Die Hof-Astrologen hatten offenbar die rechte Stunde für günstig befunden: Auf ihre Weisung hin war die Krönung des jungen Königs von Bhutan mehrmals verschoben worden -- auf den 2. Juni. 9.10 Uhr vormittags.
Erst auf dem Weg zur Krönungs-Zeremonie im festungsähnlichen "Traschi Tschötsong"-Kloster der Hauptstadt Thimpu erfuhren in- und ausländische Festgäste, welches Unheil dem neuen Herrscher gedroht hatte: Verschwörer, so enthüllte die Regierung des buddhistischen, vom Lamaismus geprägten Märchen-Landes im Himalaja, hätten den seit rund zwei Jahren regierenden. aber bislang ungekrönten 18jährigen König Dschigme Singhi Wangtschuck ermorden und einen Kandidaten ihrer Wahl auf den Thron bringen wollen.
30 Verräter, darunter der Vize-Innenminister und der Polizei-Chef, seien verhaftet, bei ihnen Waffen und Sprengstoff beschlagnahmt worden.
Es war nicht die erste Hofintrige im Druk Jül ("Land des Drachens"), wie das buddhistische Fürstentum Bhutan, ein Keil von Niedersachsen-Größe an einer strategischen Nahtstelle zwischen China und Indien, genannt wird. In den vier Generationen, die Bhutans Erbkönige bisher herrschen, war ein Attentat auf den Vater des jetzigen Königs 1965 nur knapp fehlgeschlagen, ein Chefminister wurde 1964 ermordet. Der Vater König Dschigme Singhis starb schließlich bei einer Reise ins ferne Ostafrika, allerdings an Herzschwäche.
Auch der neue "Drachen-König" wird trotz der Weltabgeschiedenheit seines 1,3-Millionen-Völkleins -- Bhutan wurde erst seit 1962 durch Straßen erschlossen, erst seit einem Jahrzehnt gibt es Elektrizität im Land -- kein beschauliches Regiment führen können.
Zwar glich die Krönungs-Zeremonie mittelalterlichen Königs-Riten: Tausend buddhistische Mönche in farbigen Roben erwarteten den Herrscher mit religiösen Gesängen, Aus Zimbeln, Trommeln, Alphörnern, Gongs und Dudelsäcken mischte sich eine ohrenbetäubende Lärm-Kulisse. Die Bürger, angespornt vom Nationalgetränk "Marchang" -- einem Gemisch von Reiswein und Butter -, jubelten dem Jung-König zu.
Doch wie wichtig die Nachbarn das kleine Gebirgsland nehmen, bewies die Besetzung der Ehrentribüne: Da saß nicht nur der Herrscher- des Nachbar-Fürstentums Sikkim; auch die Staatsoberhäupter von Bangladesch und des 570-Millionen-Landes Indien hatten sich auf den beschwerlichen Weg nach Bhutan begeben- Chinas Premier Tschou En-lai schickte eine Glückwunsch-Botschaft und ließ sich von seinem Geschäftsträger in Neu-Delhi, Ma Mu-ming, vertreten.
Denn Bhutan ist den beiden immer noch verfeindeten Großmächten in Südasien, China und Indien, aufgrund seiner strategischen Lage an einer prekären Grenzstelle gleichermaßen wertvoll. Indien sicherte sich schon 1949 einen Vorteil: Ein Vertrag unterstellt Bhutans außenpolitische Aktivitäten indischer Lenkung, Bhutans kleine Armee wurde von Indien ausgebildet und bewaffnet- Die Chinesen wiederum drangen schon 1959 von Tibet aus an einigen umstrittenen Stellen über die 300 Kilometer lange gemeinsame Grenze vor, 1966 okkupierten sie wiederum einen öden Streifen Gebirgsland.
Die Urheber des neuesten Komplotts, so der König vorigen Mittwoch, hatten von Bhutan aus Partisanen gegen Tibet einsetzen wollen. Indische Agenten hingegen: Die Anstifter hätten im Solde Pekings gestanden und den Sohn einer Tibeterin namens Jangki zum König machen wollen. Jangki war Mätresse des früheren Königs.
Was jedoch nicht ins Putsch-Bild mit Hintergrund in Peking paßt: Jangki floh, als die ersten Verschwörer verhaftet wurden -- aber nicht nach China; sie tauchte in Indien unter.
DER SPIEGEL 24/1974
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