08.05.1957

... UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG

Der Protest der achtzehn deutschen Kernforscher ist die erste konsequente Aktion von Wissenschaftlern gegen die Früchte ihrer Entdeckungen. Die Politiker beharren darauf, daß H-Bomben ebensolche Waffen sind wie Pfeil und Bogen; die Entwicklung vom Maschinengewehr zur H-Bombe wird, in den Worten Außenministers von Brentono, mit der Umstellung vom Vorderlader auf den Hinterlader verglichen. Die Wissenschaftler halten dem entgegen, daß Waffen, die den eigenen Träger mit Sicherheit vernichten, eine neue Einstellung zur Politik nötig machen. Die SPIEGEL-Serie "... und führe und nicht in Versuchung" soll zeigen, daß die Wissenschaftler bislang nicht gut gefahren sind, wenn sie die Bedenkenlosigkeit der Politiker teilten. Die Serie macht deutlich, daß Ost und West an allen entscheidenden Stationen des atomaren Schreckens eine politische Moral an den Tag gelegt haben, die dem Endzeit-Charakter der neuen Vernichtungsmittel keineswegs entsprach.
Am Abend des 15. November 1944 stocherte ein rundlicher, mittelgroßer Mann von etwa 40 Jahren bei Kerzenschein in einem Stapel nichtaufgeräumter Papiere, die in einem Studierzimmer der bis zu diesem Tage "Reichs"-Universität Straßburg liegengeblieben waren. Der Mann trug amerikanische Uniform. Gefechtslärm drang von jenseits des Rheins herüber, brennende Depots stützten das Flackern des Talglichts. Während ein Assistent die gefundenen Papiere registrierte, murmelte der Mann in nicht akzentfreiem Englisch: "Well, jetzt ist der Krieg bald gewonnen."
Die beiden Männer saßen im Büro des außerordentlichen Professors für Physik Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker, der freilich ihr Kommen nicht abgewartet hatte. Sie konnten eine beruhigende Eilmeldung nach Washington aufsetzen. Aus den erbeuteten Unterlagen ging klar hervor, daß Hitlers so oft prophezeite "Wunderwaffe" jedenfalls keine Atombombe war.
Jahre hatten die von Hitler aus Europa vertriebenen "nichtarischen" Physiker wie im Fieber mit dem Bau einer apokalyptischen Waffe verbracht, immer in der wahnsinnigen Furcht, Hitler könne die von ihnen als möglich erkannte Bombe vor ihnen herstellen und in den Dienst seiner Welteroberung stellen. Hatte nicht ein Deutscher, Otto Hahn, der bekannteste Kernchemiker der Welt, die erste Spaltung des Uran-Atoms entdeckt? Waren nicht die Göttinger Physiker bis zum Jahre 1933 führend in der Welt gewesen? Schließlich war der Nobelpreisträger Werner Heisenberg Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, schließlich haftete seinem Lieblingsschüler von Weizsäcker der Ruf an, er beschäftige sich nur noch mit dem Sonderauftrag, die Uranbombe herzustellen.
Um festzustellen, wie weit Heisenberg und von Weizsäcker gekommen waren, stand man nun im Studierzimmer des Jüngeren, eines Mannes von damals 32 Jahren. Zwar, der gesuchte Wissenschaftler selbst war verschwunden, aber seine Aufzeichnungen ergaben klar: Die Deutschen hatten die Bombe nicht. Der Professor Samuel A. Goudsmit, so hieß der quicklebendige Mann in der amerikanischen Uniform und mit dem holländischen Akzent, hatte seinen Auftrag erfüllt, er nahm nun die Verfolgung des wissenschaftlich geschlagenen Gegners auf.
Ein gutes Dutzend Jahre später saß der gleiche Carl Friedrich von Weizsäcker, gewesener Professor für Physik in Göttingen, frisch nach Hamburg berufener Professor für Philosophie, im Palais Schaumburg zu Bonn am Rhein dem Kanzler gegenüber.
Neben von Weizäcker saß der 78jährige Otto Hahn, ein Mann, dessen moralische Integrität in der Welt so unbestritten ist, daß sich im schlimmsten Nachkriegsgetümmel keine ernsthafte Stimme dagegen erhoben, hat, dem Internierten den Nobelpreis des Jahres 1944 zu verleihen. Der agile, weltgewandte Diplomatensohn von Weizsäcker und der ehrwürdige, von der Verantwortung des Atomwissenschaftlers beladene Otto Hahn, ein Mann vom Zuschnitt Max Plancks, hatten sich zu einer gemeinsamen Tat verbunden. (Hahn: "Fragen Sie den Weizsäcker, der weiß über alles viel besser Bescheid.") In Otto Hahn hatte die Aktion der Achtzehn ihre moralische Mitte, in von Weizsäcker hatte sie
den Organisator und Sprecher. Weizsäcker: "Es war kein Reichstag zu Worms. Der Kanzler hat uns seine ehrlichen Absichten, atomar abzurüsten, überzeugend dargestellt. Wir haben ihm dargelegt, warum die Bundeswehr nach unserer Ansicht nicht mit Atomwaffen ausgerüstet werden sollte."
Der Vergleich mit Luthers, des Mönchleins "schwerem Gang" (Otto Hahn: "Ich habe wirklich Angst gehabt") war von Gegnern und Freunden der Göttinger Aktion tatsächlich herangezogen worden. Wie Luther die scholastische Einheit des Abendlandes durchbrochen (und damit unwissentlich der freien Wissenschaft zum Sieg verholfen) hatte, so schienen diese 18 Professoren das westlich abendländische Dogma von der atomaren Abschreckung, die Einheit des Abendlandes von Rom bis Washington, aufs Spiel zu setzen. Deutschland, die nach dem berühmten Dostojewski-Wort ewig "protestierende Macht", die der modernen Wissenschaft Geburtshilfe geleistet und sie führend bis an ihre Grenzen getrieben hatte, protestierte jetzt durch den Mund seiner Wissenschaftler gegen die scholastische Politik des Wettrüstens, die dem modernen Stand der Vernichtungswissenschaften nicht mehr angemessen sei. Kanzler Adenauer konnte nicht mehr reagieren wie Papst Leo X., er konnte die emanzipierten Wissenschaftler nicht zur Unterwerfung auffordern, und auch zum öffentlichen Disput war ihm nicht zumute Erreichbar war ein ausgleichendes Kommuniqué, um das Schisma zu verdecken. Ursprünglich hatte er nur die drei Göttinger Unterzeichner des Manifestes - Hahn, Heisenberg und von Weizsäcker - zu einer Güteverhandlung nach Bonn eingeladen*. In Göttingen schien ihm, nicht zu Unrecht, der Protest beheimatet. Dort war die Forderung, die Bundesrepublik solle den anderen kleinen Ländern mit einem freiwilligen Verzicht auf Atomwaffen voran gehen, erhoben worden. Und so waren es denn auch Hahn und von Weizsäcker, die dem Kanzler gegenüber als Sprecher fungierten, der Senior mit der unüberhörbaren, nun schon fast 20 Jahre getragenen Gewissensnot, der streitbare Genosse mit der im Dritten Reich gelernten Wendigkeit gegenüber der höheren Gewalt.
Es war Carl Friedrich von Weizsäcker, der das einleuchtendste Bild fand: Er erinnerte an den amerikanischen Studenten-Zeitvertreib, bei dem die Partner in ihren Autos mit Vollgas aufeinander los fahren. Verloren hat, wer als erster ausweicht. Wenn aber keiner rechtzeitig ausweicht, sind beide tot. Das atomare Wettrüsten, sagte von Weizsäcker, komme ihm vor wie diese Todesfahrten.
Der 78jährige und der 44jährige repräsentieren die breite Skala der Gewissensentscheidung, die den deutschen Forschern früher als irgendwelchen ausländischen Kollegen nahegebracht wurde. Zwar gilt das Wort Werner Heisenbergs, des Physikers, der am ehesten zum Vater einer deutschen Atombombe prädestiniert war: "Die äußeren Umstände haben uns die schwere Entscheidung, ob wir Atombomben herstellen sollten, aus der Hand genommen." Aber er selbst und Carl Friedrich von Weizsäcker haben eine Reihe von Jahren neben dieser schweren Entscheidung gelebt, sie waren mit ihr vertraut wie der Dauertodeskandidat Caryl Chessman mit dem elektrischen Stuhl.
Warum hat Hitler, der durch Verfolgung der "jüdischen Physiker" den Anstoß zum Bau der amerikanischen Atombombe gegeben hat, diese mörderische Waffe nicht selbst in die Hand bekommen? Warum haben die deutschen Wissenschaftler nicht mit derselben Intensität an dem Problem einer Uranbombe gearbeitet wie ihre früheren Studienkollegen aus den "glücklichen Göttinger Jahren" in Amerika? Stimmt das, was Otto Hahn laut "Daily Mail" in London erklärt haben soll: Ich habe mit der Atombombe nichts zu tun gehabt. Hitler hatte seine Wissenschaftler gefragt, was sie tun könnten, aber wir sagten ihm nichts." Hatte Nobelpreisträger Max von Laue, auch ein Gesprächsteilnehmer bei Kanzler Adenauer, 1941 recht, als er einem besorgten Physiker erklärte: "Eine Erfindung, die man nicht machen will, macht man auch nicht!" Hatte Heisenberg recht, als er einmal sagte: "Wir deutschen Gelehrten haben uns gehütet, unsere Geheimnisse Hitler preiszugeben."
Daß Otto Hahn mit der Atombombe nichts zu tun hatte, ist insofern richtig, als er in erster Linie Chemiker war, Kernchemiker; die Bombe aber konnten nur Physiker bauen. Und dennoch fangen die Gewissensskrupel der gesamten Wissenschaft angesichts der "gottähnlichen Erfindung" mit Otto Hahn an, der im Februar 1939 zu dem jungen Carl Friedrich von Weizsäcker sagte: "Wenn meine Entdeckung dazu führen sollte, daß Hitler eine Atombombe bekommt, bringe ich mich um."
Unter dem 22. Dezember 1938 hatte der am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem wirkende Professor der Chemie Otto Hahn einen Bericht veröffentlicht, dem zufolge die Atomkerne eines Stückchens Uran beim Beschuß mit Neutronen in zwei Teile zerlegt worden seien. Sie seien geplatzt. Zweifelnd fügte er hinzu, als "Kernchemiker" mache er diesem allen bisherigen Erfahrungen der Kernphysik widersprechenden Ergebnis gegenüber Vorbehalte. "Es könnte doch noch vielleicht eine Reihe seltsamer Zufälle unsere Ergebnisse vorgetäuscht haben."
Unabhängig von der Veröffentlichung dieses Berichtes in der ersten Januar-Ausgabe 1939 der Zeitschrift "Die Naturwissenschaften" hatte Hahn seine langjährige Mitarbeiterin Lise Meitner, die im Herbst 1938 das Land der "arischen Physik" hatte verlassen müssen und nun in Schweden lebte, über das Forschungsergebnis informiert. Sie erzählte davon ihrem Neffen, dem Physiker Otto Frisch. Theoretische Betrachtungen über den Aufbau der Atomkerne brachten die Tante und den Neffen zu der Erkenntnis, daß bei der Spaltung große Energiemengen frei werden müßten.
Zu den gleichen Ergebnissen kamen die beiden deutschen Forscher Flügge und von Droste, die unter dem 23. Januar 1939 in der "Zeitschrift für physikalische Chemie" behaupteten, bei der von Hahn und seinem Kollegen Straßmann entdeckten Kernspaltung würden Energiemengen frei, die zwanzig- bis dreißigmal so groß seien wie die, die bisher beim energiereichen Zerfallsprozeß radioaktiver Atomkerne beobachtet worden waren.
Die Entdeckung, daß eine Kettenreaktion zur Kernenergie-Gewinnung möglich sein mußte, kam schon wenige Wochen später: In Paris von dem Nobelpreisträger Joliot und seinen Mitarbeitern Halban und Kowarski, unabhängig von ihnen in den Vereinigten Staaten von dem Italiener Fermi und von dem Ungarn Szilard.
Die französischen und die amerikanischen Forschungsergebnisse beflügelten den Berliner Physiker Flügge zu der Frage: "Kann der Energie-Inhalt der Atomkerne technisch nutzbar gemacht werden?" Flügge entwarf bereits das Zukunftsbild eines Großkraftwerks, das mit 4,2 Tonnen Uran elf Jahre lang soviel Energie produzieren würde, wie die mit mitteldeutscher Braunkohle beschickten Reichselektrowerke damals jährlich erzeugten. Flügge war ein Schüler Otto Hahns.
"Wir leben sozusagen auf einer Insel von Schießbaumwolle", schrieb 1921 der deutsche Physiker und Nobelpreisträger Walter Nernst, auch ein "Göttinger", "für die wir Gott sei Dank das anzündende Streichholz noch nicht gefunden haben." Otto Hahn bekam nun ein Stückchen des Streichholzes zu fassen. In seiner Person wurde den Wissenschaftlern, die jahrhundertelang mit brennender Gier vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, zum erstenmal vor ihrer eigenen Gottähnlichkeit bange.
Innerhalb weniger Wochen erfaßten etwa 200 Kernforscher auf der ganzen Erde, in Japan wie in Princeton, in Kopenhagen wie in Göttingen, daß die Atombombe wahrscheinlich prinzipiell gebaut werden konnte. Man schrieb den Monat Juli im Jahre 1939. Der Vater des Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Ernst Freiherr von Weizsäcker, machte letzte Versuche, den zweiten Weltkrieg zu verhindern, indem er den Engländern eine unmißverständliche Warnung an Hitlers Adresse nahelegen ließ.
Wie kam der Physiker Flügge dazu, in Zeiten internationaler Hochspannung eine derartige Veröffentlichung in die Welt hinauszuposaunen? Er war nicht prominent genug, als daß man ihn ausdrücklich zur Verschwiegenheit aufgefordert hätte. Sein Kollege von Weizsäcker weiß heute nur eine Erklärung: Flügge habe unter Mißachtung der befohlenen Geheimhaltung die "Flucht nach vorn" gewählt, um die Weltöffentlichkeit auf die lauernden Gefahren und Möglichkeiten aufmerksam zu machen. Demnach hätte Flügge einen Ausweg gewählt, der den Klaus Fuchs später auf die Straße des Verrats führte.
Die deutschen Physiker lebten in einer ungleich anderen Landschaft als ihre auswärtigen und ihre emigrierten Kollegen. Waren die ausländischen Physiker geneigt, sich über die Gefahren des Atomzeitalters mit einem ."Gegen Hitler ist jedes Mittel recht" hinwegzutrösten, so liefen die deutschen Kernforscher Gefahr, eben diesem gewissenlosen Hitler den ganzen Schrecken auf einem Tablett ausliefern zu müssen.
Ihr Gewissen war geschärft, weil sie ihm täglich Gewalt antun mußten. Wenn der Physiker von Weizsäcker gefragt wird, warum er sich gegen den später von alliierter Seite erhobenen Vorwurf, er habe "mitgemacht", nicht zur Wehr gesetzt habe, so gibt er eine Antwort, die Millionen von Deutschen wohl anstehen würde: "Ich war nicht schuldlos genug, um mich freisprechen zu können, und nicht schuldig genug, um mich rechtfertigen zu müssen."
Die Physiker waren aber auch in einer anderen Lage als viele ihrer Landsleute. Hitler bedrohte den Kern ihres Wesens, ihren Drang nach objektiver Erkenntnis. Wie es für Furtwängler keine artfremde und artgemäße Musik gab, sondern nur gute und schlechte Musik, so gab es für die Physiker keine deutsche und keine jüdische Physik, sondern eben nur Physik. Unter den Schöpfern des modernen physikalischen Weltbildes waren aber nun besonders viele Juden und Halbarier - also mußte dieses Weltbild für Hitler falsch sein.
Auf den prominentesten jüdischen Wissenschaftler, Albert Einstein, richteten die Deutschtümler ihre albernen und gefährlichen Pfeile. Er hatte Berlin 1932 den Rücken gekehrt, der Mann, der Präsident Roosevelt den Gedanken der Atombombe als erster in einem Brief nahebringen würde. "Der Papst der Physik zieht um", kommentierte der französische Physiker Paul Langeyin, "Amerika wird bald das Zentrum der Naturwissenschaften sein, wie Avignon eine Zeitlang der Mittelpunkt der katholischen Kirche war."
In dem Alarmbrief, den Einstein 1939 an Roosevelt mehr unterschrieb als selbst schrieb, hieß es: "Wie ich höre, hat Deutschland tatsächlich den Verkauf von Uranerzen aus den von ihm übernommenen Bergwerken der Tschechoslowakei eingestellt. Daß Deutschland so frühzeitig eine solche Handlung vornimmt, läßt sich vielleicht dadurch erklären, daß der Sohn des deutschen Staatssekretärs von Weizsäcker dem Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin angehört." (Weizsäcker: "Ich habe gar nichts davon gewußt.")
Mit dem Namen Einstein vor allem verband sich die einmalige Anziehungskraft der modernen Physik der zwanziger Jahre. Sie war die Königin der Wissenschaften geworden. Nirgend sonstwohin drängten sich so viele brillante junge Leute, und das Mekka der modernen Physik war die kleine Stadt Göttingen.
Heinrich Heine hatte in den "Bädern von Lucca" gespottet, der Unterschied zwischen Bologna und Göttingen bestehe darin, daß es in Bologna die kleinsten Hündchen, aber an der Universität die größten Geister gäbe, wohingegen in Göttingen die größten Hunde und die kleinsten Geister. Heine schrieb die "Bäder von Lucca" im Jahre 1829. Der mannhafte Protest der Göttinger Sieben vom Jahre 1837 hätte ihn wohl um vieles freundlicher gestimmt. Für den großen Gauß, der den Ruf der naturwissenschaftlichen Fakultät Anfang des vorigen Jahrhunderts begründete, hatte Heine nichts übrig.
Kurz nach dem ersten Weltkrieg galt Gottingen als die Königin aller naturwissenschaftlichen Fakultäten. Kaum ein Name, der mit dem Bau der Atombombe verquickt ist, fehlt in den Göttinger Annalen. Da war der junge Ungar Edward Teller, dem eine Straßenbahn in München den Fuß abgefahren hatte, der spätere Promoter der Wasserstoffbombe. Da war Enrico Fermi, später der bedeutendste Helfer Oppenheimers beim Bau der ersten Atombombe, Fermi, der die erste Kettenreaktion zustande brachte. Da war Tellers späterer Gegenspieler "Oppie" selbst, Sohn eines deutschen Auswanderers, aber er selbst schon berechtigt, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, da er in Amerika geboren war. Der gelehrtenhaft aussehende Studiker promovierte in Göttingen mit Auszeichnung.
Da war der junge Assistent Werner Heisenberg, der mit 26 Jahren ordentlicher Professor und mit 32 Jahren Nobelpreisträger wurde, immer noch mit Schillerkragen und in einer halben Wandervogelkluft - nicht zu vergessen den Österreicher Fritz Houtermans, der 1927, während eines Spazierganges auf den Hainberg, die Idee faßte, daß die Sonnenenergie durch die Verschmelzung von leichten Atomen entstehen müsse, womit er den Grundstein zu Tellers H-Bombe legte.
Houtermans erzählt: "Ich ging am Abend, nachdem wir unseren Aufsatz abgeschlossen hatten, mit einem hübschen Mädchen spazieren, und als es dunkel geworden war, gingen die Sterne nacheinander prächtig auf. 'Sieh mal, die Sterne!' rief meine Begleiterin. Ich aber brüstete mich ein wenig und sagte: 'Ich weiß seit gestern, weshalb sie blinken.' Sie zeigte kein Zeichen von Bewegung. Vermutlich war ihr meine Entdeckung in diesem Augenblick ganz gleichgültig." Houtermans war es, der später einmal nach einer Odyssee durch sowjetische Gefängnisse im Zwangsdienst des Reichspostministers Ohnesorge die seltsame Aufgabe bekam, eine Extra-Atombombe für die Post und für den Führer zu bauen.
Über das Göttinger Elysium freier, genialischer Gedanken brach die wissenschaftliche Barbarei der braunen Herren desto fühlbarer herein. Hitler war kaum Reichskanzler, da wurden sieben Mitglieder der naturwissenschaftlichen Fakultät telegraphisch beurlaubt.
An den Nobelpreisträger James Franck, einen der nobelsten Geister unter den nicht immer noblen Kernphysikern, wagten sich die Nazis noch nicht recht heran, weil er zu bekannt war. Der aufrechte Mann trat im April 1933 demonstrativ und aus Solidarität zurück - sein Name ist mit, dem Franck-Report ehrenvoll verbunden, der den Präsidenten der USA beschwor, die Atombombe nicht auf japanische Städte zu werfen.
Der beurlaubte Göttinger Mathematiker Courant wies darauf hin, daß er sich im Weltkrieg einen Bauchschuß und eine Gasvergiftung geholt hatte - vergebens. Die ebenfalls vergebliche Eingabe zu seinen Gunsten trug die Unterschriften der Nobelpreisträger Max Planck, Max von Laue und Werner Heisenberg. Als der verbliebene Mathematiker Hilbert vom Reichskultusminister Rust gefragt wurde, ob das Universitäts-Institut denn wirklich so sehr unter dem Auszug der Juden gelitten habe, antwortete der alte Recke: "Gelitten? Das jibt es doch jar nicht mehr."
Die Vertriebenen hatten ihre Zuflucht in Kopenhagen, wo der große Niels Bohr wirkte, der dafür sorgte, daß sie auf Kosten der Atomfamilie eine Verschnaufpause bekamen. Niels Bohr hatte durch das von ihm erdachte Atom-Modell die Lawine der modernen Atom-Forschung ausgelöst. Er hatte während eines Vortragszyklus in Göttingen bei den sogenannten "Bohr-Festspielen" des Jahres 1921 den denktüchtigen Knaben Werner Heisenberg für die Atom-Physik gewonnen und hatte sich in ihm seinen Lieblingsschüler herangezogen. Bohr, der seine wahrhaft erleuchtenden Gedanken infolge Nuschelns nur langwierig verständlich machen konnte, ertrug nicht nur Widerspruch selbst von den jüngsten Leuten, er verwirrte auch die ältesten Professoren durch die Konzilianz seines Urteils. Wenn er "very, very interesting" sagte, so war das gleichbedeutend mit einer vernichtenden Kritik. Heisenberg ließ kaum ein Jahr, verstreichen, ohne Kopenhagen für einige Wochen einen Besuch abzustatten oder wenigstens mit dem verehrten Lehrer zum Schilaufen zu fahren.
"Weiße Juden"
In Kopenhagen lernte der vierzehnjährige Carl Friedrich von Weizsäcker 1926 den Bohr-Assistenten und Lektor für theoretische Physik Werner Heisenberg kennen. Heisenberg verkehrte im Hause des damaligen Gesandtschaftsrates Ernst Freiherr von Weizsäcker, eines Sohnes des letzten Ministerpräsidenten im Königreich Württemberg. Der letzte König von Württemberg hatte seinen Freund 1916 in den Freiherrnstand erhoben.
Die Weizsäckers und ihre Schwäger haben sich freilich mehr in Kultur und Wissenschaft als in der Diplomatie umgetan. Ein Bruder des späteren Staatssekretärs war der kürzlich verstorbene Viktor von Weizsäcker, der bedeutendste Repräsentant der "psychosomatischen Medizin". Vom Vater hat Carl Friedrich von Weizsäcker den "Weizsäcker-Mund", die bogenförmig herabreichenden Mundwinkel, die beim Lachen in die gewinnenden Züge der Mutter umschlagen. Tatsächlich ist Carl Friedrich von Weizsäcker ein Mann mit zwei völlig verschiedenen Gesichtern, die sich nur auf der Brücke zwischen Ernst und Lachen miteinander vereinbaren lassen (siehe Titelbild).
Der Lektor Heisenberg sagte zu dem Schüler von Weizsäcker: "Wenn Sie mal Philosophie studieren wollen, müssen Sie auch Physik treiben. Das erste ist heutzutage ohne das zweite unvollständig. Physik muß man aber als ganz junger Mann anfangen. Philosophieren dagegen kann man bis ins hohe Alter."
Was Wunder, daß es den Studenten von Weizsäcker sechs Jahre später zu Niels Bohr nach Kopenhagen zog. Dort traf er auf den aus Deutschland eben emigrierten, um vier Jahre älteren Edward Teller. Die beiden wurden Freunde; der Mann, der später die Wasserstoffbombe baute, und der Mann, der die Atombombe entgegen den Befürchtungen seines früheren Freundes nicht baute. Beide hatten, wie Robert Oppenheimer, schöngeistige Interessen. Bei Carl Friedrich von Weizsäcker gehen diese sogar so weit, daß unter dem Pseudonym Michael Munk in Göttingen ein Theaterstück über Hiroshima auftauchte; es hieß "Das waren einmal Menschen", und ein nicht verifizierbares Begleit-Gerücht wollte wissen, Weizsäcker habe hier dem Dramatiker Carl Zuckmayer ("Das kalte Licht") Konkurrenz gemacht.
Unglücklicherweise wurde der zwanzigjährige von Weizsäcker wie viele junge Leute vom Nationalsozialismus damals nicht völlig abgestoßen. Er glaubte, die "Bewegung" könne sich noch wandeln und erneuern. Auch sein Vater glaubte das noch; denn der Röhm-Putsch, der den Adel in die Schuld des Systems verstrickte und der ihm doch gleichzeitig die Augen über das System öffnete, war noch nicht geschehen. Teller nahm dem Freund seine idealistischen Verirrungen nicht übel; denn beide gehörten sie ja noch zur großen Atomfamilie. Nur, sechs Jahre später erinnerte sich Teller seines früheren Freundes, von dem es nun hieß, er sei in Hitlers wissenschaftliche Kriegsmaschine eingestiegen. Teller hielt es für möglich, daß Weizsäcker, der übrigens nie PG wurde, mit aller Macht auf eine Uranbombe lossteuere, und drängte die amerikanischen Behörden, Hitler zuvorzukommen. Nun gehörte die Atomfamilie nicht mehr zusammen.
Natürlich hatten es die in Deutschland gebliebenen Familienmitglieder schwer, ihren amerikanischen Freunden verständlich zu machen, warum sie im Lande blieben. Ihre Erklärungen dazu lesen sich in der Tat reichlich matt. Dem Nobelpreisträger Max von Laue glaubte man, daß er nur blieb, weil er der Meinung war, die im Ausland freien Lehrstühle müßten den rassisch verfolgten Professoren vorbehalten bleiben. Laut Weizsäcker hat Heisenberg durch sein Bleiben "dazu beitragen wollen, daß die deutsche Physik durch die Katastrophe, die er wohl sah, hindurch gerettet würde". Aber was waren das für Zeiten, in denen man sich dafür rechtfertigen mußte, daß man seinem Vaterland nicht den Rücken kehrte!
Überhaupt verstanden die draußen die drinnen nicht mehr. Wenn Heisenberg als "weißer Jude" und als "Ossietzky der Physik" im Schwarzen Korps angeprangert wurde, dann stellte sich plötzlich Himmler schützend vor Heisenberg, weil er den berühmten Mann für sein "Ahnenerbe" zu gewinnen hoffte, um ihn dort mit den Phantasten von der "Welteislehre" in Kontakt zu bringen. Heisenberg, dem der Weltanschauungs-Spinner Rosenberg schon 1934 bescheinigt hatte, "unglücklicherweise" könne man ihn nicht entlassen, "was sicher erwünscht wäre", hatte einen Draht zur Mutter des sogenannten Reichsführers.
Der Draht funktionierte, jedoch ermahnte Himmler den Professor unter dem 21. Juli 1938 in einem Postskriptum: "Ich halte es allerdings für richtig, wenn Sie in Zukunft die Anerkennung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse von der menschlichen und politischen Haltung des Forschers klar vor Ihren Hörern trennen." Natürlich ging es wieder einmal um Einstein.
Der wendige Weizsäcker fand die Kompromißformel: "Die Relativitätslehre wäre auch ohne Einstein gefunden worden, aber sie ist nicht ohne ihn gefunden worden."
Diplomatische Überbrückungsformeln waren nicht seine einzige Spezialität. 25 Jahre alt, fand er die "Weizsäcker-Formel" für den Energie-Inhalt der Atomkerne, die heute in jedem Lehrbuch der Kernphysik einen prominenten Platz einnimmt. Die Erforschung der Kernverschmelzung im Inneren der Sterne verschaffte dem jungen Mann internationales Renommee.
Im Sommer 1939 reiste Werner Heisenberg in die Vereinigten Staaten. Man bot ihm eine Professur an. Aber obwohl er den Ausbruch des Krieges für sicher und die Niederlage Deutschlands für höchst wahrscheinlich ansah, wolle er nach Hause zu "seinen netten jungen Physikern". Er wollte mithelfen, "das Gute zu bewahren". Nach dem Kriege würden Leute wie er in Deutschland gebraucht. Am Michigansee traf Heisenberg mit Enrico Fermi zusammen. Er traf ihn im Hause eben jenes aus Holland stammenden Professors Goudsmit, der sich wenige Jahre später, so große Mühe geben sollte, Weizsäcker und Heisenberg in Straßburg und Hechingen zu fangen.
Rückblickend bemerkt Heisenberg: "Im Sommer 1939 hätten noch zwölf Menschen durch gemeinsame Verabredung den Bau von Atombomben verhindern können." Man darf zweifeln, ob solch eine Verabredung möglich gewesen wäre. Aber unzweifelhaft rangierten Fermi und Heisenberg ihrer Bedeutung nach unter diesen zwölf.
Gestellungsbefehle für Forscher
Als Heisenberg zu Hause ankam, waren die Dinge schon ohne sein Zutun weiter gegangen. Der Hamburger Professor Paul Harteck hatte das Reichskriegsministerium im April 1939 darauf hingewiesen; daß mit Hilfe der Kernspaltung die Herstellung neuartiger, höchst explosiver Sprengstoffe möglich geworden sei. Karteikarten wurden ausgefüllt, und der Krieg war genau acht Tage in Gang, da bekam der erste wehrpflichtige- Atomforscher, Heisenbergs Assistent Dr. Bagge aus Leipzig, seinen Gestellungsbefehl, der ihn zu den Fahnen des Heereswaffenamtes nach Berlin einberief.
Der Weg des militärischen Gestellungsbefehls wurde etwas sinnloserweise gewählt, denn natürlich hätte man die benötigten Forscher auch auf andere Weise pünktlich versammeln können. Aber nach den in Deutschland üblich gewordenen Methoden schien dies, wie ein Referent des Heereswaffenamts sich ausdrückte, "der einfachste Weg". Ältere und jüngere Physiker, darunter der 50jährige Bothe mit einem Holzbein, erschienen mit ihren Soldatenköfferchen in Berlin, da sie ja keine Ahnung hatten, was mit ihnen geplant war. Erleichtert erfuhren sie, daß es um eine Arbeitssitzung und um einen Forschungsauftrag ging.
Am 26. September 1939 einigten sich im Heereswaffenamt zu Berlin neun Kernphysiker darauf (Heisenberg und von Weizsäcker waren nicht unter ihnen), mit der Arbeit an der Kernenergie-Erzeugung zu beginnen. Es war die Gründungsstunde des "Uran-Vereins",bei der Professor Geiger, der Schöpfer des ominösen Zählers, sagte: "Meine Herren, wenn auch nur die geringste Spur einer Chance besteht, daß eine Energiegewinnung auf diesem Wege möglich ist, dann müssen wir sie unter allen Umständen verfolgen."
Aber um mit Uran zu experimentieren, mußte erst genügend vorhanden sein. Es stellte sich schnell heraus, daß fast alles zu Kriegsbeginn in Deutschland vorhandene Uranoxyd von einer anderen Heeresstelle angekauft worden war, zur Fertigung panzerbrechender Geschosse. Rund vier Wochen später trafen sich die Mitglieder des "Uran-Vereins" wieder; diesmal waren auch Weizsäcker und Heisenberg dabei. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin-Dahlem wurde zum wissenschaftlichen Zentrum der neuen Forschung gemacht. Dabei war eine personelle Schwierigkeit zu überwinden. Der Direktor des Instituts war der seit 1909 in Deutschland wirkende Holländer Pieter Debye. Er wurde nun aufgefordert, entweder Deutscher zu werden oder sich doch wenigstens durch eine publizistische Arbeit unmißverständlich auf die Seite des kriegführenden Dritten Reiches zu schlagen. Debye lehnte ab. Er benutzte eine Einladung zu Gastvorlesungen nach Amerika, um sich endgültig vom Dritten Reich zu trennen.
Kommissarischer Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts würde der Oberregierungsrat Dr. Diebner, der Unterabteilungsleiter für Kernphysik und kosmische Strahlen in der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes. Diebner, heute Leiter einer Apparatebaufabrik in Hamburg, ist einer der ganz wenigen tätigen Kernforscher, die zur Unterschrift unter das Manifest der Achtzehn nicht aufgefordert worden sind. Sein Bett-Nachbar aus dem Camp, Professor Bagge, war gerade in Frankreich, als der Aufruf verabredet wurde. Beide haben zusammen in Rowohlts "Enzyklopädie" ihre Erlebnisse mit dem Atom beschrieben*.
Diebner macht kein Hehl aus den Enttäuschungen, die ihm nicht erspart blieben. Er berichtet, es sei im Heereswaffenamt häufig nicht leicht gewesen, "von seinen Amtsgenossen ernst genommen zu werden. ... Mehr als einmal waren Stimmen zu hören: 'Ihre Kernphysik wird nie eine praktische Anwendung finden. Schon als die Dinge im Sommer 1939 immer mehr darauf hindeuteten, daß eine Kernenergieverwertung in sichtbare Nähe gerückt war, meinte der für die Kernphysik zuständige Abteilungsleiter seinem Referenten gegenüber: 'Ach, hören Sie mir doch mit Ihrer Atomkackerei auf!'"
Dieser Vorgesetzte war der Oberst Erich Schumann (Weizsäcker: "Ein höchst mittelmäßiger Physiker, aber ein amüsanter Intrigant"), der zwar einen Lehrauftrag an der Berliner Universität hatte, wissenschaftlich aber vornehmlich durch eine Arbeit über die Schwingungen von Klaviersaiten hervorgetreten war - er war ein Nachfahre des Komponisten. Er besorgte seinem Mitarbeiter Diebner einen geeigneten unterirdischen Laborarbeitsplatz auf dem Schießplatz Kummersdorf, dicht bei Berlin, und beim Einmarsch der deutschen Truppen in Paris war er einer der ersten, die das Joliot-Curie-Institut aufsuchten, um das für die Kernforschung geeignete Material zu beschlagnahmen. Später avancierte er zum technisch-wissenschaftlichen Berater des Generalfeldmarschalls Keitel, in welcher Position er den Krieg angenehm überstand.
Diebners Klage, daß die Physiker nicht recht ernst genommen worden seien, wird verständlich, wenn man bedenkt, wie jung etwa Bagge und Weizsäcker waren: beide wenig über 25. Die Kapazität Heisenberg zählte bei Kriegsausbruch ganze 37 Jahre. Außerdem hatten die deutschen theoretischen Physiker, anders als ihr Kollege Fermi, im praktischen Experimentieren keine sonderlichen Erfolge zu verzeichnen. Cum grano salis ging das sicher boshafte Scherzwort, diese jungen Leute hätten ihre Retorten vornehmlich zum Teekochen benutzt.
Mit der kommissarischen Betrauung Diebners geriet das Kaiser-Wilhelm-Institut, diese Dahlemer Klientel Niemöllerschen Sonntagsgeistes, unter die Fuchtel des Heereswaffenamtes. Die cliquenbewußten Physiker wie Weizsäcker und Wirtz wollten natürlich ihren Heisenberg wiederhaben, der auf dem Umweg über ein halbes Jahr Beratungstätigkeit Direktor wurde, Nachfolger des abgegangenen Holländers Debye.
"Um Debyes Recht nicht zu schmälern", bemerkte Weizsäcker etwas spitzfindig, "nannten wir Heisenberg 'Direktor am Institut' und nicht 'Direktor des Instituts'."
Jetzt wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Hatte Heisenberg die Möglichkeit, daß Atombomben schon im kommenden Krieg verwendet werden könnten, im Sommer 1939 "sicher nicht ernstlich" ins Auge gefaßt, wie er selbst sagte, so wurden nun handfeste Berechnungen mit dem Ziel angestellt, herauszubekommen, ob eine Kettenreaktion überhaupt möglich sei. Man hatte, wie Diebner und Bagge schreiben, "den Wunsch, so schnell wie möglich voranzukommen". Die Auer-Gesellschaft stellte Uranoxyd und Uran her, die in Norwegen erbeutete Produktionsstätte Rjukan stellte das zu den Experimenten benötigte "schwere Wasser".
Wieder verknüpfen sich bedeutende Ergebnisse mit den Namen Heisenberg und Weizsäcker. Heisenberg entwickelt die Theorie des Uran-Meilers, in dem die Kettenreaktion unter Kontrolle gehalten wird, im Gegensatz zur Uran-Bombe, bei der die lawinenartig anschwellende Kettenreaktion zur Explosion führt. Weizsäcker wies nach, daß in einem Uran-Meiler eine ganz neue Substanz entstehen könne, die als Sprengstoff zu verwenden sei.
Heisenberg und Weizsäcker, die im Jahre 1957 feierlich erklären, sich an der Herstellung von Kernwaffen keinesfalls beteiligen zu wollen, leisteten in den Jahren zwischen 1939 und 1941 Arbeiten, die auch unerläßlich gewesen wären, wenn man sich mit allem Ernst auf die Herstellung einer Atombombe konzentriert hätte. Weizsäcker heute: "Wir wollten wissen, ob Kettenreaktionen möglich wären. Einerlei, was wir mit unseren Kenntnissen anfangen würden - wissen wollten wir es."
Weizsäcker räumt ein, daß er damit ein gefährliches Spiel eingegangen sei. Denn wer bürgte den Physikern dafür, daß ihre Forschungsergebnisse ihnen nicht eines Tages aus der Hand genommen würden? Weizsäcker war damals, im Gegensatz zu Heisenberg, noch nicht davon überzeugt, daß Deutschland notwendig die Partie verlieren müsse - "wie in einem Schachendspiel, in dem der Gegner einen Turm mehr hat" (Heisenberg). Die Konsequenzen atomarer Forschungen mußten ihm demgemäß noch ungewisser erscheinen. Allerdings half ihm sein gesundes Selbstbewußtsein, das ihm sagte: "Wenn wir die Bombe nicht bauen, tut es in Deutschland so leicht niemand."
Weizsäcker sagt selbst: "Wenn wir unter dem direkten Befehl gestanden hätten, eine wissenschaftlich und technisch als möglich erkannte Bombe zu bauen, wer weiß, ob wir uns diesem Befehl hätten entziehen können." Aber der russische Wunderphysiker Kapitza hatte sich doch lieber von Stalin verbannen lassen, als an der Bombe zu arbeiten, und er hatte sich noch 1947 geweigert, bei der Wasserstoffbombe mitzuhelfen? "Kapitza", sagt Weizsäcker, ja, das ist ein Bursche aus einem anderen Holz. Der läßt sich lieber in Stücke spalten, ehe er etwas tut, was er nicht will." Dieser exzentrische, aber hochbegabte Sohn eines zaristischen Generals war von den Sowjets 1934 bei einem Besuch in Rußland festgehalten und in einem goldenen Experimentierkäfig eingesperrt worden. Nach anderer Lesart, die man im Verteidigungsministerium zu Bonn vertritt, hat er sich auch "nur" geweigert, an dem Zünder der Wasserstoffbombe zu arbeiten. Immerhin geweigert, und das zu Stalins Lebzeiten. Außer dem Remigranten Kapitza gab es nur einen Forscher, der sich von Anfang an weigerte, irgend etwas für die kriegsbestimmte Forschung zu tun: Der Emigrant Max Born in Edinburgh, der Vater der Göttinger Talent-Riege. Der 1954 mit dem Nobelpreis Bedachte lebt heute in Bad Pyrmont, sein Name steht unter dem Göttinger Manifest.
In "Heller als tausend Sonnen", dem übersichtlichen und anschaulichen Atombuch von Robert Jungk, wird Heisenbergs und Weizsäckers damalige Haltung so beschrieben, als hätten sie ihre Versuchsreihen nur unternommen, um sicher zu sein, daß auch die Amerikaner keine Atombomben entwickeln können. Diese Version mag nach außen hin benutzt worden sein, aber sie kann kein wirkliches Motiv enthalten. Sie scheint ein wenig zu sehr auf ihre Pointe zugeschnitten. Einmal unterschätzten die deutschen Physiker das theoretische Potential und die technischen Mittel, die den Amerikanern verfügbar waren - wie umgekehrt die Amerikaner die Möglichkeiten und den Willen in Deutschland überschätzten. Weizsäcker: "Wir hielten die wirkliche Herstellung einer Atombombe auch in USA für so gut wie ausgeschlossen."
Das dornige Problem ist schwerlich so bewußt ins Auge gefaßt worden. Es ist psychologisch unglaubhaft, daß die führenden Mitglieder des "Uran-Vereins" unter Gleichgesinnten die Parole ausgegeben hätten, man wolle "die Regierungsstellen mehr und mehr von der Möglichkeit der Bombe ablenken", wie Jungk es darstellt. Wahrscheinlich ist, daß man sich auf die Entscheidung, solange sie nicht sichtbar vor einem lag, zutreiben ließ, in der stillen Hoffnung, der Kelch werde vielleicht von selbst vorübergehen.
Auf die Gewissensfrage; ob seine innere Einstellung zur Bombe sich geändert haben würde, wenn er die amerikanischen Vorbereitungen gekannt hätte, antwortet Weizsäcker: "Ich will hoffen, mehr kann ich wirklich nicht sagen, ich will hoffen, daß Heisenberg, Wirtz und ich dann die andere Seite hätten wissen lassen: Wir bauen die Atombombe nicht, baut ihr sie auch nicht."
Im November 1941 ergab sich die Gelegenheit, solche Gedanken anzubringen. Heisenberg reiste nach dem besetzten Kopenhagen, um einen Vortrag zu halten. Natürlich benutzte er die Gelegenheit, um seinen verehrten väterlichen Freund und Lehrer Niels Bohr zu besuchen, der, obwohl "Halb-Arier", aufgrund seines internationalen Rufes ziemlich unbehelligt geblieben war. Niels Bohr hatte seine goldene Nobel-Medaille beim Einmarsch der Deutschen in eine Säureflasche geworfen, in der sie sich aufgelöst hatte. Nach dem Krieg wurde das Gold rückverwandelt und neu gegossen.
Die Kopenhagener Reise rangiert in der Rückschau unter dem Stichwort "Friedensfühler". Der Besuch endete mit tiefer Enttäuschung. Auf einem Empfang, der zu Ehren Heisenbergs in Kopenhagen stattfand, hatte der Gast den deutschen Angriff auf Polen verteidigt, so wenigstens war es Niels Bohr zugetragen worden. Heisenberg hatte das, was seine Freunde Tarnung nennen, wohl etwas zu weit getrieben, jedenfalls hatte Bohr kein Verständnis für solch ein Doppelspiel. Er ließ Heisenberg fühlen, daß sein Land sich im Krieg mit Deutschland befinde. Dazu Weizsäcker: "Wir dachten, wir könnten ihm noch als Heisenberg und Weizsäcker gegenübertreten, aber damit war es vorbei. Wenn ich Bohr erzählt hätte, daß mein Vater und ich Geheimnisse voreinander hatten, damit wir im Falle einer Verhaftung durch die Gestapo nicht mit gefährlichem Wissen belastet gewesen wären, er hätte mich nicht verstanden."
Heisenberg kam nicht dazu, seine große Offerte zu machen: Baut ihr sie nicht, dann bauen auch wir sie nicht. Er verzichtete darauf, den Lehrer am Rock zu packen und den Panzer des Mißtrauens mit einer offenen frontalen Darlegung zu durchstoßen. Hier zeigten sich die Grenzen des Zwei-Schulter-Tragens, des Doppelspiels, des "Das-Schlimmere-verhüten-Wollens". Bohr mißtraute seinem begabtesten Lieblingsschüler gnadenlos. Hier zeigt sich aber auch, daß Heisenberg für seine Handlungen im Kriege, wie immer man sie beurteilen will, keine andere Rechtfertigung geltend machen kann als die des unpolitischen Fachmanns, der sich aus der Politik ausgeklammert hofft. Das einzige Mal, wo er politisch hätte handeln können und sollen, verzichtete er darauf, seinen Auftrag auch nur über die Lippen zu bringen. Hier liegt bei manchem der Achtzehn das Motiv, nicht ein zweites Mal zu schweigen, da man doch glaubt reden zu müssen.
Heisenberg traf Bohr nach dem Krieg auf einer Tagung in Amerika. Er suchte Kontakt, um das alte Verhältnis wiederherzustellen und seine Haltung während des Krieges womöglich zu erläutern. Der alte Mann hob nachsichtig freundlich beide Arme und wehrte mit unüberhörbarer Bestimmtheit ab: "Sie müssen mir gar nichts erklären. Ich will nichts wissen. Im Krieg steht jeder auf seiten seines Vaterlandes." Betrübt gab Heisenberg es auf.
Der Besuch in Kopenhagen hatte, wie Heisenberg gleich hinterher argwöhnte, die Sache bei Bohr nur verschlimmert. Da Bohr den Bau einer Atombombe in der Praxis noch für unmöglich hielt, hatte Heisenberg ihm entschieden und eindringlich klarzumachen versucht, daß solch ein Projekt in naher Zukunft möglich sei, eindringlicher, als es dem Stand der deutschen Vorbereitungen entsprach. Bohr entnahm daraus, daß die Deutschen im Begriff seien, die Bombe zu bauen, und daß Heisenberg sich gleichsam dafür entschuldigen wollte. 1943 kramte er aus seinem Eisschrank eine Flasche mit "schwerem Wasser", stopfte sie in seine Manteltasche und entwich nach Schweden. Während der Zwischenlandung in England, auf dem Wege nach Amerika, entdeckte er, daß er kein "schweres Wasser", sondern eine Flasche mit gutem dänischem Bier mitgenommen hatte. Die Flasche im Eisschrank wurde von dänischen Freunden sichergestellt. In New York angekommen, drängte Niels Bohr die Männer des Uran-Projektes unter Hinweis auf die deutschen Anstrengungen, sich zu beeilen.
Fortsetzung folgt.
* Weitere Konferenzteltnehmer, außer Hahn und von Weizsacker: Professor Gerlach, der letzte Leiter des deutschen Uran-Projektes während des Krieges, sowie Max von Laue und Riezler. Heisenberg hatte sich krank gemeldet.
* Erich Bagge, Kurt Diebner, Kenneth Jay: "Von der Uranspaltung bis Calder Hall"; Rowohlts Deutsche Enzyklopädie, Rowohlt Verlag, Hamburg; 95 Seiten; 1,90 Mark.
Gesprächsteilnehmer Gerlach, Weizsäcker, Hahn: Schwerer Gang ins Kanzler-Palais
Heisenberg: "Zwölf Männer hätten die Bombe verhindern können"*
Atom-Spalter Hahn, Lise Meitner (1929) "Wenn Hitler die Bombe bekommt...
Emigranten-Papst Einstein ... bringe ich mich um"
Niels Bohr: Schweres Wasser in der Manteltasche
* Ullstein-Foto nach der Verleihung des Nobelpreises 1932.

DER SPIEGEL 19/1957
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