27.08.1958

VERTRIEBENEDer blaue Po

Bundesvertriebenenminister Oberländer sieht sich seit kurzem dem Vorwurf ausgesetzt, er habe die gerechte Sache der aus dem Osten und dem Südosten vertriebenen und geflüchteten Deutschen schwer geschädigt und darüber hinaus den jetzigen kommunistischen Machthabern in ehemals reichsdeutschen Gebieten einen unerhörten und ungehörigen Dienst erwiesen.
Dem Professor Dr. Dr. Theodor Oberländer ist in den vergangenen Jahren manche Verirrung passiert. Der Anwurf aber, er fördere den Kommunismus, ist grotesk: Noch vor wenigen Wochen ließ der Minister sich herbei, in seiner christdemokratischen Bundestagsfraktion gegen eine eventuelle Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu einigen Staaten des Ostblocks energisch Front zu machen.
Daß dennoch an seiner antikommunistischen Gesinnung gezweifelt wird, hat er letzten Endes der Schauspielerin und Rundfunksprecherin Margarete Schell zuzuschreiben, die im Mai 1945 in Prag von den Tschechen interniert wurde und über ihre Erlebnisse in tschechischer Haft ein Tagebuch verfertigte.
Obschon es der Margarete Schell, die jetzt in Stuttgart wohnt, bei den Tschechen nicht eben gut ergangen ist - sie wurde beispielsweise von Bewachern geprügelt
(Tagebuchnotiz: "Mein Po ist nach den letzten Prügeln noch blau") -, hielt sie es für richtig, in ihrem Tagebuch zu vermerken, daß ihr in der Internierung auch hilfsbereite Tschechen und eklige Deutsche begegnet sind.
Über einen ihrer Bewacher vermerkte sie: "Zum ersten Male bin ich heute unten im Hof gewesen. Ein Wachposten, ein älterer Polizist namens Valek, der immer sehr nett zu mir ist, erlaubt es mir, hinunterzugehen . . . Abends hat Herr Valek Dienst und steckt mir ein Stück Brot zu.
Er will auch nach meiner Wohnung sehen.
Ach, es gibt noch gute Menschen"
Von ihren Mitgefangenen dagegen berichtete die Rundfunksprecherin unter anderem: "Ekelhafte Zankweiber haben wir hier . . . Das in den letzten Jahren von den Deutschen so oft gebrauchte Wort Kameradschaft erweist sich hier, in dieser Notzeit, in der stärker denn je Kameradschaft sich bewähren müßte, als nichts weiter als ein leeres Wort. Mir gegenüber sitzen zwei Berliner, Mann und Frau, von jenem ausgesprochen unsympathischen Typ der Preußen Sie hat einen Kropf, eine kreischende Stimme, die fast unausgesetzt zu hören ist, und einen stechenden Blick. Vor aller Augen essen sie Wurst, Butter und Speck. Noch nie haben diese Leute das kleinste Stückchen hergegeben, ich glaube, man hätte neben ihnen ruhig verhungern können."
Daß dieses Tagebuch dem Bundesvertriebenenminister Vorwürfe des Vertriebenen-Publizisten einbrachte, liegt daran, daß es als Beiheft der vom Oberländer -Ministerium herausgegebenen "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa" erschien.
Die Idee zu diesem voluminösen Dokumentenwerk faßten Oberländer-Vorgänger Hans Lukaschek und dessen Staatssekretär Ottomar Schreiber. Unter der Ägide des Vertriebenenministeriums gründeten die beiden im Herbst 1951 eine wissenschaftliche Kommission und beauftragten sie, "die Lücken der geschichtlichen Überlieferung durch eine Dokumentation (über die Vertreibung) auszufüllen, in der das Schicksal von Tausenden und Millionen seinen Ausdruck finden soll".
Das wissenschaftliche Gremium wurde dem Vorsitz von fünf prominenten Gelehrten unterstellt. Die beiden Kölner Professoren Theodor Schieder und Peter Rassow, der Hamburger Professor Rudolf Laun, der Tübinger Professor Hans Rothfels und der inzwischen verstorbene Oberarchivrat am Bundesarchiv, Adolf Diestelkamp, formulierten ihre Aufgabe so: "Die Herausgeber (der Dokumentation) fühlen sich in ihrem Gewissen nur an das Ethos der wissenschaftlichen Forschung gebunden. Wenn sie darüber hinaus auf einen politischen Grundsatz verpflichtet sind, so, ist es der in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen ausgesprochene Verzicht auf Rache und Vergeltung."
Rache und Vergeltung sind jedoch den Vertriebenen-Funktionären offenbar nicht gar so fern; jedenfalls schien es ihnen durchaus nicht angebracht, in der Dokumentation über die Vertreibung die Tatsache festzuhalten, daß es auch unter den Vertreibern gute Menschen gab.
Der Münchener "Vertriebenen-Anzeiger" schrieb über die Aufzeichnung der Margarete Schell: "Über dieses Buch müßte man ein Buch schreiben. Und auch dann noch würde es unverständlich bleiben, wie das Bundesministerium dazu kommt, ein solches Tagebuch in der Reihe der Dokumentationen... zu veröffentlichen. Es könnte viel besser eine Propagandaschrift der Prager Kommunisten sein, die darauf abzielt, die Vertriebenen in Westdeutschland, besonders die vertriebenen Deutschen aus Prag, zu diskriminieren ... Der Schaden...
ist gar nicht abzusehen."
Andere Vertriebenen-Publizisten pickten einzelne, nach ihrer Ansicht besonders anstößige Passagen des Tagebuches heraus und trugen mit diesem fragmentarischen Zitaten-Material den Angriff gegen Oberländer und dessen wissenschaftliche Kommission unter Professor Schieder vor. Die "Deutsche Soldaten-Zeitung" widmete beispielsweise dem Schell-Buch anderthalb Seiten, auf denen eine tschechische Schriftstellerin namens Olga Barényi wütend über die Rundfunksprecherin herzieht, von der sie fälschlich annimmt, sie sei mit der Filmschauspielerin Margot Hielscher identisch. Bei Olga Barényi sind alle am Prager Aufstand beteiligten Tschechen schlechthin Mörder, von denen Lebensmittel anzunehmen die Tagebuchautorin Schell sich hätte schämen sollen. Der Artikel endet mit der Frage an Vertriebenenminister Oberländer, ob er das Manuskript des Buches vor Drucklegung überhaupt gelesen habe.
Die Vertriebenen-Verbände forderten schließlich, das "Tagebuch" solle zurückgezogen und ihnen ein förmliches Kontrollrecht bei der Veröffentlichung weiterer Dokumentations-Bände zugestanden werden. Bei der Sammlung des dokumentarischen Materials sollen künftig nicht mehr wissenschaftliche Gesichtspunkte, sondern offenbar die Vorstellungen der Vertriebenen-Apostel den Ausschlag geben. Dem Professor Schieder, der gegenwärtig die Dokumentation der Vertreibung aus Jugoslawien bearbeitet, wird sogar vorgeworfen, daß seine Darstellungen dem Zusammenleben ("Symbiose") der Völker dienten, was er allerdings beabsichtigte. Die Vertriebenen-Funktionäre dagegen verlangen, die Dokumentation solle "gewisse politische Ziele nicht aus den Augen verlieren".
Im Fall des "Tagebuchs" Margarete Schells sind die Vertriebenen-Funktionäre allerdings in eine recht peinliche Situation geraten: Als sie in den letzten Tagen eine Resolution fassen wollten, um den Minister Oberländer zu zwingen, den Band zurückzuziehen, mußten sie feststellen, daß sie zu einem früheren Termin dem Ministerium die Veröffentlichung dieses Bandes selbst vorgeschlagen hatten.
Tagebuch-Autorin Margarete Schell
Das Brot guter Menschen
Tagebuch-Herausgeber Oberländer
Die Lücken grausiger Geschichte

DER SPIEGEL 35/1958
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