DER SPIEGEL



BENN

Sammelsurium illegaler Seelen

Am 7. Juli 1956, kurz nach acht Uhr früh, starb in Berlin der Lyriker und Essayist Gottfried Benn, den der verstorbene Bonner Romanist Ernst Robert Curtius "die größte sprachliche Ausdruckskraft der deutschen Literatur der letzten dreißig Jahre" genannt hat. Wenige Wochen früher, zu seinem 70. Geburtstag am 2. Mai, hatte Benn "80 Telegramme, 200 Briefe und 50 Blumensträuße" bekommen. Der Siebzigjährige nannte diesen 2. Mai "auch eine fatale Sache. Keineswegs ein Glückstag. Und all der Rummel, den er mit sich bringt."

Benn war zu diesem Zeitpunkt schon ein schwerkranker Mann. "Meine Schmerzen hindern mich am Lesen aller der Artikel" schrieb er drei Wochen vor seinem Tode an die Familie seines Wiesbadener Verlegers Max Niedermayer. Der Leiter des Limes-Verlages - Benn: "Er benimmt sich sehr höflich und ist anscheinend nicht dumm" veröffentlicht demnächst dieses Handschreiben seines berühmtesten Autors in der ersten Sammlung von Briefen Gottfried Benns, die bereits kurz nach der ersten Wiederkehr seines Todestages, Ende Juli vorliegen soll.

Niedermayer begründet diese Eile mit der Ansicht, daß man im Falle Benn nicht jahrzehntelang mit der Herausgabe eines Briefbandes warten dürfe: "Da antiquiert doch manches, während Benns Persönlichkeit heute sehr gegenwärtig ist."

Benn war allezeit ein sehr reger Briefschreiber. Er pflegte jede Zuschrift rasch, wenn oft auch nur kurz zu beantworten. Vom schriftstellerischen Wert dieser Korrespondenz hatte er keine hohe Meinung. Als Bestandteil seines Schaffens, das einzig auf "hinterlassungsfähige Gebilde" abzielte, sah er seine Briefproduktion im Gegensatz zu manchen Großen seines dichterischen Metiers niemals an: "Ein Schriftsteller existiert ja außerhalb seiner Bücher nicht."

Verleger Niedermayer teilt mit: "Ich habe vor einigen Jahren mit Benn über eine Briefveröffentlichung gesprochen, aber er lehnte sie zu seinen Lebzeiten ab und fügte einschränkend hinzu, daß er ja kein Briefschreiber wie Rilke gewesen und also nichts Interessantes für das Publikum in seinen Briefen enthalten sei."

Mit dieser Meinung dürfte Benn ziemlich allein stehen, sobald die Briefauswahl in den Buchläden aufgetaucht sein wird. Obwohl die Sammlung von den schärfsten Ausfällen gegen Lebende taktvoll gereinigt ist, haben erste Proben, die über Rundfunk und Presse das Publikum erreichten, bereits einige Gemüter bewegt.

Die Bewunderer Hermann Hesses zum Beispiel dürfte es kaum gleichgültig lassen, daß Benn ihr Idol nicht anders empfindet "als einen durchschnittlichen Entwicklungs-Ehe- und Innerlichkeitsromancier - eine typisch deutsche Sache". Des weiteren versichert der Briefschreiber Benn: "Bei Eliot werde ich nicht aufhören, mich zu fragen, ob nicht seine Dunkelheit und Mystik ein Mangel an Clarté ist, an Formverpflichtung, an Herausarbeiten der inneren Dinge, die nun einmal die Kunst ist."

Bei anderer Gelegenheit gibt Benn diese Definition: "Kunst ist eine Sache von 50 Leuten, davon noch 30 nicht normal sind. Was große Verlage verlegen, ist keine Kunst, sondern Arbeit von Leuten, die ihrer Mittelmäßigkeit schriftstellerisch gerecht werden."

Sehr hoch schätzte er Knut Hamsun ein: "Der ist doch im kleinen Finger mehr als dieser zerfetzte Intellektuelle." Gemeint ist Thomas Mann, von dem Benn am 30. Juli 1055 unter Bezug auf dessen 80. Geburtstag an den Schweizer Literaturkritiker Max Rychner schrieb: "Mich wundert es sehr, daß niemand bei dieser Gelegenheit des Bruders Heinrich gedachte, der bis zu seinem 35. Lebensjahr das größte Genie von Deutschland war, während der kleine Bruder doch immer ein Versicherungsbeamter blieb, der gut mit dem Publikum umzugehen verstand und dem einige einträgliche Abschlüsse gelangen. Gut geheiratet, gut gelebt, die Landhäuser lagen landschaftlich angenehm, und Herr und Hund konnten darin spazierengehen . . ."

Offenbar bedrückt ihn der Schatten des "Krull"-Autors. Weil Thomas Mann eine Schillerrede hält, lehnt Benn eine ähnliche Verpflichtung ab.

Nach Thomas Manns Tode schreibt er an eine Bekannte: "Nun ist der große Thomas tot, er schwebte ja seit Jahrzehnten als großer alter Erzengel über uns allen, die wir zum größten Teil Putten und Amoretten geblieben sind."

So sah sich erst der alte Benn; der Fünfzigjährige mußte sich noch sagen lassen, was er während der Hitlerzeit einem Brief anvertraut: Ausdrücke wie "Ferkel", "widernatürliches Schwein", "Judenjunge", "dreckige Schmierereien".

Benn hatte dem NS-Staat anfangs eine - von den Nationalsozialisten übrigens niemals recht ernst genommene - intellektuelle Starthilfe geliehen. Der Kater kam schon bald. "Schauerliche Tragödie", schreibt er 1934 an die Dichterin Ina Seidel ("Das- Wunschkind"). "Das Ganze kommt mir allmählich vor wie eine Schmiere, die fortwährend 'Faust' ankündigt, aber die Besetzung langt nur für 'Husarenfieber'. Wie groß fing das an, wie dreckig sieht es heute aus."

Und zwei Jahre später erklärt er in einem Brief kategorisch: "Ich mache diese subalterne Kunstpolitik nicht mehr mit. Ich bin 50 Jahre - soll man mich erschießen. Es kommt bestimmt aus Opfertoden auch nichts heraus, aber sie sind doch wohl noch besser, als Dreck zu machen. Und es ist Dreck,

was sich heute als Dichtung gegenseitig hochlobt und preiskrönt."

Der Briefband liefert noch andere Aufschlüsse über Benns vielberedetes Verhältnis zum Nationalsozialismus. "Ich bedaure überhaupt nichts, was ich je geschrieben habe", bekennt er in einem Brief aus dem Jahre 1946. "Wenn man nämlich immer das schriebe, was man zehn oder zwanzig Jahre später für opportun hielte, geschrieben zu haben, würde man überhaupt nichts produzieren.

"Bedenkt man die jetzige Lage, so wäre es opportun, wenn Nietzsche und Darwin überhaupt nichts geschrieben hätten; Minna von Barnhelm, Prinz von Homburg nie erschienen wären; Wallensteins Lager wäre sehr bedenklich; die Eroica untragbar, das Brandenburgische Konzert' besser unterblieben, die 'Alexanderschlacht' bedenklich. Kurz: wenn man sich einmal auf gewisse Maßstäbe festgelegt hat (wie ich), muß man ihnen treu bleiben - usque ad finem, d.h. schweigend dahingehen."

So verschwiegen geht es allerdings in Benns Briefen gar nicht zu. Der Lyriker vertraut dem Briefpapier oft Allerpersönlichstes an. Am 3 Juli 1928 geniert der Pastorensohn Benn sich: "Morgen kommt nämlich mein armer, aber nicht unsauber gekleideter Vater hier durch, und ich kann ihn (in eine Gesellschaft) nicht mitbringen, er spricht so laut, daß sich alle immer nach ihm umsehn, und was er erzählt, hat viel Charakter aber wenig Allgemeininteresse. Er erzählt zum Beispiel, daß es zwei neue Pastorshelfer in seinem Dorf jetzt gibt ... Das kann natürlich bei Hahnen niemand interessieren, und darum sitze ich mit ihm lieber im Christl. Hospiz, wo er billig wohnt, weil er Morgenandacht hält."

Benns Briefe, die gelegentlich über zehn, zwölf Seiten reichen, wachsen sich zuweilen zu prägnanten Kurzbiographien seines Lebens, besonders zwischen 1933 und 1945/50, aus. In einem Brief vom November 1945 gesteht Benn, daß sein Leben durch den tragischen Tod seiner zweiten Frau - Benns erste Lebensgefährtin starb 1921 - "einen endgültigen Stoß und Niederwurf erlitten hat, von dem ich noch nicht weiß, ob ich mich davon erholen werde und will".

Er geht schonungslos ins Detail. "Im September war ich an ihrem Grab, überhaupt nichts in meinem Leben hat mich so erschüttert wie dieser Tag in dem armseligen Dorf, in der Küche, in der sie seit Monaten wohnte und auf mich wartete, auf dem Boden, wo sie in einer Ecke auf einem Kartoffelsack, der auf Holzspänen lag, sich die Morphiumeinspritzungen machte, an denen sie dann am nächsten Tag in dem kleinen Krankenhaus starb.

"Es war das Morphium, das wir beide für den bestimmten Fall beiseitegestellt hatten und das sie ohne mein Wissen mitnahm, als sie am 5. 4. hier abreiste. Sie hatte es erst in dem Ort nicht schlecht, solange er in amerikanischen und englischen Händen war. Dann kamen die andern, und alles verlor den Kopf. Sie wollte über die Elbe auf das andere Ufer, wurde im Stich gelassen und kam nicht mit. Kehrte um und fand ihr Unterkommen besetzt. Hatte wohl niemanden, der ihr helfen konnte. Sehr mutig und lebensvoll war sie schon lange nicht mehr, vor allem aber: sie war ohne jede Nachricht von mir, hielt mich wohl für tot oder gefangen, und da tat sie es denn."

Der Briefband enthält die- Schilderung einer anderen Selbstmord-Katastrophe. Benn wirkte mitunter verhängnisvoll stark auf Frauen, vor allem auf Frauen von intellektuellem Typ. Ein grelles Schlaglicht in dieser Richtung wirft ein Brief vom Februar 1929: "Ich schreibe Ihnen heute nur einen kurzen und sehr traurigen Brief. Meine Freundin, von der ich Ihnen so oft erzählte und die ich ja im Grunde unverändert liebte, tief liebte, wie in den Jahren des Altwerdens und der schwindenden Gefühlsfähigkeit der Mann liebt, ist am 1. 2. freiwillig aus dem Leben geschieden. Auf grauenvolle Art.

"Sie stürzte sich hier von ihrer Wohnung im 5. Stock auf die Straße und kam tot dort an. Sie rief mich an, daß sie es tun würde. Ich jagte im Auto hin. aber sie lag schon zerschmettert unten, und die Feuerwehr hob den gebrochenen Körper auf ... Ich habe sie wie meine Frau beerdigt, auch in der B. Z. es mit meinem Namen angezeigt... Wenn ich dies alles überwinde, wird irgendein neuer Mensch aus mir... Aber wohl ein kalter, armer Mensch mit einer Vakuumschicht um sich herum..."

Am 18. Dezember 1946 hat Benn zum dritten Male geheiratet. Man warnte die junge Dame: Dr. Benn bringe den Frauen Unglück. " . . meine Frau ist zwar sehr jung", schreibt Benn drei Jahre nach der Eheschließung an eine Bekannte, "hat aber ein eigenes, sehr gut gehendes Geschäft (Zahnärztin, Dr. med.), verdient mehr als ich, ich brauche mir keine Sorgen zu machen, was später wird, wenn sie wieder allein ist."

Poetischer klingt die entsprechende Stelle in Benns Selbstdarstellung "Doppelleben": ,Und dann fand ich noch in späten Jahren, nach viel Unglück und Tod und Trauer in dieser Richtung, eine dritte Frau, eine Generation jünger als ich, die nun mit zarter und kluger Hand die Stunden und die Schritte und in den Vasen die Astern ordnet."

Aber Benns Briefe sind nicht nur biographisch interessant. Sie vermitteln einen Eindruck von seinen zahlreichen Kontakten und seinen vielseitigen Interessen. Mit Ernst Jünger ("Ich bin verblüfft zu sehn, wie sehr Ihre Gedanken und meine in der Richtung sich gemeinsam bewegen") korrespondiert er über Rauschgift (Benn: "Darf ich bei der Gelegenheit erwähnen, daß ich selber Drogen weder nehme noch genommen habe außer einer kurzen Episode mit Kokain im 1. Weltkrieg"). Er räsoniert über das Berliner Theater nach dem zweiten Weltkriege, geht mit Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" scharf ins Gericht, nachdem er die Vorstellung nach dem 2. Akt desinteressiert verlassen hat, und auch das klassische Drama läßt ihn kalt:

..Diese ewigen antiken Kostüme! Jeden Abend andere Kothurne auf den Brettern! Helena und Antigone und Orest und Zeus und Klytämnestra und Menelaus - alles was Kostüm trägt, ist das nicht eigentlich Sommertheater? . . . Alkmene und ihre Nacht (,Amphitryon') kommen heute nicht mehr ganz bei uns an, unsere eigene Zeit bedrängt uns zu sehr, und das Ehepaar Sosias war vielleicht zur Zeit von Hans Sachs, ein Bühnenelement, aber wir haben heute unsere eigenen. Possierlichkeiten.

Ein- "gewisser" Abbau unserer Arroganz" scheint ihm am Platze. "Je älter man wird, um so schwieriger wird alles", schreibt er 1953 an seinen Verleger Max Niedermayer. "Man sollte zu Resultaten kommen, aber man kommt zu keinen. Man sollte antworten, aber es bleiben nur Fragen. Man sollte abschließen, aber es bleibt alles offen. Vielleicht sollte man wirklich den Anstand aufbringen, ganz zu schweiz gen."

Es blieb bei diesem Vorsatz. Etwa um dieselbe Zeit vermerkt Benn nicht ohne Selbstgefühl: "Ja, innerhalb der Literatur bin ich wieder etwas hochgekommen, man macht Doktorarbeiten über mich in Minnesota und Bonn, und ich bin wieder Mitglied so ziemlich aller Akademien, sogar der exklusiven Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München, die keine Norddeutschen sonst aufnimmt. Das ist natürlich schön für einen

An Ehrungen nahm Benn in diesen Jahren, nicht ungern, in bunter Mischung entgegen: 1951 in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis, 1953 das "Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" und die Goldene Medaille der Universität Berlin für eine Arbeit über Epilepsie.

Bei anderen Gelegenheiten, öffentlich in. Erscheinung zu treten, hielt Benn sich zurück, aus einleuchtenden Gründen. "Zu Herrn Ludwigs Mittwochabenden (gemeint sind die früheren Mittwochsgespräche des Kölner Bahnhofbuchhändlers Ludwig) führe ich aber auch nicht, wenn ich gesund wäre und mir solche Touren noch leisten könnte", teilt er dem häufigen Korrespondenzpartner Friedrich Sieburg im Jahre 1956 mit. "Halte nichts von Diskussionen mit Krethi und Plethi, spielen sich alle so auf, sind so, wichtig, und in ihnen pulst das Leben - nicht für mich. Außerdem zahlt Herr L., wie ich höre, auch nichts, und das ist nichts für mich: bin kein Fanatiker und Hydeparkredner."

Ein andermal empfing Freund Sieburg von Benn folgende in Seidenpapier eingewickelte Kritik seines ungemein gepflegten Stils: "Wenn ich, Ihren jetzigen Stil nennen sollte, würde ich sagen: Baumkuhlen, also das edelste und teuerste Gebäck, das es gibt. Nicht Makronen, nicht Marzipan, sondern dieser weiche, zarte Teig, in dem man so viel Verdecktes und Verstecktes schmeckt."

Dieser Brief stammt schon aus den Jahren, die von Krankheit überschattet waren. "Ihr (armer alter zerfallender) Benn" unterschrieb der fast Siebzigjährige einen Brief an seinen Verleger Niedermayer. Die Briefauswahl reflektiert diesen langsamen Zerfall bis hin zu dem resignierenden Resümee einer Briefstelle von 1956: Ja. literarisch habe ich mich durchgesetzt, und Minister und der Bundespräsident und der Oberbürgermeister gratulieren mir zum Geburtstag, aber alt werden heißt ja, daß einem rückblickend alles- fragwürdig wird, "was man gemacht hat."

Mit seiner Mischung aus Drastik und Zartheit, Polemik und Melancholie ist der Briefband charakteristisch für den Dichter Gottfried Benn. Kritik an der Mischung und Auswahl begegnet der Briefschreiber Benn selber in einem Brief aus dem Jahre 1952. Es heiß darin: "In Deutschland entsteht die meiste Lyrik auf dem Lande, in Provinzorten, mit Kindern und Enkeln und in Einehen. Lassen Sie auch einmal Banalitäten und Melancholien ihr Recht und dem Sammelsurium unserer illegalen Seelen."

Lyriker Benn: "Arm, alt, zerfallend"


DER SPIEGEL 25/1957
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 25/1957
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BENN:
Sammelsurium illegaler Seelen

TOP



TOP