15.05.1957

DER FURCHT SO FERN, DEM TOD SO NAH'

Zwei Tage lang, vom 30. Juni morgens um zehn bis zum 2. Juli morgens um sieben, regierte 1934 in Deutschland der Mord von Staats wegen - die amtliche Version lautete: "Röhm-Putsch". SS und Geheime Staatspolizei füsilierten die Anführer der SA oder schlugen sie tot. Konservative und katholische Oppositionelle, mißliebige Generale und politisch neutrale Bürger verfielen persönlicher Rache - unter dem Deckmantel der Feme des Staates. Die Reichswehr stand Schmiere. Das Heer bot den Exekutionskommandos in seinen Kasernen Quartier und lieferte ihnen die Mordwerkzeuge, Gewehre und Pistolen. Die Generale wähnten sich als Sieger, derweil die SA-Führer im Salvenfeuer der SS -Pelotons starben. Tatsächlich jedoch war Hitler, als er in der Nacht zum 2. Juli befahl, das Feuer einzustellen, der unumschränkte Herr des Reiches und der Reichswehr. Ausschnitte aus diesem exemplarischen Staatsverbrechen werden jetzt vor dem Schwurgericht München und dem Landgericht Osnabrück angeleuchtet, wo die SS-Führer Dietrich, Lippert, von Woyrsch und Müller-Altenau wegen Teilnahme an den Exekutionen auf der Anklagebank sitzen. Dieser SPIEGEL-Bericht soll die Hintergründe und den Gesamtablauf jener Ereignisse zeigen, die Hitler dazu verhalfen, die Alleinherrschaft über den Staat, die Armee und die Partei an sich zu reißen.
"Jede revolutionäre Bewegung kommt mit einer Avantgarde von Prätorianern zum Sieg, die dann nicht mehr brauchbar und nur noch gefährlich sind. Der wirkliche Herr zeigt sich in der Art, wie er sie verabschiedet, rücksichtslos, undankbar, nur auf sein Ziel blickend, für das er die richtigen Männer erst zu finden hat." Oswald Spengler, 1933
"Der Furcht so fern, dem Tod so
nah! Heil dir, SA!"
Joseph Goebbels
Die Fackeln des 30. Januar 1933 waren verglommen, die braune Macht begann sich in der Reichskanzlei zu etablieren, auch in den Länderregierungen und den Polizeipräsidien Die SA, die Sturmabteilung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, hatte nichts mehr zu
erstürmen; kein Straßenkampf mehr, keine Saalschlacht. Hitler, nun Reichskanzler, brauchte sie nicht mehr; er konnte sich jetzt auf eine andere bewaffnete Macht stützen, die Reichswehr. Wozu war die SA noch nutze ?
Die SA-Führer wußten schon etwas: Die SA müsse "das Heer der deutschen Revolution" werden. So war es in öffentlichen Reden zu hören. Die 100 000-Mann-Reichswehr solle um 200 000 SA-Leute ergänzt und so auf jenen Rüstungsstand gebracht werden, den die Abrüstungskonferenz des Genfer Völkerbundes dem Deutschen Reich stillschweigend zugebilligt hatte.
Im Verhältnis zu der Gesamtzahl von 200 000 SA-Rekruten sollten entsprechend viele SA-Führer und -Unterführer mit gleichwertigen Offizier- und Unteroffizier -Diensträngen in die Reichswehr übernommen werden. Das Oberkommando über die 300 000 Mann solle an Hitlers alten Kampfgenossen fallen, an den SA -Stabschef Ernst Röhm, den Mann, der den Politiker Hitler gestartet hatte. Röhm müsse gleichzeitig Reichsverteidigungsminister werden, forderten die SA-Führer.
Ernst Röhm und Adolf Hitler duzten einander von Anfang an. Der Hauptmann Röhm hatte den Gefreiten Hitler im Jahre 1919 zum Bildungsoffizier des Schützenregiments München ernannt. Röhm war es auch, der den Adolf Hitler in eine Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei schickte mit der Weisung, Hitler solle dort Mitglied werden, falls diese Partei den Erwartungen entspreche, die man in den "Vaterländischen Verbänden" an sie geknüpft hatte. Sie entsprach den Erwartungen.
Beim Hitler-Putsch 1923, der vor der Münchner Feldherrnhalle zusammengeschossen wurde, war der Generalstabs-Hauptmann Röhm dabei. Er hatte seinen Eid gebrochen und den Putsch militärisch arrangiert. Eigenartigerweise war es dieser Umstand, der Adolf Hitler gegen seinen Förderer und SA-Stabschef mißtrauisch machte. Später meinte Hitler:
"Ich bin glücklich darüber, daß sich die Reichswehr vor 1933 nicht auf meine Seite geschlagen hat. Denn das Wesen einer Wehrmacht ist Gehorsam und konservativer Sinn. Von einer Wehrmacht, die damals ihren Eid nicht gehalten hätte, müßte ich womöglich auch heute Untreue befürchten." Hitler verübelte dem Stabschef, daß er, der Offizier, den Putsch seines Führers mitgemacht hatte.
Nach 1933 hatte Hitler von der Reichswehr aber keineswegs wirkliche Untreue zu befürchten, und im Ernst natürlich auch nicht von der SA. Fürchten mußte er die explosive Rivalität zwischen der - grauen und der braunen Armee; denn die Versuche, sie zu einer Zusammenarbeit zu bringen, waren wenig fruchtbar.
Zwar wurden SA-Führer und -Unterführer von der Reichswehr auf ihren Truppenübungsplätzen ausgebildet und zu diesem Zweck sogar in Heeresuniform gesteckt. Aber als im Frühjahr 1933 der General von Fritsch, damals Wehrkreisbefehlshaber IHM, und der Berliner SA -Gruppenführer Ernst gemeinsam zwei SA-Kompanien auf dem Truppenübungsplatz Zossen besichtigten, wurde alsbald klar, daß dieses Verschmelzungsexperiment nicht gut gehen würde. Als Fritsch die SA-Leute nach ihrem Beruf und ihren Berufswünschen fragte, belferte Ernst dazwischen: "Das könnte Ihnen so passen, Herr General, unsere besten Männer wegzuschnappen. Die haben für den Führer die Macht erobert; die sind viel zu schade für ihre langweilige Firma. Holen Sie Ihre Rekruten aus Hinterpommern. Dort haben Sie sie ja auch bisher bezogen. Diese Berliner SA -Männer bleiben bei mir." Der verdutzte Fritsch starrte sprachlos durch sein Monokel, so war er sein Leben lang noch nicht angesprochen worden. SA-Gruppenführer Ernst fragte grinsend einen SA-Scharführer: "Willst du unter die Fuchtel von Sülznase?" Antwort:
"Nein, Gruppenführer, ich möchte in Ihre Stabswache."
Sülznase war der Spitzname der Berliner SA für den Reichswehrminister von Blomberg. Fritsch brach die Besichtigung ab. SA-Gruppenführer Ernst lud die SA -Rekruten zum Saufen in die Kantine ein.
Das Klima war und blieb frostig. Als Hitler und Göring im Juli 1933 den Reichswehrminister von Blomberg drängten, er möge SA-Führer als Offiziere in der Reichswehr verwenden, lehnte Blomberg ab. Er bot seinen Rücktritt an.
Der Kontakt wurde - notgedrungen - aber doch enger: Das Reichswehrministerium befürchtete Ende 1933, nachdem Deutschland aus dem Völkerbund ausgetreten war, die Franzosen könnten als Sanktionsmaßnahme in das Rheinland einmarschieren. Das war der Grund, dessentwegen der Generalstabschef des Heeres, Generalleutnant Beck, der SA den Auftrag gab, die wehrtauglichen Bewohner der linksrheinischen Gebiete zu erfassen und im Konfliktsfall über den Rhein nach Osten zu transportieren. Außerdem wurde die SA beauftragt, gemeinsam mit der preußischen Landespolizei-Inspektion West auf dem Westufer des Rheins an den Hauptflußübergängen Brückenköpfe zu besetzen und gegen die etwa vorrückenden Franzosen zu halten. Die Oberste SA -Führung kaufte für ihre Brückenkopf-Verbände Gewehre in Argentinien und Belgien. Da für diese Waffen keine Ersatzteile vorhanden waren, befahl der Generalstabschef Beck dem Heereswaffenamt, die SA mit deutschen Gewehren auszustatten.
Freilich hat die SA gelegentlich auch Schwierigkeiten mit der Reichswehr:
Es geschieht, daß den Abwehrchef des Wehrmachtamtes im Reichswehrministerium, den Kapitän zur See Patzig, eine Meldung erreicht, die geeignet ist, das Mißtrauen der Reichswehr gegen die SA kräftig zu schüren. In der Meldung heißt es, ein Güterwaggon mit Waffen, der aus Danzig komme, habe die Zollstelle in Stolp passiert. Die Waffen seien für München bestimmt. Da ein derartiger Transport weder für die Reichswehr noch für die Polizei avisiert ist, kommt als Empfänger nur die SA in Frage. Patzig wird daraufhin beim Reichsinnenminister Frick vorstellig und bittet, die Angelegenheit zu prüfen. Vor allem müsse man herausfinden, wer die Devisen für den Ankauf der Waffen im Freistaat Danzig bewilligt habe. Frick sagt, dies sei nicht seine Angelegenheit, sondern Sache Görings. Die Devisen sind, wie sich herausstellt, vom Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, Reinhardt, bewilligt worden. Auf Veranlassung des Generalmajors von Reichenau, Chefs des Wehrmachtamtes, wird die Waffenlieferung schließlich in München beschlagnahmt und an Heeres-Zeugämter übergeben.
In den SA-Waffenmeistereien aber und bei den Gruppenstäben lagern genug andere Waffen, die aus erbeuteten KPD-, "Stahlhelm"- und Grenzschutz-Beständen stammen.
Noch sah es so aus, als ob es doch gelingen würde, die SA in den Staat einzubauen und ihr echte Aufgaben zu geben. Am 1. Dezember 1933 war der SA-Stabschef Röhm sogar Reichsminister ohne Geschäftsbereich geworden.
Nun drohte ihm und seiner SA aber nicht nur Mißgunst aus dem Reichswehrministerium. Der königlich bayrische Hauptmann Röhm war auch für Hitlers Partei-Paladine - Heß, Göring, Ley, Goebbels und Himmler - schon deshalb eine latente Gefahr, weil er als Stabschef der SA über eine Hausmacht gebot, die im Frühjahr 1934 über vier Millionen Mann stark war. Zu Freunden, die sich über Hitlers Laschheit beschwerten" sagte Röhm im Frühjahr 1934: "Ich werde Adolf befreien von diesen minderwertigen Kreaturen, von diesen Göring, Goebbels, Rosenberg und Ley"
Als Goebbels nach 1933 um seine Aufnahme in die SA nachsuchte, entschied Röhm: "Einen Klumpfuß kann ich nicht gebrauchen." Auf einer SA-Kundgebung in den Festsälen am Berliner Zoo wurde das Spruchband entfaltet: "Lügen haben kurze Beine. Die Lüge hat ein kurzes Bein."
Durch seine geradezu sprichwörtlichen Affronts machte sich Röhm nach und nach bei allen höheren Funktionären unbeliebt. Der SS-Führer Himmler haßte seinen Vorgesetzten Röhm - die SS war damals noch eine Untergliederung der SA -, besonders wegen einer alten persönlichen Sache. Der Agrarstudent Himmler hatte am 9. November 1923 die Fahne des Bundes "Reichskriegsflagge" - Chef des Bundes: Hauptmann Röhm - getragen und dabei eine so unglückliche Figur gemacht, daß Röhm ihn noch nach 1933 damit aufzog. Den Hermann Göring nannte Rühm "korrupt". Er sagte öfter: "Dieser Morphinist bereichert sich an unserer Revolution." Goebbels wurde von Röhm ein "politischer Pimpf" genannt.
Röhm war anspruchsloser und gerader als die anderen Paladine Hitlers, aber auch in seiner Persönlichkeit gab es einen Bruch. Er war, ob in Uniform oder Zivil, stets mit äußerster Sorgfalt und Eleganz gekleidet. Er liebte Pferde und ritt leidenschaftlich gern. An der Wand seines Schlafzimmers hing sein Sattelzeug, dessen Geruch er nachts nicht entbehren mochte. Außerdem verstand er sich darauf, nach raffiniertesten Rezepten zu kochen.
Sein Gesicht war von kosmetischen Mitteln immer leicht gerötet, seine Hand manikürt. Im Jahre 1931 hatte die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin gegen Röhm ein Ermittlungsverfahren aufgrund des Paragraphen 175 eingeleitet. Das Verfahren mußte eingestellt werden, nachdem klar war, daß Röhms Verhalten von der damals gültigen Fassung dieses Paragraphen nicht erfaßt wurde. Die Oberste SA-Führung engagierte nach 1933 eigens einen Rechtsanwalt, der die Aufgabe hatte, Erpresserbriefe an Röhm zu beantworten, was in schärfster ablehnender Form geschah.
Gelegentlich wurden Leute, die Röhm wegen seiner fatalen Neigungen erpressen wollten, auch auf rigorosere Art stumm gemacht. Als ein Diplom-Ingenieur Dr. Bell aus seiner verflossenen Liebschaft mit dem Stabschef Kapital zu schlagen versuchte, erteilte der Chef des Sicherheitsamtes der SS in München, Reinhard Heydrich, dem Führer der Stabswache Röhm, Standartenführer Uhl, den Befehl, jenen Dr. Bell totzumachen. Uhl führte den Befehl aus; in Münchner Parteikreisen war er als Vollstrecker partei-interner Femesprüche bekannt.
Kriegskameraden Röhms sahen den Grund für die Irrungen des SA-Stabschefs in der Verwundung, die er 1914 beim Sturm auf die Höhe 290 bei St. Mihiel erwischt hatte. Dort zerfetzte ein Infanteriequerschläger das Gesicht, auch das Nasenbein Röhms. Die Experimente der Lazarettärzte, jenen Schaden durch eine Plastik zu beheben, gelangen nur unvollkommen. Röhms Gesicht blieb entstellt, wodurch Röhm, der seine Mutter abgöttisch liebte, allen anderen Frauen gegenüber gehemmt war. Nachdem in den Jahren 1931 und 1932 Liebesbriefe. Röhms an den Arzt Dr. Heimsoth publiziert worden waren, hatten die alten NS-Genossen ihren Führer am Stammtisch im Münchner Café Heck bedrängt, man müsse den Röhm - der gerade aus Bolivien zurück war, wo er von 1928 bis 1930 militärische Instruktionsdienste geleistet hatte - doch wieder wegschicken. Hitler antwortete: "Das mag schon sein, daß die Briefe stimmen. Das kommt eben davon, wenn einer lange in den Tropen lebt, dann kriegt er einen Tropenkoller. Wir müssen Ernst Röhm in eine neue Umgebung setzen. dann gibt sich das." Es gab sich nicht.
Als Hitler die Macht ein Jahr lang im Griff hatte, im Januar 1934, fand der Reichswehrminister von Blomberg; man müsse nun doch wohl klare Verhältnisse mit der SA schaffen. Er befahl dem Generalstabschef des Heeres, Generalleutnant Beck, in Verhandlungen mit der Obersten SA-Führung die Aufgaben festzulegen, die von der SA "im Auftrage und unter der Dienstaufsicht der Reichswehr" zu lösen seien. Als Verhandlungsziel nannte Blomberg: "Die SA bekommt keinerlei selbstverantwortliche Aufgaben, nichts, was in die Bereiche Führung, Ausbildung, und Organisation (Mobilmachung) fällt."
Ernst Röhm war freilich keinesfalls gesonnen, sich so ohne weiteres beiseitestellen zu lassen Schon kurz darauf, im Februar 1934, traf er sich mit dem französischen Botschafter Francois-Poncet, dem französischen Militärattaché in Berlin, Brigadegeneral Rénondeau und dem britischen Militärattaché, Colonel Thorne, rund sprach über seine wehrpolitischen Pläne.
Er wollte aus der SA eine 300 000 Mann starke Miliz aufbauen, die neben der Reichswehr stehen müsse. Er ventilierte
bei seinen diplomatischen Gesprächspartnern ein Militärbündnis des Deutschen Reiches mit England und Frankreich, während er keine Zweifel daran ließ, daß ihm an einer militärischen Verbindung mit den Italienern, den "Katzlmachern-", keineswegs gelegen sei. General Rénondeau zeigte sich von Röhms Plänen durchaus angetan und verhieß dem SA-Stabschef das Einverständnis seiner Regierung mit dessen Absichten, die sich von Hitlers Wehr- und Bündnis-Konzept deutlich abhoben.
Auch über die "Judenfrage" hatte Röhm eigene Ansichten: "Rasse - das ist doch alles Mist. Wer garantiert mir denn, daß in den Kirchenbüchern alles richtig notiert ist?" Röhms einschlägiges Programm: Alle Juden, die nach dem 9. November 1918 aus Osteuropa eingewandert waren, sollen ausgewiesen werden, und- zwar in dem Besitzstand, in dem sie eingewandert waren. Alle anderen Juden sollen als Reichsbürger in Deutschland bleiben, aber zu bestimmten Berufen (Bankier, Arzt, Rechtsanwalt, Richter, Staatsanwalt, Universitätsprofessor) nur begrenzt zugelassen werden. Deutsche jüdischen Glaubens, die in der Armee gedient haben, sollen volle Staatsbürgerrechte genießen; verwundete und dekorierte. Kriegsteilnehmer sollen, dieselben Vorrechte haben, die Staatsbürgern anderen Glaubens zuteil werden.
Röhm hegt auch den Gedanken, die Monarchie neu zu errichten. In den ersten beiden vor 1933 erschienenen Auflagen seines Buches "Die Geschichte eines Hochverräters" schwärmt er für die Wittelsbacher und die Hohenzollern. Aber mit diesen Ideen kann er bei Hitler genausowenig zum Zuge kommen wie mit seinen militärischen Vorstellungen.
Am 28. Februar 1934 unterschreibt er zusammen mit dem Reichswehrminister von Blomberg und dem Heeres-Chef von Fritsch einen Vertrag, nach dem die SA ausschließlich vormilitärische Ausbildungsaufgaben habe und außerdem die aus dem aktiven Wehrdienst ausgeschiedenen Reservisten organisatorisch erfassen solle, beides ausdrücklich nur "im Auftrage und unter der Dienstaufsicht" der Reichswehr.
Bei der Vertragsunterzeichnung hält Hitler im Reichswehrministerium vor den Wehrkreisbefehlshabern des Heeres und den höheren SA-Führern seine erste wehrpolitische Programm-Rede. Er verwirft Röhms Miliz-Projekt - das freilich mehr zur Verteidigung denn zum Angriff zu gebrauchen ist - als untauglich, da die technische Entwicklung, besonders die Kraftfahrtechnik, Ansprüche an den Soldaten stelle, die nur nach intensiver Ausbildung im Rahmen der- allgemeinen Wehrpflicht bewältigt werden können. Hitler: "Es ist mein fester Entschluß, das deutsche Heer der Zukunft wird ein motorisiertes sein."
Und: "Wer mir bei dieser, meiner historischen Aufgabe der Wehrhaftmachung der deutschen Nation in den Arm fällt, den werde ich zerschlagen."
Nach der Rede Hitlers gibt die Oberste SA -Führung in ihrem Berliner Stabsquartier den Befehlshabern der Reichswehr ein Frühstück. Die Atmosphäre ist eisig. Nachdem die Generale das Stabsquartier verlassen haben, macht sich der Ärger der SA-Führung über den Vertrag mit der Reichswehr und die Rede Hitlers Luft. Einer von ihnen, der SA-Obergruppenführer Lutze, berichtet anschließend dem Generalmajor von Reichenau, Chef des Wehrmachtamtes im Reichswehrministerium, Röhm habe nach dem Weggang der Generale gedroht: "Was der idiotische Gefreite erzählt hat, geht uns gar nichts an. Adolf muß mindestens auf Urlaub. Wir machen so weiter wie bisher." Reichenau schickt Lutze zu Heß und Hitler. Der Führer antwortet: "Wir müssen die Sache ausreifen lassen."
Von diesen Zuträgerdiensten seines Obergruppenführers Lutze an die Reichswehr wußte Röhm nichts. Er fühlte sich stark wie je: "Mir kann nichts passieren. Wenn man mich anfaßt, dann marschieren Hunderttausende los." Den Führer Adolf Hitler nennt Röhm in kleinerem Kreise wechselweise "Adolf", "Primadonna", "Idiot" und "größenwahnsinnig". Röhms Redensart:
"Der Adolf spinnt, der spinnt komplett."
Im Reichswehrministerium kursiert eine zweite Röhm-Parole: "Der graue Fels (Reichswehr) muß in der braunen Flut (SA) untergehen." Derartige Redereien gegen alles und jeden machen dem Ernst Röhm keine Freunde. So beginnt Anfang März das große Spiel der Reichswehr mit der SS, mit Göring und mit Goebbels. Sie alle finden, daß der machtbewußte Röhm verschwinden sollte, samt seiner SA -Führerclique. Aber Röhms Gegner lassen alles - wie der Führer es wünscht - ausreifen.
Am 2. März 1934 schreibt der Reichswehrminister von Blomberg an Hitler einen Brief, dessen Inhalt sich auf gefälschte Nachrichten des SS-Sicherheitsdienstes stützt: "Ich fühle mich verpflichtet, nochmals auf die Bedeutung der bewaffneten Stabswachen der SA hinzuweisen. Nach einem Befehl des Stabschefs soll jede Obergruppe und jede Gruppe sich eine bewaffnete Stabswache mit schwerer Maschinengewehr-Kompanie bilden. Ein derartiges Verhalten macht alle Vorsicht der Wehrmacht und der von ihr beeinflußten Krüger -Lager (SA-Wehrschulen mit Reichswehr -Ausbildern) innerhalb der neutralen Zone illusorisch."
Die Münchner SS übt Anfang Juni in Planspielen eine Aktion gegen die Münchner SA-Führer. Der SS-Sturmbannführer Eicke. Kommandant des Konzentrationslagers Dachau, entwirft eine "Reichsliste" aller unerwünschten Personen. Der SS -Obersturmführer Ilges vom Sicherheitsamt der SS prahlt: "Wissen Sie, was Blutrausch bedeutet? Ich habe das Gefühl, in Blut waten zu dürfen."
Himmler, der Inspekteur der Gestapo, und Heydrich, der Chef des Gestapo -Amtes Berlin und des Sicherheitsamtes der SS, überarbeiten die "Reichsliste", auf der verzeichnet steht, wer bei passender Gelegenheit verhaftet werden soll. Der oberste Gestapo-Chef Göring und Generalmajor von Reichenau billigen die Liste. Reichswehrminister Blomberg erklärt ausdrücklich, er sei mit der Verhaftung des Reichskanzlers, Reichswehrministers und Generals der Infanterie a.D. von Schleicher einverstanden.
Schleicher hatte zwar mit Röhm nichts zu tun, aber er hatte am 28. Januar 1933, dem Tage, an dem sein Kabinett demissionierte, die Parole ausgegeben:
"Wenn Hitler die Diktatur errichten will, dann wird die Reichswehr die Diktatur in der Diktatur sein." Nach diesem Rezept hatten sich Schleicher und der Chef der Heeresleitung, General von Hammerstein, sogar noch am 29. Januar 1933 um das Wehrressort in einem Kabinett Hitler bemüht. Bei dem Abschiedsessen, das Schleicher seinen Reichswehr-Mitarbeitern Mitte März 1933 im Schöneberger Ratskeller gab, hatte der gestürzte Kanzler doziert: "Wenn Hitlers Kurs zu weit nach rechts geht, dann drücken Sie leicht auf die linke Schulter. Geht der Kurs zu weit nach links, drücken Sie auf die rechte Schulter." General von Schleicher glaubte nicht, daß er sich bei seinen öffentlichen Äußerungen über die Nationalsozialisten besondere Beschränkungen auferlegen müsse. Er sprach von der "Verbrechergesellschaft" und den "Strichjungs". Er empfahl: "Man müßte das ganze Nest in der Wilhelmstraße ausheben." Derartige Bemerkungen fielen beispielsweise in einer Schneiderboxe des "Deutschen Offizier-Vereins", der auch prominente Berliner SA- und SS-Führer zu seinen Kunden zählte. Schleicher hatte nicht begriffen, daß der Regierungsauftrag an Hitler keinerlei Ähnlichkeit mit den bis dahin üblichen Kabinettswechseln hatte.
Mitte Juni kundschaftet ein Kommando der Berliner Gestapo-Zentrale in Neubabelsberg die Umgebung des Schleicherschen Hauses aus.
In Münster (Westfalen) ereignet sich um diese Zeit ein merkwürdiger Vorfall: Bei dem Chef des Stabes des Wehrkreiskommandos Münster, dem Obersten Franz Halder, erscheint ein Mann in der Uniform eines SA-Obergruppenführers und erklärt, er sei für die Übernahme der Reichswehr durch die SA, die demnächst vonstatten gehe, zum Nachfolger Halders als Chef des Stabes im Wehrkreis Münster ausersehen. Er bitte Halder, ihn einzuweisen. Halder lehnt ab, fährt- nach Berlin und berichtet dem Heeres-Chef von Fritsch. General von Fritsch antwortet, er habe schon Kräfte für eventuell erforderliche Gegenmaßnahmen bereitgestellt.
Es ist sicher, daß der Mann in der Uniform des SA-Obergruppenführers - der übrigens seinen Namen nicht nannte, als er Halder besuchte von Gestapo-Heydrich geschickt worden war, um die Reichswehr gegen die SA einzunehmen.
Patzigs ominöser Fund
Es ereignen sich noch andere Merkwürdigkeiten. Am 23. Juni morgens findet der Chef der Abteilung Abwehr im Wehrmachtamt des Reichswehrministeriums, Kapitän zur See Patzig, ein Schriftstück auf seinem Schreibtisch, einen Befehl Röhms an seine SA-Gruppenführer, sich zu bewaffnen, da der Zeitpunkt jetzt dafür gekommen sei. Patzig versucht zu ermitteln, woher dieser SA-Geheimbefehl kommt. Seine Nachforschungen bleiben ohne Ergebnis. Nicht einmal die Sekretärin im Vorzimmer kann Auskunft geben, wer das ominöse Schriftstück auf den Schreibtisch des Abwehrchefs praktiziert hat. Nichtsdestoweniger legt der Kapitän Patzig diesen sogenannten Geheimbefehl Röhms am 26. Juni dem Generalmajor von Reichenau vor der daraufhin sagt: "Jetzt wird es aber höchste Zeit."
Einmal gibt es eine Panne in diesem Spiel, das von Reichenau gemeinsam mit Himmler und Heydrich getrieben wird, um die Reichswehr, gegen die SA aufzuwiegeln. Der Feldmarschall von Kleist, 1934 Wehrkreiskommandeur in Breslau, hat den Vorgang 1946 in einer Erklärung für das Internationale Militärtribunal in Nürnberg dargelegt: "Etwa am 24. Juni 1934 erhielt ich als der Kommandeur in Schlesien vom Chef der Heeresleitung die Warnung vor einem nahe bevorstehenden
Angriff der SA auf die Truppe und die
Weisung, die Truppe möglichst unauffällig bereit zu halten.
"Während der nächsten Spannungstage liefen bei ir eine Fülle, von Meldungen und Nachrichten ein, die das Bild einer fieberhaften Vorbereitung der SA gaben. Diese Nachrichten stammten aus den verschiedensten- Kreisen (Truppe, SA, alter Stahlhelm, SS, Zivil und Behörden). Trotz aller Zurückhaltung der Truppe entstand so eine gefährliche Spannung in den einzelnen Garnisonen zwischen ihr und der örtlichen SA. Es genügte ein Funke, um das - Pulverfaß hochgehen zu lassen.
"In dieser Lage sah ich in einer offenen Aussprache von Mann zu Mann das letzte Mittel, einen blutigen Zusammenstoß abzuwenden.
"Ich bat daher am 28. Juni nachmittags den SA-Obergruppenführer Heines zu mir, sagte ihm seine Vorbereitungspläne auf den Kopf zu und warnte ihn.
"Er antwortete, auch er kenne alle meine Maßnahmen, und er habe sie als Vorbereitung zu einem Überfall auf die SA gewertet und sich nur abwehrbereit gemacht. Er gab mir sein Ehrenwort als Offizier und SA-Führer, daß er keinen Überfall auf die Truppe geplant und vorbereitet habe.
"In der Nacht vom 28. zum 29. Juni rief er mich noch einmal an. Er sagte etwa, das Bild habe sich für ihn geändert. Er habe eben erfahren, daß die Truppe nicht nur in Schlesien, sondern seit dem 28. Juni im ganzen Reich gegen einen SA-Putsch abwehrbereit sei. Er würde am 29. Juni früh nach München zu Röhm fliegen. Darauf flog ich ebenfalls am 29. Juni nach Berlin und meldete General Freiherr von Fritsch und General Beck mein Gespräch mit Heines.
"Ich fügte hinzu: Ich habe den Eindruck, daß wir - Reichswehr und SA - von dritter Seite - ich dachte an Himmler - gegeneinander gehetzt werden, und daß viele Nachrichten von ihm ausgehen.
"Darauf ließ General Freiherr von Fritsch den General von Reichenau kommen und bat mich, diesem noch einmal das Ausgeführte zu berichten.
"Reichenau sagte darauf: Das mag stimmen. Jetzt aber ist es zu spät.'"
Der Generalmajor von Reichenau ist der Haupttreiber der Reichswehr bei der Jagd auf den SA-Stabschef Röhm. Mitte Juni 1934 lädt er den SA-Obergruppenführer Lutze zu einer Besichtigungsreise ein. Lutze zeigt dem General einen Brief, den er, der SA-Obergruppenführer, an seinen Stabschef Röhm gerichtet hat und in dem Röhm davor gewarnt wird, seine Absichten gegen die Reichswehr durchzuführen. Am Schluß dieser Übungsreise äußert
Reichenau: "Der Lutze ist ungefährlich.
Der wird Stabschef."
Zwischen dem 20. und 30. Juni erscheint der SA-Obergruppenführer Lutze noch mehrere Male beim Heeres-Generalstabschef Beck. Am 25. Juni ist der Generalmajor von Reichenau soweit: Er gibt dem "Reichsverband Deutscher Offiziere" die Weisung, den Hauptmann a.D. Röhm aus dem Verband auszustoßen, was praktisch nichts anderes bedeutet, als daß Röhm von den erklärten Ehrenmännern des Vaterlandes zum Abschuß freigegeben wird. Es ist also bereits am 25. Juni "zu spät".
Am selben Tag übermittelt der Ministerialdirektor für, Polizeifragen- im Reichsinnenministerium dem stellvertretenden Chef der Reichswehr-Abwehrabteilung eine neue Panikmeldung: In Berlin habe in einer Privatwohnung eine Putschbesprechung höherer SA-Führer stattgefunden, wobei Richtlinien für eine gewaltsame Austragung des Konflikts zwischen der SA und der Reichswehr festgelegt worden seien. Ein SA-Führer habe nachher Bedenken bekommen und wolle den Generalmajor von Reichenau warnen. Der Putsch solle in den nächsten Tagen stattfinden.
Himmler und Heydrich befehlen alle SS - und SD-Oberabschnittsführer nach Berlin und klären sie über eine bevorstehende "Revolte der SA unter Röhm" auf, an der sich "weitere Staatsfeindliche Kreise" beteiligen würden.
Steckte Rall den Reichstag an?
Der Führer Adolf Hitler hat sich inzwischen zurechtgelegt, wie er die Rollen am besten verteilt. Am 27. Juni vormittags sagt er zu Reichswehrminister Blomberg, er wolle die SA-Führer nach Bad Wiessee in Bayern befehlen und die Meuterer dort persönlich verhaften. Zu Göring sagt Hitler: "Sie übernehmen bei dieser Aktion die vollziehende Gewalt in Berlin." Zu seinem Leibphotographen Hoffmann: "Halten Sie sich bereit, wir fahren nach Westdeutschland." Hoffmann will nicht, weil er über das Wochenende in Paris zum Grand Prix verabredet ist. Hitler: "Machen Sie, was Sie wollen. Meinetwegen fahren Sie nach Paris, aber Sie werden ein großes Ereignis versäumen, bei dem Sie wichtige Aufnahmen machen könnten."
Die Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der SS klappt reibungslos. SS -Gruppenführer Sepp Dietrich, Kommandeur des SS-Wachbataillons Berlin,; bittet den Chef der Organisationsabteilung des Heeresgeneralstabes am 27. Juni dringend um zusätzliche Waffen zur Durchführung eines "geheimen und sehr wichtigen Auftrags des Führers". Sepp Dietrich legt dem Militär zur Unterstützung seines Wunsches eine "Abschußliste" vor, die von der SA ausgefertigt worden sei und die an erster und an zweiter Stelle die Namen der Generale Freiherr von Fritsch und Beck, an siebenter Stelle den Namen des Chefs der Organisationsabteilung - dem diese Liste präsentiert wird - enthält.
Der schlesische SA-Obergruppenführer Heines, dem zu Ohren gekommen ist, daß bei der Reichswehr Spanische Reiter eingetroffen sind, ruft Hermann Göring in Berlin an und meldet, er habe den Verdacht, die Reichswehr wolle gegen Hitler putschen. Göring - der längst weiß, daß Heines auf der "Reichsliste" steht - beruhigt Heines: Sein Verdacht sei lächerlich, alle Maßnahmen der Reichswehr seien nur Übungen.
Am frühen Morgen des 28. Juni reist Hitler aus Berlin nach Westdeutschland ab. Zwei Stunden später sind Hitler und Göring in Essen Trauzeugen bei der standesamtlichen Eheschließung und der kirchlichen Trauung des Muster-Gauleiters Terboven. Auch Goebbels ist aus Berlin nachgekommen und erzählt von Putschplänen der Berliner SA. Hitler wird wiederholt von der Hochzeitstafel weg ans Telephon abgerufen; er telephoniert mit Himmler in Berlin. Das Essen wird plötzlich abgebrochen. Hitler, Göring, Goebbels und Lutze fahren ins Essener Hotel Kaiserhof, wo sie bis in den späten Nachmittag beraten. Göring fährt von Essen nach Berlin, Hitler zu Krupp.
Schon am Morgen des 28. Juni befiehlt der Heeres-Chef Fritsch Alarmbereitschaft für alle Heeres-Verbände. Die Stürme der schwarzen SS werden in Reichswehr-Kasernen untergebracht und dort mit Gewehren und Pistolen ausgerüstet.
Am Abend des 28. Juni ruft Hitler den SS-Adjutanten Röhms, den SS-Gruppenführer Bergmann, an und befiehlt ihm, alle SA-Obergruppenführer, -Gruppenführer und -Inspekteure für den 30. Juni vormittags zu einer Führertagung nach Wiessee zu bestellen. Als Grund für diesen plötzlichen Termin nennt Hitler "Zwischenfälle im Rheinland zwischen SA-Männern und einem ausländischen Diplomaten".
Die Oberste SA-Führung, die im Münchner Hotel "Marienbad" residiert, schickt am nächsten Morgen an alle SA-Führer, die an der Wiesseer Tagung teilnehmen sollen, Telegramme, die unterzeichnet sind mit "Die Oberste SA-Führung". (Hitler selber ist Oberster SA-Führer, Röhm nur ihr Stabschef.)
Ein Mann wird an dieser Tagung in Bad Wiessee nicht teilnehmen können: Der Führer der Obergruppe Berlin-Brandenburg, SA-Gruppenführer Ernst. Er, der Chef der angeblich putschenden Berliner SA, fährt an diesem 29. Juni mit seiner Frau Minnes und seinem Sekretär nach Bremen. Er will am Abend des nächsten Tages eine verspätete Hochzeitsreise nach Madeira antreten - für die er Fahrkarten schon Mitte Januar im MER-Büro am Potsdamer Platz in Berlin gekauft hat -, wie es für einen Mann in seiner Position standesgemäß ist.
Dieser Karl Ernst hatte sich vor 1933 bei Saalschlachten in Berlin durch ungewöhnlichen Schneid und durch Tapferkeit ausgezeichnet. Sein rasches SA-Avancement verdankte er vor allem seinen Bürgerkriegsverdiensten, in zweiter Linie erst seinen homosexuellen Neigungen. Er trug seidene Braunhemden, Reitstiefel aus hellgelbem Juchtenleder und riesengroße goldene Manschettenknöpfe - Reithose und SA-Rock waren im "Deutschen Offizier -Verein" geschneidert.
Ernst und seine Berliner SA waren das Rudeste, was im braunen Hemd umherlief, Prototyp war der Scharführer Rall im Stabe des Gruppenführers Ernst. Als auf Veranlassung Röhms im März 1933 das Vorleben aller SA-Männer überprüft wurde, die nach der "Machtergreifung" der SA beigetreten waren, stieß man darauf, daß Rall ein Berufsverbrecher war, der im Fahndungsbuch stand. Er wurde aus der SA ausgestoßen und zwecks Strafverfolgung an das Landgericht Neuruppin überstellt.
Dort, vor dem Untersuchungsrichter bekannte Rall plötzlich, er habe noch ganz andere Sachen gemacht. Er gehöre zu dem SA-Trupp, der unter dem Kommando des Gruppenführers Ernst den Reichstag in Brand gesteckt habe. Der Untersuchungsrichter schickte das Protokoll an das Leipziger Reichsgericht, das damals gerade den Reichstagsbrandprozeß vorbereitete. Von Leipzig ging der Schriftsatz nach Berlin und fiel dem Gruppenführer Ernst in die Hände. Ernst veranlaßte, daß sein einstiger Scharführer Rall an das Landgericht Berlin überstellt wurde. Ein SA-Kommando holte den Häftling aus dem Untersuchungsgefängnis ab und schlug ihn tot. Aus diesem Mord entstand der - falsche - Verdacht, die Berliner SA habe den Reichstag angesteckt.
Am 29. Juni morgens befiehlt Göring - der inzwischen von Essen in die Reichshauptstadt zurückgekehrt ist - für das SS-Wachbataillon Berlin, die Landespolizeigruppe General Göring und das SA -Feldjägerkorps Berlin Ausgangssperre und Alarmbereitschaft: "Die Truppe steht ab sofort unter Standrecht (militärischer Gehorsamspflicht)." Nachmittags um drei setzt Hitler von Bad Godesberg aus einen Funkspruch an das Reichswehrministerium ab, der von Generalmajor von Reichenau an den Kommandeur des SS-Wachbataillons Berlin, SS-Gruppenführer Sepp Dietrich, weitergegeben wird: Dietrich solle sofort von Berlin nach Godesberg fliegen.
Zwei Stunden später gibt Generalstabschef Beck seiner Sekretärin, dem Fräulein von Benda, das später den Generalobersten Jodl heiratet, einen handgeschriebenen Zettel, der von den Abteilungsleitern des Generalstabs abgezeichnet wird. Der Text lautet: "Die Pistole ist griffbereit in der Schublade zu halten." Das Reichswehrministerium wird mit Stacheldrahtverhau. Maschinengewehren und Gewehrposten gesichert.
Am Abend dieses Tages wird die Münchner SA mit handgeschriebenen Zetteln zu Demonstrationen auf die Straße befohlen. Keiner der verantwortlichen SA -Führer hat diese Befehle erteilt. Sie gingen von Himmler aus, der solchermaßen für die Putsch-Szenerie sorgte. Die SA-Führer ahnen immer noch nichts. Röhms Stellvertreter, SA-Obergruppenführer von Krausser, ruft von Berlin aus bei Hitler in Godesberg an: Ob der Führer selbst nach Wiessee zur SA-Tagung komme? Hitler:
"Ja, ich komme bestimmt." Krausser teilt das Röhm in Bad Wiessee mit, und Röhm sagt zu seiner Abendgesellschaft:
"Adolf kommt morgen hierher, da können wir uns mal in Ruhe aussprechen. Der Goebbels kommt auch; dem werden wir die Maske vom Gesicht reißen."
Nachts um eins rufen der Gauleiter Wagner aus München und Himmler aus Berlin bei Hitler in Godesberg an, Beide berichten, die Münchener SA meutere, und die Berliner SA wolle am Nachmittag um vier überfallartig das Regierungsviertel besetzen. Hitler stößt seinen Plan um. Ursprünglich wollte er erst morgens starten und mittags in Bad Wiessee sein. Nun entschließt er sich, sofort nach München zu fliegen. Er weckt seine Begleitung, und am 30. Juni morgens gegen halb fünf ist er in München. Er fährt ins bayrische Innenministerium und reißt dort den angeblichen Meuterern vom Vorabend, dem Münchner SA-Obergruppenführer Schneidhuber und dem Münchner SA-Gruppenführer Schmid, die Achselschnüre von der Schulter. Beide kommen ins Gefängnis Stadelheim.
Um halb sieben holt Hitler in Wiessee Röhm, den schlesischen Obergruppenführer Heines und Röhms Stabswachen -Kommandanten, Standartenführer Uhl - den erprobten Faustrecht-Mörder - aus dem Bett und läßt sie in das Gefängnis Stadelheim schaffen. Auf dem Münchner Hauptbahnhof werden gleichzeitig weitere SA-Führer, die mit den Nachtzügen angekommen sind und nach Wiessee zur Tagung weiterreisen wollen, verhaftet und ins Gefängnis Stadelheim gebracht.
Am frühen Vormittag fährt Hitler mit Gefolge auf der Landstraße von Wiessee nach München zurück, stoppt unterwegs alle anreisenden SA-Führer und sagt entweder: "Ich verhafte Sie", oder: "Stabschef Röhm wollte putschen. Alle beteiligten SA -Führer werden erschossen. Drehen Sie um, schließen Sie sich meiner Kolonne an. Wir fahren nach München." Goebbels - in - Hitlers Begleitung - telephoniert von München aus an Göring in Berlin das Stichwort "Kolibri". Göring schickt die Exekutionskommandos los.
In München passiert eine Panne: Gestapo- und SS-Leute versuchen befehlsgemäß, den Münchner Arzt Dr. med. Ludwig Schmitt zu verhaften, der Otto Strasser bei dessen Flucht nach Österreich behilflich gewesen war. Die Gestapo in München weiß nicht, daß dieser Dr. Schmitt schon seit dem 21. April im Gefängnis Stadelheim sitzt. Das Gestapo-Kommando, das ihn exekutieren soll, sucht ihn zunächst in seiner Wohnung, dann in seiner Klinik. Da sie Schmitt nicht finden, gehen die Beamten zurück zum Münchner Gestapo-Dienstsitz, dem Wittelsbacherpalais, und melden: "Dr. Schmitt ist nicht da."
Sie werden angefahren und wieder losgeschickt: "Bringt den Schmitt sofort, tot oder lebendig." Der falsche Schmitt
Die Beamten gehen wieder in die Klinik, finden Schmitt wiederum nicht und fragen schließlich auf der Straße vor der Klinik eine Passantin: "Wohnen Sie hier in dieser Gegend? Wissen Sie, wo der Dr. Schmitt wohnt?" Die Passantin antwortet: "Ja, natürlich, der wohnt dort drüben in der Ohmstraße, gleich im ersten Haus ganz oben."
Dieser Dr. Schmitt ist nun aber der Musikkritiker Dr. phil. Wilhelm Eduard Schmidt. Er wird ohne viel Fragen in Dachau erschossen. Der Dr. med. Ludwig Schmitt wird indessen in Stadelheim von einem Gefängniswachtmeister in einem Holzverschlag versteckt. Dort kann er hören, wie die erste Rate von sechs verhafteten SA-Führern am 30. Juni abends zwischen halb acht und acht füsiliert wird.
Die Namen der sechs SA-Todeskandidaten sind schon am Nachmittag im Münchner Braunen Haus ausgesucht worden, wo Hitler, Heß, Goebbels, Lutze und der Oberste Parteirichter Buch beraten, was mit den verhafteten SA-Führern um Röhm geschehen soll. Besonders Heß hat sich dafür stark gemacht, daß Röhm erschossen wird: "Mein Führer, es ist meine Aufgabe, Röhm zu erschießen." Hitler schiebt die Entscheidung über Röhm auf. Sechs SA-Führer in Stadelheim sollen aber sofort erschossen werden: die Obergruppenführer Schneidhuber (München) und Heines (Breslau), die Gruppenführer Schmid (München), von Heydebreck (Stettin) und Hayn (Dresden), sowie der Standartenführer Graf Spreti, der persönliche Adjutant Röhms.
SS-Gruppenführer Sepp Dietrich, der inzwischen nach mancherlei Irrfahrten mit einer Kompanie seines Berliner Wachbataillons in München gelandet ist, bekommt von Hitler den Befehl, dafür zu sorgen, daß die Exekution vollzogen wird. Der Kompaniechef und sechs Unteroffiziere stellen das Peloton, das von Dietrich nach Stadelheim begleitet wird. Der Gefängnisarzt, der die Exekutierten hätte für tot erklären müssen, ist in Urlaub. Der Spital-Wachtmeister, dem dieses Amt aufgetragen wird, weigert sich, weil nur ein Arzt den Tod feststellen könne und dürfe, wird aber von dem Führer des Exekutions-Kommandos belehrt: "Wenn wir jemanden erschießen, dann ist er tot. Das werden Sie doch wohl noch feststellen können."
In Berlin war schon um die Mittagszeit dieses Tages Gregor Strasser verhaftet worden, der bis zum Dezember 1932 hinter Hitler und vor Röhm zweiter Mann in der Parteihierarchie gewesen war.
Ende November 1932 hatte er mit Billigung Hitlers Verhandlungen darüber aufgenommen, ob die Nationalsozialisten sich an einem Kabinett Schleicher und an der preußischen Staatsregierung beteiligen sollten. Zusammen mit Strasser verhandelten SA-Obergruppenführer Lutze und der preußische Landtagspräsident Kerrl. Am 2. Dezember beschloß die Parteiführung auf Betreiben von Göring und Goebbels, diese Verhandlungen abzubrechen. Lutze hinterbrachte Goebbels und Hitler, Strasser verhandele trotzdem weiter. Strasser wurde deshalb gezwungen, seine Parteiämter niederzulegen, obgleich die Behauptung Lutzes falsch war. Im Frühjahr 1934 besuchte der Stabschef Rohm den Gregor Strasser, der in seinem Beruf als Apotheker tätig war. Am 23. Juni bekam Gregor Strasser das goldene Ehrenzeichen der NSDAP mit der Mitgliedsnummer 9.
Ein Woche später, am 30. Juni, wird er dann in das Gestapo-Hauptquartier, das Prinz-Albrecht-Palais, geschafft, dort in
den Keller geführt und unverzüglich erschossen, und zwar durch drei Schüsse in die Schläfe und zwei in den Hinterkopf. Der SS-Hauptsturmführer, der die Exekution vollzogen hat, sagt anschließend:
"Das Schwein' wäre erledigt."
Etwa zur gleichen Zeit stirbt auch der Reichskanzler a.D. von Schleicher. Ein biederer Gendarmeriebeamter hat bereits eine halbe Stunde danach die Aussagen der einzigen Tatzeugin zu Protokoll genommen:
"Es erscheint Frl. Marie Güntel, geb. am 1.5.81 zu Krimitten (Ostpr.).
"Zur Sache,
"Seit Mai 1929 bin ich als Köchin bei General von Schleicher tätig. Heute in der Mittagsstunde, es kann gegen 12 1/2 Uhr gewesen sein. Ich sah durch das Fenster nach der Straße und erblickte dort zwei Herren. Ich fragte nach ihrem Begehren. Es wurde mir geantwortet: Sie müssen zu Herrn General von Schleicher. Daraufhin setzte ich den Türöffner der Gartenpforte
in Tätigkeit und die beiden Herren kamen zur Eingangstür der Villa, wo sie wieder klingelten und Einlaß begehrten. Ich öffnete die Haustür, worauf einer der beiden Herren fragte, ob General v. Schleicher zu Hause wäre? Ich erwiderte ihnen, daß General v. Schleicher spazierengegangen wäre.
"Nach langem Hin und Her verlangte der eine der Herren in ganz energischem Tone zu Herrn General v. Schleicher vorgelassen zu werden. Der Herr zeigte mir eine viereckige Marke, die ich aber nicht beachtete, drängte vorgelassen zu werden. Als der Herr immer mehr drängte und sagte, sagen Sie jetzt die Wahrheit, Sie sind in Gefahr oder so ähnlich, erwiderte ich: Dann werde ich einmal nachsehen!
"Ich begab mich nun in das Arbeitszimmer des Herrn General, während der fremde Herr auf dem Fuße folgte. Im Arbeitszimmer angelangt, stand der Herr dicht hinter mir und fragte den am Schreibtisch sitzenden Herrn von Schleicher, ob er General von Schleicher sei. Herr General v. Schl. saß am Schreibtisch im Sessel und arbeitete. Auf die an ihn gerichtete Frage wandte er seinen Körper etwas um, um den Herren zu sehen und sagte jawohl. In diesem Augenblick krachten auch schon die Schüsse.
"Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht, denn aus Angst schrie ich und lief aus dem Zimmer. In meiner Bestürzung war ich durch die Zimmer gelaufen, um nach dem Garten zu gelangen. Im Wintergarten begegnete ich dem Täter wieder. Ich kann aber nicht sagen, wo er geblieben ist. In dem Arbeitszimmer des General von Schleicher hat Frau von Schleicher am Radio gesessen. Als ich nachdem das Zimmer wieder aufsuchte, fand ich Frau von Schleicher so mit dem General erschossen auf dem Fußboden wieder. Näher beschreiben kann ich den Täter nicht, weil ich zu aufgeregt war. Ich glaube kaum, daß ich ihn bei einer Gegenüberstellung wiedererkennen würde."
Dieser abscheuliche Gangsterstreich gegen einen General und dessen Frau ist nun etwas, was die Reichswehr nicht so willig schluckt wie den Mord an der SA-Konkurrenz, wiewohl der Reichswehrminister der Verhaftung des Generals zugestimmt hatte. Überdies gibt es zunächst keine klare Sprachregelung. Ein Pressereferent des Reichspropagandaministeriums erklärt vor der ausländischen Presse, die beabsichtigt gewesene Verhaftung und die Erschießung ständen in keinem Zusammenhang mit der Röhm-Revolte. Eine Stunde später informiert Göring die inländische Presse, Schleicher habe mit Röhm konspiriert und sollte deshalb verhaftet werden. Da er bei der Verhaftung mit der Waffe Widerstand geleistet habe, sei er erschossen worden.
Die endgültige Version über den Tod Schleichers stammt von General von Beichenau, der damit auch zunächst einmal die Bedenken seiner Generalstäbler im Reichswehrministerium besänftigen kann. Reichenau diktiert am Nachmittag des 30. Juni ein Kommunique, das - von Blomberg und Göring genehmigt - gleich danach an die Presse gegeben wurde:
"In den letzten Wochen wurde festgestellt, daß der frühere Reichswehrminister General a.D. von Schleicher mit den staatsfeindlichen Kreisen der SA-Führung und mit auswärtigen Mächten staatsgefährdende Verbindung unterhalten hat. Damit war bewiesen, daß er sich in Worten und Wirken gegen diesen Staat und seine Führung betätigt hat. Diese Tatsache machte seine Verhaftung im Zusammenhang mit der gesamten Säuberungsaktion notwendig. Bei der Verhaftung durch Kriminalbeamte widersetzte sich General a.D. Schleicher mit der Waffe. Durch den dabei erfolgten Schußwechsel wurden er und seine dazwischentretende Frau tödlich verletzt."
Einer will bis zuletzt nicht glauben, daß es für ihn mit dem Leben vorbei ist: der Berliner SA-Gruppenführer Ernst, der im Begriff ist, sich mit seiner Frau in Bremen nach Madeira einzuschiffen.
Am Mittag des 30. Juni bekommt die Bremer Gestapo aus Berlin die Weisung, den Gruppenführer Ernst sofort zu verhaften und nach Berlin zu schaffen. Zu dieser Zeit sitzt Ernst samt Ehefrau im Festsaal des Bremer Rathauses bei einem Empfang, der ihm zu Ehren gegeben wird. Als er um drei in sein Hotel zurückkommt, wird er verhaftet. Ernst bleibt heiter, er glaubt, das Ganze beruhe auf einem Irrtum oder sei etwa ein Scherz von Kameraden, die seine Hochzeitsreise stören wollen.
Die einmotorige Junkersmaschine, mit der Ernst nach Berlin-Tempelhof geflogen wird, schwebt dort erst abends kurz vor neun Uhr ein, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Extrablätter der deutschen Zeitungen längst die Erschießung des gefesselten Luftreisenden vermeidet haben. Ernst ahnt immer noch nicht, was ihm bevorsteht. Lachend, die Handschellen allen Leuten zeigend, tänzelt er von der Maschine zum Polizeiauto, das ihn nach Lichterfelde in die Hauptkadettenanstalt fährt. Dort dauert es keine zwei Minuten mehr, bis er erschossen ist.
Etwa zur gleichen Zeit wird im KZ Dachau der Pater Stempfle vom Hieronymus-Orden, ein alter Freund Hitlers, erschlagen. Stempfle hatte in den zwanziger Jahren zusammen mit Frau Bruckmann, der Gattin eines Verlegers Bruckmann, die Korrekturfahnen von Hitlers "Mein Kampf" gelesen und redigiert. Stempfle und Frau Bruckmann machten Abänderungen und schrieben auch ganze Passagen um. Im Hause der Frau Bruckmann kam es zu einem Streit zwischen Adolf Hitler und Oswald Spengler. Oswald Spengler sollte nach Frau Bruckmanns Wunsch sozusagen philosophischer Chefberater des Führers werden. Dem Adolf Hitler mißfiel aber der Titel des Spenglerschen Hauptwerks "Untergang des Abendlandes", und Spengler weigerte sich, diesen Titel abzuändern. Hinterher sagte er:
"Hitler ist ein enger Mensch, aber er verfügt über einen mächtigen Willen. Wenn ich an ihn denke, bedrückt mich ein schlimmes Vorgefühl." Hitler zu den Einladungen Frau Bruckmanns in ihren politischen Salon: "Ich gehe nicht mehr in diese Salons. Wie kommt eine Frau wie Frau Bruckmann dazu, mir Ratschläge zu geben. Ich werde das Deutsche Reich neu aufbauen, und diese Frau bildet sich ein, sie müsse mich erziehen, wie ich den Schlips richtig umbinde."
Pater Stempfle, der auch zu diesem Kreis gehörte, war vor dem Jahre 1933 so etwas wie ein Verbindungsmann Hitlers zum Vatikan und zum Hause Wittelsbach. Er gab auch ein antisemitisches Blättchen heraus. Es war sein Unglück, daß er gegen den Münchner NS-Stadtrat Christian Weber polemisierte, der in der Senefelderstraße in München ein Bordell unterhielt, was ihm zwar den Titel eines "Senefeldmarschalls" einbrachte, aber auch die Kritik des Pater Stempfle hervorrief, der so ein Geschäft für eines "Alten Kämpfers" unwürdig hielt. Nachdem der Pater am 30. Juni im KZ Dachau von einem SS -Kommando erschlagen worden ist, klagt Hitler seinem Leibphotographen: "Hoffmann, die Schweine haben unseren guten Pater Stempfle erschossen."
Einer, der mit dem Röhm-Putsch auch ganz gewiß nichts zu tun hat, ist der Generalmajor von Bredow, ehemals Chef des Ministeramts unter Reichswehrminister von Schleicher. Er wird trotzdem am 30. Juni abends zu Haus verhaftet und im Auto fortgeschafft..
Im August 1932 war Bredow zu Hitler und Göring geschickt worden, damit er ihnen klarmache, die Reichswehr werde einen Putsch der SA gegen das Kabinett von Papen zusammenschießen. Nachdem das Kabinett von Papen im November 1932 gestürzt worden war und Schleicher Reichskanzler werden sollte, erhielt dieser Oberst von Bredow eine Offerte des Hermann Göring: Er, Göring, sei bereit, ein Luftfahrtministerium aufzubauen, und zwar auch unter einem anderen Kanzler als Hitler. Görings Angebot blieb unberücksichtigt. Auf Reichskanzler Schleicher folgte Reichskanzler Hitler, und im Februar 1933 erhielt Oberst von Bredow auf seine Bitten den Abschied.
Im Januar 1934 wollte Bredow Paris kennenlernen; er besorgte sich Empfehlungsschreiben französicher und englischer Attaches in Berlin, die ihn in Paris einführen sollten. Auf der Grenzstation Herbesthal holte die Polizei Bredow aus dem Zug, fand die Diplomatenbriefe und sperrte ihn ein. Reichswehrminister von Blomberg holte ihn wieder heraus. Wenige Wochen nach diesem Zwischenfall erschien in einem Pariser Emigrantenverlag das anonyme "Tagebuch eines Reichswehrgenerals". Die Parteiprominenz war fest davon überzeugt, Bredow sei der Verfasser, was nicht stimmte. Als Bredow am 30. Juni 1934 mit dem Auto, das ihn zu Hause abgeholt hat, in Berlin-Lichterfelde ankommt - wo seit nachmittags um fünf Uhr SA-Führer der zweiten Garnitur erschossen werden -, ist er schon tot. Er hat zwei Pistolenschüsse im Kopf.
Natürlich blieben die Erschießungen in Berlin nicht geheim. Als der Chef der Heeresleitung, Freiherr von Fritsch, davon erfuhr, wollte er wissen, was in Lichterfelde vorgehe. Reichenau antwortete: "Das ist eine reine Parteiangelegenheit, die uns nichts angeht." Fritsch gab sich mit dieser Auskunft zufrieden. Er unternahm auch noch nichts, nachdem der Rittmeister a.D. Planck, der unter dem Reichskanzler von Schleicher Staatssekretär in der Reichskanzlei gewesen war, sich gleich danach bei Fritsch meldete und auf ihn eindrängte, er müsse "bei dem vollständigen Versagen Blombergs handeln und energische Maßnahmen gegen diese Ungeheuerlichkeiten ergreifen. Wenn Sie, Herr General, tatenlos zusehen, werden Sie früher oder später das gleiche Schicksal erleiden". Fritsch tat nichts. Vier Jahre später wurde er, zusammen übrigens mit Blomberg, aufgrund einer Denunziation davongejagt, die wie im Falle Schleichers gefälscht war.
Der Wehrkreisbefehlshaber III in Berlin, General von Witzleben, fragte bei Reichenau an, welche Bedeutung die Schießerei in Lichterfelde habe. Reichenau antwortete:
"Die Partei räumt mit ihren verwilderten und verwüsteten SA-Führern auf." Witzleben, der später, nach dem 20. Juli 1944, am Fleischerhaken gehenkt wurde, war hell begeistert: "Schade, da müßte ich dabeisein." Witzleben stand mit seiner Reaktion nicht allein. Am Nachmittag des 30. Juni empfanden die Generalstäbler des Reichswehrministeriums Hitlers Schlag gegen die SA-Führer als ihren Sieg.
Am 30. Juni abends um zehn trifft Hitler mit Gefolge wieder in Berlin ein.
Am nächsten Morgen schon meldet sich Reichswehrminister von Blomberg bei Hitler in der Reichskanzlei und beglückwünscht ihn zu der Säuberungsaktion. Die Kompanie des Wachregiments Berlin, die jeden Tag Unter den Linden zum Ehrenmal beim Zeughaus marschiert, macht an diesem Tag einen Umweg durch die Wilhelmstraße und defiliert zur Musik des Badenweiler Marsches an Hitler vorbei.
Nun befiehlt Hitler auch noch, Röhm zu erschießen, der noch ungeschoren in Stadelheim sitzt. Heydrich gibt die Weisung fernschriftlich nach München weiter. Der Kommandant des KZ Dachau, SS -Hauptsturmführer Eicke, soll den Befehl ausführen. Er nimmt den SS-Hauptsturmführer Lippert mit nach Stadelheim. Am 1. Juli um 18 Uhr wird Röhm in seiner Zelle erschossen.
Um Mitternacht befiehlt Adolf Hitler, alle Erschießungen ab sieben Uhr morgens einzustellen. Bis heute sind 191 Menschen namentlich festgestellt, die bei der Aktion umgebracht wurden. Wahrscheinlich waren es mehr, um 200, einige Schätzungen sprechen von 300 Opfern.
Am 2. Juli schickt der Reichspräsident von Hindenburg Danktelegramme an den Reichskanzler Hitler und den preußischen Ministerpräsidenten Göring. Die beiden Hindenburg-Telegramme waren im ersten Entwurf vom Pressechef der Reichsregierung, Funk, formuliert worden, Hindenburgs Staatssekretär, Dr. Meißner, redigierte den Entwurf und gab ihn per Telephon nach Neudeck durch. Meißner hatte erkannt, was den alten Herrn womöglich stutzig machen würde: daß der General von Schleicher ein Landesverräter sein sollte. Meißner riet den in Neudeck diensttuenden Ministerialbeamten der Präsidialkanzlei, man solle, bevor die Telegramme ausgefertigt würden, Blomberg um eine Stellungnahme zum Fall Schleicher bitten. Blomberg erklärte denn auch auf Anfrage, Schleicher habe tatsächlich Landesverrat geübt und mit Röhm konspiriert; erschossen worden sei der General, weil er sich bei der Verhaftung mit der Pistole widersetzt habe. Hindenburg unterschreibt.
Eine Woche nach der Mordaktion rügt Reichswehrminister von Blomberg vor den Wehrkreisbefehlshabern die etwas zu laute Freude, die im Reichswehrministerium und in den Kasinos der Reichswehr über Hitlers SA-Amok lärmte: "Es ist ungehörig, sich über die Gefallenen zu freuen und im Kasino zu reden. Der Tod ist eine Angelegenheit, der man mit Ehrfurcht gegenübertritt."
Von ähnlicher Feinfühligkeit zeigte sich hinterher Göring, der die Aktion in Berlin geleitet hatte. Er empörte sich über die Exzesse, die am 30. Juni in Schlesien unter dem Kommando des SS-Gruppenführers Udo von Woyrsch passiert waren.
(Der stellvertretende Polizeipräsident von Breslau, Heines-Freund Engels, war wie ein Kaninchen im Wald mit Schrot erschossen worden und einen langsamen Tod gestorben.) Göring löste Woyrsch als Mitglied des Preußischen Staatsrats ab.
Der Gauleiter und Oberpräsident von Schlesien, Brückner, war weniger empfindsam. Er erklärte nach dem 30. Juni:
"Es ist unerhört, daß Herr von Papen und Tschirschky - Papens Sekretär - in Berlin nicht umgebracht worden sind. Wenn sie in Schlesien gewesen wären, wären sie nicht mehr am Leben. Da hätte außer mir auch sicher der Bluthund Woyrsch dafür gesorgt."
Der Gauleiter Brückner überdauerte diese Äußerung nicht lange im Amt. Im Januar 1935 kam ein Oberleutnant der schlesischen Reichswehr vor die Strafkammer des Landgerichts Liegnitz wegen Vergehens nach dem Paragraphen 175. Der Oberleutnant war geständig und gab vor Gericht den Gauleiter Brückner als eines seiner Verhältnisse preis. Brückner wurde als Gauleiter und Oberpräsident abgesetzt und vom Landgericht Liegnitz zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.
Mitte Juli 1934 fuhr Röhms Schwester nach Berlin zu Hitler und sagte: "Mein Bruder hat nichts gegen Sie gewollt, mein Führer." Hitler war äußerst verlegen, murmelte etwas von Verrat und versprach der Schwester, daß es ihr und der Mutter wirtschaftlich an nichts fehlen werde. Die beiden Frauen wurden - wie alle anderen Angehörigen der Ermordeten - aus einem Sonderfonds versorgt, der von dem SS -General Breithaupt verwaltet wurde. Die Pensionsbezüge der SA-Führer-Witwen betrugen je nach Dienstgrad der Ermordeten zwischen 1000 und 1600 Mark monatlich. Lonny von Schleicher, die Stieftochter des Generals, bezog bis zum 21. Lebensjahr monatlich 250 Mark. Der Sohn des ermordeten Generalmajors von Bredow, Carl Hasso von Bredow, bekam 150 Mark Erziehungsbeihilfe monatlich.
Seine Mutter, die Witwe von Bredow, hatte zunächst Schwierigkeiten mit ihrer regulären Witwenpension, weil es in Berlin keine Stelle gab, die einen Totenschein für ihren Mann - der auf dem Transport erschossen worden war - ausstellen wollte.
Am 3. Juli genehmigte das Reichskabinett mehr als zwanzig Gesetze - von der Gewerbeordnung bis zur Zuckersteuer -, von denen eines nur aus einem einzigen Artikel bestand: "Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am 30. Juni und am 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens."
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DER SPIEGEL 20/1957
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