01.05.1957

SPÄTHEIMKEHREREs mag eine Härte sein

Der Viehhändler Ludwig Gutmann, 54; aus Schwanfeld bei Schweinfurt, ist so unschuldig in Gesetzeslücken hineingestolpert, daß der Landgerichtsrat Lutz von der Kammer für Wiedergutmachung am Landgericht Würzburg sagte: "Die staatlichen Behörden hätten alle Veranlassung, zu verhindern, daß aus dem Fall ein Skandal wird."
Die Gutmanns betreiben im unterfränkischen Schwanfeld in der Nähe von Schweinfurt seit Generationen ein Viehhandelsgeschäft. Seit 1929 war Ludwig Gutmann Mitinhaber dieser Firma. 1938 kam er - seiner jüdischen Abstammung wegen - für vier Wochen ins Konzentrationslager Dachau. Im November 1941 schlugen die Nationalsozialisten endgültig zu. Sie deportierten ihn nach Skirotowa bei Riga und sperrten ihn in das Konzentrationslager Jungfernhof ein.
In seiner fränkischen Heimat ließ Ludwig Gutmann drei Wohnhäuser und 40 Ackergrundstücke zurück. In allem Unglück hatte Ludwig Gutmann doch noch etwas Glück. Seiner Fachkenntnisse wegen konnte er in Polen und Rußland als Vieheinkäufer fungieren. Als die deutsche Ostfront zusammenbrach, hielt er sich einige Tage verborgen, ließ sich von den Sowjettruppen überrollen und zeigte sich erst dann wieder.
Aber die Sowjetmenschen waren keineswegs bereit, ihn als einen Verfolgten zu betrachten, der gerade noch einmal den Gaskammern entkommen war. Sie verhafteten ihn, er kam vor ein Gericht und wurde wegen "Spionage" und als "allgemein gefährliches Element" zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Diese Strafe büßte Ludwig Gutmann zwischen dem 10. Juli 1944 und dem 10. August 1949 in verschiedenen sowjetischen Strafanstalten ab. Aber nach Hause kam er noch lange nicht. Er wurde in ein Zwangsarbeitslager gesteckt.
Das Gutmannsche Eigentum in der Heimat war während des Dritten Reiches arisiert und an Interessenten verkauft worden. Nach dem Kriege hätte Ludwig Gutmann wieder Anspruch auf sein weggenommenes Eigentum gehabt; er hätte diese Ansprüche aber bis zum 31. Dezember 1948 anmelden müssen, wie das Wiedergutmachungsgesetz es vorschreibt. Doch von der Sowjet-Union aus konnte Gutmann seine Rechte nicht wahrnehmen.
Deshalb kümmerte sich um sein Eigentum wie um alles herrenlose jüdische Eigentum die Jewish Restitution Successor Organization (IRSO).* Verwandte des Ludwig Gutmann, die in Amerika und Israel leben, versuchten zwar, termingemäß als Erben des Verschollenen Ansprüche anzumelden. Aber ihre Erbberechtigung wurde nicht anerkannt. Die IRSO waltete weiter als Treuhänder.
Im Jahre 1952 schloß die IRSO mit dem Freistaat Bayern einen Globalvertrag, durch den alle noch nicht befriedigten Wiedergutmachungsansprüche von Juden für 20 Millionen Mark von der IRSO auf das Land Bayern übertragen wurden. So wurde das Land Bayern an Stelle Ludwig Gutmanns Empfänger der Wiedergutmachungsleistungen, die von den jetzigen Besitzern des Gutmannschen Eigentums eingetrieben wurden.
Ein Jahr später, 1953, wurde Gutmann, der in einem sowjetischen Zwangsarbeitslager saß, amtlich für tot erklärt. Aber am 22. Juni 1955 lief bei der Würzburger Wiedergutmachungsbehörde ein Brief aus Israel von einem Abraham Gutmann ein, in dem es hieß:
"Ich erlaube mir, Ihnen mitzuteilen, daß mein Vetter Ludwig Gutmann, der ... als tot galt, in Rußland lebt. Sollten irgendwelche Parteien oder Organisationen Anspruch auf das Erbgut erheben, so möchten sie bitte in Kenntnis nehmen, daß Ludwig Gutmann in allernächster Zeit nach Deutschland zurückkommen wird und seine Besitzrechte erfechten wird."
Die Wiedergutmachungsbehörde in Würzburg, gezeichnet Dr. Haaf, antwortete darauf: "Da Herr Ludwig Gutmann persönlich seine Ansprüche nicht angemeldet hat... ist zur Durchführung des Rückerstattungsverfahrens allein die IRSO beziehungsweise jetzt auf Grund des Abtretungsvertrages der Freistaat Bayern zuständig. Dies mag für Herrn Ludwig Gutmann eine große Härte bedeuten. Aber an der Tatsache, daß die IRSO beziehungsweise der Freistaat Bayern nunmehr allein rückerstattungsberechtigt ist, läßt sich nichts ändern, da die rechtzeitige Anmeldung die Voraussetzung für die Geltendmachung eines Rückerstattungsanspruches ist und Herr Ludwig Gutmann die rechtzeitige Anmeldung seiner Ansprüche versäumt hat. Eine nachträgliche Anmeldung ist leider nicht möglich."
Abraham Gutmann in Israel ließ nicht locker und schrieb noch einmal an die Wiedergutmachungsbehörde in Würzburg: "Ludwig Gutmann war zur Zeit der Anmeldefrist als deutscher Kriegsgefangener in Rußland interniert, hatte also überhaupt nicht die Möglichkeit, in seiner Angelegenheit Schritte zu unternehmen. Es kann doch nicht möglich sein, daß er, wenn er heute nach vierzehnjähriger Gefangenschaft nach Deutschland zurückkehrt, nicht sein Recht wahrnehmen kann. Jedenfalls möchte ich den Antrag stellen, daß eine Entscheidung nicht vor seiner Rückkehr aus Rußland getroffen wird."
Die Wiedergutmachungsbehörde war aber keinesfalls gesonnen, auf den Spätheimkehrer Ludwig Gutmann zu warten. Das Recht stand ihr formal zur Seite, denn eine nachträgliche Anmeldung von derartigen Ansprüchen ist gesetzlich ausgeschlossen.
Der bayrische Staat schloß mit den jetzigen Besitzern des Gutmannschen Eigentums Vergleiche, obwohl er wußte, daß Ludwig Gutmann noch lebte. Am 4. August 1956 kehrte Gutmann nach Deutschland zurück.
Er wandte sich an den Bundespräsidenten mit der Bitte, ihm "in dieser für mich verzweifelten Lage" zu helfen. "Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, daß mein Elternhaus, in dem ich aufgewachsen bin, und daß das Elternhaus meiner Ehefrau rechtswidrig enteignet wurden und daß ich heute als Alleinerbe meines Vaters und meiner Ehefrau keinen Anspruch auf Rückübertragung dieses Grundbesitzes mehr haben soll."
Das Bundespräsidialamt gab die Petition an das Bundesfinanzministerium weiter, und von dort hörte der Spätheimkehrer: "Die Bundesregierung hat keine Möglichkeit, in ein Entschädigungsverfahren einzugreifen oder den Entschädigungsbehörden der Länder Weisungen zu erteilen."
Ludwig Gutmann machte außerdem die Probe aufs Exempel und verklagte die Witwe Emma Göb, die jetzt einen Teil des Gutmannschen Eigentums besitzt, auf Rückerstattung. Die Witwe Göb hatte das Grundstück 1940 von einem NS-Kreisamtsleiter Dr. Klein in Schweinfurt für 22 000 Mark erworben und sich am 3. Februar 1956 in einem Vergleich mit dem Freistaat Bayern verpflichtet, im Laufe von zehn Jahren weitere 15 000 Mark in Raten an das Land Bayern zu bezahlen.
Kurz vor Ostern hatte Ludwig Gutmann vor der Kammer für Wiedergutmachung am Landgericht Würzburg einen ersten Termin in dieser Sache. Der Landgerichtsrat Lutz trug dem Vertreter des Freistaats Bayern vor, er solle doch einmal ein Angebot machen, um den Fall außergerichtlich zu bereinigen. Aber der Staatsvertreter meinte, dazu liege überhaupt kein Grund vor.
So wird der Spätheimkehrer Ludwig Gutmann wohl niemals wieder zu seinem Eigentum kommen, weil er aus der sowjetischen Haft seine Ansprüche nicht fristgerecht zum 31. Dezember 1948 angemeldet hat.
* Erbe eines Verstorbenen, der von keinem Verwandten oder Ehegatten überlebt wird und kein Testament hinterlassen hat, Ist der Fiskus des Landes. Bei den verstorbenen Juden durfte jedoch nicht der Staat, sondern nur die Nachfolgeorganisation der Juden, die IRSO, die Erbmasse beanspruchen.
Geschädigter Gutmann
Acht Jahre zu spät zurückgekommen

DER SPIEGEL 18/1957
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