17.07.1957

PARKENGegen die Saugnäpfe

Zum erstenmal seit Jahren sehen die Pariser Verkehrspolizisten dem Ende der Sommersaison mit einiger Gelassenheit entgegen. Zum Ende der Saison, wenn alle Pariser mit ihren Kraftwagen aus den Ferien zurück sind, fühlte sich die Polizei sonst alljährlich von neuem mit dem Problem konfrontiert, wirksame Maßnahmen gegen die Verstopfung der Straßen zu suchen - ohne daß bisher eine praktikable Lösung gefunden werden konnte. Am 1. Oktober dieses Jahres nun wird im Zentrum der Stadt ein neues Parksystem eingeführt werden, von dem der Pariser Polizeipräfekt Roger Genebrier meint, es sei "das beste, das bisher vorgeschlagen wurde".
Nicht anders als in Deutschland betrachtet die Polizei auch in Paris die parkenden Autos als eine der Hauptursachen für das sich ständig steigernde Verkehrs-Chaos. Für die französischen Verkehrsfachleute hat aber das Problem, mit dem Verkehr fertig zu werden, ganz andere Ausmaße: Allein in Paris verkehren täglich etwa eine Million Kraftfahrzeuge, für die kein auch nur annähernd ausreichender Parkraum zur Verfügung steht.
Durch den Plan, der in Paris am 1. Oktober in Kraft tritt und den der Pariser Polizeipräfekt so günstig beurteilt, wird nun allerdings die Parkraumnot ebensowenig beseitigt wie etwa in Deutschland durch die Aufstellung von Verbotsschildern und Parkuhren. Das System, das die Pariser Verkehrsfachleute ersonnen haben, dient vielmehr allein dem Kampf gegen die sogenannten "Dauerparker" - gegen Kraftfahrer also, die ihre Wagen für längere Zeit als die etwa eingeräumte halbe oder volle Stunde abzustellen genötigt sind. Gegenüber allen in der Bundesrepublik üblichen Methoden bietet es allerdings einen beträchtlichen Vorteil: Es ist kostenlos.
Vom 1. Oktober an wird in der Pariser Innenstadt eine sogenannte "Blaue Zone" abgesteckt werden, innerhalb derer die Parkerlaubnis ganz allgemein auf höchstens eine Stunde begrenzt ist. Die "zone bleue" liegt nördlich des Seinebogens und reicht vom Place d'Etoile etwa bis zum Gare du Nord und zum Louvre.
Neuartig an diesem System ist vor allem die Methode, durch die kontrolliert werden soll, ob die Kraftfahrer ihre Parkzeit nicht überschreiten. Die Polizeidienststellen werden nämlich an alle Autofahrer, die in der Innenstadt parken wollen, kleine Pappdrehscheiben verteilen. Diese mit einer Zeiteinteilung versehenen Pappdrehscheiben müssen hinter der Frontscheibe des Wagens angebracht und beim Parken auf die jeweilige Stunde eingestellt werden. Die patrouillierenden Polizeibeamten können dann leicht feststellen, ob der Autofahrer die ihm zugebilligte Zeit überschritten hat.
Polizeipräfekt Genebrier glaubt zudem, ein Mittel dagegen zu haben, daß die Automobilisten etwa alle Stunde zu ihrem Wagen eilen und die kleine Parkuhr aus Pappe um eine Stunde weiterdrehen. Die Pariser Polizisten sollen nämlich mit einem Roboter-Gedächtnis im Taschenformat ausgerüstet werden, von dem der Polizeipräfekt bisher nur verraten hat, daß es ungefähr so aussehen wird wie der Fahrscheinautomat der Pariser Autobusschaffner.
Bei seinem ersten morgendlichen Rundgang teilt der Streifenpolizist mit Hilfe zweier kleiner Tasten dem "künstlichen Gedächtnis" die letzten beiden Ziffern der Kennzeichen aller in seinem Revier abgestellten Wagen mit. Eine Stunde später, beim nächsten Rundgang, betätigt der Polizist wiederum die Tasten seines Taschenroboters. Den Fall, daß ein beim ersten Rundgang bereits registriertes Kennzeichen ein zweites Mal auftaucht, zeigt das "künstliche Gedächtnis" durch Klingelzeichen an: Der Parksünder findet, wenn er zu seinem Wagen zurückkehrt, den an die Windschutzscheibe gehefteten Strafbescheid vor.
Die Wahrscheinlichkeit, daß sich das "künstliche Gedächtnis" irrt und einen Wagen als Parksünder anzeigt, weil dessen Kennzeichen in den letzten beiden Ziffern zufällig mit dem eines anderen Wagens übereinstimmt, der eine Stunde früher an derselben Stelle parkte, ist nach Meinung des Polizeichefs äußerst gering: Die Chance soll, nach Ansicht seiner Mathematiker, etwa 1:10 000 sein.
Das neue Parksystem, das am 1. Oktober seine Bewährungsprobe bestehen soll, hat Polizeipräfekt Genebrier zusammen mit dem Chef der technischen Polizeiabteilung von Paris, dem Ingenieur Robert Thiebault, ersonnen. Wie in jedem Jahr hatte der Polizeichef im Juni, rechtzeitig vor dem Beginn der traditionellen nachsommerlichen Autoinvasion, die Verkehrsexperten der Stadt zusammengerufen, um mit ihnen zu diskutieren, wie das zu erwartende Verkehrs-Chaos verhindert werden könnte.
Bei diesen Beratungen standen vier Parksysteme zur Debatte:
- Parkuhren am Straßenrand,
- Parkuhren im Innern jedes Wagens,
- Parkgutscheine, auf denen der Fahrer
die Ankunftszeit eintragen muß, und
- Parkwächterinnen, ähnlich den "Sesselfrauen", die in Paris und anderswo Stühle verleihen.
Polizeipräfekt Genebrier beurteilte alle vier Systeme skeptisch. Das System der "Parkfrauen", so wußte der Polizeichef, war ohnehin nicht realisierbar, weil es nicht genügend beschäftigungslose Frauen gibt, mit denen sich eine ausreichend große Armee von Parkwächterinnen aufstellen ließe.
Auch das System der "Parkgutseleine". die in den Tabakläden der Stadt verkauft werden sollten, schien den Experten ungeeignet. Die Kontrollstreifen der Polizei hätten zu große Mühe, schlecht geschriebene Gutscheine zu entziffern. Parkgutscheine, so wurde entschieden, seien kein geeignetes Mittel gegen Dauerparker.
Diese Dauerparker - von der Pariser Polizei "Saugnäpfe" genannt - sind nämlich nach Meinung Genebriers das Hauptübel im Verkehr einer modernen Großstadt. In Paris, so schätzt die Polizei, bringen jeden Morgen einige hunderttausend Kraftfahrzeuge ihre Besitzer aus den Vororten ins Stadtzentrum, saugen sich am Gehsteig vor den Büros bis zum Abend fest und verlassen erst nach neun- bis elfstündigem Parken wieder die Stadt.
Schon vor Jahren opferte die Polizei diesen Saugnäpfen alle verfügbaren großen Plätze der Stadt und verwandelte sogar die schönsten Plätze von Paris, den Place de la Concorde und den Place Vendôme, in Dauerparkplätze. Auch an den Ufern der Seine wurden mit großen - Kosten Parkflächen ausgebaut. Trotz aller Mühe der Baubehörden erreichte aber die Zahl der hinzukommenden Parkplätze nicht einmal die Höhe der jährlich neu in Paris zugelassenen Kraftfahrzeuge.
Der Ausweg, unterirdische Garagen oder Parkhäuser anzulegen, war aber in Paris nicht gangbar. Öffentliche Mittel konnte die Stadt nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stellen, und private Geldgeber waren am Garagenbau nicht interessiert. Der Grund: Großgaragen sind in Paris unrentabel, die Monatsmiete für einen Garagenparkplatz ist allgemein festgelegt. Sie beträgt gegenwärtig 1980 Francs (23,75 Mark).
Für die wirksamste Waffe im Kampf gegen die "Saugnäpfe" hielt Polizeichef Genebrier zunächst "ein Parksystem mit gestaffeltem Tarif". Die erste Stunde Parkzeit sollte in einem solchen Staffeltarif 50 Franc (60 Pfennig), die zweite das Doppelte kosten. Wer drei Stunden parkt, sollte 3500 Franc, das sind 42 Mark, als Strafe zahlen. Aber: "Die Schwierigkeit besteht darin, eine wirksame Überwachung sicherzustellen."
Weil die übliche Parkuhr am Straßenrand sich auf einen gestaffelten Parktarif nicht einstellen läßt - eine Parkuhr herkömmlicher Bauart kann nur für jede Stunde den gleichen Betrag kassieren -, blieb von den vier vorgeschlagenen Systemen nur noch eins übrig: die Parkuhr im Innern des Wagens.
Dieses System schien in der Tat allen Anforderungen zu genügen: Jeder Autofahrer, der in Paris parken will, sollte sich in einem Tabakgeschäft eine besondere versiegelte Parkuhr mieten, die je nach Wunsch des Kraftfahrers für 20, 40 oder 60 Stunden aufgezogen ist. Die Uhr wird im Innern des Wagens aufgehängt und beim Beginn des Parkens eingeschaltet. Eine rote Lampe zeigt dem kontrollierenden Polizeibeamten an, daß der Fahrer die Parkuhr vorschriftsmäßig in Gang gesetzt hat.
Nach einer halben Stunde schaltet die Uhr automatisch auf den zweiten und nach einer Stunde auf den dritten schnelleren Gang. Ist die im voraus bezahlte Parkzeit abgelaufen, tauscht der Fahrer die Uhr im nächsten Tabakladen aus und bezahlt im voraus die Parkzeit der nächsten Tage.
Auch dieses System lehnten die Pariser Verkehrsfachleute aber nach einiger Überlegung ab. Gewitzte Fahrer könnten sich nämlich, so argumentierte der Polizeichef, dem Staffeltarif entziehen, wenn sie jede Stunde zu ihrem Wagen gehen, die Uhr abschalten und von neuem in Gang setzen. Die Parkuhr würde in diesem Falle immer nur den Tarif der ersten Stunde berechnen.
Polizeichef Genebrier glaubte durchaus, auch mit solchen Möglichkeiten rechnen zu müssen, denn die Pariser Autofahrer haben sich in dem nun schon seit vier Jahren andauernden Kampf um die knappen Parkplätze als recht erfinderisch erwiesen.
So mußte beispielsweise die Polizei vor einiger Zeit öffentlich eingestehen, daß sie von parkenden Kraftfahrern lange Zeit gehörig bemogelt worden war. Zu jener Zeit hatte sich die Pariser Polizei damit begnügt. allen Autobesitzern, die unvorschriftsmäßig geparkt hatten, ein "Papillon", einen Strafbescheid, hinter die Scheibenwischer zu klemmen. Einige Kraftfahrer, die längere Zeit als erlaubt zu parken planten, waren nun auf die Idee gekommen, sich - selbst ein solches "Papillon" an das Wagenfenster zu stecken. Die patrouillierenden Polizisten glaubten dann, diese Kraftfahrzeuge seien schon von einem ihrer Vorgänger mit einem Strafbescheid bedacht worden.
Alle bisherigen Versuche der Pariser Polizei, gegen Parksünder vorzugehen, haben der Stadt wenig Entlastung gebracht. Auch der Kranwagen, der seit zwei Jahren falsch oder an verbotener Stelle parkende Wagen aus der Stadt schleppt, konnte die Pariser Autofahrer nicht schrecken: Noch heute transportiert der Kran durchschnittlich zehn Wagen täglich ab.
Erst kürzlich sah sich die Städtische Autobusgesellschaft von Paris genötigt, gegen einen illegalen Parker einen Musterprozeß zu führen. Das städtische Verkehrsunternehmen hatte einen Kraftfahrer auf Schadenersatz verklagt, weil er mit seinem Wagen eine schmale Straße vierzig Minuten lang für den Autobusverkehr blockiert hatte. Außer zahlreichen Privatwagen mußten auch drei Omnibusse der Linie 63 vierzig Minuten warten, ehe der Kranwagen der Polizei den Wagen des Parksünders fortschaffen konnte.
Das Autobusunternehmen berechnete dem Kraftfahrer für jede verlorene Autobusminute runde 1600 Franc (19,20 Mark), insgesamt sollte er 250000 Franc (3000 Mark)
zahlen. Am Ende einigten sich die Parteien allerdings in einem außergerichtlichen Vergleich.
Von seinem neuen System erwartet der Polizeipräfekt Genebrier nun eine endgültige Lösung des Parkproblems. Ein Experiment, das Genebrier vor einiger Zeit an zwei besonders parkplatzarmen Stellen in Paris durchführen ließ, läßt den Polizeipräfekten hoffen, sein neues System werde "die Saugnäpfe" endgültig aus dem Stadtzentrum vertreiben. Der Polizeichef ließ bei diesem Versuch jeden parkenden Wagen an den Vorderrädern mit einem bunten Papierstreifen markieren, dessen Farbe jede Stunde gewechselt wurde. Die kontrollierenden Polizisten konnten mit einem Blick erkennen, wie lange der Wagen schon parkt.
Für den Fall, daß sich die Autofahrer in Paris der neuen Regelung nicht unterordnen, droht Genebrier mit noch härteren Maßnahmen: Er will notfalls "ein totales Parkverbot für die Pariser Innenstadt einführen".
Abgeschleppter Parksünder in Paris: Lösung durch die Blaue Zone?
Pariser Polizeipräfekt Genebrier Verbotszone im Stadtzentrum
Parkuhr aus Pappe: "Das beste System, das bisher vorgeschlagen wurde"

DER SPIEGEL 29/1957
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 29/1957
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PARKEN:
Gegen die Saugnäpfe

Video 00:57

Amateurvideo von Teneriffa Gigantische Wellen reißen Balkone weg

  • Video "Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: Lass mich bitte rein" Video 00:51
    Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"
  • Video "Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina" Video 12:04
    Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina
  • Video "Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt" Video 00:51
    Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski" Video 01:08
    Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski
  • Video "Zwei Kopftuchträgerinnen: Dann sind alle Klischees zusammengebrochen" Video 04:14
    Zwei Kopftuchträgerinnen: "Dann sind alle Klischees zusammengebrochen"
  • Video "Schach-WM-Videoanalyse: Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern" Video 05:35
    Schach-WM-Videoanalyse: "Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern"
  • Video "Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein" Video 00:42
    Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein
  • Video "Videoblog Altes Hirn vs. neue Welt: Warum Langweile gut tut" Video 02:18
    Videoblog "Altes Hirn vs. neue Welt": Warum Langweile gut tut
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!
  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?" Video 07:34
    Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg" Video 00:57
    Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg