21.08.1957

WÄHRUNGENDie Mark als Ärgernis

Am Sonnabendvormittag der vorletzten Woche fällte in Washington eine hastig zusammengerufene Konferenz des Internationalen Währungsfonds eine Entscheidung, die - nach dem Urteil Bonner Fachleute - vermutlich früher oder später zu einer Aufwertung der Deutschen Mark führen wird.
Der französische Finanzminister Felix Gaillard hatte die internationalen Währungshüter gebeten zu genehmigen, daß Frankreich auf fast alle Importwaren einen 20prozentigen Aufschlag erhebt. Dieser Vorschlag, kam praktisch einer 20prozentigen Abwertung des französischen Franc gleich.
Die Konferenz zögerte nicht, dem Gaillard-Vorschlag zuzustimmen. Auch der westdeutsche Vertreter, Oberregierungsrat Wilhelm Hannemann, war in der Nacht zuvor aus Bonn angewiesen worden, den französischen Wunsch zu befürworten. Bonn nahm damit freilich die Gefahr in Kauf, daß mit dem französischen Schritt ein Prozeß eingeleitet wurde, in dessen Verlauf insbesondere England und Frankreich mit amerikanischer Unterstützung darauf drängen werden, die Mark aufzuwerten.
Die Aufwertung der Deutschen Mark würde bedeuten, daß deutsche Waren im Ausland teurer werden, als sie es jetzt sind. Der deutsche Export würde dadurch erschwert werden und wahrscheinlich zurückgehen. Umgekehrt wurde die Einfuhr ausländischer Waren nach Westdeutschland erleichtert werden, da der deutsche Importeur dann im Ausland für eine Deutsche Mark mehr Ware als jetzt erhalten würde und mithin diese Ware in Westdeutschland zu einem niedrigeren Preis anbieten könnte. Der Zustrom von Gold und Devisen nach Westdeutschland würde durch die Aufwertung gebremst werden. Auf dem westdeutschen Binnenmarkt könnte sich aus der erschwerten Ausfuhr deutscher Waren und der erleichterten Einfuhr ausländischer Waren ein schärferer Wettbewerb ergeben, der möglicherweise auch zu Preisnachlässen führt.
Während des letzten halben Jahres haben die Engländer und Franzosen mit zunehmendem Nachdruck gefordert, die Bundesrepublik solle mit einer Reform der Außenkurse einen Anfang machen, indem sie beim internationalen Weltwährungsfonds für die Deutsche Mark eine Aufwertung beantrage. Der deutsche Oberregierungsrat Hannemann ging jedoch nicht voran.
Die französische Abwertung ist die erste Währungsveränderung, seit im Jahre 1949 die Relationen der Währungen festgelegt worden waren. In der Zwischenzeit hat sich jedoch die Kaufkraft der einzelnen Währungen so unterschiedlich entwickelt, daß die Abwertung in Frankreich nur als der Anfang einer allgemeinen Revision der Kurse angesehen werden kann.
Wie aus einer Tabelle des Bonner Wirtschaftsministeriums ersichtlich ist, verminderte sich die Kaufkraft der Währungen seit der Kursfestsetzung im Jahre 1949 bis 1956
- in Frankreich um 32,3 Prozent,
- in England um 29,2 Prozent,
- in Holland um 15,7 Prozent und
- in Westdeutschland um 5,3 Prozent*.
Diese unterschiedliche Entwicklung der Preise ist der eigentliche Grund für das Mißverhältnis der Devisenbilanzen innerhalb der Europäischen Zahlungsunion (EZU). Auf der einen Seite war die Kaufkraft der Mark wesentlich stabiler geblieben als die des Franc oder des Pfund, auf der anderen Seite hielt man jedoch an den einmal festgesetzten Wechselkursen fest. Das relativ niedrig gebliebene westdeutsche Preisniveau lockte daraufhin ausländische Kaufleute an. Die Differenz zwischen den niedrigen deutschen und den hohen Preisen ihrer Heimatländer gewährleistete den ausländischen Kaufleuten eine große Gewinnspanne. Ein ständig wachsender Strom von Gütern "Made in Germany" ergoß sich daraufhin in die Nachbarländer der Bundesrepublik.
Westdeutschlands Partnern war es somit bald nicht mehr möglich, alle diese importierten Waren durch eigene Warenlieferungen zu bezahlen. Je mehr nämlich in ihren Ländern die Inflation wuchs, desto höher wurden die Preise für ihre eigenen Waren, und desto schwieriger wurde es demzufolge, diese Güter nach Westdeutschland zu verkaufen.
In immer größerem Maße mußten die EZU-Länder deshalb dazu übergehen, ihre Schulden an die Bundesrepublik anstatt mit eigenen Waren mit Bargeld und Gold zu bezahlen. Allein im vergangenen Jahr wanderten auf diese Weise für über fünf Milliarden Mark Gold und Devisen in die Tresore der Bank deutscher Länder. Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange insbesondere die französischen Reserven ausreichen würden, um den ständigen Devisen- und Goldzustrom nach Frankfurt zu speisen.
Westdeutschlands bedrohliche Gläubigerstellung war schon auf der Konferenz des Europäischen Wirtschaftsrates im Juni Hauptgesprächsthema. Der deutsche Vertreter, Professor Müller-Armack vom Bundeswirtschaftsministerium, sah sich wegen der angeblich schlechten Gläubigerpolitik Bonns schärfster Kritik ausgesetzt (SPIEGEL 27/1957). Die Konferenz legte einen Katalog von Maßnahmen vor, mit deren Hilfe Westdeutschland sich wenigstens eines Teils seiner fetten Devisenpolster entledigen sollte.
Westdeutschlands Handelspartner drohten damals unverblümt: Wenn die Bundesregierung nicht energisch etwas unternehme; werde man die Deutsche Mark zur sogenannten "knappen Währung" erklären. Eine solche Erklärung hätte - nach den Statuten des internationalen Weltwährungsfonds - Westdeutschlands Handelspartner ermächtigt, Einfuhrkontingente festzusetzen und sogar Einfuhrverbote für deutsche Waren zu erlassen.
In einem Memorandum an die OEEC erstattete die Bundesregierung deshalb vorletzte Woche Bericht über Maßnahmen, die sie seit der Pariser Konferenz zur Abtragung des tödlichen deutschen Saldos in Angriff genommen hat. Dazu gehören:
- die vorzeitige Rückzahlung von 881 Millionen Mark (75 Millionen Pfund) laut Londoner Schuldenabkommen von der Bundesrepublik anerkannter Schulden gegenüber England,
- die Zahlung von 113 Millionen Mark
auf die deutsche Quote bei der Weltbank, die normalerweise erst von 1958 an in fünf Jahresraten fällig wäre,
- die Einführung der sogenannten Jedermannimporte, die es jedem Bundesbürger erlaubt, ohne Einfuhrgenehmigung im Postverkehr Waren bis zu 100 Mark einzuführen, und
- die 25prozentige Zollsenkung, die allerdings erhebliche Ausnahmen zuläßt.
Selbst die Sachbearbeiter in Bonn aber wissen, daß die Partnerstaaten Westdeutschlands diese Maßnahmen als unzureichend ansehen. England und Frankreich erwarten weit größere Aktionen. Englands Schatzkanzler Thorneycroft zum Beispiel verlangte, Bonn solle den Export deutschen Kapitals subventionieren und Anleihen in Höhe von drei bis vier Milliarden Mark zurückzahlen, die dem Deutschen Reich in den zwanziger Jahren gewährt worden waren.
In Bonn sieht man deshalb mit einiger Sorge dem 10. September entgegen, an dem eine Delegation deutscher Sachverständiger im sogenannten OEEC-Examen das deutsche Memorandum vor einer Prüfungskommission in Paris zu vertreten haben wird. Als prüfende Nationen sind zwar nicht die meistbetroffenen Länder, sondern Italien und die USA vorgesehen. Trotzdem sind die deutschen Referenten auf eine harte Auseinandersetzung gefaßt.
Inzwischen ist nämlich der deutsche Exportüberschuß auch zu einem politischen Ärgernis geworden. Der Londoner "Daily Mirror" fragte vergangene Woche in einem Leitartikel bissig:
"Wie geht es den Unterlegenen, den Besiegten, den Zerschlagenen, den Besetzten? Den Gasofenherren? Den größten Verlierern aller Zeiten? Danke, es geht ihnen wirklich gut. Das Problem, dem die Nachfolger Adolf Hitlers gegenüberstehen, ist, wie sie die riesigen Überschüsse des unglaublich erfolgreichen Exportfeldzuges verdauen sollen. Der alte Teutone räkelt sich, fetter denn je, in dem komfortabelsten Büro außerhalb der Vereinigten Staaten - wer hat den Krieg nun wirklich gewonnen?"
Die Fettsucht der deutschen Mark ist aber nicht nur aus außenpolitischen Gründen peinlich. Da Westdeutschlands Exporteure für jede ausgeführte Ware den Preis in deutscher Währung umgetauscht und in Deutscher Mark ausgezahlt bekommen, die Devisen jedoch bei der, Frankfurter Bundesbank auf Eis gelegt sind - weil deutsche Importeure für sie im Ausland keine konkurrenzfähigen Waren kaufen können - haben sich die Exportüberschüsse zur Hauptquelle einer inflationistischen Geldvermehrung in der Bundesrepublik entwickelt.
Nachdem Frankreich seine Währung abgewertet und damit die Diskussion über eine Neuregelung der Währungsrelationen neu belebt hat, wird auch in Bonn nicht mehr eindeutig bestritten, daß eine Aufwertung der Mark von Nutzen sein könnte.
Aus Anlaß der Abwertung des Franc ließ Bundeswirtschaftsminister Erhard vergangene Woche erneut ein Gutachten zur Währungsfrage verteilen, das er bereits im Sommer 1956 an führende Wirtschaftler verschickt hatte. Er regte darin eine internationale Währungskonferenz an, die den ungehinderten Geldumtausch von einer Währung in die andere (freie Konvertierbarkeit) anstreben soll.
Fachleute erwarten, daß für eine Übergangszeit Wechselkurse mit einer gewissen Bandbreite - zulässige Kursschwankungen innerhalb gewisser Grenzen - eingeführt werden, um ein Einpendeln der Währungsrelationen auf die echten Kaufkraftkurse zu gestatten. Wahrscheinlich werde dann eine Abwertung beispielsweise des britischen Pfunds gegenüber der Deutschen Mark um etwa zehn Prozent mit einer Aufwertung der Mark gegenüber dem französischen Franc um einen Satz von fünf bis zehn Prozent einhergehen.
Im Frühjahr hatten die Franzosen schon einmal von der Bundesrepublik gefordert, sie möge Frankreich auf dem Weg zur Kurswahrheit ein Stück entgegenkommen und eine 15 bis 20prozentige Abwertung des Franc durch eine Aufwertung der Deutschen Mark um wenigstens fünf Prozent unterstützen.
Erhards Plan einer internationalen Währungskonferenz war in der letzten Woche Gegenstand von Erörterungen in Frankfurt, London, Paris und Washington. Ein schlüssiges Ergebnis hat sich jedoch bisher aus den Telephonaten der Notenbankiers und Diplomaten noch nicht ergeben.
* Der Preisindex des Statistischen Bundesamtes für die Lebenshaltung in der Bundesrepublik ergibt für die Zeit von 1949 bis Juni 1957 einen Kaufkraftverfall der Mark in Höhe von 7,4 Prozent.
Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung
Nachbarin - Euer Täschchen!
Frankreichs Finanzminister Gaillard: Der Goldstrom nach Frankfurt soll versiegen
Englands Schatzkanzler Thorneycroft
Der Teutone rekelt sich

DER SPIEGEL 34/1957
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