18.03.1974

JAPANSchöner Soldat

Wieder tauchte ein Weltkrieg-II-Soldat aus fremden Dschungeln auf und kehrt heim, wieder bereiteten Japaner ihm Freudenfeste.
In seinen Augen ist ein Leuchten", schwärmte ein Mitglied der Großjapanischen Patriotischen Partei, "das die heutigen Japaner nicht mehr haben," Auch die konservative "Mainichi Shimbun" entdeckte Glanz: "Er ist ein leuchtendes Beispiel für das Leben unter schwierigen Bedingungen."
4000 Japaner, Nationalfähnchen schwenkbereit" warteten am vergangenen Dienstag geduldig am Tokioter Flughafen Haneda auf die Heimkehr des Gepriesenen. Als Hiroo Onoda, 52, Leutnant der einstigen Kaiserlichen Armee, dann endlich nach fast 30 Jahren wieder japanischen Boden betrat, feierte ganz Nippon den Helden.
Erst zwei Jahre ist es her, daß Japans Bevölkerung von der Nachricht aufgeschreckt wurde, der Sergeant Shoichi Yokoi, 59, habe sich aus Angst vor Kriegsgefangenschaft fast 28 Jahre lang in einem Erdloch in den Wäldern der Pazifikinsel Guam versteckt gehalten. Erst bei seiner Rettung im Januar 1972 hatte er erfahren, daß der Krieg seit langem beendet war.
Der ausgemergelte Dschungel-Überlebende wurde zum Symbol vergangener japanischer Soldatentugenden:
* Nach seiner Kapitulation auf Lubang.
** In verschiedenen Ländern Südostasiens werden nach unterschiedlichen Schätzungen immer noch zwischen 3500 und 10 000 japanische Weltkrieg-II-Soldaten vermutet.
Loyalität, Zähigkeit und Mut. Die 82 selbstgefertigten Gerätschaften des Höhlensoldaten wurden ausgestellt, für seine Kleiderfetzen boten nostalgische Liebhaber bis zu 10 000 Mark.
Hiroo Onoda sieht einer ähnlichen Verklärung entgegen, vielleicht mehr noch als Yokoi. Als er am vorletzten Sonntag, seinem Geburtstag, beschloß, seinen persönlichen Dschungelkrieg auf der Philippinen-Insel Lubang zu beenden, ergab er sich als geistig wacher und körperlich kerngesunder Mann.
Nicht verstört und verwildert wie Yokoi präsentierte er sich, sondern mit peinlichst getrimmten Kopf- und Barthaaren, sorgfältig geputzten Waffen und fachgerecht geflickter Uniform. Sogar die sonst kritische "Asahi Shimbun" konstatierte ohne Ironie: "Soldaten haben ein gewisses Schönheitsbewußtsein."
Anders als im Fall Yokoi war die Rettung des Neuzeit-Samurai Onoda kein Zufall. Seit Jahren waren immer wieder japanische Suchtrupps nach Lubang aufgebrochen, um dort mit Hilfe philippinischer Soldaten versprengte Japaner zur Kapitulation zu überreden.**
Manilas Regierung hatte sich allein die Suche nach Onoda, einem Absolventen der berühmt-berüchtigten Militärgeheimdienstschule Nakano, eine Million Dollar kosten lassen. Aus gutem Grund: Onoda versteckte sich nicht nur, er sah seine Mission keineswegs als beendet an.
Die Bilanz seines Privatkrieges nach Angaben von Lubang-Dörflern: 39 Tote, 100 Verletzte, verbrannte Reisfelder, ausgeräuberte Speisekammern. 12 000 Mark hatte Philippinen -Präsident Marcos für die Ergreifung Onodas ausgesetzt, denn "ohne die Aussicht auf eine kräftige Belohnung", so ein Inselfischer, "würden wir den Japaner töten, wenn wir ihn fangen".
Angst, den Inselbewohnern in die Hände zu fallen, war wohl auch der Grund für die Kapitulation des Einzelkämpfers, und nicht, wie er vor der Presse behauptete, sein fester Glaube, der Krieg sei noch nicht zu Ende. Suchtrupps hatten nämlich Zeitungen hinterlassen, mit Hilfe eines gestohlenen Radios war Onoda "unglaublich gut informiert" (so der Ex-Major Taniguchi, der seinem ehemaligen Untergebenen den Befehl zur Kapitulation gab).
Über Nacht wurde aus dem Verfemten ein Idol -- nicht nur für Japaner. Beim Empfang durch den Präsidenten Marcos überreichte der Insel-Schreck zum Zeichen der Kapitulation seinen Säbel, Marcos gab ihn zurück und erteilte strafrechtliche Absolution.
Trotz unbewältigter kriegerischer Vergangenheit schickten Japans Kaiser und Regierungschef Tanaka Dankesadressen nach Manila. Shoichi Yokoi aber, für den es immer noch nichts Gestriges zu verneinen gibt, staunte: "Was hat diesen echten Soldaten wohl bewogen, aufzugeben?"

DER SPIEGEL 12/1974
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