27.05.1974

Bitterer Beigeschmack

Tore für den Tourismus soll Haitis Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in der Bundesrepublik schießen. Experten zweifeln, ob sie überhaupt eins erzielt.
Kurz vor der Fußballweltmeisterschaft steckten TV-Techniker Staatspräsident Jean-Claude ("Baby Doc") Duvalier, 22, die Grenzen seiner Macht ab. Haitis Herrscher auf Lebenszeit kann die Spiele seiner Nationalmannschaft im Münchner Olympiastadion nicht live sehen. Die Antenne der Fernsehstation in Port-au-Prince ist zu schwach.
Noch eine Fußballrechnung des jugendlichen Diktators im weißen Haus zu Port-au-Prince dürfte nach Ansicht von Experten nicht aufgehen: die von der WM-Teilnahme erhoffte Tourismus-Werbung. Bislang dirigierten auch deutsche Reiseveranstalter ihre Jets an Haiti vorbei. 1973 landeten nur 22 deutsche Touristen auf dem Palmen-Eiland in der Karibik.
Jetzt sollen Haitis Fußballer in der Bundesrepublik für "Baby Docs" kümmerndes 5,1-Millionen-Volk mit der rekordnahen Analphabeten-Quote von 90 Prozent mehr Wohlstand verschaffen. Haitis Mannschaft "wird Tore für den Tourismus schießen", mutmaßte die "Zeit".
Daß die karibischen Kicker beim WM-Turnier Mitte Juni überhaupt ein Tor gegen ihre Vorrunden-Gegner, Vizeweltmeister Italien, Argentinien und Polen, schießen, bezweifeln international erfahrene Trainer. "Sie rennen, bis sie nicht mehr können", berichtete Mexikos Nationaltrainer Javier de la Torre, "sie weisen aber physisch und in der Spielgestaltung Mängel auf." Der Münchner Trainer Max Merkel spöttelte: "Die Chance Haitis, ein Tor bei der WM zu schießen, ist ebenso groß wie die Aussicht, mit Pfeil und Bogen den Mond zu treffen.
Doch schon vor vier Jahren hatte Haitis Mannschaft fast die Teilnahme zur WM erreicht. Denn in Mittelamerika sitzt nirgendwo Konkurrenz, die zur Weltklasse im Fußball zählt.
Danach drillte der Italiener Ettore Trevisan die Mannschaft, in der nur ein Weißer kickte -- der Sohn des Verbandspräsidenten. Die farbigen Mannschaftsmitglieder verdienten rund 300 Dollar im Monat -- mehr als doppelt soviel wie Haitis Bürger im Jahresdurchschnitt (120 Dollar). Torjäger Emmanuel Sannon stieß aus der Pfarrei-Mannschaft Don Bosco zur Nationalelf.
Der Diktator Jean-Claude Duvalier setzte sich mit seinem Angebot durch, das entscheidende Turnier auf seiner Insel auszutragen. im Sylvio-Cator-Stadion, das nach dem Weitsprung-Olympiazweiten von 1928 heißt, traf die einheimische Elf auf Trinidad. Trotz lautstarker Unterstützung der 28 000 Zuschauer schoß Haiti nur zwei Tore, Trinidad aber fünf. Doch vier erkannte der Schiedsrichter nicht an.
Er wurde zwar sofort vom Weltverband (Fifa) aus dem Verkehr gezogen, doch seine sogenannte Tatsachenentscheidung war nicht mehr auszulöschen. Haiti hatte sich qualifiziert. Die "Fifa-News" meldeten: "Es bleibt der bittere Beigeschmack, daß es bei diesem Turnier wahrscheinlich nicht mit rechten Dingen zuging."
So dachten auch die mexikanischen Favoriten, die gegen Trinidad 0:4 verloren und denen danach ein abschließender 1:0-Sieg über Gastgeber Haiti nichts mehr nützte. Staatspräsident und Fußballfreund Duvalier zog es vor, die Spiele vor dem Fernseher in seinem Spielzimmer zu verfolgen -- offiziell aus Scheu, bei Temperamentsausbrüchen im Stadion könne die Würde des Staatsoberhauptes leiden, in Wahrheit vor allem aus Furcht vor Attentaten.
Auch aus dem Billardsaal seines weißen Hauses lenkte "Baby Doc" seine Nationalmannschaft. Um auch den Trainerruhm auf Haitis Prestige-Konto umzulenken, degradierte er den Italiener Trevisan zum Berater und beförderte den Trainer-Assistenten Antoine Tassy zum Nationaltrainer. Tassy dementierte sogleich Mutmaßungen, nach denen Haitis Equipe dem orgiastischen Voodoo-Kult anhinge und so seinen Siegeswillen stärke. "Wir glauben nicht an so etwas", wehrte Tassy ab.
Staatspräsident Duvalier will den Ruf der Republik durch Doppelstrategie wirksam aufpolieren. Zu den erhofften Toren der Kicker sollen Haitis Künstler flankierende Leistungen beisteuern. Aus Haitis Spielort München wurde Galeristin Dagmar Schuler eingeladen, auf der Insel Kunstwerke für eine Ausstellung in Bayerns Hauptstadt auszusuchen. Mehr als 100 Bilder naiver Malerei aus Haiti sollen Münchens Fans auf die Gäste aus dem Fußballneuland einstimmen. Sogar der Deutsche Fußball-Bund warb für die Ausstellung, in der Hoffnung auf halbwegs guten Kartenabsatz. Denn aus Haiti kommen höchstens 300 Schlachtenbummler.
Diktator Duvalier scheut auch diese Reise. Um live dabeizusein, mietete er sich für 60 000 Dollar ins brasilianische Satelliten-Fernseh-Programm ein. Obwohl nur 4000 Bürger Haitis TV-Geräte besitzen, wurde ein teurer Umsetzer installiert -- vergebens, die Antenne schaffte kein festes Bild. Nun soll der Münchner Touristik-Manager Dietrich Kallhardt jedes Haiti-Spiel aufzeichnen und den Film sofort per Luftfracht nach Port-au-Prince abschicken.
"Die WM-Teilnahme hat uns wieder auf die Landkarte gebracht", jubelte allen Widrigkeiten zum Trotz Fritz Jean-Baptiste, ehemals Botschafter in Bonn, jetzt Generaldirektor des Fremdenverkehrsverbandes. Duvalier ernannte ihn auch noch zum Präsidenten des Fußballverbandes von Haiti.

DER SPIEGEL 22/1974
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