Männer, Frauen und Kinder warfen sich blitzschnell zu Boden, als die Schüsse krachten. Der ständige Strom der Pariser Metro-Fahrer in den Gängen der Station Montparnasse war jäh unterbrochen. Frauen stießen Angstschreie aus, Kinder jammerten. Dann stürzte die in Panik versetzte Menge zu den Ausgängen. In dem gekachelten Schacht der Untergrundbahn lag ein junger französischer Soldat in seinem Blut.
Auf die drei Schüsse, die aus einem 11,45-Millimeter-Colt abgefeuert worden waren, hatten diese Pariser mit der Instinktsicherheit einer kriegserfahrenen Bevölkerung reagiert. Der im Metro-Tunnel verstärkte Schall des Revolvers traf auf Menschen, die sich dicht erst seit diesem Sonnabendmorgen der vorletzten Woche von Gefahren umlauert fühlen. Sie wußten sofort, daß der uniformierte Soldat von einem Algerier niedergestreckt worden war.
Als in der Nacht vom 24. zum 25. August von Le Havre an der Atlantik-Küste bis zum Mittelmeerhafen Marseille die Treibstofflager und Munitionsdepots in die Luft flogen, begann die erste große Sabotagewelle seit dem Ende der deutschen Besetzung über Frankreich hinwegzurollen. In Mourepiane, dem Ölhafen von Marseille, loderte das Feuer sieben Tage und acht Nächte lang. Siebzehn Feuerwehrmänner wurden verletzt, einer getötet; über tausend Personen mußten evakuiert werden.
Der Rauchpilz, der in Toulouse aus anderthalb Millionen Litern brennenden
Benzins aufschoß, war zwanzig Kilometer weit zu sehen. In Narbonne wurden sechs Treibstoffbehälter vernichtet, es verbrannten drei Millionen Liter Schweröl. Bei der Beseitigung eines Sprengkörpers in der Zentralgarage der Pariser Polizei wurden drei Polizisten von den MP-Garben der nächtlichen Saboteure getötet.
Die Fackeln planmäßiger Zerstörung zeigten der französischen Bevölkerung, daß der Feuerbrand des algerischen Aufstands auf das Mutterland übergegriffen hat. Erklärte der algerische Nationalistenführer Ferhat Abbas: "Wir tragen den Krieg nach Frankreich hinein. Es ist unser Ziel, das strategische und wirtschaftliche Potential Frankreichs zu schwächen."
Der "Kommissar für auswärtige Beziehungen und Information" der algerischen "Nationalen Befreiungsfront" (FLN), der sich gegenwärtig in Kairo aufhält, versicherte zwar, die Zivilbevölkerung werde geschont werden, gab der Sabotage-Aktion aber absoluten Vorrang. Frankreich richtet sich auf einen langwierigen und opferreichen Krieg gegen eine ferngesteuerte Armee ein, die sich aus den algerischen Arbeitern in Frankreich selbst rekrutiert.
In den letzten Augusttagen besetzten Militäreinheiten alle großen Treibstoff- und Öllager, Munitionsfabriken und Materialdepots. Die Polizei veranstaltete in den Wohnvierteln und Stadtrandsiedlungen der Nordafrikaner in Paris, Lyon, Straßburg, Le Havre, Marseille, Toulouse und anderen Städten eine Massenrazzia.
In Paris requirierte der Polizeipräfekt die Winterhalle, in der Boxkämpfe, Radrennen und Zirkusveranstaltungen abgehalten werden. In der ausgeräumten Halle wurden über dreitausend verdächtige Algerier wie Hammel hinter Barrieren zusammengepfercht. Von den fünftausend Verdächtigen, die in den Tagen nach der Brandnacht verhaftet wurden, blieben 275 in den Maschen strenger Verhöre hängen.
Die Stärke der Rebellen in Frankreich und die Unfähigkeit der Behörden, die Untergrundorganisation zu zerschlagen, beruhen nicht zuletzt darauf, daß sich die Masse der nordafrikanischen Arbeiter, Händler und Nichtstuer kaum übersehen läßt. Wie groß ihre Zahl tatsächlich ist, weiß niemand zu sagen, da jedes Jahr Tausende von Nordafrikanern heimlich nach Frankreich eingeschleust werden. Offiziell wird die Zahl der in Frankreich lebenden Nordafrikaner auf 300 000 beziffert, von denen schätzungsweise 230 000 Algerier sind.
Aus Spanien, Italien, Westdeutschland und Belgien - die Häfen Antwerpen, Rotterdam, Hamburg sind nach Meinung der französischen Polizei bedeutende Umschlagplätze für den illegalen Personenverkehr zwischen Nordafrika und Europa - strömen diese Menschen nach Frankreich. Marokkanische und tunesische diplomatische Vertretungen im Ausland gewähren den algerischen
Agenten aufgrund diplomatischer Vorrechte häufig Schutz. So konnte die Befreiungsfront Anfang September in Bonn eine offizielle Verbindungsstelle einrichten.
Auch die Lebensverhältnisse der Nordafrikaner in Frankreich tragen dazu bei, daß sie nur schwer zu kontrollieren sind. In bestimmten Stadtvierteln und in Elendshütten am Rande der Städte zusammengepfercht, bilden vor allem die Algerier eine unkontrollierbare Masse. Als Fabrikarbeiter müssen die meisten von ihnen niederste Arbeit verrichten, so daß die französischen Arbeiter sie als Parias verachten. Die Gewerkschaften kümmern sich nicht um ihre sozialen Forderungen, die Arbeiterparteien bemühen sich nicht um ihre Mitgliedschaft.
Von der Gesellschaft der weißen Franzosen ausgeschlossen, dem eigenen Elend überlassen und überall allenfalls geduldet, vegetiert die Masse der nordafrikanischen Moslems unter Bedingungen dahin, die oft
genug zur Flucht ins Verbrechen führen. So war der Boden für die Agenten der Befreiungsfront in Frankreich wohl bereitet: In der armseligen Masse derjenigen, die keinen sozialen Aufstieg erhoffen konnten, und der anderen, die schon ins Lager der Verbrecher übergetreten waren, ließen sich die Werkzeuge des bewaffneten Aufstands leicht finden.
Dabei hatte die Mehrzahl der redlich arbeitenden Algerier bis vor drei Jahren noch unter dem Einfluß der religiös-orthodoxen Volksbewegung des bärtigen Propheten Messali Hadsch gestanden. Die Organisationen des Propheten wurden jedoch der Reihe nach verboten, so daß Messali Hadsch auch zum Verfechter des algerischen Nationalgedankens wurde. Der Kampf seiner Bewegung - des "Nationalen Algerischen Manifests" - mit der sozial revolutionären Befreiungsfront tobte in Frankreich bis zum Beginn dieses Jahres. Dann waren - wie in Algerien selbst - die Aktivisten des Messali Hadsch liquidiert und die Angehörigen der Manifest-Bewegung größtenteils zur terroristischen Befreiungsfront übergetreten.
Der Kampf der beiden nationalistischen Lager um die Herrschaft über die Algerier in Frankreich schlug sich in den Zahlen der Überfälle und Mordanschläge nieder. Im Jahre 1956 registrierte die Polizei 131 Morde von Algeriern an Algeriern und über tausend Überfälle. Im darauffolgenden Jahr waren es 789 Morde und 2725 schwere Körperverletzungen. Das Ansteigen der Mordkurve erklärt sich vor allem aus dem verstärkten Terror, den die Befreiungsfront anwendet, um sich die in Frankreich lebenden Algerier tributpflichtig zu machen.
Wer den erpresserischen Forderungen nicht nachgibt oder gar den Schutz französischer Behörden sucht, ist seines Lebens nicht mehr sicher. Jedes Jahr preßt die Befreiungsfront aus den 300 000 Nordafrikanern in Frankreich vier bis fünf Milliarden Franken heraus, während sie in Algerien selbst zehn Milliarden aufbringt und aus den arabischen Ländern mit Spenden in Höhe von zehn bis fünfzehn Milliarden Franken rechnen kann.
In den ersten drei Monaten dieses Jahres ging die Zahl der Gewalttaten unter den Algeriern leicht zurück. Immerhin wurden 390 Morde und 630 Körperverletzungen festgestellt. Dagegen hat sich in diesem Vierteljahr die Zahl der Angriffe auf Franzosen im Mutterland erheblich erhöht: Zehn Morde, fünf davon an Polizisten, und 70 Verletzte, darunter 33 Polizisten. Die verzweifelte Entschlossenheit der Rebellen hatte der einstige Parlamentarier Achmed Bu-Mendschol bereits im vergangenen Jahr preisgegeben:
"Also gut, wenn die Franzosen auf unsere Attentate mit der Verfolgung aller Algerier in Frankreich antworten, dann töten sie eben eine große Anzahl von ihnen.
"Die Algerier töten aber auch ein paar Franzosen, und was bedeuten für uns ermordete Algerier, wenn ihr Tod und die Unruhen die Welt auf unsere Sache aufmerksam machen?
"Man hat uns oft gesagt, daß wir uns im Selbstmord festrennen. Nun gut, das würde dann eben die Operation Selbstmord sein
- als letztes Mittel."
Der Entschluß, den Terror auch nach Frankreich hineinzutragen, blieb jedoch zunächst aus. Die Mehrheit im Exekutivkomitee der Befreiungsfront hielt an der Parole "Flugblätter statt Bomben" fest, weil noch Hoffnung zu bestehen schien, die öffentliche Meinung in Frankreich durch propagandistische Aktionen zu gewinnen und die Anerkennung der Unabhängigkeit Algeriens zu erzwingen.
Als dann General de Gaulle die Macht übernahm, sahen die Rebellenführer über die unversöhnlichen Kräfte hinweg, die den Umschwung bewirkt hatten. Ferhat Abbas, der zwei Jahre zuvor mit dem "Krieg in Frankreich" gedroht hatte, drückte die Hoffnung der Befreiungsfront auf eine Verständigung mit der französischen Regierung aus und versuchte dem neuen Regierungschef eine Brücke zu Verhandlungen zu bauen. Erst als die Rebellen den Eindruck gewannen de Gaulle schwäche durch sein inständiges Werben um die Algerier die Front des Aufstandes, faßten sie den Entschluß zum Zermürbungskrieg der Sabotage und des Terrors.
Die zuverlässigsten und geübtesten unter den Aktionskadern der auf 5000 geschätzten Untergrund-Aktivisten wurden vom Exekutivkomitee der Befreiungsfront auf der entscheidenden Sitzung ausgewählt, die Anfang August in Genf stattfand. Die Sabotagekommandos waren einsatzbereit; die Ziele ihres Angriffes lagen fest; die Pläne waren genau ausgetüftelt.
Drohte der Rebellenführer Abd el Hafid Bussuf am Mittwoch letzter Woche in Kairo: "Wir haben mit Öl begonnen, werden uns aber bald auch anderen Objekten zuwenden. Wir werden die französische Wirtschaft ruinieren und Frankreich zwingen, uns Unabhängigkeit zu gewähren."
Mit den Schüssen, die zwei Algerier in der Montagnacht vergangener Woche in einer dunklen Pariser Straße auf eine Gruppe afrikanischer Fallschirmjäger abfeuerten, stieg die Zahl der seit dem 25. August zu verzeichnenden Opfer auf sechs Tote und sieben Verwundete. Bei der Bekämpfung des Terrors sind in der letzten Augustwoche allein von der Pariser Polizei drei Algerier getötet, sieben verletzt, 14 auf frischer Tat verhaftet und insgesamt 91 mit begründetem Verdacht festgesetzt worden.
Der Aufmarsch bewaffneter Polizei- und Militäreinheiten ist der französischen Regierung um so unangenehmer, als sie in der Propagandaschlacht um die neue Verfassung krampfhaft die These verficht, daß unter dem Versprechen der Gleichberechtigung Algerien für Frankreich gewonnen werden könne. Gequält sagte Informationsminister Soustelle: "Wir werden nicht in die Falle der Befreiungsfront gehen und alle hier lebenden Araber als Terroristen betrachten."
Brennende Öltanks bei Marseille: Frankreich wird Frontgebiet
Rebellenchef Ferhat Abbas
"Wir werden Frankreich ruinieren"
Polizeikontrolle in Paris: Algerier morden Algerier
DER SPIEGEL 37/1958
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