundsätzen friedlicher Koexistenz feisthalten würden. Doch darunter verstand er das Einfrieren der jetzigen sozialen und politischen Verhältnisse in allen Ländern. Nun, dieses Konzept war für mich völlig unannehmbar, und das sagte ich ihm auch.

"Mr. Präsident, auch wir würden gern mit Ihnen über die Grundsätze friedlicher Koexistenz ein Abkommen abschließen. Doch über sein gesellschaftspolitisches System soll jedes Land selbst entscheiden. Manche Länder sind noch dabei, sich darüber klarzuwerden, welches System für sie das beste ist, und es ist nicht unsere Aufgabe, sie mitsamt dem einen oder anderen System einzufrieren."

"Dieser Ansicht bin ich nicht", antwortete er. "Wir müssen ihre Systems einfrieren. Sonst können alle möglichen Geheimagenten die Regierung eine; Landes untergraben."

Kennedy wollte in der Welt den Status quo beibehalten. Mit anderen Worten: Er wollte, daß Länder mit kapitalistischen Systemen kapitalistisch bleiben, und wir sollten das auch noch mit einer Garantie-Erklärung besiegeln. Das war absolut unannehmbar. Ich versuchte. ihn zu der Einsicht zu bringen, daß er einen reaktionären Standpunkt vertrat.

"Mr. Präsident, Ihr Vorschlag riecht nach alten Zeiten. Machen wir einen kleinen Ausflug in die Geschichte. Früher waren die USA einmal eine britische Kolonie. Ihr Amerikaner habt eure Revolte gehabt, ihr habt gesiegt und seid ein unabhängiger Staat geworden. Ihr habt selbst über euer politisches System entschieden.

"Und jetzt nehmen Sie uns als Beispiel: Wir haben auch eine Revolution gemacht und uns für das System entschieden, unter dem wir jetzt leben. Wenn es nach Ihrem Vorschlag ginge, hätten andere Länder das Recht gehabt. sich einzumischen, also die britische Vorherrschaft über die amerikanischen Kolonien und den Zarismus in Rußland aufrechtzuerhalten. Tatsächlich haben England und Frankreich -- von anderen Staaten gar nicht zu reden -- gegen den jungen Sowjet-Staat einen Interventionskrieg geführt. Sie kennen sich in der Geschichte ja aus und wissen, wie das geendet hat.

"Sehen Sie, Mr. Präsident, dieses Einfrieren des Status quo würde doch bedeuten: anderen Völkern die Chance zu versagen, über ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Wir treten für den Sozialismus ein, Sie für den Kapitalismus. Lassen wir also die anderen Völker selbst entscheiden, unter welchem sozialen und politischen System sie leben wollen."

Wenn John Kennedy begriffen hätte, welche Folgerungen sich aus seinem Vorschlag ergeben, dann hätte er, glaube ich, nicht angeregt, innenpolitische Systeme einzufrieren. Er war ein höchst intelligenter Präsident, aber hier verteidigte er seine Klasse und die kapitalistische Tradition -- und er wollte, daß wir dabei mitmachten!

Welche positiven Schlüsse ließen sich aus meinen Gesprächen mit Kennedy ziehen? Kennedy sah ein -- und das war die wichtigste Schlußfolgerung -, daß die erste Phase einer friedlichen Koexistenz die Verhinderung des Krieges war -- vor allem zwischen den USA und der Sowjet-Union. Aber er war nicht bereit, über diesen wesentlichen Punkt hin auszugehen.

Wir saßen in einem Raum in Wien und hatten nur unsere Dolmetscher und unsere Außenminister, Dean Rusk und Gromyko, bei uns. Ich erinnere mich nicht, daß Kennedy an Rusk Fragen gerichtet oder von ihm Ratschläge erhalten hätte. Das war für mich ein Beweis, daß Kennedy über die internationalen Probleme gut Bescheid wußte und sich auf die Gespräche gut vorbereitet hatte.

Kennedy war selbstsicher genug, die Fragen selbst zu beantworten und die Dinge selbst zu bewerten. Das sprach für ihn, und meine Wertschätzung für ihn wuchs sofort. Er war sozusagen zugleich mein Gegner und mein Partner. Soweit wir verschiedene Ansichten vertraten, war er mein Gegner, aber soweit wir miteinander verhandelten und Meinungen austauschten, war er mein Partner, den ich mit großem Respekt behandelte.

Bei einem Empfang stellte mich Kennedy seiner Frau und seiner Mutter vor. Kennedys Frau Jacqueline war jung, und die Journalisten sagten von ihr immer, sie sei eine große Schönheit. Ich hatte nicht den Eindruck, daß sie jene eigentümliche, strahlende Schönheit besaß, die Männer in ihren Bann ziehen kann, aber sie war voll Jugend, energisch und angenehm, und ich mochte sie gern.

Sie verstand sich darauf, Scherze zu machen, und hatte eine flinke Zunge. Es fiel ihr also nicht schwer, das richtige Wort zu finden, wenn sie jemanden unterbrechen wollte, der ihr gegenüber unvorsichtig war. Meine Unterhaltung mit ihr war nur belanglose Konversation, wie man es bei einem Empfang oder in der Pause im Theater erwartet. Mir als dem Leiter der Sowjetdelegation konnte nichts gleichgültiger sein, als was für eine Frau Kennedy geheiratet hatte. Wenn sie ihm gefiel, war das seine Sache -- viel Glück für sie beide!

Bei einem solchen Empfang oder Theaterabend bin ich Kennedy zum letzten Mal begegnet. Ich entsinne mich, daß er nicht nur besorgt, sondern stark beunruhigt wirkte. Als ich ihn anblickte, überkam mich selbst ein Gefühl der Unruhe, und er tat mir ein bißchen leid: ich hatte nicht vorgehabt, ihn zu beunruhigen.

Ich wäre froh gewesen, wenn wir uns in anderer Stimmung getrennt hätten. Aber ich konnte ihm nicht helfen. Der Unterschied der Klassen, denen wir angehörten, hatte uns gehindert, zu einer Übereinstimmung zu kommen -- trotz aller meiner Mühe. Politik ist ein erbarmungsloses Geschäft, aber diese Erkenntnis hindert mich nicht, Mitleid mit Kennedy zu empfinden.

Es tat mir doppelt leid, weil der Verlauf der Gespräche in Wien den Kalten Krieg verschärfte. Das machte mir Sorge. Falls wir in den Kalten Krieg zurückgeworfen werden würden, dann würden wir es sein, die dafür zu zahlen hätten.

Wenn die Amerikaner begannen, immer mehr Geld für Waffen auszugeben, dann mußten wir dasselbe tun, und ein neues, beschleunigtes Wettrüsten würde nur unser Budget aushöhlen, unser Wirtschaftspotential vermindern und den Lebensstandard unseres Volkes senken. Es war das alte Lied, das wir aus Erfahrung nur allzu gut kannten.

So endete meine Begegnung mit Kennedy. Doch trotz unserer Beunruhigung und Enttäuschung hatte es sich gelohnt, miteinander zu sprechen. Ich glaube, daß Kennedy intelligenter war als seine Amtsvorgänger. Meine kommunistischen Brüder mögen mich richtig verstehen, wenn ich dem verstorbenen Präsidenten der USA dieses Kompliment mache. Einen Mann zu loben, der Lob verdient, heißt nicht, daß man das soziale und politische System weißwaschen will, das er repräsentiert.

Ich möchte Kennedy, dem früheren Gegenspieler in dem schweren Konflikt zwischen unseren Ländern, meine Achtung bezeugen. Er zeigte große Flexibilität, und gemeinsam haben wir eine Katastrophe verhindert. Als er ermordet wurde, empfand ich aufrichtige Trauer. Ich ging sofort in die amerikanische Botschaft, um zu kondolieren.


DER SPIEGEL 20/1974
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