11.03.1974

„Francos Tod hätte wenig Sinn“SPIEGEL-Interview mit einem Führer der baskischen Eta-Bewegung

Weil er mehr Rechte für die Basken in Spanien gefordert hatte, wurde der Bischof Antonio Anoveros von der Madrider Regierung vorübergehend unter Hausarrest gestellt: Das Regime ist nervös, seit Revolutionäre der baskischen Untergrundbewegung Eta Francos Vize Carrero Blanco töteten. Ein Mitglied der für das Attentat verantwortlichen „Fünften Versammlung“ der Eta gab dem SPIEGEL Auskunft über die Ziele der Bewegung. Gesicht und Name des Guerrilleros sowie der Ort des Interviews bleiben auf Wunsch der Eta geheim.
SPIEGEL: Vor zwei Monaten hat die baskische Untergrundorganisation Eta zum erstenmal außerhalb des Baskenlandes operiert: In Madrid ermordete ein Eta-Kommando den spanischen Ministerpräsidenten Admiral Luis Carrero Blanco. Warum?
ETA: Ermordet ist unserer Meinung nach nicht das richtige Wort. Wir haben ihn gerichtet.
SPIEGEL: Gerichtet wofür?
ETA: In letzter Zeit hat das Franco-Regime neun baskische Kämpfer getötet. In unserem Volk wuchs der Zorn und zugleich ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Unterdrückung durch die Regierung in Madrid. Die Eta hat sich verpflichtet gefühlt, dieses Gefühl des Zorns in die Tat umzusetzen.
SPIEGEL: Wann nahm die Idee, Carrero Blanco zu töten, Form an?
ETA: Zunächst planten wir, Carrero zu entführen und ihn dann gegen politische Gefangene auszutauschen -- nicht nur gegen die Eta-Häftlinge, sondern gegen alle Polit-Häftlinge des spanischen Staates, die seit mehr als zehn Jahren im Gefängnis sitzen. Diese Idee haben wir wegen technischer Schwierigkeiten aufgegeben. Seit wann genau wir dann das Attentat planten, kann ich nicht sagen.
SPIEGEL: Warum nicht?
ETA: Weil ich damit der Polizei einen Hinweis geben würde, wie viele Monate lang sich unsere Leute in Madrid aufgehalten haben.
SPIEGEL: Können Sie sagen, wie Sie das Attentat vorbereiteten?
ETA: In unserer Organisation planen verschiedene Kommandos ständig langfristig eine Reihe von Aktionen bis ins kleinste Detail -- Aktionen gegen bestimmte Personen, Sabotageakte usw.
die dann zu einem entsprechenden Zeitpunkt sozusagen einfach abgerufen werden können. Für die Aktionen gegen Carrero war das Kommando Txikia zuständig. Carrero wurde seit langem genau überwacht. Er machte uns das übrigens ziemlich leicht; wie sein Tagesablauf war, konnte man zum Beispiel vor etwa sechs Monaten ganz genau in einer spanischen Zeitung lesen.
SPIEGEL: Gehören die Attentäter alle zur Eta, oder haben irgendwelche Experten aus dem Ausland geholfen?
ETA: Nein, nein, nein. Die Attentäter -- alles Arbeiter gehören zur Eta, allerdings ist es keiner von den sechs Männern, die von der -spanischen Polizei als für das Attentat verantwortlich identifiziert wurden.
SPIEGEL: Sind die Attentäter jetzt in Frankreich?
ETA: Nein. Sie sind an einem sicheren Ort in Europa.
SPIEGEL: Warum hat die Eta den Ministerpräsidenten Carrero Blanco getötet und nicht den Staatschef Franco?
ETA: Wir glauben, daß es heute nicht mehr viel Sinn hätte, Franco zu töten. Uns erschien wichtiger, die Person zu beseitigen, die mehr als irgendein anderer die Kontinuität des Franco-Regimes verkörpert. Wir wollten dem baskischen und dem spanischen Volk zeigen, daß die Spitzen des faschistischen Regimes, die stets unverwundbar erschienen, doch verwundbar sind.
SPIEGEL: Sie haben mit Ihrem Attentat nur gezeigt, daß die Person Carrero Blanco verwundbar war -- aber das System blieb erstaunlich intakt, die Kontinuität des Regimes wurde nicht unterbrochen. Hatte die Eta nicht eigentlich gehofft, daß das Attentat wie ein zündender Funke ein revolutionäres Feuer entfachen würde?
ETA: Nein, daran haben wir nicht gedacht. Es wäre schön, wenn diese Situation in Spanien existierte, aber heute existiert sie nicht. Und immerhin haben wir mit unserem Attentat erreicht, daß sich die Widersprüche innerhalb des Machtapparates verschärft haben, zum Beispiel zwischen dem Opus Dei und der Falange.
SPIEGEL: Nun hat das Regime diese Widersprüche aber gerade im Augenblick ganz gut verkleistert. Carreros Nachfolger Arias Navarro hat bei seinem Amtsantritt ostentativ gewisse Liberalisierungsmaßnahmen angekündigt, zum Beispiel. die Gründung von "Politischen Vereinigungen" in Spanien.
ETA: Dieses ganze Wortgeklingel von Liberalisierung war vorauszusehen, denn eines Tages will ja Spanien in die EG aufgenommen werden, und Frankreich unterstützt Spanien da ja auch bereits sehr kräftig.
SPIEGEL: Das Eta-Attentat hat aber auch die Widersprüche der Linken aufgezeigt. Große Teile der spanischen Opposition mißbilligen die Art bewaffneten Guerillakampfes, den die Eta betreibt. Trotzdem muß die gesamte spanische Linke unter der verstärkten Repression leiden, mit der das Regime auf das Eta-Attentat antwortete.
ETA: Es ist wohl richtig, daß eine revolutionäre Aktion verstärkte Unterdrückung hervorruft. Aber auch ohne solche Aktionen existiert ja ohnehin eine fortwährende, eine tägliche Unterdrückung. Das faschistische Regime Spaniens wendet Gewalt gegen das Volk an. Es ist also völlig logisch, Gewalt mit Gewalt zu beantworten.
SPIEGEL: Nicht alle spanischen Oppositionellen finden das logisch. Glaubt die Eta, daß sie auf die Unterstützung dieser gemäßigten Gruppen der Opposition verzichten kann?
ETA: Wir glauben, daß wir das kapitalistische spanische Regime nicht allein stürzen können, sondern daß wir auf einer breiten Basis mit allen Kräften der spanischen Opposition operieren müssen.
SPIEGEL: Können Sie es sich dann aber leisten, eine so wichtige Oppositionsgruppe wie die illegalen Gewerkschaften, die "Comisiones Obreras", vor den Kopf zu stoßen?
ETA: Wieso?
SPIEGEL: Die Eta hat ihr Attentat gegen Carrero just an dem Tag durchgeführt, da in Madrid ein großer Prozeß gegen zehn Mitglieder der Comisiones eröffnet wurde. Es ist nicht auszuschließen, daß die extrem hohen Strafen -- bis zu 20 Jahren Gefängnis -- eine direkte Folge des Attentats waren.
ETA: Es war bloßer Zufall, daß Attentat und Prozeß auf einen Tag fielen. Der Prozeß wurde ganz kurzfristig auf den 20. Dezember festgesetzt; das Attentat war seit langem für dieses Datum geplant und konnte nicht verschoben werden. Unglücklicherweise sind aber die Beziehungen zwischen den Comisiones Obreras und der Eta ohnehin nicht gut.
SPIEGEL: Warum nicht?
ETA: Weil die Comisiones unseren Kampf nicht akzeptieren, weil sie nicht einsehen, daß es ein Bankenproblem gibt. Sie stehen auf dem Standpunkt: "Zuerst wollen wir mal den Sozialismus in Spanien aufbauen, und dann könnt ihr Basken wählen." Sie akzeptieren nicht die Existenz einer baskischen Nation.
SPIEGEL: Wie soll diese baskische Nation aussehen?
ETA: Die Basken werden nicht nur von den Spaniern, sondern auch von den Franzosen unterdrückt. Unser Staat, der nach der Zerstörung der kapitalistischen Struktur in Frankreich und Spanien entstehen soll, wird die Form einer Volksdemokratie haben.
SPIEGEL: Jagt die Eta da nicht einer Utopie nach? Die vier baskischen Provinzen Spaniens gehören zu den reichsten des Landes. Keine spanische Regierung könnte sich die Amputation eines solchen Gebietes leisten. Mal angenommen, in Madrid etablierte sich ein sozialistisches Regime -- würde die Eta dann die Forderung nach einem unabhängigen Baskenstaat fallenlassen?
ETA: Unter einer sozialistischen Regierung, im spanischen Bürgerkrieg, war das Baskenland ja bereits einmal neun Monate lang autonom. Unsere Forderung nach Unabhängigkeit ist eine Bewährungsprobe für die spanischen Revolutionäre -- eine Probe auf die Wahrhaftigkeit ihres Kampfes zur Befreiung des Menschen.
SPIEGEL: Wie könnte aber ein unabhängiges Baskenland existieren?
ETA: Wir sind nicht mehr für einen isolierten baskischen Staat, wir wollen ein konföderiertes Europa aller europäischen Völker. Wir haben im vergangenen Jahr Kontakte zu anderen progressiven Bewegungen unterdrückter nationaler Minderheiten in Europa aufgenommen -- zu den Katalanen, den Bretonen, den Korsen, den Iren --
SPIEGEL: Diese Rückkehr zum Nationalismus ist doch anachronistisch in einer Zeit, da die Staaten der Europäischen Gemeinschaft -- wenn auch nicht gerade sehr erfolgreich -- versuchen, Nationalismus abzubauen.
ETA: Wir sind gegen die Europäischen Gemeinschaften mit einer kapitalistischen Struktur. Was den Nationalismus angeht, so glauben wir, daß er tatsächlich bei Nationen, die in keiner Weise unterdrückt werden, völlig absurd ist. Wir hingegen, die wir nationalen Minderheiten angehören, werden von den nationalen Mehrheiten zum bewaffneten Kampf gezwungen, selbst von sonst demokratischen Staaten wie Frankreich.
SPIEGEL: Arbeiten Sie mit einer der nationalen Minderheiten besonders eng zusammen, zum Beispiel mit der Ira?
ETA: Unsere Beziehungen zur Ira sind gut, sehr gut.
SPIEGEL: Die Ira bekommt Waffen und Geld von Libyens Staatschef Gaddafi. Hilft Gaddafi auch der Eta?
ETA: Es wäre für Gaddafi wohl etwas schwierig, uns zu unterstützen, denn alle arabischen Länder haben ausgezeichnete Beziehungen zur spanischen Regierung.
SPIEGEL: Woher also bekommt die Eta ihre Waffen?
ETA: Das kann, ich nicht beantworten. Aber wir haben zu wenig Waffen, das ist eines unserer Probleme. Falls Sie zufälligerweise wissen sollten, wo wir welche bekommen könnten -- wir wären Ihnen sehr verbunden!

DER SPIEGEL 11/1974
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