29.05.1957

... UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG

Die letzte Fortsetzung schloß Die amerikanische Regierung, die im Frühjahr 1945 von dem Gespenst einer Sowjetherrschaft über Europa und Asien erschreckt worden war, drängte auf den schnellen Einsatz der Atombombe, obwohl die Japaner zu einer bedingten Kapitulation bereit waren, die ihnen den Fortbestand des jahrtausendealten Kaiserhauses garantiert hätte. Die Eile, mit der Washington zum Abwurf der Bombe trieb, ließ nur einen Schluß zu: Die amerikanische Regierung wollte die bedingungslose Kapitulation Japans möglichst noch vor dem Eingreifen der Sowjets in den Ostasien-Krieg erzwingen, um das japanische Inselreich unter ungeteilte US-Oberhoheit zu bringen
3. Fortsetzung
Siehe, da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack, und der Mond ward wie Blut; und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, gleichwie ein Feigenbaum seine Fergen abwirft, wenn er von großem Wind bewegt wird. Und der Himmel entwich wie ein zusammengerolltes Buch; und alte Berge und Inseln wurden bewegt aus ihren Örtern.
(Offenbarung des Johannes, Kap. 6, 12-14)
In der letzten Juniwoche des Jahres 1945 steigerte sich die Hast der Verantwortlichen in Washington, Japan vor dem Eingreifen Rußlands niederzuwerfen und zu besetzen, zu bedenkenloser Überstürzung. Der amerikanische Nachrichtendienst, der den japanischen Geheimcode aufgebrochen hatte, fing zu diesem Zeitpunkt Funksprüche auf, die zwischen Tokio und Moskau hin- und hergingen. Der japanische Premier Susuki funkte seinem Moskauer Botschafter Sato: "Japan ist geschlagen. Wir müssen dieser Tatsache ins Gesicht sehen und dementsprechend handeln."
Er forderte seinen Botschafter auf, die Sowjetregierung dringend um Vermittlung anzurufen. Japan war bereit, die Waffen zu strecken, wenn auch nicht bedingungslos, wie es die Amerikaner mit kreuzzüglerischer Starrköpfigkeit von ihnen verlangten. Die Zeitfrage sei wesentlich, drängte Premier Susuki, als ahnte er, was seinem Land drohte.
Es war schon der dritte desperate Versuch Tokios, die Sowjets als Makler eines erträglichen Waffenstillstands zu gewinnen. Nach dem Zusammenbruch Deutschlands war in der japanischen Führung eine offene Krise ausgebrochen. Nach erbittertem Streit mit den Durchhalte-Fanatikern hatten die Friedenswilligen den Beschluß durchgesetzt, bei der noch neutralen Sowjetregierung Zuflucht zu suchen. Aber der erste Kontakt mit dem Tokioter Sowjetbotschafter Jakob Malik führte zu keinem Resultat. Malik wich aus, blieb ganz allgemein: Die Sache erfordere erst noch ein genaueres Studium.
Auch den zweiten japanischen Besuch einige Tage später hielt Malik höflich hin. Es war klar, daß die Sowjets kein Interesse daran hatten, den Krieg zwischen den USA und Japan zu beenden, bevor sie selbst eingreifen und sich ihren Teil der Beute sichern konnten.
Aber die Japaner hatte mittlerweile ein panikartiger Drang erfaßt, aus dem Krieg herauszukommen, und die Sowjetvermittlung schien der einzige Ausweg. Der Tenno selbst schaltete sich ein. Er erteilte Prinz Konoje am 20. Juni den privaten Auftrag, um jeden Preis - außer dem des Verzichts auf das Kaisertum - Frieden zu machen. Anfang Juli schrieb der Kaiser eigenhändig einen Brief an die Sowjetregierung, der am 12. Juli von Botschafter Sato dem ungerührten Wjatscheslaw Molotow überreicht wurde.
Washington aber las die Funksprüche nicht als das, was sie waren: Signale ratloser Angst. Die Beamten und Offiziere, dem Gespenst einer von russischer Übermacht beherrschten Nachkriegswelt ausgeliefert, hörten aus dem japanischen Flehen das ominöse Murmeln einer Verschwörung mit Moskau heraus. Daß die Sowjets den Amerikanern keine Nachricht von den japanischen Angeboten gegeben hatten (um nämlich zu verhindern, daß Amerika den Krieg vorzeitig abbrach), bestärkte sie in ihrem Wahn. Plötzlich erschien ihnen die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation nicht mehr unabdingbar.
Bereits Ende Mai hatte der amtierende US-Außenminister Grew - der einmal Botschafter in Tokio gewesen war - vorgeschlagen, den Japanern in einer Proklamation zu sagen, daß sie ihren Mikado behalten könnten. Hinter Grews originellem Gedanken stand die Absicht, sicherzugehen und dafür zu sorgen, daß der Krieg mit Japan auf jeden Fall - und sei es gütlich - vor der Sowjet-Intervention beendet werden könne, auch wenn die Atombombe nicht funktioniere oder nicht die erwartete Wirkung zeige.
Als die japanischen Funksprüche aufgefangen waren, ging es plötzlich auch dem Kriegsminister Stimson auf, daß man ja in der Tat den Krieg schnell, ohne amerikanische Verluste und sogar ohne die Verheerungen einer Atombombe beenden könne, wenn man den Japanern ein paar Zugeständnisse machte. Plötzlich erwärmten sich auch die US-Stabschefs für Grews Eingebung. Und Harry Truman hielt sie für eine "sound idea", eine vernünftige Idee.
Das Schicksal von Hiroshima und Nagasaki, das schon beschlossen schien, hing in der Schwebe. Zum erstenmal schien das Denken der Verantwortlichen Amerikas den machtpolitischen Teufelskreis des totalen Vernichtungskrieges gesprengt zu haben, auch wenn nicht eine humane Regung, sondern die Angst vor Rußland das Motiv war. Zum erstenmal und zum letztenmal bestand die echte Chance, daß Amerika von vornherein auf die Schreckenswaffe verzichtete und sich zu menschlicher und staatsmännischer Weisheit entschloß.
Aber Harry Truman zögerte. Es kamen Zweifel auf, ob das amerikanische Volk eine versöhnliche Revision der totalen Kriegsziele nicht als Verrat an seinen weltrichterlichen Missionsgefühlen auffassen werde. Am 28. Juni beschloß der Präsident, die geplante Proklamation an die Japaner bis zur Konferenz von Potsdam in der zweiten Juli-Hälfte aufzuschieben. Das hieß aber: bis nach dem Test der ersten Atombombe im Versuchsgelände von Alamogordo, der für den 16. Juli festgesetzt war.
Nach der Bombenempfehlung des Interimsausschusses und der Ablehnung des Franck-Reports war die Debatte der Wissenschaftler für eine Weile verstummt, als seien die Kehlen zugeschnürt. Während nun der Tag des Bombentests näherrückte, begann nur ein einziger einen letzten verzweifelten Ritt gegen das Unabwendbare, der Ungar Leo Szilard. Überall in den Laboratorien und den Verwaltungsbüros tauchte er auf, um den Widerstand zu organisieren. In den Atomzentren von Chicago, Los Alamos und Oak Ridge zirkulierten seine Petitionen gegen das "internationale Verbrechen", das seiner Meinung nach unmittelbar bevorstand und in das er sich immer mehr schuldhaft verstrickt wähnte.
In seiner ersten Petition macht Szilard, im Gegensatz zu den Unterzeichnern des Franck-Reports, ausschließlich moralische Gründe geltend, aber mit diesen Argumenten allein vermochte er nicht, die Unterstützung seiner Kollegen zu gewinnen. In den Debatten, die überall da ausbrachen, wo der Ungar mit seinen Textentwürfen und den beschwörenden Gesten eines Wanderpredigers auftauchte, wurde ihm entgegengehalten, daß die Metzelei im Stile der Kämpfe von Okinawa weitergehen müßte, wenn man nicht durch den Einsatz der Atombombe den Krieg schnell beende. Punkt für Punkt mußte Szilard die rein moralische Argumentation seines ursprünglichen Entwurfes verschrotten. Ja, seine Petition regte seine Debattengegner zu Kontra-Petitionen an, und mehrere Wissenschaftler beeilten sich, in anderen Rundschreiben Stimmen gegen die Petition von Szilard zu sammeln.
"Jetzt brauchen wir die Russen nicht mehr"
Der Text einer Gegen-Petition spiegelte die Gefühle wider, die viele Forscher dieser zweiten Garnitur hegten: "Wenn wir auch nur eine Handvoll amerikanischer Leben retten können, dann sollten wir diese Waffe einsetzen - und zwar sofort! Diese Empfindungen, so glauben wir, entsprechen mehr denen der Mehrzahl aller Amerikaner und besonders derjenigen, die Söhne in den Schützenlöchern und auf den Kriegsschiffen im Pazifik haben."
Der Atomforscher Arthur Compton berichtet von einem jungen Physiker aus Los Alamos, der ihn in seinem Büro aufsuchte. Er hatte von den Anstrengungen der Chicagoer Wissenschaftler um Franck gehört, den Einsatz der Bombe zu verhindern. Aufgeregt und mit Tränen in den Augen sagte er zu Compton: "Ich habe Freunde, die in der Schlacht von Iwo Jima gekämpft haben, einige sind gefallen, andere verwundet. Wir müssen diesen Männern die besten Waffen geben, die wir haben. Wenn einer von ihnen umgebracht wird, weil wir ihnen nicht die Bombe geben, müßte ich das Gefühl haben, daß ich sie verraten habe."
Gegen die patriotischen Empfindungen seiner eingeborenen amerikanischen Kollegen konnten Szilards moral-philosophischen Argumente nicht bestehen. Unter dem Gegendruck dieser "Wir-müssen unsere-Boys-retten"-Gefühle konnte er für seine Gewissensgründe nur dann Unterstützung finden, wenn er die Überlegungen absoluter Moral mit Zweckmäßigkeitsgründen koppelte. Szilard gab nach und schrieb eine neue Petition, in der er lediglich forderte, daß eine Warnung und eine Gelegenheit zur Kapitulation unter bekannten Bedingungen dem Einsatz der Bombe vorausgehen müßten. Diese verwässerte Fassung wurde von 67 Chicagoer Wissenschaftlern unterschrieben.
In der Atmosphäre der Petitionen und Gegen-Petitionen, der skeptischen Selbstanklagen und tränenerstickten Beschwörungen konnte sich die Washingtoner Militärbürokratie schwerlich ein akkurates Bild von der augenscheinlich verwirrten Geistesverfassung des Gros ihrer Atomforscher, machen. General Groves schlug vor, die wahre Stimmung unter den "übergeschnappten Intellektuellen" durch eine Meinungsumfrage zu erkunden. Das Gewissen der Forscher in den Atomzentren sollte nunmehr ganz präzise und unmißverständlich nach den Maßstäben der Prozentrechnung ermittelt werden.
Farrington Daniels, der Direktor des "Metallurgical Laboratory" in Chicago, teilte Fragebogen aus, in denen die Wissenschaftler ihre Ansichten in fünf Kategorien ankreuzen konnten. Die Sparten umfaßten alle denkbaren Entscheidungen von der Frage "Soll die neue Waffe in diesem Krieg nicht eingesetzt werden?" bis zu der Frage "Soll sie in wirksamster militärischer Weise eingesetzt werden, um die sofortige japanische Kapitulation zu erreichen?"
Das Ergebnis zeigte, daß die Männer um Szilard weit in der Minderheit waren. Nur ganz wenige entschieden sich dafür, daß die Waffe überhaupt nicht eingesetzt werden sollte. 87 Prozent stimmten für die militärische Anwendung der Bombe - allerdings dürfe sie erst dann verwendet werden, wenn sich ihr Einsatz als unumgänglich notwendig für eine schnelle Beendigung des Krieges erwiesen hätte. Ähnliche Ergebnisse berichteten Robert Oppenheimer aus der Atomstadt Los Alamos und E. O. Lawrence aus dem Strahlungslabor Berkeley, wo sie jedoch weniger formale Methoden benutzt hatten, um die Ansichten ihrer Mitarbeiter zu registrieren. General Groves konnte beruhigt nach Washington melden, daß nun endgültig die patriotischen Gefühle der Männer des Atomprojektes über die moralischen Skrupel obsiegt hätten.
Am Vormittag des 16. Juli überreichte ein Adjutant der US-Army dem Präsidenten truman im Kronprinzessinnen-Palais zu Potsdam ein Telegramm, das aus drei Worten bestand: "Babies satisfactorily born. (Geburt der Kinder zufriedenstellend verlaufen.)" Die Kinder, deren Geburt das Telegramm anzeigte, waren die kosmischen Flammen der Todessonne, die in der Morgendämmerung dieses Tages über der Wüste von New Mexico vor den mit dunklen Brillen geschützten Augen ihrer Schöpfer aufgegangen war: Die erste Atombombe war auf dem Versuchsgelände von Alamogordo gezündet worden. Kriegsminister Stimson sagte erleichtert zu seinem "special assistant" Bundy: "Well, ich war verantwortlich dafür, daß zwei Milliarden Dollar in dieses Atom-Unternehmen gesteckt worden, sind. Jetzt, da es sich als erfolgreich erwiesen hat, werde ich wenigstens nicht nach Fort Leavenworth ins Gefängnis gesteckt werden."
Doch das Baby war nicht nur geboren: Beinahe ebenso wichtig schien die erstaunliche Tatsache, daß es doppelt so kräftig auf die Welt gekommen war, wie es die Wissenschaftler vorausgesagt hatten. Oppenheimer hatte die Sprengkraft der Bombe vorher auf höchstens 10 000 Tonnen TNT geschätzt. Davon ausgehend, hatte er die voraussichtliche Zahl der Opfer beim Abwurf auf eine Stadt auf 20 000 Tote veranschlagt. 10 000 Tonnen TNT und 20 000 Tote - das waren die Zahlen, mit denen der Interimsausschuß gerechnet und aufgrund deren er seine Zustimmung zum Einsatz der Bombe so voreilig gegeben hatte. Die Testbombe von Alamogordo war jedoch mit der Gewalt von 20 000 Tonnen TNT explodiert. Damit war auch Oppenheimers viel zu niedrige Schätzung überholt.
Aber die bestürzende Art, in der die Wirklichkeit den abenteuerlichsten Phantasien schon in Alamogordo davongelaufen war, rief weder die Forscher zu einer letzten Gegenwehr noch machte sie bei den Potsdamer Beratungen über die endgültige Entscheidung zum Abwurf der Bombe irgendeinen spürbaren Eindruck auf die Politiker, die Militärs und den Präsidenten. Man hatte sich zu einer Schreckenswaffe bekannt - gut. Die Differenz zwischen 10 000 und 20 000 Tonnen TNT machte da schon keinen vorstellbaren Unterschied des Grauens mehr.
Sogleich nach der Versuchsexplosion flog Kriegsminister Stimson nach Potsdam zum Präsidenten. "Natürlich wurde angesichts dieses revolutionären Ereignisses der ganze Feldzugsplan gegen Japan neuerdings erörtert", berichtete Truman später in seinen Memoiren. Es war nur zu natürlich. Überwältigend stark fiel die Versuchung den gottesfürchtig erzogenen Mann aus Missouri an. Er gebot über eine Waffe, die "das, Netz der Geschichte zerriß" (wie der Historiker Baxter später schrieb). Und er war dankbar, daß es ein gottesfürchtiger Amerikaner war, der sie als erster besaß, einer, der sie für die gute Sache einsetzen würde.
"Jetzt brauchen wir die Russen nicht mehr", sagte Winston Churchill und begann von "einem wahren Wunder der Erlösung (vom Krieg)" zu reden, die man den Japanern nun angedeihen lassen könne. Das war alle Ermutigung, die Harry Truman noch brauchte.
Während in Potsdam noch "neuerlich erörtert" wurde, stampfte der Schwere Kreuzer "Indianapolis" mit Höchstfahrt quer durch den Pazifik zu der Insel Tinian. In seinem Bauch trug er die einzigen beiden einsatzbereiten Atombomben, über die Amerika verfügte.
Am 24. Juli morgens überraschte Churchill den amerikanischen Präsidenten mit der Nachricht, Stalin habe ihm am Abend zuvor versichert, daß Rußland noch in der Woche nach dem 8. August den Angriff gegen Japan eröffnen werde. Am selben Tag befahl Truman: "Die Sondergruppe 509 der 20. Luftflotte wird ihre erste Spezialbombe, sowie das Wetter nach dem 3. August 1945 Bombardierung bei guter Sicht gestattet, auf eines der nachstehenden Ziele abwerfen: Hiroshima, Kokura, Nagasaki oder Niigata ..."
Etwas später sagte Truman "beiläufig" zu dem anscheinend ahnungslosen Stalin, "daß wir jetzt über ein neues Kampfmittel von außergewöhnlicher Zerstörungskraft verfügen". Josef Wissarionowitsch aber sagte bloß: "Ich hoffe, daß Sie guten Gebrauch davon gegen Japan machen werden." Ein amerikanischer Historiker meinte später: "Man kann sich nur fragen, ob Stalin gerade mit etwas anderem beschäftigt war oder ob er seinen Mangel an Interesse absichtlich vorschützte." Aber auch der russische Diktator hatte Truman eine "beiläufige" Mitteilung zu machen: über die Friedensfühler der Japaner in Moskau nämlich.
Diese Nachricht schien Truman wieder in Erinnerung zu rufen, daß er den Japanern eigentlich eine Proklamation schicken wollte, ehe der Befehl zum Atombombardement erging. Aber die Proklamation, die zwei Tage später endlich verkündet wurde, unterschied sich von dem Entwurf Grews und Stimsons, der vor der Versuchsexplosion aufgesetzt worden war, auf verräterische Weise.
Die entscheidende Versicherung an die Japaner, daß das Kaisertum erhalten bleiben solle, wurde herausgestrichen, obwohl sich sogar Churchill noch dafür eingesetzt und die ausgeprägten "Ehrgefühle" der Japaner in Schutz genommen hatte. Truman darauf: "Die Japaner haben ihre Ehre mit Pearl Harbour begraben."
Die Amerikaner machten sich keine Illusionen über die Chancen ihrer Proklamation, die weiterhin auf "bedingungsloser Kapitulation" beharrte. Von der Bombe war darin nicht die Rede; nur von "absolutem Ruin", mit einem in diesem Zusammenhang irreführenden Hinweis auf das Schicksal Deutschlands.
Nun degenerierte das Atomdrama, "das neue Verhältnis des Menschen zum Universum" (wie Stimson im Frühjahr verkündet hatte), vollends zum Satyrspiel. Am 28. Juli erklärte Premier Susuki der japanischen Presse, die alliierte Proklamation sei "der Aufmerksamkeit nicht würdig". Es war eine Verlautbarung, die ausschließlich für das japanische Volk, nicht für die Alliierten bestimmt war. Tatsächlich hatte sich der Tokioter Kriegsrat in einer Reihe frenetischer Sitzungen dazu durchgerungen, die Note nicht abzulehnen, sondern erst das Resultat der Vermittlungsbitte an die Sowjets abzuwarten.
Die Amerikaner aber nahmen Susukis Presseverlautbarung als offizielle Ablehnung. Sie genügte ihnen, den Bombenbefehl aufrechtzuerhalten.
Ende Juli traf der Schwere Kreuzer "Indianapolis" mit den beiden Atombomben in dem vorgeschobenen Inselstützpunkt Tinian ein. Die winzige Pazifik-Insel der Marianengruppe war in den Monaten vorher zum "größten Flugzeugstützpunkt der Welt" ausgebaut worden. Sechs Betonpisten von jeweils drei Kilometern Länge waren die Startbahnen für die gegen Japan eingesetzten viermotorigen Superfestungen, die zu Hunderten, wie auf dem Deck eines Flugzeugträgers, Tragfläche an Tragfläche, auf dem Eiland aufgereiht standen.
Seit einiger Zeit war auf Tinian die 509. Bombergruppe stationiert, deren Maschinen vom Typ B-29 nach besonderen Richtlinien umgebaut worden waren. Die Männer der 509. hatten sich für eine "besondere Aufgabe" freiwillig gemeldet aber was das für eine Mission sein würde, darüber wußte mit Ausnahme des Gruppenchefs, Oberst Tibbets, niemand etwas. Wochenlang hatten die Freiwilligen, während ihre Kameraden das Reich des Tenno mit verheerenden Bombenteppichen zudeckten, Präsizionsangriffe in Kleinstformationen geübt. Am Abend des 5. August wurden sechs ausgesuchte Besatzungen der 509. Bombergruppe zur Befehlsausgabe in den scheunenähnlichen Versammlungsraum gerufen.
Oberst Tibbets hielt eine kurze Ansprache. "Heute kommt die Nacht", sagte er, "auf die wir alle gewartet haben. Es ist möglich, daß unsere Leistungen Geschichte machen werden. Wir begeben uns auf einen Flug, um eine Bombe abzuwerfen, die sich grundsätzlich von jeder anderen unterscheidet, die Sie jemals gesehen oder von der Sie jemals gehört haben. Diese Bombe hat eine Zerstörungskraft, die der von 20 000 Tonnen Trinitrotoluol entspricht."
William L. Laurence, der wissenschaftliche Redakteur der "New York Times", der dem Ereignis auf Einladung des General Groves als einziger Außenstehender und als Chronist des Kriegsministeriums beiwohnte, erzählte später in seinem dokumentarisch exakten Bericht "Dämmerung über Punkt Null"*: "Oberst Tibbets hielt inne und wartete auf Fragen. Aber im Raum blieb es still. Ein Ausdruck von Erstaunen und Ungläubigkeit lag auf jedem Gesicht."
"Wir müssen beten ..."
Die Startbahnen der Insel waren fast zu kurz für die vollbeladenen und vollgetankten Superfestungen, die jeden Abend in Abständen von wenigen Sekunden zu ihren Großangriffen auf das japanische Inselreich starteten. Es passierte fast täglich, daß es einigen mit Brandbomben oder Luftminen vollgestopften Maschinen nicht gelang, sich vom Boden abzuheben. Am Ende der Startbahn machten sie Bruch und die Explosion sowohl der Bombenladung wie der Treibstofftanks verwandelte die Stratosphärenkreuzer in glühende Feuerbälle.
Zwei Abende vor dem Start zum ersten Atombombenangriff der Geschichte hatte der Kapitän William S. Parsons, der die technischen Vorbereitungen für den Einsatz der Bombe befehligte, beobachtet, wie vier startende B-29 hintereinander am Ende der Rollbahn explodierten. Was würde geschehen, wenn sich die mit dem Atomsprengkörper beladene B-29 ebenfalls nicht von der Startbahn lösen konnte?
Besorgt meldete er sich bei General Farrell, der die Operationen leitete. "Wenn wir morgen am Ende der Startbahn Bruch machen, kann die Atombombe explodieren", warnte er. "Dann fliegt wahrscheinlich ganz Tinian in die Luft."
"Wir müssen beten, daß das nicht geschieht", meinte der General.
Doch es gab einen Ausweg. Kapitän Parsons mußte versuchen, die Endmontage der Bombe erst während des Fluges vorzunehmen. Parsons aber hatte unter den primitiven Verhältnissen im engen Rumpf der B-29 noch nie einen komplizierten Sprengkörper von den Ausmaßen einer Atombombe zusammengesetzt. Nachdem er einige Stunden unter ähnlichen Verhältnissen, wie sie an Bord der Maschine herrschten, geübt hatte, war er sicher, daß er es schaffen würde.
Am Nachmittag wurde die mit etlichen Landserbotschaften an den Tenno beschriebene Bombe aus der strengbewachten, gekühlten Lagerhalle auf den Flugplatz befördert und in den Bombenraum der Maschine gehängt, die Oberst Tibbets auf den Namen seiner Mutter getauft hatte: "Enola Gay". Um Mitternacht starteten die Aufklärungsflugzeuge, die kurz vor dem Anflug des Atombombenträgers die Wetterlage über dem ausgesuchten Hauptziel und den möglichen Ausweichzielen erkunden sollten. Denn da die Wirkung der Bombe noch ungewiß war, sollte sie nur bei Bodensicht geworfen werden.
Um Mitternacht wurden noch einmal alle Einzelheiten des Angriffs mit den Besatzungen der "Enola Gay" und der beiden Begleitflugzeuge durchgesprochen. "Die Männer hatten noch immer den gleichen erstaunten Ausdruck im Gesicht wie zwei Stunden zuvor", berichtete Laurence. "An jeden wurde noch eine Brille ausgegeben, wie sie Schweißer zu tragen pflegen, und die Warnung ausgesprochen, nicht mit bloßen Augen in den Blitzstrahl zu blicken. Es schien jedoch das, was man ihnen sagte, jenseits menschlichen Begriffsvermögens zu liegen."
Anschließend sprach ein lutherischer Feldgeistlicher ein Gebet, in dem er für die Atombomberbesatzung göttlichen Beistand erflehte: "Allmächtiger Vater, der Du die Gebete jener erhörst, die Dich lieben, wir bitten Dich, denen beizustehen, die sich in die Höhen Deines Himmels wagen und den Kampf bis zu unseren Feinden vortragen. Behüte und schütze sie, wir bitten Dich, wenn sie ihre befohlenen Einsätze fliegen. Mögen sie, so wie wir, von Deiner Kraft und von Deiner Macht wissen, und mögen sie mit Deiner Hilfe diesen Krieg zu einem schnellen Ende bringen. Wir bitten Dich, daß das Ende dieses Krieges nun bald kommt und daß wir wieder einmal. Frieden auf Erden haben.
"Mögen die Männer, die in dieser Nacht den Flug unternehmen, sicher in Deiner
Hut sein, und mögen sie unversehrt zu uns zurückkehren. Wir werden im Vertrauen auf Dich weiter unseren Weg gehen; denn wir wissen, daß wir jetzt und für alle Ewigkeit unter Deinem Schutze stehen. Amen."
Am Morgen des 6. August, um 02.45 Uhr, starteten die drei Superfestungen auf den
nebeneinanderliegenden Betonbahnen. Auf der mittleren Piste rollte die "Enola Gay" mit der Last der Atombombe im Bauch schwerfällig an. Nur langsam kam sie auf Touren, und noch auf den letzten hundert Metern vor dem Ende der Startbahn schien es, als würde sie die notige Startgeschwindigkeit nicht erreichen.
Beklommen verfolgten die Offiziere auf dem Kommandoturm das Startmanöver. Auf den letzten Metern der Piste endlich hob sich die "Enola Gay" zögernd und ein wenig schwankend von der Rollbahn ab. "Wir versuchten beinahe, sie mit unseren Gebeten und Hoffnungen in die Luft zu heben", sagte General Farrell.
Die Funkmeldungen der Aufklärer kündigten gute Sicht über dem Hauptziel an. Genau um 8.50 Uhr erreichte die "Enola Gay" die japanische Hauptinsel und nahm Kurs auf Hiroshima. In der Hafenstadt hatten die Alarmsirenen geheult, aber da die Beobachtungsstationen nicht mehr als drei Flugzeuge orten konnten, hatte man wieder Entwarnung gegeben. Die 200 000 Einwohner der Stadt waren aus ihren Schutzräumen und Splittergräben geklettert und gingen wieder ihren Geschäften nach. Die Flak schwieg.
Die "Enola Gay" flog das Ziel direkt an, bis der Mittelpunkt der Stadt, genau um 9.15 Uhr, wie der Angriffsbefehl es vorgesehen hatte, im Schnittpunkt des Fadenkreuzes lag. Der Bombenschütze, Major Thomas W. Ferebee, klinkte die Bombe aus.
"Genau um 9.15 Uhr heute morgen lag Hiroshima klar da im Licht eines blauen Himmes", berichtete Atomchronist William L. Laurence der "New York Times". "Ein Zehntel eines millionsten Teils einer Sekunde später, nach einem
Zeitraum, der sich durch keine Uhr messen läßt, war es von einer Wolke eines wirbelnden Feuers verschlungen, als habe es niemals bestanden. Die besten Uhren, die der Mensch gemacht hat, zeigten noch immer 9.15 Uhr an."
Um 9.20 Uhr traf eine lakonische Meldung von der "Enola Gay" auf dem Flugzeugstützpunkt Tinian ein. Sie bestand aus zwei Worten: "Einsatz erfolgreich."
Nach der Landung der Maschine am Nachmittag, nach der Begrüßung der Besatzung durch General Spaatz, der dem Obersten Tibbets eine hohe Tapferkeitsauszeichnung, das "Distinguished Service Cross", auf die Fliegerjacke heftete, wurden die Besatzungsmitglieder zur Befragung in die Offiziersmesse gerufen. "Einer nach dem anderen wurde befragt", notierte der, Ohrenzeuge Laurence, "und der Bericht klang immer phantastischer und furchtbarer, erschreckender als irgendeine erfundene Schreckensgeschichte, eher, als entstamme sie der Feder Dantes."
Als sich der Glutball der Atomexplosion über Hiroshima wie ein flammendes Bruchstück aus dem Innern eines Sterns entrollte, herrschte in diesem kosmischen Feuer eine Temperatur von 55 Millionen Grad. Der Feuerball dehnte sich, bis er einen Durchmesser von etwa 800 Metern erreicht hatte, und explodierte dann plötzlich. Aus den wirbelnden Flammen und purpurroten Wolken stiegen weiße Nebelringe, "als bliese die Erde selber gewaltige Rauchringe ab". Eine riesige weiße Rauchsäule schoß empor und formte sich zu einem Pilz, der sich bis in die Stratosphäre aufwölbte.
Das Donnern der Explosion schüttelte den Rumpf der "Enola Gay", obwohl sie sich schon mehrere Kilometer vom Ziel entfernt hatte, als der Schall sie einholte. Hauptmann Robert A. Lewis, der zweite Pilot, gab zu Protokoll: "Das Stadtgebiet sah aus, als sei es in Stücke gerissen worden. Nach einer Stunde, als wir uns etwa 440 Kilometer vom Ziel entfernt hatten, nahm die Wolke - die wir noch immer sehen konnten - an Mächtigkeit zu. Die Rauchsäule hatte eine Höhe von 15 Kilometern erreicht."
Als amerikanische Aufklärer fünf Stunden später die Stadt überflogen, war sie noch immer in eine gigantische Rauch- und Staubwolke eingehüllt. Erst 28 Stunden nach dem Angriff konnten die ersten Luftaufnahmen gemacht werden. "Sie zeigten", berichtete Laurence, "daß Hiroshima fast völlig von der Landkarte gefegt worden war."
"Die Menschen von Hiroshima waren ... nicht die letzten Opfer des zweiten Weltkriegs, sondern die ersten Opfer des Machtkampfes zwischen den USA und der UdSSR", schrieb Norman Cousins, der Herausgeber der liberalen amerikanischen "Saturday Review", zehn Jahre danach. Sogar ein bestallter Historiker der US -Army kam im Januar 1957 darauf, sich (in der halbamtlichen Zeitschrift "Foreign Affairs") verwundert zu fragen:
"Warum sonst diese Notwendigkeit zur Eile? Gewiß gab es nichts in der militärischen Situation, das eine so hastige Aktion erfordert hätte. Doch wenn es die Absicht war, einer sowjetischen Intervention zuvorzukommen, dann gab es allen Grund zur Eile. Und selbst wenn man die Russen aus dem Krieg nicht mehr heraushalten konnte, so konnte man sie doch daran hindern, mehr als nur einen symbolischen Beitrag zum Sieg über Japan zu leisten. In diesem Sinne, könnte man sagen, war die Bombe ein Erfolg, denn der Krieg endete damit, daß die Vereinigten Staaten die alleinige Kontrolle über Japan übernahmen."
Als Sondermeldung wurde die Nachricht vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am Mittag des 6. August 1945 (Washingtoner Zeit) über die Sender der westlichen Welt verbreitet. Sie hatte einen besonderen Klang für die zehn deutschen Atomforscher, die sich am Abend dieses Tages in einem Landschloß nahe der englischen Stadt Godmanchester (Grafschaft Huntingdon) noch ahnungslos zusammensetzten, um ihre Abendrationen zu verzehren. Einige hatten den Tag mit einem Faustball verbracht. Werner Heisenberg hatte auf einem verstimmten Klavier gespielt, Otto Hahn, der Entdecker der Atomspaltung, hatte vom Internierungs -Captain erstmalig die Erlaubnis erhalten, einen Brief an seine Familie in Deutschland zu schreiben.
Da hören sie von der Sondermeldung im englischen Rundfunk, und plötzlich wird den zehn Leuten klar, warum man sie bis heute von Frau und Kindern - Heisenberg hat deren sechs, Weizsäcker drei - und von ihrer Heimat streng isoliert hat: Auf eine Stadt in Japan - den Namen kennen oder verstehen sie nicht - ist eine Atombombe geworfen worden. Otto Hahns erste Reaktion ist Erschütterung, weil er seit Jahren fürchtet, seine Entdeckung könne zu kriegerischen Konsequenzen führen. Werner Heisenbergs erste Reaktion ist Zweifel. Er glaubt, nicht richtig gehört zu haben. Er glaubt nicht an die Uran-Bombe: "Vielleicht haben sie einen neuen Sprengstoff mit atomarem Wasserstoff."
Ein Flasche Gin für die Deutschen
Wer hatte die deutschen Forscher interniert? Warum waren sie gerade nach England gebracht worden? Wie weit waren sie bis Kriegsende mit ihren Arbeiten gekommen? Aufschluß gibt der Mann, der sie alle aufgespürt und eingefangen hat, der holländische Physik - Professor Samuel A. Goudsmit. Mit seinem Namen verbindet sich eine der merkwürdigsten Missionen, die je ein Wissenschaftler unternommen hat, die Alsos-Mission.
Alsos heißt im Alt-Griechischen Hain, und Hain heißt auf englisch grove, und General Groves war es, der im Jahre 1943 die Mission angeordnet hatte, um ausfindig zu machen, wie weit die deutsche Atomforschung es gebracht habe. Der wissenschaftliche Chef der "Alsos"-Mission war Samuel A. Goudsmit, dessen kriminalistische Begabung seinen physikalischen Kenntnissen nicht nachstand und der Grund hatte, das Dritte Reich zu hassen. Goudsmits blinde Mutter und sein Vater sind an dessen siebzigstem Geburtstag vergast worden.
Bis zur Einnahme Straßburgs durch alliierte Truppen weiß Goudsmit in seinem Erinnerungsbuch die üblichen Schwänke eines politisch tätigen "Etappenhasen" zu berichten. So war er einem Menschen auf der Spur, der in Frankreich Thorium hamsterte. Thorium konnte man zur Herstellung von Atombomben benutzen. Goudsmit jagte hinter dem Thorium-Hamsterer her; einem Angestellten der deutschen Auer -Gesellschaft. Er fing ihn in Eupen. Das Ergebnis war verblüffend. Der Auer-Mann hatte Thorium nach Deutschland gebracht, um nach dem Krieg möglichst schnell mit der Produktion von Thorium-Zahnpasta beginnen zu können.
In Straßburg hatte Goudsmit aus der Hinterlassenschaft des Professor Carl Friedrich von Weizsäcker schließen können, daß die Deutschen nicht mit dem Bau von Atombomben beschäftigt waren. Der Hauptsitz der deutschen Atomforscher schien in Hechingen zu sein. Um den Franzosen zuvorzukommen, stießen amerikanische Spezialkommandos auf Hechingen vor. Eigentlich hatten die amerikanischen Militärs die deutschen Wissenschaftler durch einen Fallschirm-Handstreich kidnappen sollen. Aber Goudsmit entschied mit Bismarckscher Geste, "die deutsche Kernforschung ist nicht die kaputten Knochen eines einzigen alliierten Soldaten wert".
Goudsmit fing in und bei Hechingen Otto Hahn, Max von Laue, von Weizsäcker, Wirtz, Bagge, er fing den halben Uran-Verein. Aber der Mann, den Goudsmit als Schlüsselfigur betrachtete und dem er den Bau einer Atombombe als einzigem zutraute, war schon mit dem Fahrrad nach Bayern davongestrampelt: Werner Heisenberg. Goudsmit stand mit einem US-General in Heisenbergs leerem Büro, da fiel beiden ein Bild in die Augen, auf dem Heisenberg und Goudsmit bei freundschaftlicher Begrüßung zu sehen waren, 1939 aufgenommen, als Heisenberg im Hause Goudsmit am Michigan-See mit Enrico Fermi zusammengetroffen war. Das Photo aus dem Familienalbum der Kernforscher ließ den General mißtrauisch auf seinen wissenschaftlichen Skalpjäger Goudsmit gucken.
Goudsmit nennt Heisenbergs Beitrag zur modernen Physik in einer Reihe mit dem Einsteins. Er hat mehrere Sommer an der
Universität von Michigan mit Heisenberg verbracht. Er behauptet, den in Bayern aufgegriffenen Freund entgegen dem Fraternisierungsverbot mit Handschlag begrüßt und ihn gefragt zu haben, ob er nicht lieber in Amerika arbeiten wolle. Heisenberg soll entgegnet haben: "Deutschland braucht mich. Wenn amerikanische Kollegen etwas über das Uran-Problem zu erfahren wünschen, will ich ihnen gern unsere Resultate in meinem Institut zeigen."
Damit war es nun allerdings nicht weit her. Die Uran-Bombe war im Juni 1942 in einer Besprechung zwischen Heisenberg und dem Rüstungsminister Speer zu Grabe getragen worden. Damals waren noch keine Untersuchungen über die technische Seite des Atombomben-Problems, zum Beispiel über die Mindestgröße der Bombe, angestellt worden. Es war ohne einen ungeheuren technischen Aufwand kein Verfahren denkbar, den Atombombensprengstoff - das reine Uran 235 - aus dem natürlichen Uran zu gewinnen.
Man beschloß daher, es mit der Konstruktion einer Uranmaschine zu versuchen. Das Vorhaben, Schiffe mittels solch einer Maschine in Bewegung zu setzen, blieb in der bloßen Erwägung stecken. Speers Skepsis gegenüber dem ganzen Projekt ging sogar soweit, daß er den Physiker Walther Gerlach, der später die Sparte "Physik" im Reichsforschungsrat übernahm, gelegentlich fragte, ob es überhaupt Sinn habe, mit solchen Plänen zu spielen. Gerlach, der sich auch für die medizinische Seite des Uran-Vorhabens interessierte, will darauf geantwortet haben: "Zu was wollen Sie denn den Krieg gewinnen, wenn die Besiegten hinterher die Uran-Energie haben und wir nicht!"
Mit dieser Parole hat Walther Gerlach sich dann selbst durch den Krieg geschlängelt und etliche Volkssturm-Anwärter vor der Kriegsmaschine bewahrt. Man arbeitete nur noch gemächlich. Weizsäcker entwickelte seine Theorie von der Entstehung des Sonnensystems, er vergnügte sich auf Kulturreisen im Dienste des Kultusministeriums. Der Nachschub des für Atomexperimente erforderlichen "Schweren Wassers" aus Norwegen setzte aus, da die Produktionsstätte Rjukan von alliierten Fallschirmjägern zerstört wurde. Die Herstellung der für die Versuche benötigten Urangußstücke wurde problematisch. In seinem Dahlemer Institut konnte Heisenberg nicht mehr ungestört arbeiten. Das Vorhaben wurde nach Hechingen verlegt. Der erste deutsche Kernreaktor (Uranbrenner) sollte in einem Kellergewölbe in Haigerloch, im Fels eines steilen Schloßberges entstehen - im Februar 1945. Die Amerikaner sprengten die Anlage, wie sie es auch mit wissenschaftlichen Forschungsstätten der Japaner hielten.
Eine Kettenreaktion, wie sie Fermi im Dezember 1942 in Gang gesetzt hatte, war den Deutschen während des Krieges nicht geglückt. Es blieb ein Trost, dem der "Leiter des geschäftsführenden Beirates des Reichsforschungsrats", ein Ministerialdirektor Mentzel, unter dem 8. Juli 1943 beredten Ausdruck verlieh: "Wenn auch die Arbeiten nicht in kurzer Zeit zur Schaffung von praktisch brauchbaren Kraftmaschinen oder Sprengstoffen führen werden, so ist auf der anderen Seite aber auch die Sicherheit vorhanden, daß die Feindmächte uns auf diesem Gebiet nicht mit Überraschungen aufwarten können."
An diesen Brief werden die deutschen Forscher nicht gern erinnert. Sie schieben ihn dem Ministerialdirektor in die Schuhe: Aber wenn ihre Aussagen gegenüber dem sie verhörenden Goudsmit nur halbwegs stimmen, dann fußte Mentzel auf dem nicht geringen Selbstbewußtsein der deutschen Wissenschaftler.
Goudsmits Auftrag lautete, alle Atombomben-Wissenschaftler festzusetzen. In seinem Bericht "Alsos" versucht er vergebens zu begründen, warum er sich entschied, auch den damals 65jährigen Max von Laue festzusetzen, dem zwar der Ruf anhing, er habe sich mit dem Uran-Problem beschäftigt, von dem aber Goudsmit genau wußte, daß er nichts mit Kernphysik zu schaffen hatte. Laues Haß auf das Nazi-Regime war zudem international bekannt. "Meine Idee war", schreibt Goudsmit, "ihn mit Kollegen auf unserer Seite in Kontakt zu bringen, um mit ihm die Zukunft der Physik in Deutschland zu erörtern" - fürwahr ein merkwürdiges Verfahren.
Goudsmit hatte nun zehn frühere Kollegen beisammen. Aber seine amerikanischen Vorgesetzten wußten nichts mit ihnen anzufangen. In Freiheit herumlaufen sollten sie hingegen auch nicht, da sie von der amerikanischen Neugier für alles Kernphysikalische Kenntnis hatten. Verlegenheitshalber überstellte man sie den Briten. In dem kleinen Landschlößchen Farm Hall hatten sie wenig zu leiden. Die Schloßbibliothek stand ihnen offen, wie der Park und das Billardzimmer. Ihre Tagebücher weisen die üblichen Querelen aus, mit denen Internierte sich selbst unter bequemen Verhältnissen die Langeweile vertreiben. Sie wußten nicht, wie es ihren Familien erging und ob sie nach Deutschland zurückkehren könnten. Es ärgerte sie bisweilen die Fliege an der Wand.
Typisch für den Interniertenkoller ist folgende Eintragung Walther Gerlachs in Stolze-Schreyscher Kurzschrift:
13. August:
"Es ist schade, daß ein so intelligenter Mensch wie v. W. seine Klugheit so mißbraucht. Heute früh vertrat er seine Behauptung, daß es höchstens 1000 Jesuiten in der ganzen Welt gibt. Nachher erhöhte er seine Schätzung auf 5000!"
Oder unter dem 25. August:
"Im Radio wird mitgeteilt, daß es in Deutschland an Lehrern fehlt. Darauf beginnt v. W. eine Unterhaltung über sich als Lehrer. Er sei ohne weiteres in der Lage und bereit, jeden Schulunterricht zu geben. Von alten Sprachen, neuen Sprachen bis zur Geschichte. Nur ungern würde er Physik geben und am aller ungernsten Chemie. Aber natürlich, wenn es verlangt wird, macht er es auch!!!"
Später notiert Gerlach: "Man sagt jetzt offen, daß man Angst hat, daß wir in Deutschland von einer anderen Seite heimlich geholt werden."
Über diese "andere Seite" hat man noch nebelhafte Vorstellungen. Max von Laue ist froh, daß seine Bibliothek nach Rußland gekommen ist, weil sie dort wenigstens gebraucht wird. Gerlach: "Allgemein wurde es begrüßt, daß die Russen die deutschen Kollegen mitgenommen hätten; sie würden auch so gut bezahlt!!"
Und einen Tag später unter dem 31. Oktober: "Heute haben die Herren wieder höchst unangenehme Sachen bei Tisch gesagt. Über die uns bekannt gewordene Übernahme von deutschen Physikern nach Rußland. Ich habe mich bei Hahn beschwert und gesagt, daß ich im Wiederholungsfalle dem Major schreibe, daß ich nicht solche Ansichten habe. Ich sehe nicht ein, daß ich durch die anderen noch mehr leiden soll. Ich will in Deutschland und für die deutsche Haltung arbeiten, wofür ich bisher gearbeitet habe und wofür ich hier nun leiden muß: und mein armer Hase mit mir ..."
In diese Atmosphäre kultivierter Unsicherheit platzt die Nachricht vom Abwurf der ersten Atombombe. Die Kernforscher wollen heute nicht mehr ganz wahrhaben,
wie verblüfft sie waren. Es ist 18 Uhr, und man wartet auf Einzelheiten.
Heisenberg, von Weizsäcker befragt, versichert erneut, daß er versuchsweise die Sache mal nicht glaube. Auch Gerlach hält die Meldung für nur schwer glaubwürdig. Aber Harteck weist darauf hin, daß die abgeworfene Bombe die Sprengkraft von 20 000 Tonnen Sprengstoff besessen haben solle. Da bleibt nur die Uranbombe. Hahn, pessimistisch erschüttert, unterstützt Harteck, und Heisenberg meint, man müsse dann eben den 21-Uhr-Nachrichtendienst abwarten. Die Gewißheit kommt bald. Die Herstellung der Uranbombe hat 5 Milliarden Reichsmark gekostet - die deutschen Atomphysiker haben nicht mehr als 15 Millionen Mark verbraucht.
An diesem ereignisreichen Abend entlud sich eine Diskussion, die in Gerlachs Tagebuch mit den Worten umrissen wird: "Sehr schwierige Lage innerhalb unseres Kreises" und "Es treten merkwürdige Ansichten auf" und "Sehr große Enttäuschungen über die Denkweise mancher Herren." Die "Denkweise mancher Herren" spiegelt sich in dem Tagebuch des internierten deutschen Atomforschers Bagge wider, der notiert: "Die Amerikaner und Engländer haben in Amerika gewaltige Fabriken aufgezogen ... Währenddessen mußten wir in Deutschland um ein paar tausend Mark riesige Kämpfe ausfechten." Bagge erinnert sich: "Von den jüngeren Herren äußerten sich einige: 'Ja, die Amerikaner haben eben zusammengearbeitet und haben es auch geschafft.'"
Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß Bagge und der ihm befreundete Kollege Diebner selbst diese jüngeren Herren gewesen sind. Aus ihren Äußerungen mußten die Älteren - Hahn, Heisenberg und Gerlach - den Vorwurf lesen, sie hätten Deutschland eine entscheidende Waffe vorenthalten. Gerlach wehrte sich ärgerlich mit dem Hinweis, wie aussichtslos und irreal das ganze Projekt in Deutschland gewesen sei. Carl Friedrich von Weizsäcker aber warf dazwischen: "Na ja, wir haben es doch eigentlich gar nicht gewollt."
Jahre später schrieb von Weizsäcker den Satz nieder: "Wir haben, als wir mit den Arbeiten begannen, das Risiko, daß daraus wirklich eine Atombombe hervorgehen würde, in dem Bewußtsein, daß dies seht unwahrscheinlich sei, in Kauf genommen. Die Umstände stellten sich dann so heraus, daß uns die wirkliche Entscheidung, ob wir Atombomben machen wollten, abgenommen wurde."
Otto Hahn beteiligte sich am Abend des 6. August kaum an dem Streit der Wissenschaftler. Er brütete apathisch vor sich hin. Er hatte 1938 das bis dato für unteilbar gehaltene Uran-Atom gespalten. Er hatte seine Entdeckung an einem Experimentiertisch gemacht, der sich heute mit seinen Pertrix-Batterien ausnimmt wie die Bastelecke eines zwölfjährigen Jungen, der zu Weihnachten einen Märklin-Elektrobaukasten geschenkt bekommen hat.
"Und fragt man, wer war schuld daran, so ist die Antwort: Otto Hahn",
sangen die Internierten Wirtz und Diebner ein Vierteljahr später, als die Nachrichtder Nobel-Preis-Verleihung durchs Radio bis nach Farm Hall durchdrang.
Am Abend des 6. August war niemand nach solchen Späßen zumute. Niemand konnte einschlafen. Bagge und Diebner erregten sich noch über die verpaßten Bomben-Chancen, da pochte es nachts um zwei Uhr an ihrer Tür, und herein trat Herr von Laue mit den Worten: "Wir müssen etwas unternehmen, ich habe große Sorgen um Otto Hahn. Diese Nachrichten haben ihn entsetzlich erschüttert, und ich befürchte das Schlimmste."
Ein Captain, der mit Hahn über die Sondermeldung vom Abwurf der Bombe diskutierte, hatte von 300 000 Opfern gesprochen. (Die ersten Verlustzahlen waren um 200 000 zu hoch gegriffen.) Hahn rief fassungslos: "Das ist ja entsetzlich!" Der Entdecker der Atomspaltung erhielt die Antwort: "Besser ein paar tausend Japsen tot als ein einziger unserer Jungens."
Vier Tage nach dem Abwurf der Bombe meldete Gerlachs Tagebuch lakonisch: "Japan gibt auf. Wir bekommen dafür eine Flasche Gin."
Die Bombe hatte den Erfolg, den Kriegsminister Stimson vor dem Interimsausschuß vorausgesagt hatte. Das machtpolitische Ziel, dem ihr Einsatz gegolten hatte, war erreicht. Aber Amerikas Verantwortliche handelten in der selbstgefälligen Illusion, sie könnten die Waffe, die sie ohne moralische Rücksichten anwandten, anschließend unter Berufung auf eben diese mißachtete Moral wieder bändigen und einer internationalen Kontrolle unterwerfen.
Der atomare Sündenfall jedoch war nun nicht mehr rückgängig zu machen. Die machtpolitische Logik, der Hiroshima und Nagasaki zum Opfer gefallen waren, trieb die Sieger des zweiten Weltkrieges unerbittlich in das Atom-Wettrüsten, vor dem die Unterzeichner des Franck-Reports gewarnt hatten. Den Konsequenzen ihres Tuns und ihren selbstverschuldeten Ängsten ausgeliefert, gebaren die Weltmächte das Über-Ungeheuer, das die Menschheit nun endgültig und ohne den geringsten Spielraum für machiavellistische Fehltritte und moralische Versager mit ihrem eigenen Ende konfrontieren sollte: die Wasserstoffbombe.
Fortsetzung folgt.
* William L. Laurence: "Dämmerung über Punkt Null"; Paul List Verlag, München; 1952; 250 Seiten; 1,90 Mark.
Hiroshima: Vernichtung im zehnien Teil einer millionstel Sekunde
Atombomber-Besatzung* (1945) "Einsatz erfolgreich"
Stalin, Truman, Churchill in Potsdam (1945): "Geburt der Babys zufriedenstellend verlaufen"
Physiker Gerlach
"Das deutsche Atomprojekt war aussichtslos"
Internierter Hahn
"Und fragt man, wer war schuld daran ...
... so ist die Antwort: Otto Hahn" - Hahns Experimentier-Tisch (1938)
Physiker Goudsmit
Jagd auf deutsche Atomforscher
* von links nach rechts: Oberst Paul W. Tibbets, Kommandant des Atombombers, Bombenschütze Major Thomas W. Ferebee, Zweiter Flugzeugführer Hauptmann Robert A. Lewis, Navigationsoffizier Hauptmann Theodore J. Van Kirk.

DER SPIEGEL 22/1957
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