10.09.1958

NOVEMBER-REVOLUTION

Das Lied der Matrosen

Um die "unermeßlichen Kräfte unserer revolutionären Vergangenheit für die Gegenwart lebendig" zu machen, ist die Defa, das staatliche Film-Monopolunternehmen der "Deutschen Demokratischen Republik", dazu kommandiert worden, einen historischen Monstre-Bilderbogen herzustellen, der beziehungsreich am 9. November, dem 40. Jahrestag der deutschen Revolution von 1918, uraufgeführt werden soll.

"Nationalpreisträger" Kurt Maetzig hat bei der Inszenierung des Breitwandfilms (Titel: "Das Lied der Matrosen") als erster ostdeutscher Filmregisseur Gelegenheit gehabt, in der Manier des Spektakel-Spezialisten Cecil B. De Mille Tausende von Statisten vor den Kameras herumzubefehlen. Denn "Das Lied der Matrosen" soll der aufwendigste und teuerste Film der Defa werden.

Den Auftrag zu diesem Kolossalfilm verdankt Maetzig dem Elan des unermüdlichen SED-Chefs Walter Ulbricht. Dem Altkommunisten Ulbricht war nämlich unangenehm aufgefallen, daß einige "Genossen Historiker" nachzuweisen versucht hatten, die November-Revolution von 1918 sei in ihrem Charakter eine verunglückte sozialistische Revolution gewesen. Weil nach orthodox marxistischer Auffassung eine Revolution der Werktätigen nicht mißlingen kann und darf, wenn die rechten Voraussetzungen gegeben sind, fühlte sich Ulbricht dazu gedrängt, die Genossen Historiker im feinsten Parteijargon zu berichtigen:

"Zusammenfassend muß man die November-Revolution ihrem Charakter nach als eine bürgerlich-demokratische Revolution, die in gewissem Umfang mit proletarischen Mitteln und Methoden durchgeführt wurde, bezeichnen."

Um darüber hinaus den ostdeutschen Massen die Konsequenzen der marxistischleninistischen Geschichtsdeutung vorzuführen, mußte allerdings dichterische Phantasie bemüht werden. Das Defa-Autoren-Gespann Paul Wiens und Karl Georg Egel wurde beauftragt, den Grundriß zu einem Revolutions-Film zu entwerfen, der zeigen sollte, wie anders und fortschrittlich die Geschichte verlaufen wäre, wenn in

Deutschland schon 1918 eine marxistischleninistisch- Partei nach dem Vorbild der Bolschewiken existiert hätte.

Wiens und Egel verfertigten ein Exposé, in dem sie die revolutionäre Phase aus der Lebensgeschichte von sieben meuternden Matrosen in balladesker Form derart dichterisch verklärten, daß aus den Rebellen von 1918 Vorboten der "Deutschen Demokratischen Republik" werden.

Vor allem aber war das Autorenpaar bestrebt, in seiner Revolutionsdarstellung die Aktionen der Spartakisten zu- glamourisieren, denen sich 1918 auch der sächsische Tischlergeselle Walter Ulbricht angeschlossen hatte. Allein die Spartakisten hätten nämlich nach Auffassung des Ex-Spartakus-Bündlers Ulbricht vermocht, eine vollkommene sozialistische Revolution im Sinne der Bolschewiki zu machen, wären ihre Bemühungen damals nicht durch die Umtriebe der opportunistischen SPD vereitelt worden.

Ulbricht heute: "Die mangelnden revolutionären Erfahrungen, die parlamentarisch-demokratischen Illusionen in der Arbeiterklasse und das Fehlen einer marxistisch-leninistischen 'Partei verhinderten, daß die Arbeiter den Kampf um die Zerschlagung der ökonomischen und politischen Macht der Imperialisten und Militaristen führten. Das fand seinen Ausdruck darin, daß die Arbeiter- und Soldatenräte als Organe neben der kapitalistischen Staatsmacht bestanden, aber nicht dazu übergingen, den kapitalistischen Staatsapparat zu säubern und im weiteren Prozeß des Kampfes zu zerschlagen."

Eingedenk dieser Ulbricht-Thesen sagte Film-Autor Egel: "Wir haben uns die Frage gestellt: 'Was hat die November-Revolution erreicht?' Das war die Beendigung des imperialistischen Krieges und die Gründung der KPD. Das sind die großen historischen Erfolge."

Freilich haben die Drehbuchverfasser ihre eigenwillige Chronik und Geschichtsinterpretation in Würdigung des totalen Mißerfolgs, den das proletarische "Thälmann"-Filmepos vor kurzem beim ostdeutschen Publikum erlitt, recht lebensnah und dennoch ideologisch einwandfrei aufgelockert. So erscheint im Film eine junge Arbeiterin, die von einem der Revolutions-Matrosen, ohne mit ihm verheiratet zu sein, ein Kind bekommt. Als der Matrose von "einem Kameraden, der zum

Feind übergelaufen ist, hinterrücks erschossen wird", kommt mit sinnfälliger Symbolik das sozialistische Bewußtsein des Kollektivs zum Ausdruck: Das Kind hat nun viele Väter - die Genossen ihres gefallenen Vaters, die es "für ein glücklicheres Morgen erziehen".

Der weltanschaulich gefestigte Zuschauer, so hoffen die Autoren, wird beim Anblick dieser Szene sofort zu denken haben, daß für ihn das "glücklichere Morgen" in der "DDR" bereits glückliche Gegenwart ist. Auch Regisseur Maetzig ist davon überzeugt, daß dieser Effekt erzielt werden wird: "Was politisch richtig ist, ist auch publikumssicher."

Dagegen ist Maetzig offenbar nicht der Meinung, daß allein die "politisch-intellektuelle Kraft" des Dialogs und Szenariums den Erfolg seines volksdemokratisch-wertvollen Films garantiert. Er hat deswegen ein im Defa-Geschäft bisher noch nicht beobachtetes Statistenaufgebot in Bewegung gesetzt: Der Defa-Starregisseur berichtete,

daß beim "Lied der Matrosen" rund 15 000 Statisten mitwirken werden, die sich im wesentlichen aus abgestellten Einheiten der. Volkspolizei, der Streitkräfte und der Betriebskampfgruppen rekrutieren.

Maetzig vermochte die Regiearbeiten an diesem Spektakulum allein nicht zu bewältigen und formierte sich mit seinem Gehilfen Günter Reisch zu einem "Regiekollektiv". Sie drehten zeitweilig an getrennten Arbeitsplätzen in unterschiedlicher Arbeitsweise Szenen, die später im Studio aneinandergeklebt werden.

Ort der wichtigsten Filmhandlung, der November-Revolution von 1918, ist Kiel, und dieser Umstand hinderte den Maetzig und seine Mannschaft daran, für die Außenaufnahmen an die historische Stätte zu pilgern. Meditierte die "DDR"-Wochenzeitschrift "Sonntag" beziehungsreich: "Einen solchen Film kann man nicht in Kiel drehen. Heute noch nicht."

Und weil es derzeit nicht möglich ist, in Kiel einen Film zu drehen, der "die Notwendigkeit einer marxistisch-leninistischen Partei als Kopf und Faust der Arbeiterklasse in einer wahrhaft sozialistischen Revolution beweist", wurde aus Gründen des Lokalkolorits die ostdeutsche Stadt Görlitz als Kulisse der Szenen ausgewählt, die in Kiel spielen. Freilich konnte nur die Altstadt am Westufer der Neiße benutzt werden. Der Ostteil blieb versperrt durch die Pfähle der deutsch-polnischen "Friedensgrenze".

Für die Massenszenen in Görlitz kopierte die Defa die Arbeitsmethoden des Hollywood-Patriarchen De Mille. Das Defa -Studio Babelsberg installierte einen Lufttaxidienst, der Kameramann photographierte vom Hubschrauber aus, und das Aufgebot an Regiegehilfen wurde mit allen Hilfsmitteln des modernen Fernmeldewesens dirigiert. Mit dem gleichen technischen Aufwand wurden in Warnemünder und Rostock Aufnahmen gefertigt. Ende September sollen alle Dreharbeiten beendet sein. Dann wird der Film durch Schnitt und Schliff die letzte ideologisch einwandfreie Rundung erhalten, damit er - wie es offiziell heißt - "dazu beitragen kann, den Novembertagen 1918 wieder ihre große Bedeutung innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung wie auch für die Entwicklung der Arbeiter- und Bauernmacht in Deutschland einzuräumen".

Matrosen-Revolte im Defa-Film: "Was politisch richtig ist ...

Defa-Regisseur Maetzig

... ist auch publikumssicher"


DER SPIEGEL 37/1958
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