28.08.1957

SPRACHE / WÖRTERBUCHBetreutes Deutsch

Mitte September wird in den Schaufenstern der deutschen Buchhandlungen ein Nachschlagewerk auftauchen, dessen Aufgabe "derjenigen der übrigen und gewöhnlichen Wörterbücher genau entgegengesetzt ist". In diesen Band sind nämlich nur solche Wörter aufgenommen, die in der deutschen Sprache, nach dem Willen der Herausgeber, vorerst nicht benutzt werden sollten. Es handelt sich um ein Nachschlagewerk mit dem Titel "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen"*, dessen Stichworte von den Publizisten Dolf Sternberger, Wilhelm Emanuel Süskind und Gerhard Storz zusammengetragen und kommentiert worden sind.
Schon vor mehr als zehn Jahren hatten die drei Sprachkritiker dem Wortschatz, dem Satzbau und der speziellen Grammatik nachgespürt, deren sich die Propagandisten des Dritten Reiches bedienten, um ihre Parolen und Losungen zu verbreiten. Der unbestreitbare Erfolg, der dieser "Unmenschen"-Sprache beschieden war, dünkte die drei Sprach-Experten um so bedenklicher, als sie der Überzeugung anhingen: "Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen". Ihr "Wörterbuch des Unmenschen" sollte daher den überlebenden Phrasen-Opfern des Dritten Reiches die spezielle Sprache jener Zeit wieder "fremd" machen.
Vom November 1945 bis zum April 1948 veröffentlichten die Sprachkritiker in der Heidelberger Monatsschrift "Die Wandlung"** Glossen über Wörter aus dem nationalsozialistischen Sprachschatz, deren Ursprung philologisch untersucht und gegen deren Mißbrauch mit Ironie polemisiert wurde.
Die Hoffnung der Autoren, die deutsche Sprache auf solche Weise zu reinigen, erfüllte sich indes bis heute nicht. Im Vorwort zur Buchausgabe, die in den kommenden Wochen ausgeliefert werden soll, resümiert Dolf Sternberger: "Das Wörterbuch des Unmenschen ist das Wörterbuch der geltenden deutschen Sprache geblieben, der Schrift- wie der Umgangssprache, namentlich wie sie im Munde der Organisatoren, der Werber und Verkäufer, der Funktionäre von Verbänden und Kollektiven aller Art ertönt."
Ursprünglich hatte das alphabetisch geordnete Vokabular des "Unmenschen" mit dem Wort "Ausrichtung" begonnen: Aus der Sprachgeschichte wurde veranschaulicht, wie das Tätigkeitswort "ausrichten" (im Sinne von: jemandem etwas bestellen) in die militärische Kommando-Sprache eingedrungen war und dabei eine andere Bedeutung bekommen hatte. Unter dem Zugriff des "Unmenschen" "versteinerte" es zur "weltanschaulichen" und "inneren Ausrichtung".
Zur Erläuterung benutzte Sternberger einen von ihm konstruierten Parteideutsch-Mustersatz: "Die weltanschauliche Ausrichtung der Jugend erfolgt durch Schulung in der Jugendorganisation." Sternberger nahm mit diesem Exempel auf spätere Kapitel des von ihm inaugurierten Unmenschen-Wörterbuchs Bezug, in denen er die Begriffe "Schulung", "Organisation" und "Organisieren" untersuchte Weiter kamen im Unmenschen-Alphabet der "Wandlung" Begriffe wie Einsatz", "Gestaltung", "Kulturschaffende", "Lager", Mädel", "Propaganda", "Raum" und "Sektor" an die Reihe.
Auffällig am Unmenschen-Vokabular ist vor allem, daß sich der Sinngehalt von Wörtern kaum merklich, aber auf eine sehr bezeichnende Weise verändert: Ein ursprünglich neutrales Wort wird zur Herberge ideologischer Argumentation. So definiert Sternberger zum Beispiel das Wort .Betreuung" als "diejenige Art von Terror, für die der Jemand - der Betreute - (auch noch) Dank schuldet".
Sternberger: "Die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) betreute Mutter und Kind, der Reichsnährstand die Bauern, die Arbeitsfront die Arbeiter; die Wirtschaftsgruppen, Wirtschaftsämter, Rüstungsinspektionen und andere Behörden, alle zusammengefaßt im ausdrücklich so benannten ,Betreuungsausschuß', betreuten... die industriellen Betriebe. Ja wahrhaftig: Die Geheime Staatspolizei betreute die Juden..."
In anderer Tonart wurde im Unmenschen-Wörterbuch das "Querschießen" angeprangert. Die Polemik gegen diesen Ausdruck, der ein militärisches Bild in allfällige Alltagsgewohnheiten etwa eines demokratischen Parlamentsbetriebs übernimmt, stammt von dem Münchner Publizisten Süskind ("Vom Abc zum Sprachkunstwerk"). Der Benutzer des Wortes "Querschießen", schrieb Süskind, sehe "die Welt als Dschungel, das öffentliche Leben als ein System von Minenfeldern, Panzerfallen und Hinterhalten".
Gerhard Storz, Oberstudiendirektor in Schwäbisch-Hall - er war jahrelang Regisseur und arbeitete später als Journalist bei der ehemaligen "Frankfurter Zeitung" - unterwarf Komplexe wie "Durchführen" und "Einsatz", "Gestaltung" und "Schulung" einer philologischen Kernspaltung.
Die Einbürgerung des diffamierenden Wortes "untragbar" erklärte Storz damit, daß sich dieses Adjektiv gegenüber dem vertrauten Entrüstungswort "unerträglich" gemessener und "amtlicher" ausnehme. Schließe eine Organisation ihr Mitglied Wilhelm Müller aus, weil Müller "fernerhin untragbar" sei, werde bei solcher Begründung verschwiegen, daß "es die Organisation ist, die ihn ausschließt". Mit dem Prädikat, Müller sei "nicht mehr tragbar", würden Schuld und Verantwortung für die gegen ihn getroffene Maßnahme auf Wilhelm Müller abgeladen; auf diese Weise werde der Tatbestand sprachlich verschleiert.
Entgegen ihrer "hoffnungsfrohen Zuversicht" der ersten Nachkriegsjahre mußten die Sprachkritiker freilich bald bemerken, daß ihrem Reinigungswerk keine breite Wirkung beschieden war. In der Zwischenzeit nämlich' - damit begründet Sternberger die Herausgabe der Polemiken als eine Art Nachschlagewerk - habe sich "kein reineres und neues, kein bescheideneres und gelenkigeres, kein freundlicheres Sprachwesen" entwickelt.
So erwies sich als nötig, die Stichwort-Sammlung für die Buchausgabe des Unmenschen-Alphabets zu erweitern. Den bisherigen Begriffen wurden hinzugefügt:
- von Storz die Artikel "Frauenarbeit", "Leistungsmäßig" und "Problem";
- von Sternberger die Artikel "Anliegen", "Menschenbehandlung" und "Wissen um ...;
- von Süskind die Artikel "Echt-einmalig" und "Herausstellen".
Den acht Begriffen, um die sich der Wortschatz des Unmenschen in zwölf Nachkriegsjahren vermehrte, stehen nur zwei Begriffe gegenüber, die inzwischen ihren Kurswert verloren haben und aus der Sammlung eliminiert werden konnten. Es sind die Wörter "fanatisch" und "Härte".
* Sternberger, Storz, Süskind: "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" Claassen Verlag, Hamburg, 136 Seiten: 7.80 Mark
** "Die Wandlung" erschien bis 1949.
Wörterbuch-Herausgeber Sternberger
Wie spricht der Unmensch?

DER SPIEGEL 35/1957
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