21.08.1957

DÖBLINHamlet bei Nacht

Dieser Roman wurde 1945 in Los Angeles begonnen und 1946 in Baden-Baden beendet; 1956 erschien er. In einer Zeit, die in jedem grünen Jungen (und Mädchen) das Grün des Frühlings erblickt, muß Deutschlands größter lebender Romancier ... zehn Jahre auf den Druck eines Buches warten, das schwerer wiegt als mancher Zentner Papier, mit dem die Statistik der Frankfurter Messe prahlt."
Solche Worte des Zorns schrieb der ehemalige Journalist und derzeitige Philosophie-Professor in Los Angeles, Ludwig Marcuse, vor vier Monaten in der "Frankfurter Allgemeinen" über Alfred Döblins letztes Buch, den Heimkehrerroman "Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende"*. Zu der Zeit, in der Marcuses Philippika gedruckt wurde, war Döblins Roman obendrein nur in der sogenannten "Deutschen Demokratischen Republik" erschienen. Im kommenden Herbst erst soll das Buch in einer westdeutschen Lizenzausgabe - beim Münchner Verlag Langen-Müller - auf den Markt kommen.
"Ostberlin hat uns in dieser Ehrensache den Rang abgelaufen", kommentierte die "Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung": Wie in anderen Rezensionen war auch in der Besprechung dieses Blattes vermerkt, daß es ein wohlgelungener Roman sei, den zu veröffentlichen sich die westdeutschen Verlage über viele Jahre hin hatten entgehen lassen. "Seit Jahren gibt es keine abschreckendere literarische Klassifizierung als 'Heimkehrerroman'", schrieb der Rezensent. "Wir sind papierene Heimkehrer gewöhnt, die von Gemeinplatz zu Gemeinplatz tappen und sich von 'Friedensgewinnlern' mißbrauchen lassen." Döblin habe dagegen bewiesen, daß an dieser Misere einer Romangattung nur die Autoren schuld seien. Mit seinem Heimkehrerroman habe er "höchste Ansprüche erfüllt".
Daß die Gattung der Heimkehrerromane erst mit solcher Verspätung rehabilitiert wird, kann freilich nicht allein den Verlegern angerechnet werden. Auch der Schriftsteller Döblin, bekannt vor allem durch seinen 1929 erschienenen Roman "Berlin Alexanderplatz", hatte 1945 nach seiner Rückkehr aus der Emigration bemerken müssen, daß er zu deutschen Lesern "keinen rechten Kontakt" mehr finden konnte: "Und als ich wiederkam, da kam ich nicht wieder."
Daran änderten auch nichts die demonstrativen Ehrungen, mit denen der Schriftsteller in den letzten Jahren bedacht wurde. Dem Beispiel der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, die dem schwerkranken Döblin 1954 ihren Literaturpreis in Höhe von 10 000 Mark verlieh, folgte kürzlich die Bayerische Akademie der Schönen Künste und sprach dem 78jährigen ihren mit 5000 Mark dotierten Literaturpreis zu. Der offizielle Festakt wurde allerdings zur Totenehrung. Der preisgekrönte, beinahe blinde Dichter war wenige Tage zuvor, während der Nacht zum 28. Juni, in Emmendingen im Breisgau gestorben.
Neues Thema, neuer Stil
Daß Döblin in den elf Jahren zwischen der Rückkehr aus der Emigration und seinem Tode beim deutschen Lesepublikum zu keinem breiten Erfolg kam, der seinem früheren irgend vergleichbar gewesen wäre, hat vielerlei Gründe. In der Zwischenzeit hatte Döblin nämlich, wie es der Literaturkritiker Hans Daiber formulierte, "die Nationalität, den Glauben, das Thema, den Stil" gewechselt. Noch schärfer bezeichnete der ebenfalls emigrierte Schriftsteller Hermann Kesten, der heute in Rom lebt, was mit Döblin geschehen war: Aus einem "Großinquisitor des Atheismus" sei ein "Zögling der Jesuiten" geworden.
Der 1878 in Stettin geborene jüdische Schriftsteller hatte als prominenter Gegner des nationalsozialistischen Regimes Deutschland bereits im Jahre 1933 verlassen müssen. Stationen seiner Emigration waren Frankreich, die Schweiz, Spanien, Portugal, die Vereinigten Staaten. Bei Ausbruch des zweiten Weltkriegs arbeitete Döblin im Pariser Informationsministerium: Sein Chef war der (1944 verstorbene) Dramatiker Jean Giraudoux ("Der Trojanische Krieg findet nicht statt"). 1946 kam Döblin nach Deutschland zurück - er amtierte im Range eines französischen Obersten in der Französischen Militärregierung in Baden-Baden. In der Zwischenzeit hatte Döblin die französische Staatsangehörigkeit erworben und war zum katholischen Glauben übergetreten.
Vor allem aber distanzierte sich Döblin energisch von seinem Buch "Berlin Alexanderplatz", seinem berühmtesten Roman und einem der erfolgreichsten der zwanziger Jahre überhaupt. Der Roman
- er behandelt die Geschichte des Transportarbeiters und entlassenen Sträflings Franz Biberkopf - war zunächst fortsetzungsweise in der "Frankfurter Zeitung", darauf als Buch beim S. Fischer -Verlag veröffentlicht, später sogar - mit Heinrich George als Biberkopf - verfilmt worden. Die Erlebnisse Biberkopfs nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis sollten die Zeitgenossen »wachstoßen": "Wach sein, wach sein, es geht was vor in der Welt."
Nach dem Kriegsende aber war nur Döblins allegorische Erzählung "Der Oberst und der Dichter" (1946) auf ein gewisses, freilich eher literarhistorisches Interesse gestoßen. Dagegen fand die Südamerika-Trilogie (1946 bis 1948), die Döblin aus der Emigration mitgebracht hatte - sie umfaßt die Romane "Das Land ohne Tod", "Der blaue Tiger" und "Der neue Urwald" -, wenig Anklang bei den Lesern. Über Döblins zeitpolitische Romantrilogie "November 1918" legte sich der Reif des Kalten Krieges, zumal der Schlußband "Karl und Rosa" (1950) nach Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg benannt war, den Begrundern des Spartakusbundes, aus dem die Kommunistische Partei Deutschlands hervorgegangen ist.
Trotz seiner Konversion rechnete Döblin sich nämlich nicht zu den Vertretern solcher Literatur, die er "feudalistisch" oder "humanistisch" nannte, sondern zählte sich zur "progressiven" - fortschrittlichen - Gruppe. Bei dieser progressiven Gruppe, so erläuterte er, sitze "die Sprache an einem anderen Fleck als bei den übrigen nämlich am richtigen". Die progressive Literaturgruppe "macht Fragezeichen hinter alles Bekannte und Ausrufungszeichen nur hinter das Unbekannte".
Der Heimkehrerroman nun, der als Epilog die fast unabsehbare Reihe der erzählerischen, essayistischen, aber auch dramatischen Veröffentlichungen Döblins abschließt, macht in der Tat hinter viele Klischee -Vorstellungen der Nachkriegszeit Fragezeichen. Das Buch führt zwar den sagenhaften Dänenprinzen Hamlet im Titel, hat aber mit Shakespeares Hamlet-Drama, aus dem in dem Buch des öfteren zitiert wird, nur insofern zu tun, als auch Döblins Romanheld nach der Heimkehr ins Elternhaus wittert, daß etwas "faul" ist. Er findet sich unter den Menschen seiner nächsten Umgebung ebensowenig zurecht wie Shakespeares Königssohn. Während Shakespeares Hamlet jedoch elend umkommt, rettet sich Döblins bürgerlicher Hamlet, ein im zwanzigsten Jahrhundert lebender junger Engländer namens Edward Allison, aus der "langen Nacht der Lüge" einigermaßen glimpflich wieder ins Helle.
Der Roman setzt damit ein, daß 1945 im Pazifik ein Kreuzer, der englische Truppen an Bord hat, von japanischen "Selbstmordfliegern" zerstört wird. Unter den Überlebenden ist der Kriegsfreiwillige Edward Allison. Er hat bei der Katastrophe die Tötung seines besten Kameraden mitangesehen, einen Nervenschock erlitten und ein Bein verloren.
Der Schock weicht auch dann nicht, als der verwundete Edward nach England zurückgebracht worden ist. Der Lazarettarzt, der nichts unversucht lassen möchte, um den seelisch Auseinandergefetzten wieder zum Normalmenschen zusammenzuflicken, vertraut daher den Sohn der Obhut seiner Mutter an. Der verstörte Edward übersiedelt aus dem Lazarett in sein Elternhaus.
Damit die Familie durch des Sohnes Grübeleien über die Kriegsschuld und sein persönliches Unglück nicht länger gestört wird, heckt Edwards Vater, ein bürgerlich-wohlsituierter Schriftsteller, eine Ablenkungs-Therapie aus. Allabendlich, so wird mit dem Lazarettarzt vereinbart, sollen reihum von den Allisons und ihren Gästen Geschichten erzählt werden, in denen Mythen, Historien und klassische Werke der Weltliteratur neu vorgetragen, variiert und parodiert werden. Die Erzählungen sollen Edward ablenken.
Diese abendlichen Erzählungen dienen Döblins Roman dazu, die Charaktere der Familienmitglieder zu erhellen. "Die Deutung der Stoffe verrät", erläuterte die "Süddeutsche Zeitung", stets "ein wenig von jener 'Wahrheit', die der jeweilige Erzähler verschleiern möchte. Auf diese Weise - und das ist Döblins meisterhafter Trick - wächst der Leser selbst in die Rolle des Seelenarztes, der hinter den Phantasiegespinsten seiner Patienten allmählich die Silhouette des effektiven Krankheitszustandes aufdeckt."
Diese Art der Psychotherapie macht den Patienten allerdings mißtrauisch. Er will die unverschlüsselte Wahrheit und deckt durch seine bohrenden Fragen immer mehr von dem Haß und den Lügen auf, die das Familienleben der Allisons bestimmen. Beschuldigungen und Anklagen paaren sich
mit Beichten und Geständnissen, bis die Allison-Familie schließlich auffliegt. Edwards Eltern verlassen das Haus. Beide finden in Frankreich den Tod.
Der neue Schock aber, der mit dem jähen Verlust der Eltern über Edward hereinbricht, führt zur Heilung. Auch Edward verläßt das Allison-Haus, das verkauft wird. Er löst sich von dem ganzen "Hamlet-Spuk" und fühlt sich "wie ein neuer Columbus", der auf ein unbekanntes Festland gestoßen ist: "Ich begegne Menschen, ich nehme an ihren Dingen teil und erfahre, es sind meine." Die lange Nacht ist zu Ende.
Der Münchner Verlag, der fortan Döblins "Hamlet" an die westdeutschen Buchhandlungen liefern wird, hat den Preis seiner Lizenzausgabe auf 19,80 Mark festgesetzt. Bisher konnte die Original-Ausgabe des Buches - im Rahmen des jährlichen Transfer-Limits - über die Deutsche Buch-Export und -Import GmbH in Leipzig auch von westdeutschen Döblin -Freunden für 8,20 Mark bezogen werden
* Alfred Döblin: "Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende"; Verlag Rütten & Loening, Berlin; 498 Seiten; 8.20 Mark
Schriftsteller Döblin
"Als ich wiederkam, kam ich nicht wieder"

DER SPIEGEL 34/1957
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