15.04.1974

MUSIKGESCHÄFTVolkstümlich ist gut

Bonn hat Deutschlands Schlagerinterpreten politisch anerkannt. Immer mehr Politiker treiben Imagepflege mit Hilfe der Platten-Stars.
Der Schallplatte", verkündete am vorletzten Donnerstag Ladislaus Veder vom Bundesphonoverband, "geht es nicht schlecht." Mehr als 109 Millionen Platten und Musikkassetten im Wert von 1,09 Milliarden Mark wurden 1973 in Westdeutschland abgesetzt. Veder: "Die Umsatzsteigerung hält an."
Mit der wachsenden Beliebtheit der Tonkunst soll nun auch das Image von Politikern populär aufpoliert werden: Bonner Prominente versichern sich zunehmend der Hilfe von Schlagerstars.
Kanzler Brandt bedenkt einen Tourneestart der Les Humphries Singers mit Segenssprüchen, läßt sich neben Roberto Blanco und Katja Ebstein bei der Verabschiedung einer Benefizplatte photographieren, lädt Udo Jürgens und Vicky Leandros zum Gartenfest. Präsidentengattin Hilda Heinemann empfängt den belgischen Sänger Adamo zum Tee; Wolfgang Mischnick hilft auf dem Frankfurter Flughafen -- bis die Bildreporter gegangen sind -- beim Auspacken von Wohltätigkeitsplatten.
Auch Walter Scheel ("Volkstümlich ist immer gut"), dessen Benefiz-Hit "Hoch auf dem gelben Wagen" mit dem Düsseldorfer Männergesangverein bislang rund eine viertel millionmal verkauft worden ist, hat für Sangesbrüder allzeit ein gutes Wort. "Ja, Herr Heino", so sprach er bei einem Empfang im Kanzlerbungalow" "wir
* Mit Michael Schanze, Udo Jürgens, Heino.
stammen ja beide aus Düsseldorf-Benrath. Und dann haben wir auch beide Nadelstreifen im Anzug. Das bringt uns näher."
Besonders aber die Innenminister pflegen Kurzweil und Gesang -- natürlich immer mit ernsthaftem Hintersinn und für einen guten Zweck. So stiftete Hans-Dietrich Genscher einen staatlichen Förderpreis für Schlagertexte zum Thema Umweltschutz, der zusammen mit der "Goldenen Europa" des Saarländischen Rundfunks verliehen wird. Über eine Umweltsong-LP von Petra Pascal übernahm er die "Schirmherrschaft" und verfaßte dazu den Klappentext. Sein nordrhein-westfälischer Kollege, Innenminister Weyer. ließ sich zum "Ehren-Discjockey" von Radio Luxemburg ernennen und erklärte Peter Alexander als Gegengabe zum "Ehrenpolizisten".
"Bonn", freut sich denn auch der Münchner Public-Relations- Berater Alfred H. Jacob, "hat die Reserve gegenüber Schlagerinterpreten offenbar aufgegeben. Der Spruch "Silber weg, die Künstler kommen" gilt nicht mehr."
Jacob, 60, in den fünfziger Jahren Filmkaufmann und Produzent, hat die Versöhnung von Pop und Politik als Lobbyist des Schaugewerbes zustande gebracht. Seit er 1953 in einem "Weißbuch über Film in Bayern" das Finanzgebaren der Kinowirtschaft durchleuchtete und 1959 im Filmproduzentenverband einen Gagenstop für Schauspieler bei 100 000 Mark durchsetzte, rühmt er sich seines vertraulichen Verhältnisses zu Bonner Beamten und seines "guten Drahtes zum Kanzleramt".
Die heiße Leitung wurde im Sommer 1969, nachdem Jacob fast ein Jahrzehnt in Rom und Nordafrika als Produzent und Entwicklungsberater gewirkt hatte, aktiviert. Im Auftrag des Schlagermanagers Hans R. Beierlein vermittelte der erfahrene Kontakter den Sänger Udo Jürgens zur Teestunde "im kleinsten Kreis" bei Kanzler Kiesinger. Jacob: "Das war der Anbruch der Kennedy-Ära in der Bundesrepublik."
Auf einer "Ochsentour" durch Partei- und Regierungsbüros etablierte er ein (etwa in den USA längst übliches) PR-Geschäft auf Gegenseitigkeit: Politiker profitieren von der Star-Popularität; politische Anerkennung befreit Entertainer umgekehrt vom Jahrmarktsruch und beschert den Plattenmachern Gewinn.
Pünktlich zum Beginn einer Konzertreise durch Westdeutschland ließ Präsident Heinemann Anfang Oktober vergangenen Jahres das Bundesverdienstkreuz erster Klasse an den französischen, von Hans R. Beierlein vertretenen Interpreten Gilbert Bécaud verleihen. Beierlein-Adlatus Jacob hatte in Bonn die Vorarbeit getan.
Sein Meisterstück jedoch lieferte Jacob erst jüngst: Er spannte Kanzler Brandt und Minister Scheel als Schallplattenverkäufer ein. Auf dem Cover der von Uno-Generalsekretär Kurt Waldheim gesponsorten Ariola-Benefizplatte "Lieder vom Leben", deren Reinerlös (2,50 Mark pro LP) dem "Weltbevölkerungsfonds" zugute kommen soll, richteten Brandt und Scheel mit Farbkonterfei und Unterschrift ein Wort an den Konsumenten: "Durch den Kauf dieser Platte können auch Sie dazu einen Beitrag leisten."
Einer ausgefallenen Publicity-Idee Jacobs stimmte der Kanzler zu. Als zweiten Preis eines Preisausschreibens zur Platte offeriert das Bilderblatt "Freizeit-Revue" im Mai "Einen Tag in Bonn mit Willy Brandt". Jacob" Führung durchs Kanzleramt, Sightseeing und so." Als erster Preis wird eine New-York-Reise zum Uno-Generalsekretär Waldheim ausgesetzt.
Zunächst hatte Jacob das Album als gesamtdeutsche Liedersammlung zum Uno-Eintritt beider deutscher Staaten geplant. Doch Ost-Berlins stellvertretender Kulturminister Siegfried Wagner winkte ab: "Es gibt keine gesamtdeutsche Vertretung bei den UN, sondern nur eine DDR und eine BRD."
Daher mußte sich der Herausgeber mit Sozialgesängen aus westdeutschen Studios begnügen. Auf der LP bekennt nun Udo Jürgens: "Ich glaube". Peggy March bittet: "Laß das Licht in die Welt", Juliane Werding preist "Die Kinder Gottes", Joana trällert "Für dich, du heile Welt". Zwar verzichtet jeder der zwölf Interpreten auf sein Lizenzhonorar: für die Songautoren und die Preßfirma fällt indes -- wie stets bei Wohltätigkeitsplatten -- eine schöne Summe ab (SPIEGEL 19/1972).
Auch dank der Politiker bleibt die Schallplatte, wie das Bundesverfassungsgericht Anfang März in einem Urteil feststellte, "ein wirtschaftlich gesundes Medium". Obgleich die Richter in Karlsruhe nicht bereit waren, den Musikmachern die Mehrwertsteuer von elf auf (wie bei Büchern und Presseerzeugnissen) 5,5 Prozent zu senken, ist für die Plattenbranche -- wie Petra Pascal singt -- "das Paradies noch nicht verloren".
Die Lobby in Bonn wird's auch in Zukunft schon richten.

DER SPIEGEL 16/1974
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