03.07.1957

DER ALTE MANN UND SEINE SCHWÄCHEN

Besuch bei Albert Schweitzer

Von Gunther, John

Seit Jahrzehnten umweht den Theologen, Arzt und Menschenfreund - Albert Schweitzer eine nahezu mythische Verehrung, die bislang von allen Menschen geteilt wurde, die ihn in seinem afrikanischen Domizil Lambarene aufsuchten. Der amerikanische Journalist John Gunther, renommierter Verfasser von politischen Reisebüchern und Biographien, ist der erste kritische Lambarene-Besucher. Sein Bericht* durchbricht das diskrete Schweigen, das eifrige Schweitzer-Verehrer übel die weniger lobenswerten Seiten des "Urwald-Doktors" breiten

Schweitzer ist unbestreitbar ein großer Mann - einer der größten unserer oder irgendeiner Zeit. Die Erhabenheit seines Denkens und die Kraft und Weite seines sittlichen Empfindens sind fast, wenn nicht ganz olympisch. Schweitzer steht zu hoch, ist zu vielseitig, als daß er leicht zu erfassen wäre; er ist ein "universaler Mensch" in dem Sinne, wie Leonardo da Vinci und Goethe universale Menschen waren. Jedermann weiß, daß er ein Lehrer, ein Seher, ein Menschenfreund, ein Heiler ist und ein praktischer Idealist.

Schweitzer wäre unerträglich, wenn er nicht neben seinen überragenden geistigen und sittlichen Fähigkeiten auch seine Fehler hätte. Der alte Mann hat tatsächlich einige Schwächen. Seine Verehrer sind entsetzt, wenn man daran rührt; sie wollen ihren Großen Mann ganz, ungeteilt und ungemindert.

Er kann aber gelegentlich verbohrt sein, diktatorisch, vorurteilsvoll, pedantisch auf eine eigentümlich teutonische Art, reizbar und etwas eitel Und warum auch nicht? Man darf vielleicht sogar leise sagen, daß Dr. Schweitzers Ansichten über verschiedene Dinge eigensinnig altmodisch sind.

Unser Hauptinteresse war natürlich, etwas von seinem Verhältnis zu Afrika zu erfahren. Aber in Wahrheit kennt Dr. Schweitzer nicht viel von Afrika, außer seinem kleinen, abgeschiedenen Winkel, wie er selbst freimütig zugibt. Er hat elf Reisen nach dem Kontinent gemacht, aber mit Ausnahme eines zweiwöchigen Aufenthaltes in Kamerun (1924) nie ein afrikanisches Land besucht, außer Französisch-Äquatorial-Afrika. In Lambarene hat er im ganzen achtundzwanzig Jahre gelebt, ist aber kein einziges Mal auch nur in Brazzaville gewesen, der Landeshauptstadt, die 670 Kilometer entfernt ist.

Interessant ist auch, daß Schweitzer meines Wissens keine afrikanische Sprache oder Mundart gelernt hat, außer ein paar Grußworten. Seine Einstellung zu den Afrikanern als Masse ist eine Mischung von Wohlwollen, Ratlosigkeit, Gereiztheit, Hoffnung und Verzweiflung. Er spricht nie in der Öffentlichkeit über Politik, äußert sich aber privat recht deutlich darüber.

Ich kann mir vorstellen, daß er nicht viel oder gar kein Vertrauen zu der Fähigkeit der Afrikaner - mindestens in seinem eigenen Gebiete - hat, sich selber zu regieren. Er haßt natürlich Unterdrückung und glaubt inbrünstig an die Brüderlichkeit unter den Menschen, hat aber offenbar keinen Begriff von den vulkanischen Kräften und Spannungen im modernen Afrika und von dessen gierigem Hunger nach politischem Fortschritt. Ich glaube nicht, daß er je einen afrikanischen Nationalisten unserer Tage getroffen oder ein Wort mit einem solchen gewechselt hat.

Die Afrikaner stellen Schweitzers Geduld auf eine harte Probe, wie sehr er sie auch lieben mag. Es erschütterte ihn tief, als sich kürzlich in Port Gentil blutige Unruhen ereigneten. Er führte sie auf die freien, lockeren Manieren zurück, die man bei den Afrikanern gefördert habe. Vieles an der gegenwärtigen Politik der Franzosen gefällt ihm nicht. Vor ungefähr einem Jahr gab es sogar eine "Revolte" in Schweitzers Spital selbst, die das Personal dämpfen mußte; Schweitzer war damals in Europa. Mit Messern bewaffnete Patienten gingen auf die Bewohner des Aussätzigendorfes los, da die Aussätzigen sie angeblich bedroht hatten.

Offenbar hat Schweitzer nicht viel Zutrauen zu der Erziehbarkeit der Afrikaner in seiner Nachbarschaft oder auch nur zu ihrem guten Willen! "Ich setze hier einen Mango, dort eine Banane und dort einen Brotbaum. Die Afrikaner können das eine nicht vom andern unterscheiden. Ich erkläre es ihnen. Dann gehen sie fort, und wenn sie am Fluß sind, haben sie in zehn Minuten alles vergessen"

Er erzählte uns von einem Gespräch mit einem seiner schwarzen Angestellten, der ihn fragte, warum er weniger tauge als Schweitzer selbst. "Das will ich dir erklären", sagte Schweitzer. "Wir beide gehen mit Axt, Hammer und Säge in den Wald. Dann kommt ein Wirbelsturm. Du wirfst dein Werkzeug hin und läufst davon. Ich trete den Rückzug langsamer an und hebe die Werkzeuge auf, die du fallen gelassen hast. Wenn wir heimkommen, habe ich infolgedessen sechs Werkzeuge und du keines. Stimmt das nicht?" Der Neger sagte: "Doch!" Schweitzer fuhr fort: "Und beweist das nicht, daß ich mehr tauge als du?" Der Neger schüttelte den Kopf; er verstand den Sinn des Gleichnisses nicht.

Noch etwas anderes fiel mir auf. Schweitzer ist ein tiefer Moralist, hat aber verhältnismäßig wenig Interesse für die Menschen selbst, seien sie nun Afrikaner oder etwas anderes. Er ist nach innen gekehrt, nicht nach außen. Im Grunde sind seine Interessen Kunst und Ideen. Wie sein Spital geleitet wird, ist nicht ganz leicht zu erklären. Manche Besucher finden darin alles, was sie auf geistigem Gebiet suchen; Schweitzer zu begegnen und sein Werk zu sehen, ist ein großartiges Gefühlserlebnis,

Andere sehen jedoch das Spital - wenn sie es vielleicht auch verschweigen - nicht gerade als das Muster einer christlichen Gemeinschaft an. Die Disziplin ist ziemlich streng, auch wenn sie nicht offen gehandhabt wird. Alles wird "notiert", wie es ausgedrückt wurde. Bei den Mahlzeiten oder am Abend gibt es kaum Diskussionen: die Jünger sitzen nicht zu Füßen des Meisters, um Weisheit zu trinken - denn er spricht nur selten. Seine innere Unnahbarkeit ist erstaunlich; mit den meisten seiner Mitarbeiter hat er wenig Fühlung. Sein Denken ist natürlich zu hoch für belangloses Geschwätz.

Bei Zusammenstößen werden die Streitenden einzeln in Schweitzers Zimmer gerufen. Mit geschlossenen Augen sagt ihnen der Doktor, wie er entschieden hat: "Tun Sie das" oder "Das will ich nicht mehr haben", ohne eine Entschuldigung oder Erklärung zu erlauben. Schweitzer ist durch und durch gerecht und immer anständig, aber er hat nicht viel für nebensächliche persönliche Fragen übrig.

Kein Spital im Busch kann sauber sein, so wenig wie ein Bauernhof in Südkarolina. Man wird immer Unordnung und harmlose Abfälle am Boden finden. Aber Schweitzers Spital erschien mir doch als der ungepflegteste Ort seiner Art, den ich in ganz Afrika sah. Die sanitären Anlagen sind - wie soll ich sagen? - malerisch. Ferner fiel mir auf, daß viele afrikanische Arbeiter unzufrieden und unfreundlich, ja verdrossen aussahen. Sie wollten Trinkgelder erschmeicheln. Einmal wurde ich, hundert Meter vom Spital, offen von zwei stämmigen, grinsenden Negerinnen angebettelt. Ich lachte und zog zwei Francs aus meiner Tasche; das sei alles Geld, das ich hätte. Heiter-verächtlich meinten sie, das sei nicht genug. Es kam mir in solcher Nähe von Dr. Schweitzer seltsam vor.

Schweitzer hat Tausende von Menschenleben gerettet; das ist um so bemerkenswerter, wenn man die Primitivität seiner Einrichtung bedenkt. Soviel ich sehen konnte, gab es keine Vorrichtung, Verbandszeug unter Druck zu sterilisieren. Wasser muß im Freien in Kesseln gekocht werden, die auf Steinen über schwachem Holzfeuer stehen. Jahrelang waren Arzneien und Verbandszeug knapp. Jede Sicherheitsnadel ist kostbar. Gegenstände, die wir in einem europäischen Spital für ganz selbstverständlich ansehen, werden hier angestaunt.

Man sagte mir, Schweitzer sei kein Freund ausgetüftelter Apparate. Erstens halten sie sich in einem tropisch-feuchten Klima schwer und sind kaum zu reparieren. Außerdem will Schweitzer, daß sich die Afrikaner behaglich fühlen und in einer Umgebung leben, die sie an zu Hause erinnert, so daß sie sich nicht scheuen, zu ihm zu kommen, wenn sie krank sind.

Wir sahen eine Pflegerin, die an einem als Tisch dienenden Brett arbeitete. Aus einer Decke ragte etwas heraus, das wie ein grünlicher, faulender, dünner Baumstamm aussah. Sie schien eine Art Pilze davon abzukratzen. Es war das Bein eines Negers.

Einmal spähten wir vom Hof aus in den Operationssaal. Auf dem Tisch lag ein nackter Neger mit blutüberströmten Bauch. Ich sah näher hin: es war nicht Blut, sondern Mercurochrom (ein Quecksilbermittel zur Wundbehandlung, das von der modernen Medizin wegen Vergiftungsgefahren kaum noch verwendet wird). Der Arzt, der die Operation ausführte, kam nach einer Stunde zum Essen. Er hatte keine Zeit gehabt, sich gründlich zu waschen, und setzte sich mit aufgekrempelten Ärmeln zu Tisch, bis zu den Ellbogen rot von Mercurochrom.

Später beobachteten wir Schweitzer, wie er eine seiner Hausantilopen fütterte; das Spitalgebäude wimmelt von Tieren, und der Doktor läßt ihnen die zärtlichste Fürsorge zukommen. Er scheint in Lambarene die Tiere lieber zu haben als die Menschen; vielleicht - wer weiß? - sind sie ihm dankbarer.

* John Gunther: "Afrika von Innen"; Humanitas-Verlag, Konstanz-Stuttgart, 1957; 880 Seiten: 25,50 Mark.

John Gunther


DER SPIEGEL 27/1957
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