06.05.1974

BÜCHERNachschlüssel zum Ritz

Céleste Albaret: „Monsieur Proust. Aufgezeichnet von Georges Belmont“. Deutsch von Margret Carroux. Kindler; 356 Seiten; 38 Mark.
Als Céleste Albaret 82 geworden war, im vergangenen Jahr, da mochte, da konnte sie nun doch nicht länger schweigen zu all den "Lügen", "Entstehungen", "Verdrehungen", die Literaten in die Welt gesetzt hätten.
Céleste war von 1913 bis 1922 zuerst Botin, dann Haushälterin für Marcel Proust, jenes hypochondrische Genie der Introspektion, dessen siebenbändige Romanfolge "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" auch von denen, die sie nie gelesen haben, für ein Monument neuzeitlicher Epik gehalten wird.
Das Dorf, in dem sie geboren worden war, verließ Céleste zum ersten Mal, als sie Odilon Albaret heiratete, einen Pariser Taxifahrer, dessen Hauptkunde Proust hieß. Weil sie sich langweilte, durfte sie für Albarets generösen Fahrgast Briefe und Bücher austragen, endlich auch, Sternstunde, zum ersten Mal beim Frühstücksritual einspringen: Gegen vier Uhr nachmittags, es konnte auch sechs werden, klingelt Monsieur zweimal, dann sind ihm unverzüglich Milchkaffee und ein Brötchen ins verdunkelte Zimmer zu bringen, wortlos.
Später -- der Erste Weltkrieg bringt Personalprobleme, Céleste rückt nach -- richtet Proust das Wort an sie und verlangt, falls sie mal etwas auszurichten habe, nicht in der dritten Person angeredet zu werden. Céleste verspricht das sofort; sie weiß nicht, wer oder was das ist, die dritte Person. Seiner Haushälterin Céleste, für die nun auch der Tag zur Nacht, die Nacht zum Tage wird, empfiehlt Proust, -- doch mal was zu lesen, "Die drei Musketiere" von Dumas. Sie gehorcht, weitere Lektüre (Vorschlag: Balzac) lehnt sie ab. Ein Tagebuch führt sie nicht. Noch 1970 verweigert sie, wie bis dahin stets, jede Auskunft über Proust: "Ich bin zu alt ... und dann, ich bin krank ... und dann ... ich habe niemals Proust gelesen."
Sie muß ihn haben lesen lassen, gleich darauf. In ihrem Buch "Monsieur Proust", im vergangenen Herbst in Frankreich, nun auf deutsch erschienen, weiß sie alles und weiß vieles, vorgeblich, besser.
Sie kennt die gegensätzlichen Ansichten von Zeitschriften aus Jahren, in denen sie noch nicht bei Proust war; sie widerspricht vehement und en detail Kritikern, die jene Prinzessin oder diesen Herzog für Vorbilder des Personals in der "Recherche du temps perdu" halten; lateinische Wendungen gehen ihr glatt von der Zunge; die Verästelungen des Literaturbetriebes kennt sie samt und sonders; homoerotische Neigungen Prousts dementiert sie kategorisch. Globale Argumentation: "Wenn es so gewesen wäre, würde er es mir gesagt haben, denn er erzählte mir alles."
Es sollte wohl ein Buch zum Fernsehen werden, was der Lektor Georges Belmont für seinen Verlag Laffont in Céleste hineingefragt und was sicherlich von ihr erstaunt abgesegnet worden ist -- ein Film-Team plant eine vierteilige Proust-Serie. Von den Lügen und Verdrehungen, die das Motiv zum Buch hergeben sollen, ist wenig zu entdecken, dagegen enthält es seinerseits ein paar schlimme Fehler. Dennoch gehört es zu den menschlichen, ja literarischen Dokumenten, weil wie auf einem Palimpsest, einem mehrmals beschriebenen Pergament, ohne viel Mühe die untere. die originale Handschrift der Albaret zu erkennen ist.
Das betrifft nicht nur den ja bekannten, exzentrischen Arbeitsstil Prousts, nicht nur die Geheimnisse der Küche -- wo der Kaffee, wo die Brötchen, die Kerzen gekauft werden müssen; Odilon Albaret hat einen Nachschlüssel zum Ritz, falls Monsieur nachts um vier noch ein kühles Bier wünscht, wenn die Hotelküche schon geschlossen hält. Es betrifft auch nicht nur die unerhörten, ja unverschämten Ansprüche, die Proust an sein Personal stellt und die wahrhaftig nicht alle für die Niederschrift eines Meisterwerks zwingend scheinen; sie werden übrigens von Céleste gern, ja mit liebender Hingabe und unverzagtem Respekt erfüllt: "Natürlich, er an seinem Platz wie ich an meinem." Natürlich, natürlich.
Céleste (wiederum ohne Zweifel: Originalton) kennt den Beweis für einen Zwischenfall, der beinahe Literaturgeschichte gemacht hätte:
Andre Gide lehnt als Lektor den ersten Band der "Recherche", den Proust dem Verlag Gallimard angeboten hat, wegen stilistischer Mängel ab (er erscheint daher bei Grasset). Céleste weiß, daß Gide das Manuskript nie gelesen, ja das Paket nicht einmal geöffnet hat, denn so sorgfältige Knoten wie Prousts Kammerdiener Nicolas, der die Seiten eingepackt hatte, konnten die Leute bei Gallimard niemals machen, und mit diesen fabelhaften Bindfadenknoten kam das Paket zurück.
Gide mußte später seinen Canossagang machen, vom zweiten Band an erschien die "Recherche" bei Gallimard. Andre Gide hatte einfach dem snobistischen Jüngling mit der Kamelie im Knopfloch, dessen Bemühungen um Zutritt zur Gesellschaft er seit zwanzig Jahren mitangesehen hatte, keinen vernünftigen Text zugetraut. Er war nicht gut beraten, darauf zu bestehen, er habe das Manuskript gelesen. Wer hätte Gide nicht das Recht zugestanden, Vorurteile zu haben. Aber ein Fehlurteil?
Von Walter Busse

DER SPIEGEL 19/1974
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