03.09.1958

DEFA

Unternehmer-Moral

Mitte August erschienen in Ostberliner Tageszeitungen auffällige Inserate, in denen die Spielfilm-Abteilung des Sowjetzonen-Filmkonzerns Defa nach einem "jungen, fröhlichen, hübschen Mädchen - Alter 16 bis 20 Jahre, Größe etwa 1,60 - für eine Hauptrolle" suchte. Einschränkend hieß es weiter: "Die Jury des Studios legt Wert auf ein natürliches Wesen."

Die Defa-Leute hofften, auf diese - in der Sowjetzone bis dahin unerprobte - Weise eine jugendliche Darstellerin für "einen heiteren Spielfilm" zu finden, dessen Titel die Anzeige freilich verschwieg: "Verwirrung der Liebe".

An den beiden Tagen, an denen "geeignete Bewerberinnen" in Babelsberg vorsprechen sollten, zeigte es sich, daß der Defa-Starsuche der gleiche Erfolg beschieden war wie ähnlichen Aktionen, die westliche Filmhersteller hin und wieder mit dem Ziel veranstalten, im Schnellverfahren eine Jungdarstellerin zu gewinnen. Drei Tage nach Erscheinen der Suchanzeige drängten mehr als achthundert junge Titelrollen-Aspirantinnen am Pförtner der Defa-Filmstadt Babelsberg vorbei ins Besetzungsbüro.

Ungeladen waren auch Berichterstatter der ostzonalen Presse erschienen, die sogleich den Verdacht schöpften, daß an dieser für eine Arbeiter- und Bauernmacht ungewöhnlichen Mädchenbörse mit dem sozialistischen Bewußtsein einiges im argen liegen müsse. Defa-Produktionsleiter Fischer eilte denn auch mit abwehrend ausgebreiteten Armen auf die Journalisten zu: "Was wir hier machen, geschieht aus einer Notlage heraus. Wir haben die Presse nicht eingeladen. Wir wollen keine Sensationen."

Eingedenk ihres Auftrages, parteilich die Chronistenpflicht zu erfüllen, gingen die Reporter jedoch daran, vor den Türen des Defa-Studios Antwort auf die Fragen zu suchen: "Was hat diese Mädchen bewogen, der Anzeige zu folgen?" und: "Was erwarten sie vom Film?"

Der Befund war, ebenso wie der Anblick der wartenden Teenager-Herde, für die Korrespondenten der sowjetzonalen Presse offenbar niederschmetternd. Schrieb die Berichterstatterin des (Ost-)CDU-Blattes "Neue Zeit": "... gelangweilt um sich blickend die einen, artig vorm Pförtner knicksend die anderen, fast alle hübsch, manche bildschön, einzelne aufgedonnert mit getuschten Wimpern und langen, blaurot lackierten Nägeln und künstlich aufgetürmten Löckchen. Man könnte sie für perfekte Salondamen halten."

Der fatale äußere Eindruck verstärkte sich noch, als die Reporter mit den wartenden Mädchen ins Gespräch kamen. Ohne den geringsten Erfolg der staatlich verordneten gesellschaftlichen Erziehung zu zeigen, bekannte eines der "jungen, fröhlichen, hübschen Mädchen", eine rotblonde 17jährige Apothekerhelferin: "Wer hochkommen will, muß etwas riskieren." Entsetzte sich die "Neue Zeit": "Sie steht nicht allein da mit ihrer Unternehmer-Moral, die sich schlecht anhört in Räumen, die dem sozialistischen Film dienen sollen."

Der Berichterstatter der FDJ-Zeitung "Junge Welt" fand heraus, daß es den filmbesessenen Ostberlinerinnen "im Prinzip nur um Bombengagen', ein ruhiges Leben, Ruhm und 'dolle Engagements' geht." Einen Trost fand das Blatt nur in der Feststellung, nicht eine der Bewerberinnen habe die Berufsbezeichnung "Jungarbeiterin" angegeben.

Der säuerliche Gouvernantenton, mit dem das Ergebnis des Defa-Inserats in Ostberliner Zeitungen kommentiert wurde, blieb nach volksdemokratischer Manier nicht frei von Selbstkritik: "Jene Mädchen mit ihren altertümlichen Anschauungen von Ruhm und Karriere leben unter uns", schrieb die "Junge Welt". "Kümmern wir uns um sie? Zeigen wir ihnen den Weg vom 'Ich' zum 'Wir'? Geben wir ihnen das spannende Buch in die Hand, das von den Helden der sozialistischen Welt erzählt und das Götzenbild des kapitalistischen Selfmademan aus ihren Köpfen verdrängt?"

Das Besetzungsbüro des volkseigenen "VEB Studio für Spielfilme" zeigte sich jedoch von der Zeitungskritik ungerührt. Am Sonntag nach dem Babelsberger Star-Rummel erschienen in Ostberliner Zeitungen neue Defa-Anzeigen: "Für den heiteren Spielfilm 'Verwirrung der Liebe' suchen wir für das junge hübsche Mädchen den Partner."


DER SPIEGEL 36/1958
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