14.08.1957

IMPFENKrankheit durch Spritzen

Eine seltsame Beobachtung brachte den englischen Wundarzt Edward Jenner im Frühjahr 1775 auf die Spur einer epochalen Entdeckung: Jenner bemerkte, daß eine Magd, die sich beim Melken mit Kuhpocken infiziert hatte, gegen die menschlichen Pocken - die Blattern - gefeit zu sein schien. Aus dieser Entdeckung entwickelte Jenner das Prinzip der Pocken-Schutzimpfung, das einen neuen Abschnitt in der Geschichte der Medizin einleitete: Zum erstenmal war es möglich, die Bevölkerung ganzer Länder vor einer gefährlichen Infektionskrankheit zu bewahren. Seitdem haben die Mediziner das Prinzip der Schutzimpfung auf viele andere Infektionskrankheiten übertragen.
In den letzten Jahren ist allerdings ein seltsamer Verdacht aufgetaucht, der diesen "Triumph der Medizin" wieder in Frage gestellt hat: Könnten die Impfungen, die so wirkungsvoll vor den einst gefürchteten Epidemien schützen, nicht auch gleichzeitig andere Krankheiten verursachen oder auslösen? Es sei zu befürchten, warnten amerikanische Ärzte, daß in manchen Fällen überhaupt erst die Schutzimpfungen - etwa die Impfungen gegen Diphtherie oder Pocken - eine besonders gefürchtete Krankheit hervorrufen, nämlich die spinale Kinderlähmung.
Eine Gruppe englischer Ärzte und Wissenschaftler hat nun in den letzten Jahren im Auftrag des britischen medizinischen Forschungsrates die Frage untersucht, ob tatsächlich - wie die amerikanischen Ärzte vermuteten - ein Zusammenhang zwischen einer Schutzimpfung etwa gegen Pocken oder Diphtherie und einer nachfolgenden Polio-Erkrankung bestehen kann.
Die Ärzte, die statistisches Material über Impfungen und Polio-Fälle bei englischen Kindern durchforschten, kamen zu dem sensationellen Schluß, daß es einen solchen "provoking effect", eine solche Begünstigung der Kinderlähmung, tatsächlich gibt.
Die Forschungsgruppe berichtete über ihre Erkenntnisse in der britischen Medizin-Zeitschrift "The Lancet":
▷ Von den Kindern, die durch die Untersuchung erfaßt wurden, erkrankten nach einer Schutzimpfung gegen andere Krankheiten über doppelt soviel an der Kinderlähmung wie vorher.
▷ Es besteht eine erkennbare Beziehung zwischen der Impf-Stelle und dem Ort, an dem die Lähmung auftritt.
Die Zeitschrift fordert die englischen Gesundheitsbehörden auf, geeignete Methoden zu ersinnen, um "die Risiken der Schutzimpfung und der Folgen, die sie hervorzurufen scheinen, auszubalancieren" - wenn es auch schwierig sei, eine solche "Balance der Risiken" herzustellen.
"Die größte Schwierigkeit bereitet dabei die Diphtherie", konstatierte "The Lancet". Das Ärzte-Komitee hat nämlich herausgefunden, daß der Diphtherie-Impfstoff, der allgemein als der wirksamste und zuverlässigste gilt, besonders polioprovozierend zu sein scheint. Der "provoking effect" dieses Diphtherie-Impfstoffs erhöht sich noch, wenn die Vakzine in einer kombinierten Impfung zusammen mit anderen Impfstoffen, etwa mit einem Keuchhusten-Impfstoff, verabreicht wird.
Allein in England wird alljährlich einigen hunderttausend Kindern eine solche Impfstoffkombination injiziert. "The Lancet" untersuchte deshalb die Frage, ob es nicht besser wäre, die Diphtherie-Keuchhusten-Impfung einzustellen, kam aber zu dem Fazit, daß "das Risiko der Polio-Provokation durch Schutzimpfungen nicht das größere zu sein scheint, wenn die Termine (der Impfungen) und das Material sorgfältig ausgewählt werden".
Dieses optimistische Urteil gründet sich auf eine neue Erkenntnis der britischen Forschungsgruppe. Die Ärzte haben nämlich ermittelt, daß in den Monaten von November bis März die Gefahr einer Polio-Erkrankung im Anschluß an eine Schutzimpfung am geringsten ist. "Bis es gelungen ist, die Diphtherie völlig zu verbannen", empfiehlt das Blatt, "sollten wir die Schlußfolgerungen des Komitee-Reports (über den 'provoking effect') anwenden, indem wir die gefährdeten Altersgruppen weiterhin impfen ... aber die Impfaktionen auf die Monate November bis März beschränken, in denen das Risiko am geringsten ist."
Die wichtige Frage, wie eine Impfstoff-Injektion überhaupt eine Polio-Lähmung "provozieren" kann, vermochte die Ärztegruppe allerdings nicht zu klären. Die englischen Mediziner verweisen in ihrem Bericht lediglich auf eine Hypothese: Es könnte sein, daß eine Injektion beispielsweise in den Oberarm die Blutgefäße in demjenigen Rückenmark-Abschnitt verändert, der mit der Impfstelle am Oberarm korrespondiert. Möglicherweise drängen dann die im Blut kreisenden Viren durch die Wandungen der Blutgefäße, so daß die Polio-Erreger kurze Zeit nach der Injektion plötzlich in die Gewebsabschnitte des Nervensystems vorstoßen können, in denen sie die Lähmungen auslösen.
Ob diese Theorie des "provoking effect" wissenschaftlich haltbar ist, sollen nun Versuche mit Affen erweisen, die vor kurzem in verschiedenen Polio-Forschungsinstituten begonnen haben.

DER SPIEGEL 33/1957
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