29.07.1974

Bölls „ZEITUNG“-Story: „Jetzt bumst's“

Bestseller-Favorit Nr. 1 für die neue Buchsaison ist Heinrich Bölls neue Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Sie handelt von den fetalen Methoden einer Boulevardzeitung, und Ähnlichkeiten mit „Bild“, sagt der Autor, sind „unvermeidlich“. TV-Anstalten wollen das Werk verfilmen -- ohne Bölls Hinweis auf „Bild“.
"Das ist Verhetzung, Lüge, Dreck", so attackierte Heinrich Böll im Januar 1972 Springers "Bild".
"Dieser Dreck, dieser verfluchte Dreck", so schimpft, zwei Jahre später, eine Böll-Figur über die "ZEITUNG".
Eine denkwürdige publizistische Affäre -- Bölls Kontroverse mit "Bild" über dessen Baader-Meinhof -Berichte hat ein aktuelles belletristisches Nachspiel: In einer Erzählung mit dem Titel "Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann" attackiert der Kölner Literatur-Nobelpreisträger "gewisse journalistische Praktiken", und sollten sich dabei, so pointiert er in einem Vorspann, "Ähnlichkeiten mit den Praktiken der "Bild'-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich".
Bölis neues Werk, mit dessen Vorabdruck der SPIEGEL auf Seite 74 beginnt und das bei Kiepenheuer & Witsch als Buch erscheint, handelt -- Ort: eine Stadt im Rheinland; Zeit: Februar 1974 -- von einer jungen Frau, die sich während des Karnevas in einen von, der Polizei gejagten "radikalen Rechtsbrecher" (Verlagsanzeige) verliebt, ihm zur Flucht verhilft, von der Kripo verhört und zum Rufmord-Opfer der "ZEITUNG" wird -- einer politisch akzentuierten "ZEI-TUNG"-Kampagne, die auch Verwandte und Freunde der arglosen Katharina Blum in Mitleidenschaft zieht, sie teilweise als Mitglieder einer linken Verschwörung verdächtigt.
Katharina wird von dem Boulevardblatt als "Mörderbraut", von dessen Lesern als "Kommunistensau" und "Kreml-Tante" geschmäht. Der "ZEITUNG"-Reporter Tötges dringt, als Anstreicher verkleidet, zu der schwerkrank im Spital liegenden Mutter Katharinas vor, um ihr einen Kommentar über die vom rechten Weg abgekommene Tochter zu entlocken. Die Mutter stirbt an der Aufregung. Ihre Äußerung über Katharina "Warum mußte das so kommen?" erscheint in der "ZEITUNG" zu "So mußte es ja kommen" verfälscht. Die "SONNTAGS-ZEITUNG" meldet dann, die Mutter habe den Schock über Katharinas Verfehlungen nicht überlebt.
Gegen solche Wort-Gewalt greift Katharina schließlich zur Gegengewalt: Sie erschießt den Tötges, der -- nicht nur journalistisch -- in ihre Intimsphäre eindringen will. In den Worten der Böll-Heldin:
... er kam mir nach und sagte: "Was guckst du mich denn so entgeistert an, mein Blümelein -- ich schlage vor, daß wir jetzt erst einmal bumsen." Nun, inzwischen war ich bei meiner Handtasche, und er ging mir an die Kledage, und ich dachte: "Bumsen, meinetwegen", und ich hab' die Pistole rausgenommen und sofort auf ihn geschossen ... und ich dachte: Gut, jetzt bumst's."
"Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden", betont, kaum überraschend, Bölls Vorspann, ehe er gewisse Ähnlichkeiten seiner fiktiven "ZEITUNG" mit der realen "Bild"-Zeitung als "unvermeidlich" bezeichnet.
Unvermeidlich also, sich zu erinnern:
Am 23. Dezember 1971 hatte "Bild" seinen Bericht über einen Bankraub in Kaiserslautern, bei dem ein Polizist erschossen worden war, mit der Schlagzeile "Baader-Meinhof-Bande mordet weiter" aufgemacht -- obwohl eine BM-Täterschaft nicht erwiesen war.
Am 10. Januar 1972 kritisierte Böll in einem vom SPIEGEL veröffentlichten Artikel diese (später auch vom Deutschen Presserat monierte) journalistische Voraus-Verurteilung und polemisierte generell gegen die Baader-Meinhof-Berichterstattung von "Bild" ("Verhetzung ... Demagogie ... Aufforderung zur Lynchjustiz"), die er für die damalige BM-Hysterie in der Bundesrepublik verantwortlich machte: "Ulrike Meinhof muß damit rechnen, sich einer totalen Gnadenlosigkeit ausgeliefert zu sehen."
Bölls SPIEGEL-Artikel provozierte neben einiger besonnen-begründeter Kritik eine Flut oft wüster Konterpolemik. "Bild" verglich den Schriftsteller mit Goebbels und dem SED-Agitator Karl-Eduard von Schnitzler. "Quick" schrieb: "Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof."
Bölls neue Erzählung ist gewiß keine Schlüsselgeschichte über "Bild" und BM -- wohl aber ein Reflex auf die speziellen Erfahrungen des Autors au"s jenem Frühjahr 1972, in dem er, der gegen die boulevardjournalistische BM-Hatz und das von ihr erzeugte "Klima der Denunziation" aufgetreten war, sich schließlich selber als BM-Komplice und "Salonanarchist" denunziert und "gehetzt" fühlte.
In manchem Angriff auf Böll fehlte damals nicht ein anzüglicher Hinweis auf seine Verkaufserfolge in der Sowjet-Union. In seiner neuen Erzählung läßt er die "ZEITUNG" mit ähnlich getönten Informationen über den Wohlstand verdächtigter Personen manipulieren.
In einigen Kommentaren zu Bölls SPIEGEL-Artikel war insinuiert, er habe möglicherweise selber schon gesuchten BM-Leuten Unterschlupf gewährt. Und am Tag der Festnahme Baaders in Frankfurt, am 1. Juni 1972, wurde Bölls Landhaus in der Eifel von Polizei umstellt, die nach weiteren BM-Mitgliedern fahndete; zwei Gäste Bölls mußten sich ausweisen.
Auf diesen Vorfall, den der Schriftsteller damals "merkwürdig und gruselig", aber auch "lächerlich" fand, findet sich in der neuen Erzählung ein quasi ironisch-indirekter Reflex: Katharina Blum verhilft ihrem geliebten "Banditen" zum Unterschlupf im rheinischen Landhaus eines Bekannten.
Ein anderer Vorfall. der das Bild, das Böll sich von "Bild" macht, gewiß nicht aufgehellt hat, ereignete sich erst im Februar dieses Jahres -- also genau zur Handlungszeit der neuen Erzählung: Bölls ältester Sohn Raimund, 27 und Bildhauer, geriet in den Verdacht der BM-Komplicenschaft. In einem Hamburger BM-Quartier waren Pässe Raimund Bölls und seiner Frau Lila gefunden worden; ihre Kölner Wohnung wurde von der Polizei durchsucht, das Ehepaar verhört. Die jungen Bölls gaben an, einige Zeit vorher die gesuchte BM-Aktivistin Margrit Schiller in ihrer Wohnung empfangen, deren politischen Anwerbungsversuchen jedoch als überzeugte Gewalt-Gegner widerstanden zu haben. Das Verschwinden ihrer Pässe hätten sie nicht bemerkte
"Bild" meldete den Fall am 8. Februar unter der Schlagzeile "Bölls Sohn von Polizei verhört", gab auch die Erklärung des Kölner Oberstaatsanwalts Gehrling wieder, es bestehe "kein dringender Tatverdacht", schob dann aber am 12. Februar eine Story nach, in der der BM-Verdacht wiedererwähnt und mit Ausführungen über Raimund Böll als Mensch und Künstler garniert wurde: Bölls Sohn, so "Bild", "war ein schlechter Schüler, besonders in Deutsch"; zu seinen "Schöpfungen" gehöre eine Maschine, die Puppen zertrümmere und von ihm als "Symbol der Aggression" bezeichnet werde.
"Bild"-Überschrift: "Böll junior läßt in Köln Puppen köpfen -- Was der Sohn des Nobelpreisträgers unter Kunst versteht".
Was der Nobelpreisträger von derlei Journalismus hält, hat er nun in der Geschichte vom "ZEITUNG"-Opfer Katharina Blum mit den Mitteln des Erzählers und Satirikers dargelegt. Die Komposition der Erzählung aus Zeugenaussagen, Zeitungszitaten und ähnlichen epischen Teilstücken, ihr Stil und ihre Hauptfigur lassen die "von fern an eine Moritat von verlorener Frauenehre" erinnernde Story -- so meint Bölls Verlag -- als eine "Fortschreibung des großen Romans "Gruppenbild mit Dame'" erscheinen.
Manch altvertrautes Böll-Motiv, Böll, wie er seiner Millionen-Leserschaft seit langem lieb ist, kommt auch in Randszenen und Nebeneinfällen des neuen Erzählwerks zum Zuge:
Da flüchtet sich Katharina, nachdem sie, bums, den "ZEITUNG"-Reporter erschossen hat, in eine Kirche -- aber "ohne Reue, ohne Bedauern" über ihre Tat. einfach nur, "weil das an diesem Karnevalssonntag der einzige Ort war, wo man ein bißchen Ruhe fand".
Da wundert sich der Autor ironisch, daß die Zeitungen den Mord an einem Journalisten "als etwas besonders Schlimmes, Schreckliches ... man könnte fast sagen wie einen Ritualmord" behandeln: "Als ob -- wenn schon auf der Welt geschossen wird -- der Mord an einem Journalisten etwas Besonderes wäre, wichtiger etwa als der Mord an einem Bankdirektor, -angestellten oder -räuber,"
Und da gibt es einen satirischen Exkurs über die sittlichen Gefährdungen, denen Beamte ausgesetzt sind, die Telephongespräche von Privatleuten abhören müssen: "Sind sich "die vorgesetzten Behörden darüber klar, was sie ihren Beamten und Angestellten da psychisch zumuten? ... Ist die psychiatrische Betreuung gewährleistet? Was sagt die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr dazu?... Haben die Kirchen dazu nichts zu sagen? ... Ahnt denn keiner, was hier unschuldigen Ohren alles zwischen Karamelpudding und härtestem Porno zugemutet wird?"
Daß auch dieses neue Werk Heinrich Bölls ein Bestseller wird wie zuletzt "Gruppenbild mit Dame" und wie seit zwei Jahrzehnten fast alle seine Bücher, scheint Buchmarkt-Experten schon jetzt gewiß. Kiepenheuer & Witsch-Chef Reinhold Neven: "Die Vorbestellungen sind noch größer als beim "Gruppenbild." Startauflage: 100 000.
Mehrere deutsche Fernsehanstalten haben bereits ihr Interesse an einer Verfilmung der "Katharina Blum" angemeldet. Geplant ist eine internationale Koproduktion, die auch als Kinofilm laufen soll.
Die TV-Macher wollen freilich nicht das ganze Werk adaptieren: Bölls Vorspann, mit dem Hinweis auf die "Bild"-Ähnlichkeit soll auf deutschen Bildschirmen fehlen -- "er sei", referiert Verleger Neven, "für eine öffentlich-rechtliche Anstalt unmöglich".

DER SPIEGEL 31/1974
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