15.05.1957

IONESCOPfiffe in Darmstadt

Im Darmstädter Orangeriehaus war am vorletzten Sonntag ein schrilles Pfeifkonzert zu hören. Ein Teil des Publikums, das dort den Darbietungen des Landestheaters Darmstadt folgte, verlor gegen Ende der Aufführung alle Geduld und protestierte mit Zwischenrufen, mit Trillerpfeifen und Hausschlüsseln gegen die Fortsetzung des Spiels.
Der Protest galt der deutschen Erstaufführung des Einakters "Opfer der Pflicht", den der heute 45jährige, in Paris lebende Rumäne Eugène Ionesco verfaßt hat. Gegen Ende dieses Einakters bohrt ein Dichter namens Nikolaus Zwei einem Polizisten das Messer in die Brust, und eine dabeistehende Frau ruft "Aufhören".
Diese Aufforderung wurde von einem Teil des Publikums sogleich aufgenommen. Es gab Pfiffe und böse Rufe gegen den Hausherrn, den Darmstädter Intendanten Gustav Rudolf Sellner. Der Intendant trat auf die Bühne und forderte die Unzufriedenen auf, das Haus zu verlassen. Etwa ein Drittel des Publikums verließ den Raum, und die Aufführung ging nun unangefochten zu Ende, während ein Teil der Unzufriedenen durch die Saaltüren still wieder ins Parkett zurückkehrte. Am Ende trösteten die Dagebliebenen den Intendanten, den Autor Ionesco und die Darsteller mit demonstrativ heftigem Applaus.
Autor Ionesco, dessen Stücke den Protest provoziert hatten - man gab vor dem "Opfer der Pflicht" einen anderen Einakter, "Die Unterrichtsstunde" - ist allerdings Krawalle gewöhnt: Er zählt zu den prominenten Repräsentanten der Pariser Theater-Avantgarde, deren Produkte zuweilen auf lärmende Abwehr stoßen.
In Deutschland - einige Ionesco-Stücke sind bereits von zumeist kleineren Bühnen gespielt worden - erregte Ionesco im vergangenen Jahr Aufmerksamkeit durch seine Komödie "Amédée", die der Bochumer Intendant Hans Schalla seinem Publikum unter dem Titel "Wie man ihn loswird" vorstellte.
In diesem Stück hatte Ionesco Kafkaähnliche Grusel- und Alptraumeffekte ins Komische übersetzt: Es ging dabei um Eheleute, die in fünfzehn Ehejahren einander recht überdrüssig geworden waren. Als eine Art sichtbares Symbol dieses Überdrusses und der Alltagsquälerei lag in einem Nebenzimmer der Wohnung die Leiche eines Mannes, die von Tag zu Tag größer wurde und am Ende durch alle Fenster und Türen wuchs.
Die Pariser Literaturkritik hat Ionescos avantgardistische Manier, Stücke zu schreiben, als "Theater des Abenteuers" klassifiziert. Der in Rumänien geborene, in Paris lebende Autor - er arbeitet als Lektor in einem juristischen Fachverlag und ist mit einer Chinesin verheiratet - bekennt sich durchaus zu dem humoristischen Effekt seiner Stücke, deren Handlung mit dem, was sonst auf Bühnen gezeigt wird, kaum noch Ähnlichkeit hat. Ionescos Schauspiele übertreffen dabei die des Iren Samuel Beckett (SPIEGEL 15/1957) an scheinbarer Unordnung sogar so weit, daß der Kritiker Karl Heinrich Ruppel zu dem Schluß kam, Ionescos Werk verhalte sich zu Becketts wie ein unordentliches Schauspiel aus der Epoche des "Sturm und Drang" zu den "klar und kunstvoll geformten Dramen Lessings".
In Ionescos eigenen Worten lautet sein theatralisches Programm: "Das heutige Theater ist nichts als ein Gefangener der alten Form. Es steht in keinem Verhältnis zu den geistigen Kundgebungen unserer Zeit.
- Ich lasse mich von einer anderen Logik,
von einer anderen Psychologie führen. Wir geben das Prinzip der Identität und der Einheit des Charakters auf zugunsten der Bewegung, einer dynamischen Psychologie."
Bei solcher Art zum Programm erhobener "dynamischer Psychologie" sind nun in der Tat Schauspielhandlungen, die im gewohnten Sinn schlüssig sind, nicht zu erwarten und sollen auch nicht geboten werden: Ionesco will durch seine sonderbaren Stücke nachweisen, "daß das Alltägliche absurd und unwahrscheinlich ist". Weil es die Leute anders nicht merken würden, hilft er tüchtig nach: Den Alltäglichkeiten, die Ionesco auf die Bühne stellt, ist das Absurde in aller Deutlichkeit anzumerken.
Das bekamen auch die Darmstädter zu spülen: Sie sahen zunächst den Einakter "Die Unterrichtsstunde", - der schon an anderen deutschen Bühnen gezeigt worden war: Ein Professor empfängt seine Schülerin, die sich bei ihm auf das "totale Doktorexamen" vorbereiten will. Er fragt sie nach der Hauptstadt Frankreichs, nach den vier Jahreszeiten, er übt mit ihr das Zusammenzählen von eins bis zehn. Die, Schülerin aber, vollgestopft mit immensem Wissen, hat zwar die Ergebnisse der verzwicktesten Multiplikationen auswendig gelernt, aber ihr Verstand scheitert vor der Frage, wieviel vier weniger drei ist.
Was nun der Professor seiner Schülerin beibringt, klingt freilich auch erstaunlich genug. Er lehrt sie zum Beispiel beziehungsvoll "Für das Wort Italien haben wir auf französisch das Wort Frankreich - es ist die genaue Übersetzung davon." Nach des Professors Methode heißt das Wort Hauptstadt auf französisch Paris, auf italienisch Rom, auf spanisch Madrid.
Löcher im Gedächtnis
Der Kritiker der Frankfurter "Abendpost" erläuterte seinen Lesern, welche Art von chauvinistischem oder beschränktem Unterricht hier angegriffen werden soll:
"War patriotischer Unterricht vor Langemarck*, ist eine staatspolitische Unterrichtsstunde vor den Landarbeitern der Kolchose 'Rosa Luxemburg' etwa nicht mit allen Vorzeichen des tödlichen Ausgangs versehen?"
Tödlich geht des Professors Unterricht für die Nachhilfeschülerin jedenfalls aus:
Der Professor sticht das Mädchen mit einem Messer nieder. Sie war die vierzigste Schülerin, die er auf diese Weise beseitigt hat. An der Flurtür klingelt die nächste.
Dieser Einakter wurde von den Darmstädtern noch ohne Protest hingenommen. Pfiffe gab es erst am Ende des zweiten, beim "Opfer der Pflicht". In diesem Stück besucht ein freundlicher Polizist ein Ehepaar namens Choubert: Er will sich erkundigen, ob die Leute, die zuvor in dieser Wohnung lebten, ihren Namen am Ende mit "d" oder mit "t" schrieben. Aus dieser Frage des Polizisten an den Hausherrn Choubert und aus dessen Bemühung, sich zu erinnern, entwickelt sich für Choubert eine Art psychoanalytische Behandlung, deren traumhafte Stationen auf der Bühne dargestellt werden.
Was die Schauspieler auf der Bühne sprechen und spielen, sind magisch-psychologische Zustände, die Ionesco aber stets durch sarkastische Bemerkungen zerstört. Am Ende stürzt Choubert von einem imaginären Berg aus Tisch und Stuhl, auf den ihn seine Begleiter gejagt haben, und landet als infantiler Trottel in einem Papierkorb. Da er sich immer noch nicht erinnern kann, füttert ihn der Polizist mit trockenen Baumrinden, um die "Löcher in seinem Gedächtnis zu stopfen".
Das Spiel endet damit, daß der Polizist von einem Dichter, der dazugetreten war, in einem Wutanfall erstochen wird, worauf dann der Dichter die Rolle des Polizisten übernimmt, um die gesuchte Auskunft zu erhalten. Choubert bekommt wieder Baumrinde zu kauen, und unter den im Chor gesprochenen Kommandos "Kauen!" "Runterschlucken!" "Kauen!" "Runterschlucken!" fällt der Vorhang.
Kurz vor diesem unbehaglichen Ende war es zum Aufstand einiger Zuschauer gekommen. Meinte die Wochenzeitung "Die Zeit": "Der Skandal wäre ein echter Aufstand gegen das Absurde gewesen, wenn die Zuschauer, unbewußt konfrontiert mit ihrer eigenen, bis auf die Spitze der Sinnlosigkeit getriebenen Existenz, aufgeschrien hätten, weil das, was hier gezeigt wurde, so nicht sein darf. Dann hätte Ionesco wie kaum ein anderer Theaterautor der Gegenwart mit seiner intellektuellen Clownerie unseren Existenznerv getroffen."
Nun ist aber keineswegs sicher, daß die Publikumsproteste sich wirklich gegen Ionesco richteten. Augenzeugen vermuten nämlich, ein Teil der Premierenbesucher habe die Aufführungen nur als seit langem erwünschte Gelegenheit genommen, gegen den Intendanten Sellner zu protestieren, dessen moderne Art der Spielplanauswahl nicht allen Darmstädtern gefällt.
Die "Süddeutsche Zeitung" freilich entdeckte einen sicheren Weg, die Proteste gegen den Intendanten Sellner präzise von denen gegen den Autor Ionesco zu unterscheiden: "Die spontanen (Pfiffe) auf Hausschlüsseln galten dem Stück, die geplanten (Pfiffe) auf mitgebrachten Trillerpfeifen dem Intendanten Sellner."
* Bei Langemarck zogen 1914 im ersten Weltkrieg deutsche Studentenkompanien singend in feindliches Maschinengewehrfeuer.
Szenenbild aus "Die Unterrichtsstunde"*: Die Schülerin wird umgebracht
* In der Aufführung des Landestheaters Darmstadt: Udo Vioff (Professor), Rosmarie Pruppacher (Schülerin).
Autor Ionesco
"Runterschlucken!"

DER SPIEGEL 20/1957
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