11.03.1974

Mao: In mir ist der Geist von Tiger und Affe

Wieder schlagen in China "die Flammen der revolutionären Massenkritik zum Himmel". Wieder sind Jugendliche die Helden der Nation. Wieder rätselt die Welt, was die Rauchzeichen zu bedeuten haben. Verschlingt eine neue Kulturrevolution die vom Premier Tschou En-lai geschaffene Ordnung? Im Kampf um Maos Nachfolge hat der "Große Steuermann" sein Machtwort offenbar noch nicht gesprochen oder er kann es nicht mehr.

Am hellichten Tag herrschen Ruhe und Ordnung im Mao-Reich. Aber am Abend, nach Ladenschluß. werden die Rebellen fleißig: Durch Kanton ziehen Mitglieder der Volksmiliz mit langen Stangen und schlagen lärmend auf Parkbänke ein.

Am Perlfluß scheuchen sie Spaziergänger, Kartenspieler und Liebespaare ins Bett: "Geht schlafen! Das ist nicht Dienst am Volk! Morgen beginnt ein netter Tag der produktiven Arbeit!" In Peking erwischten die Moral- Patrouillen einen westlichen Botschafter auf dem Heimweg von einer Party.

In der Industriestadt Wuhan am Jangtsekiang wurde ein Abendausflug für australische Besucher abgesagt. Die Touristen mußten in ihrem Hotel bleiben. Sie sollten nicht sehen, wie Arbei-

* Arbeiter des Transformatorenwerks Houtschang (Provinz Honan) kritisieren Konfuzius.

ter auf Arbeiter einschlugen -- linke gegen rechte. Nachts hörten sie Schüsse.

Zehntausende Studenten, Arbeiter und Soldaten verbringen jetzt ihren Feierabend auf Großkundgebungen in Sportstadien. Fernsehen (eine halbe Million Empfänger), Rundfunk und Presse mobilisieren die Massen.

Radio Kuangsi proklamierte einen "Volkskrieg gegen die alte Ideologie, Kultur, Gesellschaft und die Sitten und Gebräuche der ausbeutenden Klassen". Radio Sian versprach: "Die Klassenfeinde sind bald ein Haufen Hundescheiße, den die Menschheit verachtet." Radio Kueichou meldete: "Die Flammen der revolutionären Massenkritik schlagen zum Himmel."

Ein Sender in der Provinz Szetschuan forderte eine "Rückgrat-Truppe" zur "Entfaltung eines konsequenten und durchdringenden Kampfes". In Wuhan bildete sich eine neue Organisation, die "sozialprogressiven Kollektive der Industrie-Arbeiter". Die Pekinger "Volks-Zeitung" erklärte das Jahr 1974 -- nach dem altchinesischen Mondkalender das Jahr des Tigers, des Symbols der Unruhe -- zum "Jahr des Aufruhrs".

Auf lokaler Ebene brach der Aufruhr schon los. So drängte die Belegschaft der Buna-Fabrik von Lantschou ihr Betriebsparteikomitee wegen "Aufblähung des Verwaltungsapparats" zur Selbstkritik: Zu viele Arbeiter seien von der Werkbank weg hinter Schreibtische gesetzt worden. So wiesen die Arbeiter in der Düngemittelfabrik am Ort unter Anleitung des Parteikomitees einen Bestechungsversuch der Betriebsleitung zurück, die jedem, der den Plan erfüllt, als Prämie eine Teekanne stiften wollte. Auf einer Werft in Schanghai verweigerten die Arbeiter sogar Barprämien und verlangten, unbezahlte Überstunden leisten zu dürfen.

Revolutionäre Wogen schwappten auch über die Grenzen: Ausländische Beobachter registrieren chinesische Angriffe auf Kultur-Importe aus dem Westen -- die Volks-Zeitung besprach den China-Film des Italieners Antonioni ("Blow up") unter der Überschrift: "Gemeine Hintergedanken, niederträchtige Tricks". Die Tonschöpfungen Beethovens drückten nur "das widerwärtige, verrottete Leben und die dekadenten Gefühle der Bourgeoisie" aus.

Mozart könne vielleicht bei der Bourgeoisie "heitere" und "gesunde" Gefühle wecken -- schöner und gesunder seien für die Proletarier Loblieder auf Mao und die Partei.

Werden in China nun wieder Schüler ihre Lehrer prügeln. die Wohnungen nach alten Büchern durchsuchen, Funktionäre aus den Ämtern jagen und mit Schandhüten verhöhnen? In Kanton kündigte der Parteifunktionär Wang Schou-tao an: "Dieser Kampf richtet sich gegen die Ideologie der Klassenfeinde und wird auch innerhalb unserer Reihen auf Hindernisse der einen oder anderen Art stoßen."

Aber gegen wen sich der Kampf wirklich richtet, ist den meisten Chinesen noch nicht ganz klar. Gewiß erscheint nur: Hinter dem Dunst der Propaganda tobt ein Machtkampf uni die Nachfolge Mao Tse-tungs. Zwei Fraktionen ringen offenbar in der KP Chinas miteinander, "zwei Linien", Revolution und Restauration:

* Linke Ideologen, die eine schöne, noch nie dagewesene Welt anstreben und sich dabei dem Totalitarismus-Verdacht aussetzen, und

* rechte Pragmatiker, die sich liberalere Verhältnisse wünschen und dabei in Verdacht geraten, den Kapitalismus wiederherstellen zu wollen. Sie sind derzeit an der Macht.

"Erst mit Speeren, dann mit Granatwerfern."

Die Linken glauben, daß China reif sei für den vollendeten Kommunismus, in dem jedermann freiwillig nach Kräften lernt und Arbeit leistet, wofür dann alle gleichen Lohn bekommen. Die Rechten dagegen wollen das Entwicklungsland China erst "einmal mit dem Leistungsprinzip weiterbringen: Prämien für Arbeiter, Privilegien für Funktionäre, Zensuren für die Schüler, jedem das Seine.

Welche Fraktion der Parteichef unterstützt, scheint noch unentschieden. Das Herz des alten Revolutionärs gehört den Linken: Sein Lebensziel war es, in China die Zukunftsgesellschaft zu begründen. Aber Mao war auch stets Machtpolitiker genug, der Vernunft zu folgen und sich von gescheiterten Träumen zu trennen. Mao: "In mir lebt der Geist eines Tigers, und er ist vorherrschend, aber er wird auch vom Geist eines Affen begleitet."

Der Tiger Mao wollte das Bewußtsein der Chinesen ändern. Mit den Meinungsmedien" auf Schulen und Universitäten, in Literatur und Philosophie sollte das Volk umerzogen werden. Er sorgte sich, eine Tages könnten Reaktionäre die Herrschaft der Partei stürzen und die Verstaatlichung von Industrie, Handel und vor allem Grund und Boden rückgängig machen.

Den Musterfall bürokratischer Entartung sehen die Maoisten in der Sowjet-Union. Die chinesische Partei-Zeitschrift "Rote Fahne" 1966:

Nach Einführung der sozialistischen Produktionsweise versäumte es die Sowjet-Union, ernsthaft eine politische Kulturrevolution durchzuführen. Die bürgerliche Ideologie nahm Oberhand und korrumpierte die Gehirne der Menschen. Frankreichs André Malraux erfuhr 1965 von Mao selbst:

Wir haben gesellschaftliche Schichten, die wollen den Weg des Revisionismus gehen ... Das sind die alten Grundbesitzer, ziemlich weit gestreut, zahlenmäßig nicht groß, aber mit Einfluß; alte reiche Bauern, alte Kapitalisten, die Intellektuellen, Journalisten, Schriftsteller, Professoren, Lehrer ...

Ihnen galt jene "Große proletarische Kulturrevolution", die 1966 die Welt in Atem hielt, bis sie aus dem Ruder lief: Aus der Erziehungsbewegung wurde ein Machtkampf der kulturrevolutionären

* Pekinger Rotgardisten prangern Funktionäre mit Schandhüten an.

"Roten Garde" gegen die Partei, schließlich eine Schlacht der Rotgardisten untereinander. Die beabsichtigte Bewußtseinsänderung entwickelte sich, so sagte Mao seinem amerikanischen Biographen und Freund Edgar Snow. zu einem Krieg zwischen den verfeindeten Gruppen -- zunächst mit Speeren, dann mit Gewehren, schließlich mit Granatwerfern. Als Ausländer berichteten, daß China sich in einem großen Chaos befinde, haben sie nicht gelogen. Sie sagten die Wahrheit, 1968 ließ der "Große Steuermann" Mao die Armee Ordnung schaffen, machte den Exzessen ein Ende, verbannte die Rotgardisten in die Landwirtschaft. Premier Tschou En-lai kehrte zurück zur Wirtschaftspolitik des Revolutions-Opfers Liu Schao-tschi und leitete seine pragmatische Außenpolitik ein: die chinesischen Hofgesandten in der Welt hörten auf, Revolten zu unterstützen. Doch Mao halte wohl nicht resigniert, seinen Traum doch noch zu verwirklichen. "Kulturrevolution" ist für ihn kein einmaliger Akt, sondern die permanente Anpassung des Überbaus an die sozialistische Basis. Revolutionen gegen alte Denkgewohnheiten und Verhaltensweisen werden -- so das neue Parteistatut von 1973 -- "in Zukunft mehrmals durchgeführt. "Alle sieben Jahre kommen die Dämonen." Warum, erläuterte Mao Tse-tung Edgar Snow: "Wenn man ein Mahl zu sich nimmt, so ißt man Mundvoll für Mundvoll, und man braucht Zeit, jeden einzelnen Bissen zu schmecken, bevor man sich an den nächsten macht." Wie oft sie den Mund aufmachen sollen, lehrte die Delegierten des Parteitages 1973 der junge Vize-Parteichef Wang Hung-wen, indem er aus einem Brief Maos an seine Frau Tschiang Tsching zitierte: Alle sieben oder acht Jahre einmal wird sich das wieder ereignen, Die Teufel und Dämonen kommen von selbst hervor. So übersetzte es die deutsche Ausgabe der "Peking Rundschau". Wörtlich sind es bösartige "Viehteufel und Schlangengeister", die da periodisch wiederkehren. Der Zyklus hatte 1957 begonnen, acht Jahre nach der kommunistischen Machtergreifung in China. Nach dem 20. Parteitag der KPdSU hatte der Ungarn-Aufstand die Schwäche der Partei-Herrschaft in Osteuropa drastisch gezeigt. In China rief Mao selbst zur Kritik an der Partei auf. Die Kampagne hieß: "Laßt hundert Blumen blühen. hundert Gedankenschulen miteinander wetteifern." Einige Monate lang nahm die chinesische Bevölkerung an den Funktionären Maß, nutzte aber die plötzlich ausgebrochene Meinungsfreiheit zu einer Generalkritik am Mao-System. Die Kampagne wurde rasch wieder eingestellt.

Als Gegenschlag verordnete Mao im Jahr darauf den "Großen Sprung nach vorn", hinein in die Zukunftsgesellschaft: Alle Bauern mußten sich in streng kontrollierten "Volkskommunen" zusammenschließen. Als der wirtschaftliche Mißerfolg offenbar wurde, trat Mao als Staatspräsident ab und wurde durch Liu Schao-tschi ersetzt. Die alten Genossen behandelten Mao, so Mao 1959, "wie Verwandte bei einem Begräbnis".

Sieben Jahre später stürzten jugendliche Rotgardisten Liu Schao-tschi. Lin Piao wurde ihr Idol. Abermals sieben Jahre später hieß der Teufel Lin Piao.

Nach Maos Speisekarte wäre nunmehr ein neuer Bissen fällig. Am 2. Februar, im achten Jahr nach Ausbruch der ersten Kulturrevolution, proklamierte die Volks-Zeitung "ernsten Klassenkampf und eine gründliche Revolution auf dem Gebiet der Ideologie".

"Giftige Kräuter als duftende Blumen."

Die anlaufende Kampagne sei von "großer unmittelbarer und weitreichender historischer Bedeutung". Sie werde die Errungenschaften der Kulturrevolution "konsolidieren und einen Schritt weiterführen".

Die erste Kulturrevolution war mit einer literarischen Polemik losgebrochen. Damals, ein halbes Jahr vor dem Aufruhr, druckte eine Schanghaier Zeitung eine scharfe Kritik an dem Theaterstück "Hai Jui wird entlassen". In dem Schauspiel sah der damals noch unbekannte Theaterkritiker Jao Wenjüan eine Attacke auf seinen Schwiegervater: auf Mao Tse-tung.

Mao-Schwiegersohn Jao befand, das Stück sei "keine duftende Blume", sondern eine "Giftpflanze", nämlich eine Anspielung auf Maos Säuberungen. Hinter dem Autor, dem Vize-Bürgermeister von Peking, steckte dessen Chef, der Bürgermeister und Parteisekretär Peng Tschen, und hinter dem wiederum der Staatspräsident Liu Schao-tschi. Sie alle wurden in der Kulturrevolution entlassen und die gesamte Parteibürokratie gesäubert.

Dieses Mal begann es ähnlich: Zu Attacken auf die Film-Oper "Die rote Laterne", die Maos Frau Tschiang Tsching gedreht hatte, schrieb im vorigen Juni die Zeitschrift "China Reconstructs": "Giftige Kräuter kann man nicht als duftende Blumen ausgeben. Das Summen einiger weniger politischer Fliegen erfüllt das Volk mit Übelkeit und Wut." Im August 1973 veröffentlichte die Volks-Zeitung eine Polemik des Kantoner Philosophie-Professors Jang Dschung-quo gegen den Philosophen Konfuzius.

In Universitäten, Schulen, Fabriken, Volkskommunen und Kasernen sammelten sich -- nach der Arbeit -- Studiengruppen, die heftig diskutierten und in Resolutionen ihren Abscheu über Konfuzius wie über den Marschall Lin Piao bekundeten. Karikaturen zeigten Lin Piao als grünen Giftpilz unter einem Regen roter Schreibfedern.

Konfuzius ist seit 2453 Jahren tot, Lin Piao seit drei Jahren, er kam nach offizieller Lesart ums Leben, als er in die Sowjet-Union flüchten wollte. Vorher, so eröffnete ein Beamter Tschou En-lais einem westlichen Besucher, habe Lin Piao heimliche Kontakte zu dem sowjetischen Verteidigungsminister Malinowski unterhalten. Er soll sogar gemäß einem Geheimplan "571" die Ermordung Maos versucht haben (siehe Kasten Seite 112).

"Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen und nichts tun."

Bis dahin kannte die chinesische Bevölkerung Lin Piao nur als den Anführer der -- ersten -- Kulturrevolution, als Herausgeber der kleinen roten Bibel, aus der Millionen Chinesen Mao zitierten. Auf Lin Piao war das ganze Volk eingeschworen, ihn nannte die Propaganda den "engsten Waffengefährten Mao Tsetungs", so wurde es auf dem 9. Parteitag 1969 auch ins Parteistatut geschrieben, dazu das Mao-Testament: "Lin Piao ... ist der Nachfolger des Vorsitzenden Mao Tse-tung."

Aber 1973, auf dem 10. Parteitag, eröffnete Tschou, Lin Piao sei etwas ganz anderes als ein treuer Maoist gewesen: "dieser bürgerliche Karrierist, Verschwörer, Doppelzüngler, Renegat, Landesverräter ... Hochstapler ...".

"Meister Kung", Konfuzius, ist von anderem Format, fünfhundert Jahre vor Christus, zur Zeit des Niedergangs der Sklavenhalter-Gesellschaft in China, hatte der Philosoph das Volk eine Ethik der Anpassung und Einordnung gelehrt: Gehorsam der Kinder gegenüber dem Vater, der Schüler gegenüber dem Lehrer und aller gegenüber dem Kaiser und seiner Bürokratie -- etwa nach dem Motto, das jetzt die Arbeiter der Pekinger Volksdruckerei in einer Resolution verdammen: "Nicht sehen, nicht hören, nicht sagen und nicht tun, was dem Ritual widerspricht." Dazu empfahl Konfuzius noch die Tugenden persönlicher Ehrenhaftigkeit und Rücksichtnahme.

Die Konfuzius-Moral verbreitete sich in Zitatenschätzen, Sprichwörtern und Bauernregeln, und die Chinesen hielten sich daran, bis heute. So programmiert, wurden sie ein Volk von liebenswürdigen, disziplinierten Opportunisten, wie sie sich ein totalitärer Staat als Untertanen nur wünschen kann.

Mit dem Konfuzianismus bekam China das "stabilste bürokratische Machtsystem der Welt" (so Mao-Biograph Edgar Snow): Den Staat verwaltete eine Staatspartei -- die konfuzianischen Gelehrten, in deren Klasse "theoretisch durchaus auf demokratische Weise" jeder aufsteigen konnte, der die nötigen Examina bestand. Snow:

Der offene Zugang zu den Ämtern verkörperte das Ideal der Gleichheit. In der Praxis bedeutete dieses System jedoch das Monopol eines Gelehrtenstandes über die Masse der Bauernbevölkerung" die durch Ehrfurcht vor Alter, Ahnenverehrung und kaiserlichen Erlassen in Zaum gehalten wurde.

Chinas bürgerliche Revolutionäre verlangten denn auch 1919: "Nieder mit Konfuzius & Co!" Sie empfahlen erstmals eine kulturelle Revolution -- Schriftsprache ("Mandarin") und Literatur sollten kein Privileg der Mandarine bleiben.

Den Begriff "Menschlichkeit" in die Schrift eingeführt.

Die Regierungs-Kommunisten lebten gut mit der Konfuzius-Moral. Der ideologisch beschlagene Mao-Sekretär Tschen Po-ta, der später die Kulturrevolution organisierte und mit Lin Piao stürzte, hielt Konfuzius für eine Art Vorläufer des Kommunismus. Liu Schao-tschi wallfahrte zum Grab des Philosophen auf dem Berg Tai Schan; sein Parteilehrbuch "Wie man ein guter Kommunist wird" gründet sich auf konfuzianische Ideen einer künftigen Klassen-Harmonie.

Maos Freund Kuo mo-jo, 83, Präsident der Akademie der Wissenschaften in Peking, stufte Konfuzius sogar als

* In Maos Residenz 1972, mit Premier Tschou Enlai (links).

Revolutionär ein, weil er den Begriff und das Schriftzeichen "Menschlichkeit" (chinesisch: Ren) eingeführt habe.

Anfang vorigen Jahres erschien in Peking der erste broschierte Band einer "Geschichte der Philosophie". Darin hieß es über den Volkserzieher Konfuzius: "In seiner Theorie gab es rückschrittliche und fortschrittliche Gedanken."

Der Dekan der Kantoner Philosophischen Fakultät, Professor Jang Dschung-quo, las das und protestierte: Er sah bei Konfuzius nur Rückschritte, das Zeichen "Menschlichkeit" sei schon lange vor dem Meister Kung auf Orakelknochen und Opferbronzen eingeritzt worden.

Jang, mit dem der SPIEGEL in Kanton sprach, sieht in Konfuzius den Bewahrer der Sklavenhalter-Gesellschaft und den Inbegriff totalitärer Reaktion. Er wetterte gegen die konfuzianische Losung "Helden machen die Geschichte" und den Genie-Kult, für Meinungsfreiheit und einen Rechtsstaat. Die Partei griff die Polemik auf, die Anti-Konfuzius-Kampagne brach los.

Mit dem Geist des Meisters Kung ringen offenbar jene Jugendlichen, die wieder, wie 1966, zu Helden der Nation werden, als erste die Sanitäterin Liu Kuo-wei, 16, aus Schanghai. Obschon Absolventin einer höheren Schule, übernahm sie es, in 700 Haushalten eines südlichen Stadtbezirks den Inhalt der Aborte auf einen Karren zu laden und den wertvollen Dung zur Sammelstelle zu transportieren.

An kalten Wintertagen windet sich der Teenager Lappen um die Hände und karrt unverdrossen weiter Kot: Sie sieht darin eine Teilnahme an "Staatsangelegenheiten".

Nicht so staatstreu, sondern mehr nach dem Geschmack der Linken sind andere jugendliche Helden, die in diesem Jahr von der Parteipropaganda Chinas junger Generation als Muster vorgestellt werden:

* die Volksschülerin Huang Schuai, 12, aus Peking -- sie zensierte in einem Hausaufsatz ihren Lehrer: "Sind wir Kinder der Mao-Ära dazu da, wie Sklaven unter der absoluten Autorität des Schulmeisters zu handeln?";

* der Schüler Hsing Dschou-ju, 15, aus Kanton -- er hatte von seiner Banknachbarin abgeschrieben (Volks-Zeitung: "Lernhilfe"), erhielt dafür eine schlechte Note und protestierte nun gleichfalls gegen die "absolute Autorität" der Lehrer;

* der Student Tschang Tieh-scheng aus der Mandschurei: Er gab bei der Aufnahmeprüfung für die Universität ein leeres Blatt ab, weil er in · seiner Volkskommune keine Zeit gefunden hatte, sich auf die Prüfung vorzubereiten;

* der Offizierssohn Tschung Tschi-min aus Nanking: Er gab seinen Studienplatz zurück, den er nur "durch die Hintertür", nämlich durch gute Beziehungen seines Vaters, ergattert hatte;

* der ehemalige Vize-Rotgardistenführer der Stadt Tschifeng, Tschai Tschun-dse, 23: Er steckt heute aus Überzeugung in einer Volkskommune und hat den Wunsch seines Vaters, eines alten Mao-Kampfgefährten, abgeschlagen, doch wieder in die Stadt zurückzukehren;

* die Studentin Pai Tschi-hsien: Sie heiratete einen Bauern "unter ihrem Stand" -- gegen den Willen ihrer Familie, die ihr Mangel an "Ehrgeiz und Weitblick" vorwarf.

Landesweit verurteilen die Chinesen Konfuzius, weil -- so haben sie es konfuziusgetreu gelernt -- die Partei es will. Doch sie wissen noch nicht genau, warum: Wo ist der aktuelle Bezug, gegen welches lebende Ziel richtet sich die Kampagne? Nach rotchinesischem Brauch wird das erst enthüllt, wenn das Opfer politisch erledigt ist -- Mao-Feind Liu Schao-tschi hieß während der Kulturrevolution nur anonym "der Machthaber, der den kapitalistischen Weg geht", und Lin Piao noch zwei

* In der Pekinger Oper 1973.

Jahre nach seinem Tod namenlos "der Schwindler vom Typ Liu Schao-tschis".

Geht es heute darum, vielleicht nur dem Volk den traditionellen Untertanengeist auszutreiben und Reformen zu ermuntern? Oder soll das Volk womöglich auf ein China ohne den genialen Herrscher Mao vorbereitet werden? Greifen liberale Reformer den Philosophen an, ist mit Konfuzius Mao selbst gemeint?

China-Beobachter in Hongkong, so meldete die "Washington Post", "glauben, die gegenwärtige Kampagne sei von Tschou En-lais gemäßigtem Zentrum gegen die radikalen Linken angestiftet. Sie sind der Überzeugung, das gemäßigte Zentrum habe den Konfuzius-Streit benutzt, mit der Kampagne zur Kritik an Lin Piao verbunden und dabei gegen die Linken gekehrt."

Die meisten China-Experten glauben das Gegenteil: Die Kampagne sei ein Angriff der Linken auf den sich seit Ende der ersten Kulturrevolution im Lande ausbreitenden Pragmatismus und "Revisionismus" -- Konfuzius sei Tschou En-lai.

Maos Telephon wurde angezapft.

Tatsächlich hat Antikonfuzianer Jang anzüglich darauf hingewiesen, daß der alte Philosoph Premier unter der Tschou-Dynastie war, außerdem "Sproß einer dekadenten Familie der Sklavenhalter-Aristokratie" -- wie Tschou En-lai, der ein Nachkomme der Tschou-Dynastie ist; sein Onkel diente noch als Mandarin der letzten Kaiserin von China.

Jang warf dem Philosophen ferner vor, er habe die Familien wieder eingesetzt, die ihre Stellung verloren hatten, "die Rangordnung wieder zurechtgerückt" und "diejenigen ins Amt zurückgerufen, die in Vergessenheit geraten waren".

Das würde auf Tschou En-lai passen. Er hat prominente Opfer der Kulturrevolution ins Amt zurückgerufen:

* Der von den Rotgardisten gestürzte Generalsekretär der Partei, Teng Hsiao-ping, ist wieder Politbüro-Mitglied und Vize-Premier;

* der frühere Parteichef der Provinz Tschekiang, Tschiang Hua (der in Maos Sommersitz Hangtschou die Telephone anzapfte und in Maos Privaträumen Abhörgeräte installierte), ist wieder Parteisekretär, wenn auch in einer anderen Provinz;

* der frühere Militär-, Partei- und Regierungschef der Inneren Mongolei, Ulanfu (der schon 1966 Truppen gegen die Rotgardisten einsetzte), ist wieder ZK-Mitglied;

* der General Tschen Tsai-tao, der 1967 den Mao-Gardisten in Wuhan eine Schlacht lieferte, durfte in Peking wieder auftreten;

* der General Jang Jung, der als Pekinger Garnisonchef mitten in der Kulturrevolution einen Putsch gegen Mao versuchte, ist jetzt Kommandeur des Wehrbezirks Sinkiang.

Im ganzen Reich hat Tschou En-lai die alte Rangordnung wiederhergestellt und den Funktionären die angestammten Schreibtische in Behörden, Parteibüros und Fabrikdirektionen zurückerstattet. Der Rückruf der von Rotgardisten verjagten Funktionäre in den Staatsapparat und in die Armee ging auch in den letzten Wochen weiter und niemand wurde geschaßt.

Tschou eignete sich demnach vorzüglich für die Konfuzius-Rolle, als die Linken in die Kampagne einstiegen. Er ist der einzige Spitzenpolitiker der Volksrepublik China, der seit ihrer Gründung 1949 seinen Posten behalten hat. Er hat die Kulturrevolution als Sieger überstanden, weil er ein geschickter Taktiker der Mitte ist und weil er Maos Vertrauen genießt -- stärker vielleicht als die radikale Frau Tschiang Tsching.

Mao selbst deckte Tschous Außenpolitik der West-Annäherung, indem er ausländische Spitzenpolitiker (darunter Amerikas Nixon und mehrmals Henry Kissinger) in seiner Residenz empfing. Noch verwirrender: Selbst die Repräsentanten der Partei-Linken bekundeten demonstrativ ihr Einverständnis mit Tschou. im chinesischen Fernsehen zeigte sich minutenlang und von allen Seiten Frau Tschiang Tsching im westlichen Midi-Kostüm mit Sportlern aus den USA. Sie lud eine amerikanische Schwimmannschaft ein, doch noch einen Tag länger in der Volksrepublik zu bleiben; Schwiegersohn Jao erschien bei einem US-Basketballspiel.

Herzlich begrüßte Frau Tschiang Tsching die Sinfonie-Orchester aus London, Wien und Philadelphia, die in China Gastspiele gaben. Vom Dirigenten Eugène Ormandy wünschte sie sich im September 1973 ausdrücklich Beethovens Sechste Sinfonie, die "Pastorale" und ließ die Noten dazu per Jet aus Schanghai holen (Respighis impressionistisches Tonbild "Die Pinien von Rom" schien ihr zu mißfallen: Sie unterhielt sich derweil mit ihrem Nachbarn).

Die jüngste Kulturkritik an Beethoyen wurde im Westen wahrscheinlich überbewertet. Vielleicht war der Artikel nur ein Angriff auf die Glaubwürdigkeit der Kulturrevolutionärin Tschiang Tsching. Die Retourkutsche ließ nicht auf sich warten: Die neue Schanghaier Linkszeitschrift "Studium und Kritik" rügte den (toten) Intellektuellen Hu Schih wegen seiner Lust an großen Banketts -- er "empfing alle möglichen Gäste, warb fanatisch für die westliche Zivilisation, ohne irgendeine Schwäche zu finden, pries ekelerregend die amerikanischen Frauen ..."

Man sieht: Es wird wieder diskutiert in China, und auch die andere Seite kommt zu Wort. Die Kontrahenten der Konfuzius-Debatte vermeiden, die Person zu identifizieren, um die es ihnen geht, doch sie machen Gebrauch von einer seit der Kulturrevolution nicht mehr geübten Meinungsfreiheit.

"Du bist ein politisch dumpfer Mann."

Der Schülerin Huang Schuai, die ihren Lehrer attackiert hatte, machte in der Volks-Zeitung der Polit-Instrukteur eines "Produktions-Regiments" aus der Inneren Mongolei Vorwürfe: Sie führe sich selbst schulmeisterhaft auf. So gehe das nicht weiter, daß die Schüler bei jedem Anlaß ihre Lehrer mit Wandzeitungen verschreckten. Backfisch Huang wehrte sich:

Du bist ein politisch dumpfer Mann, wir hoffen, daß du bald erwachst. Haben wir Kinder das Recht, an der Erziehunge-Revolution teilzunehmen, oder nicht? Wissen sie, wie man eine Revolution organisiert? Werden wir in der Erziehung die proletarische Revolution zu Ende bringen oder stoppen wir sie, weil sie schon über ihr Ziel hinausgeschossen ist?

Dann übte Klein Huang, Mitglied der Kinderorganisation "Kleine rote Soldaten". Filmkritik an Antonioni.

Hundert Blumen blühen wieder. Weidlich genutzt wird die neue Bestimmung im Parteistatut: "Es ist absolut unzulässig, Kritik zu ersticken und Repressalien zu ergreifen."

Den Minderheitenschutz nützen die Anti-Autoritären. Die Volks-Zeitung bedauerte: "Außerhalb der Partei bestehen andere Parteien. innerhalb der Partei aber Gruppierungen."

Eine neue Kaiserin von China?

Die Links-Gruppierung stellt seit dem 10. Parteitag zwar drei der fünf stellvertretenden Parteivorsitzenden, jedoch nur bestenfalls 8 der 22 Mitglieder des Politbüros. Außer Frau Tschiang Tsching -- die nicht zum Vize befördert wurde -- und Schwiegersohn Jao, dem Theaterkritiker. gelten noch zwei andere Politbüro-Mitglieder aus Schanghai als links:

* der junge Parteivize Wang Hungwen und

* der Parteisekretär von Schanghai, Tschang Tschun-tschiao, der 1966 dem vor seinen Feinden retirierten Mao Obdach und als Medium die Schanghaier Presse geboten hatte. Zur Schanghai-Mafia halten ferner

* der Sicherheitschef Kang Scheng,

* der Parteisekretär der Stadt Peking und Chef der "Kulturgruppe" bei der Regierung, Wu Teh,

* der Chefpolitruk der Volksbefreiungsarmee, Li Teh-scheng, der kürzlich den Befehl über die Truppen in der Grenzprovinz Mandschurei übernahm, sowie

* der frühere Mandschurei Befehlshaber Tschen Hsi-lien, der jetzt nach Peking versetzt wurde.

In den Meinungsmedien aber sind die Linken über Gebühr vertreten. Diese Machtposition haben sie aus der Rotgardistenzeit herübergerettet. Ihre wichtigste Stimme, die theoretische Partei-Monatsschrift "Rote Fahne" (Erscheinungsort Schanghai): "Wir dürfen uns nicht davor fürchten, dem Angriff der konservativen und reaktionären Kräfte ausgesetzt zu sein."

Das linke Programm richtet sich gegen

* die Rehabilitierung der gesäuberten Funktionäre;

* "individualistischen Arbeitseifer", worunter Leistungsprinzip, Zensuren und Prämien zu verstehen sind;

* "Ökonomismus auf dem Lande" -- die privaten Gärten der Bauern und die freien Märkte für Agrarprodukte;

* "abergläubische Anhimmelung alles Ausländischen", vor allem im Kulturleben -- was sich wohl weniger auf Xenophobie als Nationalismus gründet.

Resümee der "Roten Fahne": "Es gibt immer noch bürgerliche Ideologien und ungesunde Tendenzen in den Staatsorganen und Mängel in bestimmten Gliedern des Staatssystems . . . Deshalb muß das Proletariat die Revolution fortsetzen."

Das richtete sich offenkundig gegen Tschou En-lai, 75. Ist Tschou mithin Konfuzius? Dazu Tschou auf Anfrage eines Ausländers: "Sehe ich wie Konfuzius aus? Schau, ich lebe ja doch noch."

Japanische Besucher erfuhren in Peking, daß "Tschou wegen seines hohen Alters in Zukunft nicht mehr in der Lage sein wird, fremde Besucher allzuoft zu empfangen. Doch der ihnen das sagte und sie statt Tschou empfangen hatte, war der -- Erz-Revisionist Teng Hsiao-ping -- für die Kritiker von links ein noch eindeutigerer "Konfuzius".

Teng, einst nach Liu Schao-tschi Haßobjekt Nr. 2 der Rotgardisten ("der andere Machthaber, der den kapitalistischen Weg geht"), wurde erst vor zwei Monaten vom ZK ins Politbüro gewählt.

Hinter den Kämpfen um Konfuzius geht es um Ausgangspositionen für eine neue Ämterverteilung. Denn das ZK beschäftigte sich mit dem Problem, endlich den "Nationalen Volkskongreß", Chinas Parlament, einzuberufen;

* 1960 in Moskau mit den Sowjetführern Mikojan. Chruschtschow, Kostow, Suslow und dem Pekinger Bürgermeister Peng Tschen.

der letzte tagte vor neun Jahren. Eine Neuordnung an der Spitze des Staatsapparates ist fällig. China braucht einen neuen Staatspräsidenten; das Amt verwaltet provisorisch Altgenosse Tung Pi-wu, 87. Auch eine neue Regierung muß bestellt werden -- die Hälfte der Ministerposten ist seit der Kulturrevolution noch nicht wieder besetzt, vor allem nicht der Stuhl des Verteidigungsministers, auf dem Lin Piao saß.

Und China braucht eine neue Verfassung. Schon der 9. Parteitag hatte 1969 dafür einen Entwurf beschlossen, doch darin steht noch die Klausel: "Nachfolger Maos ist Lin Piao."

Wer wird nun Nachfolger des Nachfolgers? Will Mao jetzt mit Tschou auch noch den dritten Anwärter enterben? Setzt er auf den Senkrechtstarter Wang Hung-wen, 36, oder bleibt die Macht in der Familie, soll China in Tschiang Tsching wieder einer Kaiserin huldigen?

Mao, dessen Denken sich aus Leninismus und chinesischer Historie zusammenfügt, weiß: Der Gründer der Han-Dynastie, Kaiser Kao Tsu, tötete seinen besten General, um die Erbfolge zu sichern. Die herrschsüchtige Witwe des Kaisers übernahm den Drachenthron und besetzte Armee und Geheimpolizei mit nächsten Verwandten.

Andererseits: Das Werk Lenins scheiterte, weil für die Nachfolge nicht gesorgt war. Von seinem Krankenzimmer im Kreml aus bombardierte Lenin in den letzten Monaten seines Lebens hilflos das sowjetische Politbüro mit Vorschlägen für eine "Kulturrevolution", mit Protesten gegen Stalin, mit Entschuldigungen vor dem russischen Proletariat.

Mao muß das Machtwort sprechen, wem er die Erbschaft anvertrauen möchte. Er muß mit seinem persönlichen Prestige einer der beiden Fraktionen in der Partei voranhelfen: Er muß sagen, wer der neue Konfuzius ist.

Konfuzius-Zitat in der Mao-Bibel.

Die chinesischen Rauchzeichen können aber auch gänzlich anders gedeutet werden, möglicher Kandidat für die Dämon-Rolle des Konfuzius ist außer Tschou En-lai auch Mao selbst.

Am 2. Februar meldete die Volks-Zeitung, der "politische Massenkampf zur Kritik an Lin Piao und Konfuzius" sei "initiiert und geführt von unserem großen Führer, dem Vorsitzenden Mao". Das Parteiorgan zitierte am Schluß der Meldung aus einem Mao-Gedicht:

Laßt nur den Wind wehen und die Wellen schlagen! Das ist besser, als müßig in einem ummauerten Hof spazierenzugehen. Heute bin ich frei! An einem Fluß hat einst der Meister gesagt: "So fließt hin die gesamte Natur."

Der Meister, auf den Mao sich beruft, ist Konfuzius.

In der ganzen Kampagne konnte bisher kein einziges Wort von Mao gegen Konfuzius zitiert werden -- obwohl in Maos Werken oft von Konfuzius die Rede ist.

Dabei hat der Philosoph Mao über den Philosophen Konfuzius viel nachgedacht und dessen Maximen auswendig gelernt. Er kehrte beständig zu seinen konfuzianischen Texten zurück. Im revolutionären Jahr 1919 kletterte er "in würdiger Weise" auf Chinas heiligen Tai Schan, um dem Grab des Meisters seine Reverenz zu erweisen.

In einer berühmten Sentenz distanzierte sich Rebell Mao 1927 von den wo auch zitierten Tugenden des Meisters:

Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchensticken; sie kann nicht so fein, so gemächlich und zartfühlend, so maßvoll gesittet, höflich, zurückhaltend und hochherzig durchgeführt werden. Die Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere Klasse stürzt.

Der Sieger Mao aber, der soeben die Reichshauptstadt Peking erobert hatte, sagte im März 1949 über den Nutzen, auf Funktionäre der unteren Ränge zu hören:

Wir dürfen uns auf keinen Fall wissend stellen, wenn wir etwas nicht wissen. Man soll "sich nicht schämen, Menschen niederer Stellung zu befragen und von ihnen zu lernen.

Mao zitierte dabei eine Lebensregel des Konfuzius, und so gelangte ein Rat- -- schlag des Schlangengeistes auch in die kleine rote Mao-Bibel.

"Der linke Marschall war ein Rechtsradikaler."

Davon sollen Chinas Massen sich nun distanzieren und zugleich von Lin Piao: Die Antikonfuzius-Kampagne wurde zur Verdeutlichung um den ehemaligen Waffen-Gefährten Maos angereichert -- beide wollten "das frühere System wiederherstellen und das Rad der Geschichte zurückdrehen (Volks-Zeitung). Lin, "der weder Bücher, Tageszeitungen noch Dokumente las", hatte sich Konfuzius-Sprüche ins Tagebuch geschrieben und ins Schlafzimmer gehängt.

Die Belegschaft der Pekinger Kunstgewerbefabrik stellte unter Leitung ihres Parteikomitees eine Liste übereinstimmender Zitate von Lin und Konfuszius auf. Daß der Chefrotgardist Lin Piao -- er trug einst die rote Armbinde Nr. 2, Mao die Nr. 1 -- in Wahrheit ein Konfuzianer war, läßt sich aber so schnell nicht lernen.

Dazu mußte der Schlangengeist Lin Piao erst einmal (um die Jahreswende 1972/73) von einem Ultra-Linken, als den ihn bis dahin jeder kannte, "auf einen Ultra-Rechten umgepolt werden. Vorher schrieb die "Rote Fahne", es sei falsch, nicht zu erkennen, daß Lin Piao "ein Linker war". Danach schrieb dasselbe Blatt: Er "war äußerst raffiniert und schien links zu sein, obwohl seine Abweichung extrem rechts war". Die Partei-Linke wollte nicht mit dem Sowjetfreund Lin Piao in einen Topf geworfen werden. So wurde aus dem Kulturrevolutionär rasch ein Konterrevolutionär. Die linken Meinungsmedien mußten das Volk vom Kurswechsel des toten Lin Piao überzeugen.

Dazu brachte die Parteipropaganda stückweise hübsche Details ans Licht: Lin -- dessen Frau auch im Politbüro saß und dessen Sohn Luftwaffengeneral war -- habe "von der Errichtung einer erblichen Lin-Dynastie geträumt". --

"Der Tyrannen-Kaiser war progressiv."

Er habe sich auf Massen-Unmut über den niedrigen Lebensstandard berufen und Konfuzius zitiert: "Die mit Gewalt regieren, werden untergehen."

Die angeblichen Lin-Argumente stammen aus Lins Geheimplan "571". Die Maoisten hätten Chinas Staatsapparat in einen "Fleischwolf zur gegenseitigen Tötung" umfunktioniert. Mao habe "das Vertrauen und den Status, den ihm das chinesische Volk verlieh, mißbraucht. Unser Warten und unsere Geduld haben Grenzen".

Und: Mao habe sich nur "das Mäntelchen des Marxismus-Leninismus umgehängt", folge statt dessen jedoch den Gesetzen des alten Kaisers Schih Huang Ti (der 221 bis 209 vor Christus regierte). Mao sei der "Schih Huang Ti der Neuzeit".

Jeder Chinese weiß, wer dieser Kaiser war: Der Begründer der Tschin-Dynastie begann den Bau der Chinesischen Mauer und war ein blutiger Tyrann.

Er ließ alle konfuzianischen Bücher verbrennen. Jedem Chinesen, der sich dem Autodafe seiner Bibliothek widersetzte, wurde das Gesicht verbrannt, dann mußte er vier Jahre Zwangsarbeit beim Bau der Großen Mauer leisten. 460 konfuzianische Gelehrte ließ Kaiser Schih Huang Ti lebendigen Leibes begraben.

Eben dieser Kaiser aber spielt in der Kampagne gegen Konfuzius neuerdings den positiven Helden. Die Volks-Zeitung brachte einen Artikel, in dem der Tyrann als "progressiv" gepriesen und Lin bezichtigt wird, er habe gern ein populäres Lied gesungen, das dem Gedenken der 460 eingegrabenen Konfuzianer gewidmet ist -- er habe das "zu einem Angriff auf unsere Partei benutzt".

Der Geheimdienst Formosas -- der den Westen über den Plan "571" zwei Jahre früher unterrichtete als Peking das chinesische Volk -- entdeckte eine angebliche ZK-Rede Maos vom November 1956, die sich, doppeldeutig, auch als eine Art Selbstkritik lesen läßt: Was heißt hier: Schih Huang Ti verbrannte nur 460 lebende Gelehrte, wir haben 46 000 verbannt, wir unterdrücken Konterrevolutionäre, haben wir nicht einige konterrevolutionäre Gelehrte getötet? Ich habe mit den Advokaten der Demokratie diskutiert. Sie nennen uns Schih Huang Ti. Das ist falsch. Wir sind hundertmal besser als Schih Huang Ti. Sie verdammen uns alle als Schih Huang Ti und Diktatoren. Wir geben das zu. Das Traurige ist, daß sie nicht genug gesagt haben, und immer uns brauchen, um ihren Worten noch mehr hinzuzufügen.

Womöglich geht der Kampf in China darum, ob Mao der neue Konfuzius ist oder der neue Schih Huang Ti. Womöglich vergleichen Radikale Mao mit Kaiser Schih, um Mao zu desavouieren, weil Mao Tschou En-lai stützt. Die Zeitschriften "Rote Fahne" und "Studium und Kritik" fordern neuerdings nicht mehr zum bisher obligaten "Studium der Ideen Maos" auf.

Taktische Volten und Täuschungsmanöver bestimmen die ins Konspirative verdrängte Innenpolitik Chinas. Die "Rote Fahne" gestand:

Manchmal wird während der Bekämpfung einer "linken" Abweichung eine rechte oder während der Bekämpfung einer rechten Abweichung eine "linke" verdeckt; in anderen Fällen aber wird bei der Bekämpfung einer "linken" Abweichung eine noch stärker "linke" verdeckt.

Eine solche Verwirrung ist nicht neu: In der ersten Kulturrevolution marschierten Mao-Feinde wie Mao-Freunde hinter Mao-Bildern und behaupteten, den wahren Willen des vieldeutigen Vorsitzenden zu vertreten -- so kam es zu den Schlachten untereinander: "Sie schwenkten die rote Fahne, um die rote Fahne zu bekämpfen" ("Rote Fahne").

Eine bewährte chinesische Taktik war es stets, sich an die Spitze einer Bewegung zu setzen, um sie entweder umzudrehen oder bis zur Absurdität zu übertreiben und damit zu widerlegen.

In der Konfuzius-Kampagne kann am Ende jeder das Opfer, jeder der Tä-

* Pekinger Schüler werden mit Bussen in die Innere Mongolei angesiedelt.

ter sein und jede Fraktion ihren eigenen "Konfuzius" haben. Nur: Selbst für gelernte Opportunisten wie die Chinesen ist das alles ein bißchen zuviel.

Ein Arbeiter aus Dairen: "Es fällt schwer, den Kampf der zwei Linien zu verstehen. Wenn schon die ganz oben betrogen werden, wie können dann wir ganz unten Fehler vermeiden?" Die Volks-Zeitung ließ einen Regimentskommissar seufzen·. "Einige Kameraden hoffen. daß es einmal ein Ende geben wird mit diesem "Kampf zweier Linien", wo immer eins aufs andere folgt." Und sogar der "Roten Fahne" fiel auf: "Bei manchen Leuten sind Stimmungen einer "Friedens-Lähmung' aufgekommen, sie haben es satt, immer wieder ... für den Klassenkampf zu kämpfen."

So ganz undenkbar ist in dem Kampagnen-Wirrwarr nicht einmal eine Groteske: daß sich die Kulturrevolution nur noch als Farce wiederholt, als Schauspiel, das dem an seinen Hof gefesselten Mao, 80, in den Meinungsmedien vorgeführt wird.

Er sitzt in seiner ummauerten Residenz am Süd-See in Peking, neben der "Verbotenen Stadt", von Adjutanten im Generalsrang und fünf Ärzten bewacht. Besuchern zeigte er sich mit einer Krankenschwester, die ihm den Arm hielt.

Ob er die verwobenen Machtkämpfe in seiner Partei noch überschaut, ist ungewiß. Er reist nicht mehr zu Visitationen durch sein Reich, er empfängt seine Informationen aus zweiter Hand.

Sein jahrzehntelanger Sekretär Ischen Po-ta aber ist nicht mehr bei ihm. Seine radikale Frau Tschiang

Isching möchte er nicht im Vorzimmer haben, das erklärte er laut ZK-Dokument Nr. 1 vom 17. März 1972 selbst:

Ich war niemals damit einverstanden, daß meine Frau als Chefin meines Büros fungiert. In Lin Piaos Büro war (dessen Frau, Politbüro-Mitglied) Jeh Tschün der Chef. Wenn einer ... Lin Piao etwas zuleiten wollte, mußte er über Jeh Tschün gehen . . . Ein Mann muß seine Arbeit selbst tun. . . Meine Sekretäre empfangen und verschicken Dokumente, mehr nicht. Um Irrtümer auszuschließen, kennzeichne ich die Entscheidung, lese die Ausgänge und schreibe selbst.

Dem halbseitig gelähmten Lenin erteilte das Politbüro ein Jahr vor seinem Tode, am 24. Dezember 1922, die Genehmigung, alle fünf bis zehn Minuten zu diktieren, dies darf jedoch nicht den Charakter einer Korrespondenz annehmen, und Iljitsch darf keine Antworten auf diese Notizen erwarten, Besuche sind nicht gestattet. Freunde und Dienstpersonal sind gehalten, Lenin nichts über Politik mitzuteilen, um ihm keinen Anlaß zu Grübeleien und Sorgen zu geben. In den Lenin auf Anforderung vorgelegten Akten fehlten wichtige Dokumente. Als er einen Artikel für die "Prawda" diktiert hatte ("Lieber weniger, aber besser": "Für den Anfang sollte uns eine wirkliche bürgerliche Kultur genügen"), wollte den die Mehrheit des Politbüros zunächst nicht veröffentlichen; Altbolschewik Kuibyschew riet sogar, ein Sonder-Exemplar der "Prawda" mit dem Artikel drucken zu lassen -- nur für Lenin.

Erreichen Mao ausgewählte Informationen über die wirkliche Lage im Lande, könnte er schlußfolgern, daß er das Ziel seines Lebens verfehlt hat: Aus China ist ein mächtiger, wohlgeordneter Staat geworden, mit zufriedenen, disziplinierten Bürgern und einer gut geschulten Partei-Elite -- aber nicht das erträumte Reich der Gleichheit, in dem kein Mensch dem anderen untertan sei. Nicht der ideale Kommunismus herrscht, sondern eher Konfuzius. Grund genug für eine neue Revolution.

Wie China sich unmittelbar nach dem Parteitag im vorigen September dem ausländischen Besucher darstellte, berichtet der SPIEGEL in einer Serie, die im nächsten Heft beginnt: "Die Dämonen kommen zurück."

Laut Volks-Zeitung tragen im revolutionären Schanghai einige Schüler Armbanduhren, andere nicht -- die malen sich eine mit Tusche aufs Handgelenk. Frauen und Töchter des Stadtkommandanten von Schanghai mischen sich nur im Auto unters Volk. Offizierskinder in der Provinz Schansi verachten jede Disziplin, indem sie sich auf den sozialen Status ihrer Eltern berufen.

Auch in der "Roten Fahne" beschwerten sich Lehrer über Kinder hochgestellter Parteifunktionäre: "Arrogant, affektiert, hochmütig und selbstzufrieden". Bei der Arbeit rasch "erschöpft", verweigern die Kinder der neuen Klasse den Polit-Unterricht unter Berufung auf ihre "rote Geburt". "Skrupulöse Sorgfalt" dagegen verwenden sie aufs Essen und Kleidung.

Die Rotgardisten von 1966 stehen Mao als revolutionäre Massenbasis nicht mehr zur Verfügung. Die Armee ist konservativ. Die jungen Leute von der Volksmiliz sorgen lieber für Moral, Nachtruhe und- öffentliche Ordnung.

"Was wird die unter leichteren Bedingungen aufgewachsene jüngere Generation tun?" hat Edgar Snow einmal seinen Freund gefragt. Mao wußte keine rechte Antwort -- er hoffte auf eine kontinuierliche Revolution, sah aber auch die Möglichkeit, daß die Jugend die Revolution verleugnet und "schlechte Dinge tut", ihren Frieden mit Reaktion und Imperialismus schließt und sich hinter den Konterrevolutionären im Lande zusammenschart.

Das Leben der Menschen auf dieser Erde ändere sich immer rascher, notierte Snow als Mao-Zitat. "Tausend Jahre später würden wahrscheinlich sogar Marx, Engels und Lenin ziemlich lächerlich wirken."


DER SPIEGEL 11/1974
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Mao: In mir ist der Geist von Tiger und Affe