15.05.1957

SCHNELL-LESENEin Zehntel der Zeit

Vor einiger Zeit überraschten amerikanische Psychologen die Öffentlichkeit mit der Entdeckung, der Durchschnittsamerikaner lerne zeit seines Lebens nicht schneller zu lesen, als er es schon beim Verlassen der Volksschule konnte. Diese Nachricht hat auf die Amerikaner wie ein Alarmzeichen gewirkt und inzwischen so etwas wie eine Volksbewegung gegen das langsame Lesen ausgelöst. Renommierte Firmen, Universitäts-Institute, vor allem aber neu gebildete Leseschulen und Gesellschaften "für besseres Lesen" haben sich unter der Parole zusammengefunden: "Jedermann kann lernen, in kürzerer Zeit mehr zu lesen".
Jeder Amerikaner, gleichgültig ob Bürodiener oder hochdotierter Direktor, so versprechen die Propagandisten des Schneller -Lesens, könne mit Hilfe von Lese-Beschleunigern, Augen-Analysatoren und Lehrfilmen seine Augen so trainieren, daß es ihm bald ein Vergnügen sei, eine Zeitungsseite in zwei bis drei Minuten durchzulesen - eine Aufgabe, zu der ein ungeübter Normalleser mindestens eine Viertelstunde Zeit brauche.
Bei den amerikanischen Geschäftsleuten und Büroangestellten, die ohnehin darauf trainiert sind, ihre Arbeit stets so schnell wie möglich zu erledigen, hatten Ankündigungen und Versprechungen solcher Art durchschlagenden Erfolg. Heute besucht nicht nur ein Heer kleiner Büroangestellter, angetrieben von der Hoffnung auf größere Einkünfte bei größerer Leseleistung, allwöchentlich einen der zahlreichen Schnell-Lese-Kurse (Preis etwa 400 Mark). Auch leitende Angestellte und Direktoren lassen sich in der Kunst des schnellen Lesens unterweisen - zumeist allerdings in Privatkursen.
Wie amerikanische Zeitungen zu berichten wußten, hat das Schnell-Lese-Fieber sogar schon große Industrie-Betriebe ergriffen und dazu veranlaßt, firmeneigene Schnell-Lese-Institute zu gründen. So schickt beispielsweise der Auto-Konzern "General Motors" seit einiger Zeit 500 Angestellte seines Zweigwerkes Flint jede Woche einmal in die Werks-Leseschule. Die Werkleitung hofft, daß die Lese-Studien der Büroarbeiter "einen flüssigeren Arbeitsablauf" ermöglichen werden, "der sich in Kürze auf das gesamte Arbeitsergebnis von 'General Motors' auswirken wird".
Die Methoden, nach denen heute in Amerika das Schnell-Lesen gelehrt wird, fußen auf recht simplen Thesen. Die Schnell-Lese -Lehrer behaupten: Jeder Erwachsene ist von seiner Schulzeit her an die Autorität des gedruckten Wortes gewöhnt und darauf abgerichtet, jeden Text Wort für Wort zu lesen. Er bringt es damit zwar zu einer gewissen Fertigkeit, jedoch ist die in der Schule geübte Methode beim Durchsehen des täglichen Lesestoffs zu zeitraubend.
Jeder Leser aber könne, so sagen die Schnell-Lese-Theoretiker weiter, durch Training die Fertigkeit erwerben, nicht jedes Wort einzeln, sondern ganze Wortkomplexe mit einem Blick zu erfassen. Außerdem könne ihm die tempo-hemmende Unsitte abgewöhnt werden, auf der Suche nach einem zufällig übersprungenen Wort ganze Zeilen zum zweiten Male zu lesen.
Bereits mit einem Training nach diesen Grundsätzen soll sich das Lesetempo vom Normalmaß - rund 250 Wörter in der Minute - auf etwa das Doppelte steigern lassen. Für fortgeschrittene Schnell-Leser haben die Lese-Lehrer eine noch weitergehende Methode ersonnen: Der Schnell -Leser soll sich schließlich dazu erziehen, alle überflüssigen Worte, Zahlen und Zeichen einfach zu überlesen. Für den versierten Schnell-Leser sei es letztlich nur noch von Bedeutung, daß er die Hauptgedanken richtig erkenne und bestimmte "Schlüsselworte" aufnehme.
Am Beispiel eines Rechtsanwalts aus Chicago will die "Gesellschaft für besseres Lesen" nachweisen, welche Leseleistung mit der Schlüsselwort- und Hauptgedanken-Methode zu erzielen ist. Der Anwalt habe, so heißt es in Werbeanzeigen der Gesellschaft, durch den Besuch eines 28-Stunden-Grundlehrgangs (Preis: "nur 60 Dollar") seine Leseleistung vom Schulabgänger-Pegel zunächst auf 550 Wörter in der Minute hochtrainiert. Durch anschließendes Selbststudium habe er sich dann auf die Rekordmarke von 3750 Wörtern in der Minute emporgearbeitet, und heute bereite es ihm sichtlich. Vergnügen, "durch die Spalten der Tageszeitungen zu rasen".
Seit Beginn des amerikanischen Schnell -Lese-Fiebers haben die Lese-Institute ihre Lehrmethoden ständig verfeinert und den Unterricht für Schnell-Leser weitgehend automatisiert. Zur Standard-Ausrüstung einer Leseschule gehören:
- Das "Tachistoscop", ein Bildwerfer, der
in kurzen Abstanden Wortgruppen auf eine Leinwand blitzt;
- der "Accelerator", ein Gerät, bei dem
eine über den Lesetext gleitende Blende den Leser zwingt, in immer schneller werdendem Tempo zu lesen;
- der "Lesezeit-Messer", eine Art Stoppuhr, die angibt, wie viele Wörter in der Minute gelesen wurden, und
- ein Projektor für Schnell-Lese-Lehrfilme.
Einige dieser Gerate, die den Amerikanern helfen sollen, mit Übergeschwindigkeit die Texte von Büchern, Zeitungen und Geschäftsbriefen zu durchfliegen, werden inzwischen auch für den Hausgebrauch und das Selbst-Studium hergestellt: Die "Gesellschaft für besseres Lesen", die Büros und Unterrichtsräume in Chicago und New York unterhält, berichtete kürzlich, daß sie in den letzten Monaten mehr als 40 000 Stück ihres "handlichen Taschen-Tachistoscopes zum Preise von 12,95 Dollar (rund 55 Mark) einschließlich ausführlicher Gebrauchsanweisung" an strebsame Schnell -Leser verkauft habe.
Im allgemeinen gelingt es einem Schnell -Lese-Schüler durch intensives Training mit diesen Geräten - die ihm ein ständig schneller werdendes Tempo vorschreiben tatsächlich, das Auge an ein glatteres und schnelleres Ablesen zu gewöhnen. Auch kann er sich durch das mechanisierte Training eine gewisse Sicherheit im "Weglassen des Geringfügigen" anerziehen.
Ob allerdings der hochtrainierte Schnell-Leser auch in der Lage ist, den Sinn des Gelesenen zu begreifen, wird zumindest von einigen Fachleuten bezweifelt.
So kommentiert der Harvard-Professor William G. Perry junior den Fall eines Buchhalters, der seine Leseleistung durch Training von 150 auf 1500 Wörter in der Minute hochgeschraubt haben will, mit der Bemerkung: "Dieser Mann hat gelernt, auf das Lesen eines Textes, den er nicht versteht, nur noch ein Zehntel der Zeit zu verschwenden, die er bisher brauchte, um ihn nicht zu verstehen."

DER SPIEGEL 20/1957
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