03.07.1957

ITALIEN / CHRISTDEMOKRATENDie Flirts des Adonis

Seit dem Ende des Faschismus hat es um keine italienische Regierung ein derartiges parlamentarisches Possenspiel gegeben wie um das gegenwärtige christdemokratische Einparteienkabinett des Ministerpräsidenten Adone Zoli.
Der antifaschistische Regierungschef hatte sich am 10. Juni geschlagen gegeben, nachdem es sich herausgestellt hatte, daß er nur mit den Stimmen der Neofaschisten die erforderliche parlamentarische Unterstützung finden konnte. Er hatte seine Demission eingereicht. Zwölf Tage später - sie waren von Kulissenmanövern und Partei-Intrigen erfüllt - forderte Staatspräsident Gronchi den abgetretenen Zoli auf, die neofaschistischen Stimmen zu akzeptieren. Und jetzt auf einmal war der Antifaschist Adone Zoli freudig einverstanden.
Die Regierungskrise, die Staatspräsident Gronchi in so unbefriedigender Weise "lösen" mußte, erwies sich als schwere Strukturkrise der italienischen Christdemokraten selbst, die mit ihren politischen Glaubensbrüdern in Bonn und Paris heute zum großen Teil kaum mehr als den Namen gemein haben. Während sich in der Bonner Republik CDU und SPD unter der Ausstrahlungskraft des Neoliberalismus nach rechts entwickelt haben, ist in Italien seit den Tagen des verstorbenen Abendländers De Gasperi die Democrazia Cristiana derart weit nach links abgerutscht, daß die Mehrheit ihr er Parlamentarier heute links von den deutschen Sozialdemokraten stehen dürfte.
Seit dem Jahre 1954, als die von Parteisekretär Fanfani geführte linkskatholische Gruppe "Iniziativa Democraticà" den Parteiapparat eroberte, ist das von De Gasperi seinerzeit geschaffene System einer Koalition der demokratischen Mittelparteien langsam aber stetig unterminiert worden. Schon Zolis Vorgänger Segni war ein linker Christdemokrat. Doch er war seinen sozialdemokratischen Koalitionspartnern noch nicht links genug. Sie verließen seine Regierung und sprengten damit endgültig das von De Gasperi geschaffene Koalitionssystem der Mittelparteien.
Als der sozialdemokratische Parteichef Saragat am 6. Mai aus der seit neun Jahren bestehenden Regierungskoalition der Mittelparteien austrat, wurde der verstorbene Gründer der Democrazia Cristiana, Alcide De Gasperi, auch politisch beerdigt. Die Linkskatholiken, zu deren stärksten Exponenten Staatspräsident Gronchi zählt, nutzten die Krise, um den Kurs der Partei noch weiter nach links zu orientieren.
Der "Zentrumsformel" De Gasperis setzten die Linkskatholiken der verschiedenen, teilweise verfeindeten Schattierungen ihr eigenes strategisches Konzept entgegen. Sie wollten sich sozialistisch genug gebärden, um auf die Linkssozialisten. Nennis die gleiche Anziehungskraft auszuüben wie bisher die Kommunisten. Sie hofften, mit den Nennianern zusammen eine Art von klerikalsozialistischen Regime in Italien begründen zu können. Wie groß indes die Anziehungskraft einer solchen schwarzroten Verbrüderungsidee
auf die Nenni-Leute ist, zeigte sich am 7. Juni bei dem Vertrauensvotum in der Kammer: Die Linkssozialisten stimmten geschlossen mit der KP gegen Zoli. Als rettender Engel sprang statt dessen die extreme Rechte - Monarchisten und Neofaschisten - ein.
Als Zoll daraufhin die neofaschistischen Stimmen nicht akzeptierte, sondern zurücktrat, setzte in den Reihen der Democrazia Cristiana zunächst der Katzenjammer ein, da verschiedenen katholischen Parlamentariern inzwischen klargeworden war, daß die Partei, wenn sie sich nicht mehr auf ihre demokratischen Mittelpartner stützen will, zwischen extrem rechts und extrem links geradezu halsbrecherische politische Akrobatenkunststücke leisten muß.
Es zeigte sich auch bald, daß die Sozialdemokraten, die jene Krise durch ihren Austritt aus der Koalition mit den Christdemokraten überhaupt ausgelöst hatten, durchaus bereit waren, in ein neues Kabinett einzutreten. Ihre Parteikassen waren nämlich leer.
Doch die Versuche, die Koalition der Mitte wiederherzustellen und, wie sich die kommunistische "Unità" ausdrückte, den toten Geist De Gasperis wieder zum Leben zu erwecken, wurden von den Linkskatholiken sabotiert. Staatspräsident Gronchi endlich stoppte alle Bemühungen, das System einer Koalition der Mitte wiederauferstehen zu lassen, indem er Zoll aufforderte, ohne Gewissensbisse die Stimmen der Neofaschisten anzunehmen und im Amt zu bleiben.
Um radikaler bleiben zu können, als es die gemäßigten Sozialisten sind, waren die linken Christdemokraten also rücksichtslos bereit, die notwendige parlamentarische Hilfe für ihr Einparteienkabinett sogar von den Rechtsradikalen anzunehmen.
Der vatikanische "Osservatore Romano" schlug vergebens Alarm. Die innenpolitisch versierten Prälaten des Vatikans befürchten, daß die linkskatholischen "Jakobiner" und "Jungtürken" die italienische Christdemokratie "ruinieren".
Zwischen dem linkskatholischen Parteiapparat und den zehn bis dreizehn Millionen christdemokratischer Wähler klafft nämlich ein Bruch wie in keiner anderen Partei. Die weitaus meisten Wähler sind traditionell kirchentreue Bürger; die im Schoße der Christdemokratie Schutz vor dem Teufelswerk des Kommunismus suchen.
Wenn die Democrazia Cristiana ihrem sozialrevolutionären Element nachgibt und in gemeinsamen Abstimmungsfronten mit den Nenni-Sozialisten und Kommunisten entgegen dem Willen ihrer Wählerschaft einen sozialistischen Kurs einschlägt, läuft die Partei Gefahr, daß Scharen bürgerlicher Wähler abspringen, ohne daß die Partei die geringste Aussicht hätte, als Ersatz dafür Linksstimmen abzuschöpfen.
Dieses christdemokratische Dilemma haben die Rechtsparteien klar erkannt. Sie unterstützen die Christdemokraten, um sie nach rechts zu locken und sich gleichzeitig bei den frommen katholischen Wählern als kirchenfreundlich zu legitimieren. Sie wollen den christlichten Demokraten bürgerliche Stimmen abjagen, falls sich Zoll weitere Blößen nach links geben sollte.
Ähnlich manövriert der taktisch gerissene KP-Boß Togliatti: Er greift die Democrazia Cristiana wegen ihrer neuerlichen "Kollaboration mit den Faschisten" an, um die Linkswähler weiter an sich zu ziehen, ist aber gleichzeitig bereit, den Linkskatholiken seine Parlamentsstimmen zu geben, um 'soziale Reformen zu ermöglichen".
Von beiden Seiten unter Feuer genommen, legte Ministerpräsident Zoli vorsichtshalber gleich zwei Regierungsprogramme vor: Dem Senat präsentierte er ein gemäßigtes und der Abgeordnetenkammer ein radikales, das unter anderem die Unkündbarkeit der landwirtschaftlichen Pachtverträge und damit die Vorstufe zu einer Sozialisierung des Bodenbesitzes vorsieht. Trotz aller südländischen Beredsamkeit konnten Italiens Parlamentarier in den bisherigen Debatten nicht ermitteln, welches von beiden Programmen Adone Zoli nun wirklich durchführen will.
Höhnisch bezeichnete der sozialdemokratische Abgeordnete Rossi die Seiltänzerei des Zoli als politische Bigamie. Unter Anspielung auf den Vornamen des Ministerpräsidenten - Adone ist die italienische Form von Adonis - erklärte der humanistisch gebildete ehemalige Kultusminister, Zoli habe seine Neigung zu doppelten Flirts mit dem Adonis der klassischen Sage gemein, denn auch jener habe seine Liebe zwischen der reizenden Aphrodite und der Unterweltgöttin Persephone geteilt.
Ministerpräsident Zoli und Vorgänger Segni: Politische Bigamisten

DER SPIEGEL 27/1957
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Die Flirts des Adonis

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