22.05.1957

EGKDer Opern-Revisor

"Schilt den Spiegel nicht, wenn dein Gesicht schief ist!"
(Russisches Sprichwort; Motto zu Gogols "Revisor")
Botschafter Andrej Andrejewitsch Smirnow und Ehefrau streuten von der Ehrenloge freigebig und befriedigt Beifall ins Parkett des Schwetzinger Rokoko-Theaters. Der sowjetische Sendbote in Bonn hatte die Reise ins Heidelberg-nahe, verschlafene Spargelstädtchen Schwetzingen, dem der Kurfürst von Pfalz-Bayern, Karl Theodor, bereits im 18. Jahrhundert eine fremdenverkehrsfördernde Attraktion in Form von Schloß, Theater und Riesenpark beschert hatte, taktisch klug arrangiert.
Seine Anwesenheit am Eröffnungsabend der Schwetzinger Festspiele des Jahres 1957 erhob die Uraufführung der neuesten Oper von Werner Egk, einer Musikalisierung der vielaufgeführten Komödie "Der Revisor" des russischen Autors Nikolai Gogol, inoffiziell in den Rang einer Haupt- und Staatsaktion: nämlich auf die Ebene des deutsch-sowjetischen Kulturaustausches, der seit dem Ungarn-November ins Stocken gekommen war.
Der neuen Oper des heute 56jährigen Egk bekam dieses durch die Gogol-Beziehung nicht eben zureichend begründete Avancement nur gut. Der ungemein rührige, höchst erfolgreiche Opern-Autor der Zaubergeige" (1935), des "Peer Gynt" (1938) und der 1955 in Salzburg uraufgeführten "Irischen Legende", - Werner Egk, "der fleißige Schauspielbesucher und wohlbeschlagene Literaturkenner", wie ihn die Wochenzeitung "Die Zeit" ansprach, "hat gewußt, warum er sich einen so unverwüstlichen Theaterreißer wie Gogols turbulente Komödie als Opernvorlage wählte".
Die Rechnung ging auf. Das Honorar von 15 000 Mark, das Egk für seine Schwetzinger Auftragskomposition vom Süddeutschen Rundfunk erhielt, hatte bereits gehörig geheckt, noch ehe der Opern-"Revisor" zum erstenmal auf der Musikbühne erschien. "Um diese Oper werden sich die Bühnen reißen", überschrieb die Tageszeitung "Die Welt" ihren Uraufführungsbericht von Egks neuester Oper. Die Schlagzeile war von den Tatsachen schon bestätigt, als sie erschien. Sieben Bühnen hatten zu diesem Zeitpunkt mit Egk und seinem Verlag bereits fest abgeschlossen, ein weiteres Dutzend Opernintendanten saß über den unterschriftsreifen Verträgen.
"Der vor drei Jahren vom Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart zu seinem Werk aufgeforderte Komponist mag sich gratulieren", schrieb der Kunstkritiker Gerhard Schön. "Wir tun es auch, aber sozusagen mit einer Träne im Knopfloch."
Gerhard Schön blieb die Begründung nicht schuldig: "Weil Meister Egk der beste Schüler jenes Herrn Chlestakow ist, der als ein ausgemachter - freilich liebenswerter - Schlingel die Honoratioren einer russischen Gouvernementsstadt glauben ließ, er sei ein hoher Beamter aus Petersburg, der mit Zittern und Zagen erwartete Revisor."
Urbild des Chlestakow, der Hauptperson in der "Revisor"-Komödie, war der russische Dichter und ältere Gogol-Freund Alexander Puschkin ("Eugen Onegin"), der bei einem Besuch in einer russischen Kleinstadt wegen seiner "Petersburger Physiognomie" für den bereits mit Bangen erwarteten staatlichen Kontrolleur, den "Revisor", gehalten und entsprechend traktiert worden war.
Gogol machte aus Puschkins Erlebnis eine bühnengerechte Komödie, die der damaligen Gesellschaft ein Spiegelbild vorhielt. "Hier haben alle etwas abgekriegt - und ich am meisten", soll Zar Alexander 1. nach der Uraufführung dieser ebenso theaterwirksamen wie zeitkritischen Satire geäußert haben, in der ein korrupter Kleinstadtklüngel den Bürger Chlestakow fast gegen seinen Willen auf die schiefe Ebene der Hochstapelei drängt.
"Genau besehen ist auch Egks Oper eine... Hochstapelei", urteilte nun: Kritiker Schön über die Schwetzinger Novität. "Vor lauter... Hochstapelei kommt die Musik nicht zu sich selber. Sie hat wenig eigene Substanz. Zu befürchten, daß sie nach einiger Zeit, wenn jedermann sie gehört hat, in allzu getreuer Chlestakow-Gefolgschaft vom Spielplan verduftet." - Schön räumte allerdings ein: "Die Erinnerung wird freundlich sein." In der Tat lebt die "Revisor"-Musik weitgehend von der Reminiszenz, kompositorisch also aus zweiter und dritter Hand. Der Bayer Werner Egk weist sich in dieser "Nummernoper" als Zitaterich aus. Er gibt sich hier bajuwarisch-bumsfidel, dort französisch parfümiert. Er mustert seine Musikkomödie mit instrumentalen Kalauern und beweist ohrenfällig, daß er Verdis verfeinerte "Falstaff"-Heiterkeit ebenso gründlich studiert hat wie den gröberen Humor von Puccinis "Gianni Schicchi"-Groteske.
"Es orfft manchmal"
Im Grunde steht diese staunenswert wendige Art von tönender Kulissenschiebung zu einer für sich allein völlig standfesten Schauspielhandlung der "klingenden Tapete" von Filmmusik nicht fern. Der Komponist Werner Egk, der in seinen hoffnungsvollen Anfängen als Nachfolger von Richard Strauß vorgefeiert wurde, begnügt sich heute mit der Domestikenrolle eines Klangkommentators, der seinen singenden Revisor mit russischen Folklorismen wie mit Strawinskyschem Raffinement aufschminkt, und "es orfft manchmal auch ein bißchen", wie die Frankfurter "Abendpost" fand.
Der Hinweis auf Egks Komponistenfreund aus der weiß-blauen Musikmetropole München, Carl Orff, ist nicht nur durch die kompositorische Struktur der neuen Egk-Oper begründet: Orff gilt seit seinen vielaufgeführten "Carmina Burana" als Urheber der von Egk oft variiert angewandten Textwiederholung, musikalisch einer bestimmten, raffiniert-primitiven Art von Ostinato-Technik*. Orff hat auch - vor allem in seiner Oper "Antigonae" - jenen "Versuch einer dramatischen Musik in Prosa" realisiert, den lange Zeit vor ihm der russische Komponist Modest Mussorgsky ("Boris Godunow") unternommen hatte - beim Ansatz zu einer ersten Gogol-Veroperung ("Die Heirat"). Die Komposition gedieh nicht über den ersten Akt hinaus.
Der Komponist Otto Erich Schilling, der auf diesen Zusammenhang zwischen Egk, Orff und Mussorgsky hinwies, gab freilich zu bedenken, daß sich die Komponisten bisher wohl nicht zufällig vor dem als Schauspiel so bewährten "Revisor"-Stoff gehütet hätten und daß sogar "die slawophilen russischen Komponisten bis zum' Erzsatiriker Prokofieff nicht nach ihr« gegriffen haben". Mit der Mehrzahl seiner Kritiker-Kollegen war Schilling der Ansicht. "Es muß überhaupt verneint werden, daß dieser Gogol nach Musik verlangt, beziehungsweise: daß er sie wenigstens duldet - (es muß) noch entschiedener (verneint werden) als bei Kafkas ,Prozeß'."
Der Hinweis auf die Kafka-Oper des österreichischen Komponisten-Barons Gottfried von Einem stellte die neue Egk-Oper in einen Zusammenhang mit der zeitgenössischen Opern-Produktion, die der Münchner Kritiker und Bannerträger Egks und Orffs, Karl Heinrich Ruppel, in der "Neuen Zürcher Zeitung" als "die literarische Wendung der Oper" bezeichnet hat. Ruppel kommt zu dem Schluß: "Die (zeitgenössische) Oper ist literarisiert."
Egks Gogol-Veroperung ist nämlich gleichsam nur die erste Schwalbe in einem novitätenreichen Opernsommer, der diese These rechtfertigt: Fast bei allen ausstehenden Premieren sind große und größte literarische Stoffe im Spiel.
Nach Egks "Revisor" kommt Ende Mai in Köln Federico Garcia Loreas "Bluthochzeit" in einer Opernfassung Wolfgang Fortners heraus. Anfang Juni erscheint in Düsseldorf eine Oper des jungen Berliner Komponisten Giselher Klebe, der Schillers "Räuber" auf die Opernbühne zu stemmen versucht. Nach Paul Hindemiths seit langem angekündigter Kepler-Oper, die Mitte August in München erstmals das Rampenlicht erblicken wird, rundet die Moliere-Oper "Schule der Frauen" von Rolf Liebermann und Heinrich Strobel bei den Salzburger Festspielen die Reihe neuer Literatur-Opern vorläufig ab.
Die Schwetzinger Egk-Premiere stellt diesem massierten Zuwachs der Gattung nicht die günstigsten Prognosen, der überwiegend wohlwollenden Kritik zum Trotz. Von dem zustimmenden Sofort-Echo darf wohl gelten, was der Starkritiker Hanns Heinz Stuckenschmidt nach der Berliner Neuaufführung einer anderen Egkschen Lustbarkeit, der "Zaubergeige" mit ihren
- wie Stuckenschmidt urteilte - "Kraut-und-Rüben-Melodien", resümierte: "Wenn der Spaß vorbei ist, beginnt die große Ernüchterung."
* Ostinato bedeutet In der Musik die häufige, "hartnäckige" Wiederholung eines Motivs.
"Der Revisor" im Rokoko-Theater*: "Wenn der Spaß vorbei ist...
... beginnt die große Ernüchterung": Egk in Schwetzingen
* Szenenbild der Schwetzinger Uraufführung. Chlestakow (mit erhobenem Finger): Gerhard Stolze.

DER SPIEGEL 21/1957
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 21/1957
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EGK:
Der Opern-Revisor

  • Zugriff am Stadtrand: Mutmaßlicher Schütze von Straßburg getötet
  • Blinde Surferin: Nur mit Gefühl auf den Wellen
  • Drohnenvideo: Überraschung beim Schwimmtraining
  • TV-Interview mit Melania Trump: "Am schlimmsten sind die Opportunisten"