29.04.1974

UNTERNEHMENDas Dreiecksverhältnis

Zwei der renommiertesten deutschen Unternehmen streiten sich um eine Verpackungsfabrik. Beide glauben, sie hätten die Firma gekauft.
Die Botschaft folgte dem Stahlindustriellen bis in den Bayerischen Wald. Kaum hatte Hans-Jörg Sendler, Vorstandschef der Klöckner-Werke AG, Anfang April seinen Osterurlaub angetreten, als ihn die schlimme Nachricht erreichte, die Quandt-Gruppe, eines der größten privaten Wirtschaftsimperien der Bundesrepublik, erhebe Anspruch auf einen gerade erworbenen Klöckner-Betrieb. Sendler, seit 1933 in der Stahlindustrie, konnte es nicht fassen. "So etwas hat es in meiner Praxis noch nie gegeben."
Kurz zuvor waren Sendlers Duisburger Kollegen davon unterrichtet worden, daß Karl Klein, Besitzer der Hassia Verpackung AG im oberhessischen Ranstadt, seine Firma -- eines der größten Spezial-Verpackungsunternehmen in Europa -- gleich zweimal verkauft hatte: zunächst an den Stahl-Konzern von der Ruhr -- dann noch einmal an das Quandt-Konglomerat in Bad Homburg.
Als Joachim Häusler, Chef der zur Quandt-Gruppe zählenden Industriewerke Karlsruhe (IWKA), dem Klöckner-Finanzchef Herbert Gienow telephonisch bestätigte, den Zweitvertrag unterschrieben zu haben, stand für Sendler der Tatbestand des "absoluten Betruges" fest.
In dem gerade gedruckten Geschäftsbericht hatte Klöckner den Aktienerwerb von Hassia bereits publiziert und als eine "vorteilhafte Ergänzung" seiner eigenen Branche Maschinenbau und Kunststoffverarbeitung gefeiert -- über Nacht befanden sich plötzlich alle Hassia-Aktien im Besitz der Quandt-Grup-PC.
Doppelverkäufer Klein, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Friedberg-Büdingen, hatte die Hassia 1953 gegründet und in zwanzig Jahren zu einem Marktführer mit rund 60 Millionen Mark Umsatz und etwa 2000 in- und ausländischen Mitarbeitern ausgebaut. Seine Betriebe umwickelten und umhüllten Pharmazeutika, Waschpulver und Lebensmittel in England, Belgien, Frankreich, Italien, Schweden und der Schweiz. Kleins Firmen produzierten außerdem Verpackungsmaschinen und exportierten sie in über 60 Länder.
Stets ließ der Firmengründer verkünden, er werde auch in Zukunft "aus eigener Kraft" expandieren. Doch schon im vergangenen Jahr, als Klein sein Verpackungsunternehmen in eine Aktiengesellschaft umwandelte (Kapital: 6,4 Millionen Mark), wies die Bilanz einen überraschenden Fehlbetrag von 140 000 Mark aus.
Im vergangenen Herbst vermittelte das hessische Wirtschaftsministerium für das "notleidende Unternehmen" (Sendler) einen Kontakt zu den Klöckner-Werken, die mit ihren Tochterfirmen Ferromatik und Pentaplast ähnliche Maschinen produzieren und Verpackungen für Handel und Konsumindustrie herstellen. Klöckner-Vorstand Gienow, verantwortlich für Finanzen, Recht sowie die kaufmännischen Belange der Verarbeitungsbereiche, führte die Verhandlungen und wurde mit den Hessen schnell handelseinig: 85 Prozent des Hassia-Kapitals sollten nach Duisburg wandern.
Am 30. Januar 1974 unterzeichneten Karl Klein und Ehefrau Gerda, die sich die Geschäftsführung mit ihrem Mann teilte, einen Rahmenvertrag mit Klöckner: Sie erklärten sich mit den ausgehandelten Konditionen einverstanden.
Schon eine Woche später traten zwei Klöckner-Manager in die Hassia-Geschäftsführung ein. Ende Februar genehmigte der Klöckner-Aufsichtsrat offiziell den Mehrheitserwerb in Hessen. Einen Monat später bot Klein sogar "von sich aus" (Sendler) seine restlichen 15 Prozent den Duisburgern zum Kauf an. Die Stahlleute schlugen ein. Am Nachmittag des 3. April sollten der Detailvertrag unterschrieben und die Aktien übertragen werden. Noch am 2. April, so erinnert sich Gienow, "wurde mir vom Rechtsanwalt der Hassia mitgeteilt: Wir kommen morgen vorbei".
Doch die Hessen blieben im Lande. Noch an jenem Abend verkaufte Klein sein ganzes Werk noch einmal an die Quandt-Gruppe -- und übertrug ihr sofort sämtliche Aktien.
Zunächst vermutete der angeschmierte Sendler, Klein "habe von Quandt preislich das Doppelte oder Dreifache bekommen". Dann aber begannen die Stahlmanager zu rätseln, welche Rolle Hans Graf von der Goltz, Vertrauter des Herbert Quandt und bis 1971 Chef bei Klöckner & Co., gespielt haben könnte: Goltz ist Aufsichtsratsmitglied bei den Klöckner-Werken und wußte spätestens seit Ende Februar von den Vertragsabschlüssen zwischen den Duisburgern und der Hassia.
Quandt-Manager Häusler will bei seiner Unterschrift allerdings nur gewußt haben, daß der Hassia-Chef "mit Klöckner verhandelt" habe. Klein habe ihm bis zuletzt versichert, daß er "nach wie vor verkaufen könne
Am Mittwoch vergangener Woche trafen sich die Klöckner-Vorstände Sendler und Gienow mit den Quandt-Vertretern Arno Seeger und Joachim Häusler zum erstenmal, um abzutasten, wie sich das Dreiecksverhältnis weiterentwickeln soll: Beide Konzerne glauben sieh im Besitz der Hassia, und beide stellten bei ihrem Treffen im Düsseldorfer Industrieclub überrascht fest, daß Klein sein Unternehmen -- so Sendler -- zu "annähernd denselben Konditionen" an Quandt und Klöckner verkauft hatte.
Einerseits bemüht, "das Problem in aller Freundschaft zu lösen" (Häusler) und sich "über die betrügerischen Machenschaften nicht zu verkrachen" (Sendler), war andererseits keiner bereit, von seinem Erwerb zurückzutreten.
Der Dritte im Bunde, Verpackungskünstler Klein, hatte sich derweil in ein Sanatorium nach Kissingen zurückgezogen.

DER SPIEGEL 18/1974
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