03.07.1957

SOWJETZONEDer Anti-Teufelsgeneral

Der 1941 freiwillig aus dem Leben geschiedene Kunstflieger und Generalluftzeugmeister Ernst Udet, dem Carl Zuckmayer in seinem Erfolgsstück "Des Teufels General" ein recht schmeichelhaftes Denkmal gesetzt hat, figuriert zum zweitenmal als Mittelpunkt eines Bühnenstücks. Die fünfzigjährige Schriftstellerin Hedda Zinner, die sich als Ehefrau des Ostberliner Starkritikers Fritz Erpenbeck darauf spezialisiert hat, mehr oder weniger schlagkräftige kommunistische Theaterstücke zu fertigen (SPIEGEL 8/1955 und 4/1956), hat sich bewogen gefühlt, gegen Zuckmayers Udet-Porträt "eine Art künstlerischen Protest" einzulegen.
"Dieses gut gebaute, publikumswirksame Stück (Zuckmayers)", bekennt Hedda Zinner, "weckte meinen Protest: Es verzerrt die menschliche, die gesellschaftliche und die historische Wahrheit. Alles in mir sträubte sich gegen das Beschönigen furchtbarer Tatsachen ... Für den Zuschauer (ergibt sich) - beabsichtigt oder nicht - die Schlußfolgerung: all die braven, ach so menschlichen Hitlergeneräle und Kriegsverbrecher haben nur an einer Schuld zu tragen, die gar nicht die ihre ist, sie sind getrieben, sind Opfer..."
Allerdings war mißtrauischen Kritikern schon vor der Hedda Zinner aufgefallen, daß der Emigrant Zuckmayer mit diesem Stück, das zum größten deutschen Bühnenerfolg der Nachkriegszeit wurde und auch in Helmut Käutners Filmfassung reüssierte, seiner anti-nationalsozialistischen Gesinnung einen zweifelhaften Dienst erwies. Der verstorbene Ostberliner Kritiker Paul Rilla hatte dem Erfolgs-Autor Zuckmayer bereits 1948 "herzliches Behagen an der spezifischen Humorigkeit eines Milieus von deutschen Uniformträgern" vorgeworfen. Das habe ihn veranlaßt, "die Rechnung, die er mit dem Nationalsozialismus abzumachen hat, als Blankoscheck zur moralischen Entschuldigung hoher nazistischer Würdenträger" zu präsentieren.
So wenig original also Hedda Zinners Einsichten sind, denen ihr "künstlerischer Protest" entsprang, so wenig kann sie die künstlerische Fassung ihres Protestes ohne weiteres als ihr geistiges Eigentum reklamieren. Ihr fünfaktiges Schauspiel "General Landt", das in Weimar und Rostock uraufgeführt wurde, ist nämlich nur eine technisch nicht ungeschickte Bühnenbearbeitung des Romans "Die den Wind säen" der 49jährigen amerikanischen Schriftstellerin und Diplomatentochter Martha Dodd.
Vater William Dodd war von 1933 bis 1937 amerikanischer Botschafter in Berlin. Nach seiner Rückkehr aus NS - Deutschland veröffentlichte er ein sehr kritisches "Tagebuch des Botschafters Dodd". Etwas später erschien ein Buch seiner Tochter Martha: "Aus dem Fenster der Botschaft", mit erheblich weniger kritischen Passagen über eine Reise durch Sowjet-Rußland.
Ihr Roman "Die den Wind säen" kam sofort nach Kriegsende in den USA heraus und 1947 in der Sowjetzone. Hier wurde das Buch der Amerikanerin einer der wenigen Bestseller auf dem Gebiet politischer Belletristik.
Was diese Vorlage für die Protestaktion der Hedda Zinner empfahl, war die Tatsache, daß - anders als der historische Udet und Zuckmayers General Harras - der General Landt des Dodd - Romans seine Mitläuferschaft keineswegs durch Selbstmord sühnt. Landt läßt sich vielmehr in einer "Flucht nach vorn" zum Mord an einem gefangenen russischen Flieger - Offizier hinreißen. "Er empfand
keine Reue, nichts regte sich in ihm. Jetzt, das wußte er, war er wirklich Nationalsozialist", kommentiert Martha Dodd am Schluß ihres Buches die entscheidende Tat des Generals Landt.
Nicht einmal in der Darstellung weltpolitischer Zusammenhänge brauchte die Kommunistin Hedda Zinner ihre amerikanische Vorlage zu korrigieren: Martha Dodd bejahte in ihrem Roman uneingeschränkt das antifaschistische Kriegsbündnis der Westmächte mit der Sowjetunion.
Diese Einstellung dürfte die Kommunistin Hedda Zinner dazu verführt haben, sich im Werk der Martha Dodd so zu Hause zu fühlen, daß sie schließlich meinte, "nur die Grundidee, einige Motive und manche Namen" daraus entnommen zu haben. Tatsächlich sind jedoch der ganze Handlungsverlauf, fast alle Figuren sowie ausgedehnte Dialogpartien geistiges Eigentum der amerikanischen Romanautorin Dodd.
Die allzu enge Verwandtschaft des Zinnerschen Anti-Zuckmayer-Dramas mit seiner epischen Vorlage fiel der Kritik prompt auf. "Der Bilderfolge fehlt der dramatische Atem, der mitreißt", tadelte der Kritiker der Rostocker ;,Norddeutschen Zeitung". "Herausgefordert zu einem Vergleich mit dem Zuckmayerschen Drama, wird man ... doch zu dem Ergebnis kommen müssen, daß Hedda Zinner rein vom dramatischen Aufbau her nicht die bühnenwirksame Form Zuckmayers erreichte."
Aber das Rostocker LDP - Blatt kritisierte darüber hinaus Hedda Zinners Entschluß, ihren "künstlerischen Protest"; gewissermaßen einem Anti - Teufelsgeneral in den Mund zu legen. Zwar ließ die Zeitung keinen Zweifel an der Absicht der ehemaligen Moskau-Emigrantin, "die alten Militaristen zu entlarven und zugleich vor ihnen zu warnen". Aber "so gut diese Absicht immer sein mag", erklärte der Rostocker Kritiker, "fragt es sich doch, ob es zweckmäßig war, sie in der Form eines Anti-Zuckmayer-Dramas zu verwirklichen. Wollte die Autorin mit ihrem Schauspiel ebenso oder noch stärker wirken, so mußte sie dies ... durch eine politisch eindeutigere Haltung (zu erreichen versuchen) ..."
Der besonders aufmerksame Kritiker des Schweriner CDU-Blattes "Der Demokrat" entdeckte sogar einen politischen Konstruktionsfehler in dem Stück. Er fand heraus, daß die Autorin versäumt habe, für die nachdrücklich propagierte Moral des Stücks: "Wer vom Faschismus ißt, stirbt daran", den Beweis zu liefern. "Im Gegenteil", räsonnierte der Kritiker, "der Zuschauer muß zwangsläufig zu dem Schluß kommen, daß dem General Landt die völlige Hingabe an den Faschismus nur gut getan hat, denn selbst nach Zerstörung des Hitler-Reiches profitiert er von diesem seinem schändlichen Verhalten, während Zuckmayers Teufelsgeneral wirklich am Faschismus stirbt."
Dieser verwirrenden Interpretation hat Hedda Zinner mit einer besonders gesinnungstüchtigen Zutat Vorschub geleistet: Ein kurzer Epilog zeigt den General Landt, wie er aus einem alliierten Kriegsverbrecher-Gefängnis in der Bundesrepublik entlassen wird und von seinen alten Freunden, Generälen und pronazistischen Wirtschaftsmagnaten mit den Worten begrüßt wird: "Wir sind alle wieder da."
Hedda Zinners "General Landt"*: "Wir sind alle wieder da"
Autorin Zinner Protest gegen Zuckmayer
* In der Rostocker Uraufführung: Kurt Wetzel (l.) als Hermann Göring, Gerd Ehlers als General Landt.

DER SPIEGEL 27/1957
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