07.08.1957

KOMMUNISMUS / DJILAS-BUCHDas Ende der Ausbeuter

Die letzten ungarischen Freiheitskämpfer warfen aus den Kellerlöchern von Budapest Benzinflaschen auf die russischen Panzer, die sich Meter für Meter über die Trümmerhaufen der zusammengebrochenen Barrikaden vorschoben, als in Belgrad in einem schäbigen Zimmer einer heruntergekommenen Mietskaserne ein bleicher, schlanker Mann mit schwarzem Haarschopf und brennenden schwarzen Augen die Worte niederschrieb: "Die ungarische Revolution bezeichnet den Anfang vom Ende des Kommunismus."
Wenige Wochen später, im Dezember 1956, legte ein Bote aus Belgrad im New-Yorker Verlagshaus Frederick A. Praeger das Manuskript, in dem dieser Satz stand, auf den Tisch des Lektors. Es war aus dem Belgrader Gefängnis und über die jugoslawische Grenze geschmuggelt worden. Der Überbringer wiederholte die Botschaft des Absenders: "Ohne Zeitverlust und Rücksicht auf mein Schicksal veröffentlichen."
Der Absender und Verfasser war Milovan Djilas, seit dem 19. November 1956 politischer Häftling des Tito-Regimes, wegen Staatsgefährdung zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt, bis zum Januar 1954 der dritte Mann der jugoslawischen KP und Vizepräsident der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien.
Das Manuskript enthielt die Schlußfolgerungen, die der einstige jugoslawische Parteitheoretiker und Propagandist des titoistischen Nationalkommunismus aus den politischen Zuständen in Jugoslawien, den Arbeiterunruhen in Polen und dem ungarischen Volksaufstand gegen das kommunistische Regime gezogen hatte. Djilas, bis zu seinem Bruch mit der Partei einer der engsten Vertrauten Titos, stellte seine Analyse der kommunistischen Wirklichkeit unter den programmatischen Titel "Die neue Klasse".
Die "New York Times" nannte seine Arbeit "eine durchdachte theoretische Alternative zur marxistischen Analyse, die geeignet ist, den Dissidenten in der kommunistischen Welt die Antworten zu geben, auf die sie - vor allem seit der Degradierung Stalins durch Chruschtschew - warten".
Am 12. August wird der Verlag Praeger die neueste und wohl vorläufig letzte Schrift des einstigen kommunistischen Ideologen Milovan Djilas als Buch veröffentlichen*.
Die "neue Klasse" ist für Djilas "die Gesamtheit der Mitglieder der Kommunistischen Partei, die in einem Lande zur Macht gekommen ist". Er definiert sie aus eigener Erfahrung als "ausbeuterische Besitzklasse".
Djilas hat die Machtergreifung der Kommunisten in Jugoslawien Ende des Krieges mitgemacht. Damals, im Frühjahr und Sommer 1945, zerschlug Titos rote Partisanenarmee, geführt von den Politkommissaren der KP, das Bürgertum als gesellschaftliche Klasse und besetzte alle Ämter des Staates und alle Leitstellen der Wirtschaft mit Kommunisten.
Die meisten dieser Parteifunktionäre und neuen Staatsbeamten etablierten sich mit ihren Familien und ihrem persönlichen Anhang in den enteigneten oder leergeschossenen Bürgerhäusern und Villen der alten Oberschicht als neue Gesellschaft und schafften sich ein Monopol der Macht und des Besitzes.
Alle Einrichtungen des balkanisch-westlichen Luxus der Vorkriegszeit, soweit sie Krieg und Bürgerkrieg überstanden hatten, riß die neue Oberschicht an sich. Die Funktionärsgesellschaft errichtete eine rote Bonzenherrschaft balkanischer Spielart, in der die Tyrannei durch Schlamperei, der Terror durch Korruption gemildert wurden: "Karrieremacherei, Extravaganz und Machthunger sind bei Kommunisten unvermeidlich, und so ist es auch mit der Korruption", schloß Milovan Djilas, der kommunistische Idealist, der seinen Glauben an den Kommunismus verlor, als sich auch nach Titos Bruch mit Stalin an der Machtausübung und Besitzverteilung in Jugoslawien nach seiner Ansicht nichts Wesentliches änderte.
Aus seiner Einzelzelle in der Haft sprach er jetzt das vernichtendste Urteil über den Kommunismus, das die Welt von einem kommunistischen Führer kennt: "Der Kommunismus ist die vollkommenste Despotie der menschlichen Geschichte. Die kommunistische Wirtschaft ist die verschwenderischste, die bisher hervorgebracht wurde. Kommunistische Herrschaft ist eine Form des Machtmonopols einer kleinen Gruppe über eine ganze Gesellschaft. Jedes kommunistische Regime ist eine Form latenten Bürgerkriegs zwischen Regierung und Volk."
Djilas sieht in diesem Bürgerkrieg einen Klassenkampf um Besitz zwischen dem ausgebeuteten, besitzlosen und unterdrückten Volk und der "neuen Klasse", die "das nationale Eigentum usurpiert".
Die Monopolstellung in Macht und Besitz fällt, so behauptet Djilas, der Funktionärskaste im kommunistischen System durch eine gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit zu, und aus ihr ergibt sich naturnotwendig die Herausbildung der "neuen Klasse, die eine Monopolklasse ist".
"Wie das römische Recht es definiert", theoretisiert er, "besteht Eigentum in der Nutzung und dem Genuß von materiellen Gütern und in der Verfügung darüber. Die kommunistische politische Bürokratie nutzt und genießt verstaatlichtes Eigentum und verfügt darüber. Die neue Klasse zieht ihre Macht, ihre Privilegien, ihre Ideologie und ihre Sitten aus einer besonderen Art von Eigentum - dem Kollektiveigentum -, das die Klasse im Namen des Volkes und der Gesellschaft verwaltet und verteilt.
"Ihr Totalitätsanspruch und ihre Monopolstellung halten die neue Klasse unvermeidbar ständig im Kampf mit allem, was sie nicht besitzt, und sie muß bewußt danach streben, es zu gewinnen oder zu zerstören."
Das ist für Djilas der ständige Bürgerkrieg, den - nach seiner Erfahrung - die kommunistischen Regime aller Art und aller Länder unterhalten. Das Aufbegehren der polnischen Arbeiter und der ungarische Volksaufstand sind in seiner Sicht Freiheitskämpfe der Volksmassen, geführt von der Arbeiterklasse gegen die ausbeuterische Monopolklasse der kommunistischen Funktionäre.
Dieser Charakter der Ereignisse in Polen und der ungarischen Revolution beweist nach der Meinung des Djilas "die Unmöglichkeit, die Ziele der kommunistischen Revolution zu erreichen", und führt den desillusionierten kommunistischen Revolutionär zu der Behauptung, daß "der Kommunismus als Gesellschaftsordnung im Verschwinden begriffen" sei und daß "das Weltzentrum der kommunistischen Ideologie nicht mehr besteht, sondern sich im Zustand vollkommener Auflösung befindet".
"Die Einheit des Weltkommunismus ist unheilbar verletzt. Es sind keine Möglichkeiten sichtbar, sie je wieder herzustellen", urteilt Djilas heute. Auch der Nationalkommunismus jugoslawischer oder polnischer Prägung sei "nur eine Übergangsform im Zerfallsprozeß".
Vom Ende des Kommunismus und seiner "neuen Klasse" prophezeit der ehemalige Spitzenfunktionär des Tito-Regimes: "Wenn die neue Klasse von der Bühne der Geschichte abtritt - und das wird zwangsläufig geschehen -, dann wird über ihr Verschwinden weniger Trauer herrschen als über das Verschwinden jeder anderen Klasse zuvor. Weil sie alles außer dem, was ihrem Egoismus diente, unterdrückte und zerstörte, hat sie sich selbst zum Scheitern und zu schamvollem Ruin verurteilt."
* Milovan Djila:: "The New Class"; Frederick A. Praeger, New York, USA.
Rebell Djilas Botschaft aus dem Kerker

DER SPIEGEL 32/1957
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