27.05.1974

Was Wehner wirklich gesagt hat

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner hat vor dem Bundestag das ihm vom SPIEGEL am 8. Oktober 1973 zugeschriebene Zitat "Was der Regierung fehlt, ist ein Kopf" als ihm in den Mund gelegt dementiert. Den Brief, den er unter dem 9. Oktober 1973 an den SPIEGEL-Redakteur Hermann Schreiber abschickte, hat er im Bundestag verlesen; dies die Passage, auf die es ankommt:
Vielleicht erinnern Sie sich, daß ich im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten, die in den Erwartungen der Vertragspartner UdSSR, Volksrepublik Polen, Rumänien und des hoffentlich baldigen Vertragspartners CSSR liegen, insofern wir nämlich unmöglich alle Erwartungen erfüllen können und doch genötigt sind, auch in der Frage der Wirtschaftsbeziehungen etwas zu tun, was dem Aufeinander-Zugehen dient, gesagt habe; Es fehlt ein Kopf, der durch und durch wirtschaftlich denken und disponieren kann, außerdem aber die politischen Impulse begreift und schließlich nicht den Ehrgeiz haben darf, sich selbst zu "profilieren" oder in den Vordergrund zu schieben. Ein solcher Kopf, der unserer Regierung fehlt, müßte koordinieren können, ohne ein Amt dazu aufbauen zu wollen. Er müßte jeweils das Kettenglied herausfinden, das dem jeweiligen Partner hilft, auch wenn wir nicht "alles" erfüllen können, was sich eigentlich jeder von unseren Partnern wünschte. Das war"s. Weder der Bundeskanzler noch der Außenminister wird von mir als kopf los gesehen oder bewertet.
Wehner nennt den vom SPIEGEL zitierten Satz einen "Stümmelsatz". Hermann Schreiber antwortet ihm unter dem 15. Oktober:
Ich habe die insgesamt neun Schreibmaschinenseiten mit Zitaten und Reiseeindrücken, die ich den Autoren der von Ihnen erwähnten Titelgeschichte an Hand gegeben hatte, noch einmal durchgelesen: Das von Ihnen beanstandete Zitat steht nicht drin. Ich erinnere mich aber ganz gut an Ihre jetzt brieflich wiederholte Definition des koordinierenden Kopfes, der unserer Regierung fehlt, und erinnere mich auch daran, daß ich diesen Punkt in meinem ohnehin zu umfangreichen Informationsbericht für die Verfasser der Titelgeschichte gar nicht aufgenommen habe -- nicht weil ich Ihre Erklärung "skurril fand, sondern weil es zu viel Platz gekostet hätte, sie komplett und exakt wiederzugeben. Das soll nicht heißen, daß ich mich vor der kollektiven Verantwortung für die von Ihnen monierte Titelgeschichte drücken will. Ich war daran beteiligt, und ich bin der einzig Beteiligte, der in der Sowjet-Union mit dabei war. Auch habe ich den "Stümmelsatz" im Manuskript gelesen und meinerseits nicht moniert, da er mir durchaus ins Bild, nicht bloß ins SPIEGEL-Bild, zu passen schien. Wenn das eine Fehleinschätzung war, bitte ich um Entschuldigung.
Nun war Hermann Schreiber nicht der einzige Informant des SPIEGEL während Wehners Moskau-Reise. Schreiber hatte seine eigene Perspektive, hat darum den "Fehlt ein Kopf"-Satz noch nicht einmal aufgeführt. Vielmehr, dem SPIEGEL lag ein zweiter Informationsbericht vor, in dem es heißt: Wehner nannte Brandt einen Autogrammsammler, der Unterschriften unter die Verträge gesetzt hat. Was fehlt, ist ein Kopf. Wir können nicht alles geben, was sie brauchen. Wir müssen deshalb das Kettenglied finden, das genau paßt. Dort fängt für mich die Regierung an. Die osteuropäischen Staaten haben langfristige Pläne, sie wollen deshalb wissen, woran sie sind. Wir müssen soviel wie möglich hineinwollen in deren langfristige Pläne. So weit wir können. Wenn wir eine Arbeitslosigkeit hätten, dann würden die gleichen Leute diese Frage anders sehen.
Dazu bemerkt der Informant, immerhin Augen- und Ohrenzeuge, Wehner sei rein formal im Recht, wenn er seine Äußerung im nachhinein allein auf die wirtschaftliche Kooperation mit den Staatshandelsländern des Ostens bezogen sehen wolle. Der Gesamtzusammenhang der Unterhaltung lasse jedoch den Schluß und die Einordnung, die der SPIEGEL vorgenommen habe, durchaus zu.
Wußte Wehner, als er Hermann Schreiber vor dem Bundestag angriff, daß dem SPIEGEL andere Informationen als die von Hermann Schreiber vorgelegen hatten? Er wußte das genau, hat nur versäumt, es mitzuteilen. Schreiber hat ihm nämlich unter dem 22. März 1974 einen Brief geschrieben, in dem es heißt:
Ich habe das von Ihnen bestrittene Zitat (Was der Regierung fehlt, ist ein Kopf") meiner Redaktion nicht berichtet. Aber ich habe auch nicht bezweifelt, daß Sie diesen Satz in den Mund genommen haben. Ich war ja nicht immer in Hörweite, wenn Sie in der Sowjet-Union mit Reisebegleitern gesprochen haben. Und meiner Redaktion haben für die Titelgeschichte in Heft 41/1973 nicht nur meine Informationen vorgelegen, sondern auch andere Berichte, an deren Authentizität zu zweifeln ich keinerlei Veranlassung habe.
Tatsächlich ist bezeichnend, daß Wehner in seinem Brief vom 9. Oktober 1973 dementiert: er habe weder Willy Brandt noch Walter Scheel als kopflos gesehen oder bewertet. Tatsächlich müßte jener Kopf, der
* durch und durch wirtschaftlich denken und disponieren kann.
* die politischen Impulse begreift,
* nicht den Ehrgeiz haben darf, sich selbst in den Vordergrund zu schieben,
* koordinieren kann, ohne ein Amt
dazu aufbauen zu wollen,
ein Überkanzler sein, einer, der die eigentlichen Entscheidungen auf jenem Gebiet trifft, das Herbert Wehner damals einzig zu interessieren schien, dem der Ostpolitik.
Wer den Bundeskanzler Brandt einen Autogrammsammler nennt, der seine Unterschrift unter die Verträge setze (und diese dann im übrigen, wie man ergänzen muß, sich selbst überlasse), der sagt und meint, daß der Regierung ein Kopf fehlt. Denn daß der Bundeskanzler Brandt ein in erster Linie wirtschafts- oder innenpolitisch interessierter Kanzler gewesen sei, wird wohl auch Herbert Wehner niemals angenommen haben.
Wehners Worte dürfen wie so oft nicht wortwörtlich genommen, und ebensowenig dürfen sie außerhalb des Gesamtzusammenhangs seiner russischen Kanonade betrachtet werden. Wehner kann geltend machen, daß er den Satz "Was der Regierung fehlt, ist ein Kopf" gar nicht gesagt haben kann, weil er nämlich, in Hörweite des CDU-Mannes Weizsäcker und des FDP-Mannes Mischnick, auch gesagt hat, er habe, so Hermann Schreiber damals in seinem Informationsbericht für die Redaktion, "diese Regierung nie für eine Regierung gehalten, übrigens auch nicht deren Vorgängerin, die sich personell so wesentlich nicht unterschieden habe". Wie kann einer Institution der Kopf fehlen, die es als solche, als Regierung nämlich, gar nicht gibt?
Der Zusammenhang ist ebenfalls von Bedeutung: Dieser Kopf einer Regierung, die es gar nicht gibt, ist nämlich "abgeschlafft" und "entrückt"; der Chef dieser Regierung, die gar keine ist, "badet gern lau so in einem Schaumbad". Es paßt also, wie Hermann Schreiber an Herbert Wehner geschrieben hat, durchaus ins Bild, und nicht nur ins SPIEGEL-Bild, Herbert Wehners in Sowjetrußland geäußerte Kanzlerschelte unter der Überschrift zuzuspitzen: "Was der Regierung fehlt. ist ein Kopf".

DER SPIEGEL 22/1974
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