17.07.1957

DER UNTERGANG DEUTSCHLANDS

Am 5. Juli in der Kieler Ostsee-Halle
Meine Freunde! Die Zeitungen, aber vielleicht auch die Bevölkerung spricht sehr viel über die Ereignisse In Moskau, die in diesen Tagen gewesen sind.
... Stalin hat etwa zehn Jahre, von 24 bis 34, Säuberungen vorgenommen. Die jetzigen Herrschaften machen es viel schneller.
Heiterkeit
Das ist der einzige Unterschied, meine Damen und Herren! Nichts anderes wie ein Kampf um die Herrschaft. Und das Bezeichnende ist aber für meinen Geschmack an dem gewesen - ach, lassen Sie mich noch ein Wort zu Molotow sagen.
Sicher, Molotow ist ein widerborstiger Diplomat gewesen. Das ist richtig Aber denken Sie doch daran, daß er jetzt schon keine Rolle mehr spielte und daß Malenkow, nachdem er ein Schuldbekenntnis vor dem Obersten Sowjet am 8. Februar 1955 abgelegt hat, zurückgetreten ist von seinem Posten als Ministerpräsident. Und Schepilow war nur ganz kurze Zeit Außenminister, und dann mußte er auch weg Und Kaganowitsch? Der, meine Damen und Herren, ist auch schon seit einigen Jahren kaltgestellt. Also ich beurteile die Dinge ganz anders in Moskau ...
Wer war verantwortlich, meine Freunde, für alles das, was unter Stalin in der Ukraine geschehen ist? Kein anderer wie Chruschtschew. Wer war verantwortlich dafür, was in Warschau geschehen ist im Kriege? Wer stand mit der russischen Armee ruhig still und sah, wie deutsche Truppen und SS-Truppen, Warschau verwüsteten? Das war Bulganin, Marschall Bulganin, meine Damen und Herren! Nun, ich habe die Herren ja kennengelernt. Gott, der Eindruck wechselt.
Große Heiterkeit
Ich würde nur eins mir wünschen: daß diese beiden Herren - und lassen Sie mich das mit allem Ernst sagen -, daß diese beiden Herren, Herr Bulganin und Herr Chruschtschew, das Wort, was sie mir gegeben haben, endlich erfüllen würden, das heißt, den letzten Deutschen freigeben würden.
Lang andauernder, starker Beifall
... Wir können nicht ernst genug die Situation der Welt betrachten. Es ist nicht leicht für einen Redner, in einer Zeit, in der wir jetzt leben, an einem so strahlenden Sommertag, in einer Zeit, wo es uns gut geht - die Ferien haben hier gerade angefangen -, sehr ernste Worte auszusprechen. Aber, meine Damen und Herren, Ich glaube, ich bin dazu verpflichtet. Und deswegen lassen Sie mich Ihnen sagen: Wir haben seit einer ganzen Reihe von Jahren noch nicht in einer so ernsten Periode in der Welt gelebt, wie wir jetzt leben ...
Am 7. Juli in der Nürnberger Messehalle
Bis in die letzte Zeit hinein haben
sich ehrlichmeinende Politiker des Auslandes gefragt: "Wird denn nicht eines Tages diese Partei, die Sozialdemokratische Partei, an die Macht kommen und ist dann nicht alles vergebens gewesen, was wir mit dem deutschen Volk gemacht haben?" Wir sind fest entschlossen, daß die SPD niemals an die Macht kommt.
Stürmischer Beifall, Zurufe
Warum sind wir so fest dazu entschlossen? Nicht etwa, glauben Sie mir das, aus parteipolitischem Haß. Das ist nicht der Grund, sondern wir sind dazu so fest und bis zutiefst entschlossen, weil wir glauben, daß mit einem Sieg der Sozialdemokratischen Partei der Untergang Deutschlands verknüpft ist!
Starker Beifall. Zurute: Jawohl!
... Und wenn im Herbst - Gott, man muß auch das mal sagen; ich glaube nicht daran - die Sozialdemokratie führend würde,
Zuruf: Niemals!
dann, meine Damen und Herren, würde das ganze Ausland sagen: "Also, das deutsche Volk ist doch nicht zu verwenden!"
Beifall
Die heutige Sozialdemokratie, meine Damen und Herren, hat bei allem im Auge das Interesse ihrer Partei. Und, sehen Sie, wer in einer Zeit wie der unseren, in einem Deutschland, das sich von unten herauf in der schrecklichsten Situation wieder in die Höhe arbeiten mußte, nur an seine Partei denkt, der darf in der Politik niemals maßgebend sein.
Beifall
... Ich möchte, ich tue es nicht sehr gern, meine Damen und Herren, aber ich möchte einen so sonnigen, schönen Tag - für meinen Geschmack meint es die Sonne zu sehr gut, aber dann denke ich an den Frankenwein, den Rheinwein und den Moselwein und den Saarwein, den wir demnächst bekommen werden -,
Beifall
aber, meine Damen und Herren, trotzdem: Ich glaube verpflichtet zu sein, Ihnen zu sagen, wie ernst die Lage in der Welt ist ...
Meine Damen und Herren! Die Gefahr, wie ich eben sagte, ist groß. Und die Weltlage ist ernst. Und durch die Entwicklung der atomaren Waffen und durch, meine Damen und Herren, durch die Entwicklung des Schießens mit den Raketengeschützen ist die Entfernung in der Welt zusammengeschrumpft. Lokale Auseinandersetzungen wird es kaum mehr geben.
Wenn es zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjet-Union - das sind ja die beiden großen Gegner: auf der einen Seite die Vereinigten Staaten, die die Freiheit für alle wollen, auf der anderen Seite die Sowjet-Union, die die Knechtschaft für alle will -, wenn, meine Damen und Herren, es nicht gelingt, da zu einem Abkommen zu kommen, dann, meine Freunde, ist es ganz gleichgültig, ob eine sozialdemokratische Regierung vorher gesagt hat: Tut mir nichts, ich bin neutral. Es nützt auch nichts, wenn eine sozialistische Regierung vorher gesagt haben sollte: Bei mir werden auch keine Atomwaffen angesammelt. Dann geht der Krieg, ein furchtbarer Krieg, erbarmungslos über die ganze Erde hinweg.
Aber sehen Sie einmal zu, welche Heilmittel die Sozialdemokraten machen bei einer solchen Situation ... Was will die SPD? Sie will aus der Nato heraus Sie will die Nato auflösen. Wenn Herr Ollenhauer und die SPD sagen, daß sie im Falle, daß sie an die Regierung kämen, die allgemeine Wehrpflicht abschaffen würden, dann, meine Damen und Herren, ist das dasselbe, als wenn er sagte: Wir lösen die Nato auf ...
Wenn es wirklich zu einem solchen ungeheuren Krieg kommen wird, dann, meine Damen und Herren, sitzt Deutschland mitten im Brennpunkt des Geschehens. Und wenn man noch so oft sagt: Ich habe es nicht gewollt - meine Damen und Herren, keiner hat es nachher gewollt. Wer dem deutschen Volke nicht die Möglichkeit gibt, sich vor einem solchen Unheil zu schützen, der sündigt gegen das deutsche Volk.
Stürmischer Beifall
Und, meine Freunde, es gibt eine Möglichkeit, einen solchen Krieg zu verhindern. Das ist ein Erfolg der Londoner Abrüstungskonferenz ... Wenn am 15. September die Sozialdemokratie in die Führung der Regierung kommt, haben wir dann mit der Londoner Abrüstungskonferenz Schluß. Dann ist es vorbei mit dieser Hoffnung. Aber ich sage Ihnen umgekehrt, und das ist meine feste Überzeugung: Wenn wir auch diesmal wieder in dem Umfange wie bisher die Stimmen der Wähler bekommen, dann wird es im Verein der Arbeit zwischen den freien. Völkern der Welt, an der Spitze die Vereinigten Staaten und uns, doch zu der kontrollierten Abrüstung kommen, dann hat die Atomwaffe ihre Schrecken verloren.
Stürmischer Beifall und laute Bravo-Rufe

DER SPIEGEL 29/1957
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