01.05.1957

STRAUSS-VERLOBUNGPfingsten ist Hochzeit

Bis zuletzt hatte der Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß, 41, es geheimhalten können, daß er sich über Ostern verloben wollte. Am Dienstag vor Ostern hatte er im Bonner Bundesverteidigungsministerium den Abend über mit dem SPIEGEL gesprochen, und am Mittwoch hatte er im Bundeskanzleramt an jener Zusammenkunft teilgenommen, die Bundeskanzler Konrad Adenauer mit den Atomforschern Hahn, Gerlach, Riezler, von Laue und von Weizsäcker arrangiert hatte.
An diesem Mittwoch, vier Tage vor seiner Verlobung, hatte sich Franz-Josef Strauß in jener Atomkonferenz noch einmal heftig ärgern müssen. Die "Süddeutsche Zeitung" vermeldete: "Strauß forderte, die Physiker sollten in dem Memorandum (über das Ergebnis dieser Konferenz) erklären, sie wollten mit ihren Kollegen in der ganzen Welt Kontakt aufnehmen, um technische Vorschläge für eine internationale Überwachung der Waffenproduktion auszuarbeiten, und um Normen für den allgemeinen Atomschutz (nicht nur gegen Waffen) auszuarbeiten.
"Diesen Vorschlag des Verteidigungsministers wiesen die Wissenschaftler zurück, vor allem mit dem Hinweis darauf, daß sie ja hofften, einmal solche Kontakte aufnehmen zu können und es dann so aussähe, als handelten sie im Auftrage der Regierung. Adenauer pflichtete diesem Argument bei und sagte: Die Herren müssen ganz frei sein. Strauß widersprach heftig und steigerte sich in solche Erregung hinein, daß er bleich wurde und am ganzen Körper zitterte. Der Bundeskanzler versuchte ihn zu beruhigen und wies auf die bevorstehenden Osterferien hin... Strauß verließ als erster das Verhandlungszimmer."
Am gleichen Mittwoch noch fuhr Strauß nach München, und dort erzählte er dem Bundesfinanzminister Fritz Schäffer, daß er sich Ostern in Rom verloben wolle, mit der Diplom-Volkswirtin Marianne Zwicknagl, 27, aus Rott am Inn. Fritz Schäffer, der den Vater Zwicknagl aus gemeinsamen Zeiten in der Bayrischen Volkspartei kennt, gratulierte im voraus und sagte: "Ich bin über diese Wahl sehr glücklich."
Strauß fuhr in seinem BMW sofort nach Innsbruck, wo die Zwicknagls vor wenigen Wochen ein Haus bezogen haben, denn Vater Zwicknagl ist deutscher Konsul in Innsbruck. Der Minister ließ seinen Wagen dort stehen und reiste mit Braut und Schwiegereltern im Zwicknaglschen Auto nach Rom weiter. Am Gründonnerstag warf Strauß-Sekretärin Ermelinde Bauer abends in München die Verlobungsanzeigen ihres Chefs in den Briefkasten, die am Ostersonnabend dann die Adressaten erreichten.
Franz-Josef Strauß mag seine Verlobungsabsichten so geheim gehalten haben, weil er mit ziemlicher Sicherheit erst einige Widerstände hätte überwinden müssen, wäre seine private Umgebung nicht vor vollendete Tatsachen gestellt worden.
Jede potentielle Braut des Franz-Josef Strauß mußte zudem mit drei Damen rechnen, deren Urteil auf des Ministers Entscheidungen in derartigen Angelegenheiten nicht ohne Einfluß ist:
- mit seiner Sekretärin Ermelinde Bauer, die dem Minister Strauß seit seiner Landratszeit treu dient und aufgrund langjähriger Zusammenarbeit eine Art von Mitbestimmungsrecht erworben hat;
- mit der Münchner Rechtsanwältin Christel Lammers, die Rechtsvertretungen für die CSU erledigt, deren Generalsekretär Strauß war, und die ihm dienstlich jahrelang so eng verbunden war, daß man sie in der bayrischen Landeshauptstadt zeitweilig sogar fälschlich für seine Verlobte hielt;
- mit der Metzgermeisterswitwe Walburga Strauß, 80, der Mutter Franz-Josefs.
Minister Strauß war in den letzten Jahren auch mit der Tochter des Besitzers der "Bräuwastl Brauerei K.G." in Weilheim, Josef Rott, bekannt. Beim letzten Münchner Oktoberfest saßen die Brauerstochter und der Minister noch zusammen in der Direktionsboxe des Bierzeltes des "Paulaner Thomasbräu".
Aber erst bei einem anderen Münchner Volksfest, dem Fasching 1957, sollte sich das Schicksal des Ministers erfüllen. Am Rosenmontag traf er beim Ball der Münchner Kammerspiele, der "Traumkulisse", auf Marianne Zwicknagl.
Am Faschingsdienstag nahm er sie neben der Rechtsanwältin Christel Lammers und anderen Freunden schon zu einem internen Hausball mit. An diesem Abend machte Franz - Josef Strauß eigentlich keinen verliebten Eindruck, sondern wirkte eher wie einer, der über ein unerwartetes schönes Geschenk überrascht ist.
Vielleicht war er auch müde; er rühmte sich, dies sei die siebente Nacht hintereinander, die er dem Fasching widme. Bekannten präsentierte der Verteidigungsminister die Marianne Zwicknagl: "Da schaugts, was sich im Hause eines Parteifreundes entwickelt, die hab ich mal vor langen Jahren gesehen, als sie noch ganz klein war." Tatsächlich war das Paar sich in den ersten Nachkriegsjahren im Hause Zwicknagl schon einmal begegnet. Sie war noch ein Backfisch, er nahm sie, die 14 Jahre jünger ist als er, kaum wahr.
Wäre das nicht eine Frau?
Es waren CSU-Parteifragen gewesen, die den Franz-Josef Strauß damals zu Zwicknagl geführt hatten.
Die Eltern Zwicknagl besitzen in Rott am Inn die "Kaiser-Brauerei" und ein stattliches Gut. Sie führen ein sehr kultiviertes, gepflegtes, gastfreies Haus. Der Vater stammt aus einer alten bayrischen Familie, die Mutter Ilse, geborene Klöckner, ist Hamburgerin*.
Papa war seinerzeit in der Bayrischen Volkspartei, dann Gründungsmitglied der CSU - deren Generalsekretär Franz-Josef Strauß hieß -, spielte im Bizonen-Wirtschaftsrat mit und wurde im Sommer vorigen Jahres zum beamteten Konsul in Innsbruck ernannt.
Als Franz-Josef Strauß die Marianne Zwicknagl am Faschingsdienstag seinen Freunden präsentiert hatte, sagten die prompt: "Wäre das nicht eine Frau für dich?" Der Minister nahm diesen Rat ernst. Hatte er bis dahin freie Wochenenden in München in fröhlicher Kumpanei verbracht, so reiste er nun immer mit unbekanntem Ziel weiter, kaum daß er die bayrische Landeshauptstadt erreicht hatte.
Sekretärin Ermelinde Bauer war mit der Wahl sehr einverstanden. Des Ministers Mutter Walburga Strauß akzeptierte die Marianne Zwicknagl als einzige von all den Mädchen, die sie bis dahin kennengelernt hatte, und zwar "weil's net so o'gschmiert is wie alle anderen". Auch die CSU begrüßt diese Verbindung sehr, schon weil man als selbstverständlich annimmt, die Braut werde dank ihrer Vorbildung ein großes Haus elegant führen können.
Mariannes Leben verlief beschaulich, nur zweimal wurde sein geregelter Ablauf durch aufregende Erlebnisse unterbrochen: durch den Brand der "Kaiser-Brauerei" und - fast gleichzeitig - durch die kurzfristige Verhaftung des Vaters im Jahre 1937. Sie machte ihr Abitur am Schwabinger Maximilians Gymnasium, einer Knabenschule, die von Mädchen nur mit einer besonderen Erlaubnis des Kultusministeriums besucht werden darf. Die Schule ist bekannt für ihre hohen Anforderungen, auch Strauß entstammt ihr und hängt immer noch sehr an ihr. Die Anstalt und das von ihr vermittelte Bildungsgut sind heute noch ein stets beliebter Gesprächsstoff des Ministers.
Marianne studierte Volkswirtschaft und bestand in München ihr Diplom-Examen. Der Vater wollte, daß sie den Doktor-Titel erwerbe, aber sie widersetzte sich erfolgreich. Dann zog sie sich nach Rott zurück, um sich der Brauerei zu widmen. Sie steigerte den Absatz, vor allem den Vertrieb nach München. So oft sie erfuhr, daß an irgendeiner Ausfallstraße ein Kiosk oder eine Würstelbude eröffnet wurde, setzte sie sich auf ihre Vespa und überredete den Besitzer zu "Kaiser-Bier". So kommt es, daß dem Reisenden, der München mit dem Kraftwagen verläßt, überall "Kaiser-Bier" offeriert wird, während es in der Stadt dieses Getränk kaum gibt. In letzter Zeit managte Marianne die Brauerei ziemlich selbständig.
Die Braut ist von sanftmütig-heiterem Wesen, doch dahinter steckt unverkennbar Energie. Sie wirkt sehr fraulich, ist gescheit und gebildet und versteht sich zu unterhalten. Sie spricht ein Hochdeutsch, das leicht bayrisch gefärbt ist, und dürfte ihrem zukünftigen Ehemann nach dem Urteil derer, die sie und den Bräutigam kennen, geistig durchaus gewachsen sein.
Die Brautleute reisten nach Ostern in Italien umher, immer in Begleitung der Eltern. Die Hochzeit soll zu Pfingsten sein.
Die Eheleute haben drei Kinder: Straußens Braut Marianne ist das älteste, dann kommt Brigitte ("Gittil"), 25, die Anfang Oktober 1955 den Weingut- und Sekt-Kellereibesitzer Wilhelm Wasum zu Bacharach am Rhein heiratete, und Renate ("Schnecki"), 13, die derzeit in einem Institut erzogen wird.
Bräutigam Strauß, Sekretärin Bauer: Frauen sprachen mit...
... bei des Ministers Brautwahl: Beraterin Lammers, Braut Zwicknagl
Minister-Mutter Walburga Strauß*. Marianne wurde akzeptiert
* Mit Generalmajor Max Pemsel, Befehlshaber im Wehrbereich VI, an ihrem 80. Geburtstag.

DER SPIEGEL 18/1957
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STRAUSS-VERLOBUNG:
Pfingsten ist Hochzeit

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