15.05.1957

DIE BOMBE IM SCHIFF

In der Atomdebatte des Deutschen Bundes tags am Freitag letzter Woche kam es zwischen dem sozialdemokratischen Wehrexperten Fritz Erler und dem Bundeskanzler zu einer Diskussion Über die Erklärung Konrad Adenauers vom 5. April: "Die taktischen Atomwaffen sind im Grunde nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie, und es ist ganz selbstverständlich, daß bei einer so starken Fortentwicklung der Waffentechnik, wie wir sie leider jetzt haben, wir nicht darauf verzichten können, daß unsere Truppen auch jetzt bei uns - das sind ja besondere normale Waffen in der normalen Bewaffnung -, die neuesten Typen haben und die neueste Entwicklung mitmachen."
Diese Kanzler-Erklärung hatte den Appell der achtzehn Atomforscher ausgelöst.
Abg. ERLER, SPD: Und nun noch einmal zu den sogenannten kleinen Atomwaffen Der Herr Bundeskanzler hat einmal gesagt, am 5. April in einer Pressekonferenz, das sei ja nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie.
(Unruhe)
Meine Damen und Herren, entschuldigen Sie, bei allem Respekt auch vor Leistungen einer starken Persönlichkeit, Herr Bundeskanzler, diese Äußerung, die deutet entweder in dieser Frage auf einen laienhaften Unverstand oder auf eine gewollte Fehlunterrichtung der Öffentlichkeit hin. Und beides ist gleich schlimm.
Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland zu diesem Problem einen Aufstand des Gewissens erlebt. Achtzehn Forscher haben sich geäußert Sie wissen alle, in welcher Richtung Der Herr Bundeskanzler hat am 12. April dazu gesagt:
"Wenn die Wissenschaftler sagen, ein kleines Land wie die Bundesrepublik schütze sich am besten, wenn es freiwillig auf Atomwaffen verzichte, dann hat eine solche Erklärung mit physikalischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen nichts zu tun. Sie ist rein außenpolitischer Natur. Zu ihrer Beurteilung muß man Kenntnisse haben, die diese Herren nicht besitzen, denn sie sind nicht zu mir gekommen."
Meine Damen und Herren, dafür haben aber jene 18 Wissenschaftler offenbar wenigstens gewußt, was dem Herrn Bundeskanzler nicht bekannt war, welche; Auswirkungen taktische Atomwaffen haben, sonst hätte er nicht von der Fortentwicklung der Artillerie gesprochen.
Dr. ADENAUER, Bundeskanzler: Meine verehrten Herren, Herr Erler hat versucht - ich habe es aufgeschrieben, was er gesagt hat, es war wenig schmeichelhaft für mich, ich werde es also noch einmal durchlesen - er hat gesagt, dem Sinne nach Entweder die Erklärung, die der Bundesminister (der Kanzler meint sich selbst - Red.) abgegeben hat über die Weiterentwicklung der Artillerie, war eine bewußte Irreführung der öffentlichen Meinung, oder aber es war ein Zeugnis, daß er von der ganzen Sache keinen blauen Dunst hat.
(Unruhe)
Also, meine Herren, er hat das Wort Dunst nicht gebraucht. Gut. - Meine Damen und Herren, ich möchte zunächst aber hier betonen - und das nehme ich für mich allerdings in Anspruch -, daß ich genau so gut wie Sie und genau so gut wie Herr Erler die tiefe Gewissensnot fühle, in die diese Waffenentwicklung jeden 'gebracht hat, der irgendwie mit der Politik etwas zu tun hat.
(Beifall)
Und, meine Damen und Herren, wie ich zu dieser Äußerung gekommen bin, das will ich Ihnen auch erklären.
Es ist sicher einem Teile von Ihnen bekannt, daß der erste Gedanke, die Atomspaltung zur Herstellung einer Waffe zu benutzen, von Einstein gekommen ist, und daß Einstein -
(Unruhe)
lassen Sie mich doch aussprechen, meine Damen und Herren, ich sage ja nichts gegen Einstein -, und daß Einstein, meine Damen und Herren, einen Brief damals an den Präsidenten Roosevelt geschrieben hat, in dem er ausgeführt hat, man sei jetzt zur nuklearen Spaltung gekommen, es werde möglich sein, eine Kettenreaktion herzustellen; und daraus werde sich dann weiter die Möglichkeit einer Konstruktion einer furchtbaren Waffe ergeben
Das war während des Krieges damals, und dann - und deswegen zitiere ich das - hat er ausgeführt, allerdings werde diese Waffe, diese Bombe so groß sein, daß sie von keinem Flugzeug mehr befördert werden könne, sondern daß sie nur befördert werden könne durch ein Schiff.
Aber wenn dieses Schiff - wir waren damals ja im Kriege - in einen feindlichen Hafen einlaufe, dann werde durch die Explosion dieser Hafen zerstört werden. Das, meine Damen und Herren, waren die Ansichten, die man damals hatte über die Größen der Bomben, daß sie überhaupt nur befördert werden könnten noch durch ein Schiff.
Und Sie wissen, meine Damen und Herren, insbesondere weiß das auch Herr Erler - aus der Zeitung sicher -, daß zur Zeit die Amerikaner damit beschäftigt sind, nachdem sich die Unbeweglichkeit der Achtundzwanzig-Zentimeter-Geschütze ergeben hat, ein Geschütz zu konstruieren von zwanzig Zentimetern, mit dem sowohl atomare Bomben wie andere Bomben gefeuert werden können.
Warum sage ich Ihnen das? Das sage ich Ihnen, damit ich nicht durch Herrn Erler vor der ganzen deutschen Öffentlichkeit entweder als ein Träumer und Phantast oder als ein Mann dargestellt werde, der bewußt die Öffentlichkeit irreführt

DER SPIEGEL 20/1957
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