21.08.1957

HINDEMITH-PREMIEREHarmonie bei Gewitter

Die erste Uraufführung einer Oper des Komponisten Paul Hindemith, die es seit fast dreißig Jahren auf deutschem Boden gegeben hat, fand in der vergangenen Woche im Münchner Prinzregenten-Theater statt. Dieses Haus, das seit Kriegsende der Bayerischen Staatsoper als Ausweichquartier dient, präsentierte als Auftakt der alljährlichen Münchner Festspiele "Die Harmonie der Welt", eine Oper in fünf Akten, zu der Hindemith den Text und die Musik geschrieben hat.
Da der musikalische Leiter der Münchner Staatsoper, der Dirigent Ferenc Fricsay, eine Nervenentzündung im rechten Arm auskurieren mußte, hatte der 61jährige Komponist auch noch die Einstudierung der Oper und das Dirigentenpult für die ersten Aufführungen übernommen. Die Premierengäste - zu ihnen zählte fast die gesamte deutsche Komponistenprominenz: Carl Orff, Werner Egk, Karl Amadeus Hartmann, Wolfgang Fortner, Joseph Haas, Rolf Liebermann, Gottfried von Einem- und die Hörer der meisten deutschen und zahlreicher ausländischer Rundfunkstationen wurden daher am vorletzten Sonntag mit einer Interpretation des Werks vertraut gemacht, deren Authentizität schwerlich überboten werden kann.
Sie wurden zugleich Zeugen eines Debakels, das viele Kritiker unter kräftigen Beteuerungen ihres Respekts vor dem Komponisten nur mühsam, andere überhaupt nicht vertuschten. Bei dem Versuch, einige Wendepunkte aus dem Leben des Astronomen Johannes Kepler (1571 bis 1630) und gleichzeitig auch dessen Lehre von der Welt-Harmonie zu veropern, war ein wenig glückliches Werk zustande gekommen. Die Texte von Hindemiths Kepler-Oper sind auch für den gutwilligen Zuhörer kaum zu begreifen. die Handlung in seiner Oper läßt sich kaum überblicken, musikalisch ist das Werk mit allzu vielen Absichten befrachtet.
In der "Deutschen Zeitung und Wirtschaftszeitung" schrieb der Kritiker Otto Friedrich Regner: "Johannes Kepler ist eine historische Größe, seine Gestalt und sein Lebenswerk stehen in der Geschichte der Neuzeit vorne an. Paul Hindemith ist eine historische Größe, seine Gestalt und sein kompositorisches Werk standen bis jetzt in der Geschichte der Musik unseres Jahrhunderts vorne an." Dem Musikkritiker der "Frankfurter Allgemeinen" schien in Hindemiths Oper sogar eine »fast fröhliche künstlerische Gewißheit erkennbar, die den, der sie nach diesem Werk nicht zu teilen vermag, beunruhigen, ja, erschrecken muß."
"Fröhliche künstlerische Gewißheit" hat dem Musiker Hindemith in der Tat fast nie gefehlt. Am Anfang seiner Laufbahn als Komponist schien er entschlossen, alle überkommenen Grundsätze abendländischer Tonkunst außer acht zu lassen. Hindemith, durchaus erdnaher Sohn eines ins hessische Hanau verschlagenen schlesischen Handwerkers, begann seine musikalische Karriere schon sehr früh: Die Geige beherrschte er bereits als Dreizehnjähriger.
Mit zwanzig Jahren war er Erster Konzertmeister der Frankfurter Oper. In der Zwischenzeit hatte er in Kaffeehäusern, in einer Jazzkapelle, im Kino und in einem billigen Operettentheater gespielt. Während seiner Militärdienstzeit traktierte er eine Pauke; erst danach wandte er sich seinem heutigen Lieblingsinstrument zu, der Bratsche. Später lernte er, mit den meisten gängigen Orchesterinstrumenten umzugehen.
Als Komponist hat Hindemith sich in fast allen Formen versucht - er schrieb Kammer- und Orchestermusiken, Oratorien und Opern, er vertonte Gedichte oder entwarf die Begleitmusik für Hörspiele. Unter den lebenden deutschen Komponisten dürfte er der einzige sein, dessen Weltgeltung unbestritten ist.
Während des "Dritten Reiches" mußte Hindemith ins Ausland gehen. Er konnte daher seine Oper "Mathis der Maler" - Zentralfigur ist der Maler Matthias Grünewald - nicht mehr in Deutschland aufführen lassen; ihre Premiere fand 1938 in Zürich statt.
Bald- nach dieser Uraufführung begann Hindemith, sich mit Leben und Werk des Astronomen Kepler zu beschäftigen: Kepler hat als erster die - im wesentlichen noch heute akzeptierten - Gesetze errechnet, nach denen sich die Planeten um die Sonne bewegen. Er glaubte, aus diesen Gesetzen auf das Walten einer universalen Harmonie schließen zu dürfen.
Für den Astronomen Kepler - er hat auch als Astrologe gearbeitet und zum Beispiel dem Feldherrn Wallenstein ein Horoskop gestellt - schien die Vorstellung der Antike, das Universum sei mit Sphärenmusik erfüllt, kein ganz leerer Begriff: "Gebt dem Himmel Luft, und es wird wirklich und wahrhaftig Musik erklingen."
Eine universalische Zusammenschau des Kosmos, die Lebensarbeit des Gelehrten Kepler, entsprach auf ihre Weise den Vorstellungen Hindemiths über die Gesamtheit musikalischer Erscheinungen. So wie Kepler bei seinen Berechnungen der Planetenbahnen hatte Hindemith in seiner 1937 publizierten "Unterweisung im Tonsatz" versucht, "die Ordnung im Reich der Töne aufgrund rational erfaßbarer Zahlenverhältnisse in ein System zu bringen". Kepler wiederum - sein Hauptwerk heißt "Harmonices Mundi" ("Harmonie der Welt") - war auf dem Umweg über musiktheoretische Überlegungen zu seinen Gesetzen der Planetenbewegungen gekommen.
Bereits 1952 hatte Hindemith in einer Symphonie unter dem Titel "Die Harmonie der Welt" den Extrakt der noch unvollendeten Kepler-Oper vorweggenommen. Die Abfassung der Oper brauchte dann aber noch einige Jahre. Befürchtungen, der gewählte Stoff sei für eine Oper zu umfangreich, ließ der Komponist nicht gelten. "Ein Opernstoff kann gar nicht groß genug sein", erklärte er. ".Man kann doch nicht . . . Hunderte von Menschen. ins Theater locken, ohne etwas Entsprechendes zu bieten."
Was Hindemith am Ende als "Entsprechendes" vorwies, überstieg dann aber doch bei weitem die Aufnahmefähigkeit des Publikums.
Zwar konnten sich die Premierengäste auf das, was ihnen geboten werden sollte, gründlich vorbereiten. Die Bayerische Akademie der Schönen Künste gab vor der Premiere hilfsbereit eine Broschüre über Kepler, Hindemith und "Die Harmonie der Welt" heraus, und der Komponist ließ vorsorglich wissen, er habe die Hoffnung, niemand werde den Aufführungen der Oper beiwohnen, der nicht zuvor das Textbuch gelesen habe.
Zudem fertigte der Dramaturg der Bayerischen Staatsoper, Dr. Hermann Frieß, an Hand des vom Komponisten nach gründlichem Quellenstudium verfertigten Textbuches eine Inhaltsangabe für das Programmheft an: Auf vier engbedruckten Seiten wird mitgeteilt, was sich Szene für Szene auf der Bühne abspielt.
Diese Inhaltsangabe liest sich etwa so: "1. Aufzug, 2. Szene: Württemberg. Friedhof bei Nacht. Keplers Mutter Katharina schleicht bei Nacht auf den Friedhof, um den Schädel ihres Vaters auszugraben und in Gold zu einer Trinkschale fassen zu lassen. Der Trank aus solchem Pokal solle ihren Sohn Johannes gegen geistige Selbstherrlichkeit gefeit machen. Ihr Sohn Christoph spürt der Mutter bei ihrem unheimlichen, nächtlichen Treiben nach. Beide sind unfähig, den Gedankengängen Keplers zu folgen. Vier Weiber des Dorfes sind überzeugt, eine Hexe gesehen zu haben, der der Prozeß gemacht werden müsse. Visionär erlebt Katharina eine Begegnung des Kaisers mit ihrem Sohn in Prag."
Alle diese Hilfsmittel konnten aber das Werk kaum plausibler machen. Obendrein hatte Hindemith für seine Operntexte zeitweilig auch das schwerfällige zeitgenössische Schriftdeutsch Keplers übernommen und in Reime gebracht. Urteilte Kritiker Thomas: "Der Wunsch nach einer gebundenen Sprache, die Sucht unablässigen Reimens ergab kaum verzeihliche Banalitäten, ein goethisch-wagnerisches, faustisch-meistersingerliches Konglomerat."
Metaphysik als Libretto
Doch nicht nur die schwer verständlichen Texte strapazierten das Auffassungsvermögen des Publikums über Gebühr. Ebenso kompliziert war der dramaturgische Aufbau geraten. Hindemith zitiert eine Vielzahl historischer Figuren auf die Bühne: Außer den Familienangehörigen Keplers treten zum Beispiel die beiden Kaiser Rudolf II. und Ferdinand II. und der Feldherr Wallenstein auf. Diese Personen werden nun aber zu Gegenspielern des Opernhelden weniger wegen irgendwelcher Handlungen als durch das, was sie denken oder planen. Erläutert Hindemith: "Das historische Gerüst steht nur am Rande - Mittelpunkt muß die geistige Auseinandersetzung sein.
Kern der Oper ist ein metaphysischer Glaubenssatz: die Theorie von einer im Universum und also auch in der Welt waltenden Harmonie. Als Repräsentant dieses Harmonie-Glaubens stößt Kepler mit zwei Sphären zusammen - mit der politischen, personifiziert durch die beiden Kaiser und die Adligen, und mit der privaten, personifiziert durch seine Familie.
Die Handlung umspannt einen Zeitraum von nicht weniger als 22 Jahren. Sie spielt in Prag, Linz und Württemberg, im schlesischen Sagan, in Regensburg und schließlich sogar in himmlischen Gefilden. Um den Handlungsablauf zu beschleunigen, benutzt der Textautor Hindemith mehrmals einen dramaturgischen Kunstgriff: Zwei Handlungen laufen gleichzeitig auf zwei verschiedenen Ebenen ab.
Zudem sind einigen der Hauptpersonen Doppelfunktionen zugewiesen: Sie erscheinen als personifizierte Gestirne in einem prunkvollen Himmelsbild. Bühnenanweisung Hindemiths: "Im Dunkel der Oberbühne sieht man im Vordergrund die personifizierte Gestalt der Sonne (Sol - der Kaiser) prächtig geschmückt und gerüstet mit Gewändern, Waffen und Federbüschen ...Allmählich erleuchtet sich die ganze Bühne und zeigt das prunkvolle Bild eines barocken Himmelsgemäldes, umrahmt von üppigen Säulen und Voluten ...
Nach und nach werden die Planeten Erde (Kepler), Jupiter (Wallenstein), Mars (Ulrich, ein Gehilfe Keplers), Merkur (Pfarrer), Saturn (Tansur, ein Marktschreier), Venus (Susanna, Keplers Frau) und der Mond Luna (Keplers Mutter) in die Himmels-Szenerie hineingeleitet. Vom Endstadium dieser kosmischen Apotheose hat Hindemith die Vorstellung: "Mittlerweile ist oben hinter der Sonne das Sternbild des Widders aufgetreten, dem nach und nach (entsprechend den Variationen des Musikstückes) die anderen Tierkreisbilder folgen, jedes begleitet von kleineren Sternen, die sich ungefähr in der Konstellation der betreffenden Sternbilder ordnen. Sie haben goldene Gewänder und Attribute. Auf höchster Ebene tritt der Chor auf, mit nebelhaften Umhängen und mit Tausenden kleinster Lichter bedeckt. Das ist die Milchstraße ...
In der ersten Pause -der insgesamt etwa vierstündigen Premiere ging über der Münchner Innenstadt ein Gewitterregen nieder, und eine Sturmbö zersplitterte eines der -Fenster im Foyer. Kommentierte der Schriftsteller Wilhelm Emanuel Süskind: "Es blieb dahingestellt, ob der Himmel nur zeigen wollte, daß er sich auf effektvolle musikalische Illustration immer noch besser versteht als der ehemals Frankfurter Meister, oder ob er mit seinem Donnerwort auszudrücken gedachte, es sei ungehörig, Keplers hohen Gedanken von der Harmonie der Welt überhaupt zu veropern, namentlich aber auf so bombastische Weise, wie hier geschehen."
Eröffnungsszene der Hindemith-Oper: Musik im Himmel
Komponist Hindemith
Sternkunde auf der Bühne
Astronom Kepler
Die Sterne singen

DER SPIEGEL 34/1957
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