27.05.1974

„Das große Weiche dominierte“

Erst ging den Frauen die Brause aus, dann der Wein und schließlich auch noch das Bier. Denn der Erfolg war zu groß: Statt der erwarteten fünfhundert Berliner Jung-Frauen waren gut tausendfünfhundert in die alte Mensa der Technischen Universität gekommen. Wartend auf Getränke-Nachschub, verzehrten die Gäste Joghurt oder Reissalat und standen Schlange an der Bar, wo eine wilde, damenbärtige Carmen Apfelklaren ausschenkte.
Geladen hatte zu dieser ersten öffentlichen Nur-Frauen-"Rockfete im Rock" (am Samstag vor Muttertag) ein Dutzend Frauen aus dem "Frauenzentrum", einem locker linken Verein in Kreutzberg. Das Zentrum versteht sich als Sammelbecken und Durchlauferhitzer für alle Frauen, die ihre Emanzipation, jedenfalls streckenweise, ohne Männer voranbringen möchten oder die Empfängnis-Probleme haben.
Weil "unser Verhalten freier ist, wenn Männer nicht dabei sind", warben die Feministinnen nur weibliche Besucher: "Frauen, kommt an diesem Abend allein. (Wenn ER euch wirklich mag, dann hat er Verständnis dafür.)"
Gut tausend Gatten und Freunde brachten Verständnis oder doch wenigstens Desinteresse dafür auf, daß die Frauen an einem Maiabend mal unter sich sein wollten. Zwanzig Männer standen am Hauseingang herum, neugierig bis feindselig ("Ihr seid faschistisch"), und drängten auf Einlaß, einer mit dem durchschlagenden Argument: "Ich habe Geld."
Doch bis auf den älteren Hausmeister, der einmal durch den Saal ging, blieb das Fest männerfrei bis zum Ende. Das fiel nicht einmal sonderlich auf -- wohl weil die Angleichung der Geschlechter schon so weit fortgeschritten ist, daß zwei-, drei-, ja sogar viermal hinsehen muß -- Haare, Hosen, Busen, Bart -, wer genau wissen will, ob Männchen oder Weibchen.
Da wurde zusammen und auseinandergetanzt, da gab es Klamottentausch und Informationsstände und einen enormen Apparat für die Musikverstärkung. Eine improvisierte Frauen-Rockband aus Berlin zog ein paar respektabel harte Nummern ab, zwischendurch brachten sich aber doch Männer -- auf Platten -- zu Gehör. Der Sound war wie sonst auf gemischten Feten. "Anders" war etwas Unbestimmtes, eine der Veranstalterinnen nennt es "eine liebe Stimmung". Viele Frauen waren -- der Einladung wörtlich folgend -- in langen Röcken gekommen.
Lesbierinnen waren auch da, müssen aber eine kleine Minderheit gewesen sein: Die meisten Frauen betraten an diesem Abend Neuland. hatten, zunächst rein räumliche. Orientierungsschwierigkeiten" stießen immer wieder aus Versehen aneinander, obgleich es so voll nun auch wieder nicht war.
Schafe ohne Hirt und Hund -- dieser Gedanke konnte schon aufkommen, und ein paar verärgerte Politologinnen vermißten denn auch straffere Führung durch das Festkomitee: "Man hätte mehr daraus machen können."
Mag sein, aber die Abwesenheit von Spruchbändern und Agitation. von "Linie", hatte auch ihr Gutes. So kam man zu Wort und konnte das eigene Wort verstehen. Überall gab es Quatschgruppen, in denen Frauen mit seltener Offenheit über Sexualität und die Folgen sprachen.
Verschüchterte gingen aus sich heraus, Betrunkene, Aggressive gab es kaum. Eine nur wollte die Bonner Abgeordneten Karl Haehser und Günter Wichert, die im Bundestag die Abstimmung über die Fristenregelung verpaßten, schlicht "kastrieren".
Als der Muttertag anbrach, sang die schöne junge Ingrid Deter aus Köln zur Gitarre zwei traurige Lieder. "Mutti ist die Allerbeste" und "Ich habe abgetrieben, bin eine von Millionen". In der Bar nebenan lief immer wieder der im Fernsehen abgesetzte "Panorama" -Beitrag zum Paragraphen 218. Wegen dieses Films, der einen Schwangerschaftsabbruch nach der schonenden "Absaugmethode" zeigt und in Berlin bislang noch nicht zu sehen war, hatten sich so manche überhaupt auf das Frauen fest getraut.
Natürlich fehlte etwas -- ein Schuß Erotik, die gewohnten Annäherungen, wie auch immer. Vereinzelte Versuche von Frauen, Frauen zu "keilen", einige demonstrativ schmusende Paare änderten nichts -- das große Weiche dominierte daß Frauen keine Schwänze haben", hörte ich eine bedauern. Gibt es sie also doch, die überragende Bedeutung männlicher "Penetration", die Alice Schwarzer, mitfeiernde Feministin aus Paris. an diesem Abend als von Männern geschaffenen "Mythos" zu dekuvrieren suchte?
Auf Dauer laufen Feste ohne Männer sicher nicht. Und doch: Wenn man als normal empfindende Frau morgens um drei durch ausgestorbene Großstadtstraßen nach Hause fährt, ist die Welt noch in Ordnung. Sie ist selbst zu dieser Nachtzeit auf penetrante Weise von Männern bestimmt und gemacht und daher plötzlich fremd.
Von Sophie von Behr

DER SPIEGEL 22/1974
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