24.09.1958

PRIEN-FILMIn der kleinen Hafenbar

In dieser Woche soll in einem Stuttgarter Premieren-Kino ein Film uraufgeführt werden, den die Arca-Produktionsgesellschaft in der Vorreklame mit dem Hinweis ankündigte: "Ein Film, den man schon heute heiß diskutiert und der überall Aufsehen erregen wird."
Ausnahmsweise bezogen sich diese Zitate aus dem Schlagwortregister der Werbeabteilung auf konkrete Vorfälle: Der Film "U 47 - Kapitänleutnant Prien" soll "das Lebensbild des unvergessenen U-Boot-Kapitäns" auf die Leinwand projizieren und hat wegen verschiedener Manipulationen, die Produzent und Autor ihrer Helden-Biographie aus filmdramaturgischen Gründen angedeihen ließen, schon den Zorn von 2000 ehemaligen U-Boot-Fahrern geweckt.
"Dieser Film", verlautbarten die U-Boot-Männer auf einer Wiedersehensparty in einer Hamburger Gaststätte, stellt nicht nur die Tat Günther Priens falsch dar, sondern auch die Persönlichkeit des Kommandanten." Da es sich bei Prien um "eine geschichtliche Persönlichkeit" handele, sei "niemand berechtigt, sein Bild und sein Schicksal anders zu zeigen, als es den Tatsachen entspricht..."
Die Arca-Filmgesellschaft des Berliner Produzenten Gero Wecker, als Herstellerin von Sitten- und Dirnen-Filmen (Haus-Regisseur: Veit Harlan) an Schlimmeres gewöhnt, sah indes der Kampagne mit dem Gleichmut entgegen, den sie schon bei den Angriffen gegen ihre "Liane"-Filme erprobt hatte. Arca-Chef Wecker tat seine Verwunderung über "diese unverbesserlichen Militaristen" kund: "Ich weiß gar nicht, was die alle wollen, ich kann doch keinen Film um einen echten Nazi-Helden zeigen. Und das war der Prien doch."
Und weil es derzeit nicht möglich ist, ohne weiteres einen Film um einen "echten Nazi-Helden" zu drehen, hatten sich die Film-Autoren jene Korrekturen einfallen lassen, die den Groll der U-Boot-Fahrer auslösten. Über den tatsächlichen Ablauf der Prienschen Karriere waren die Filmleute allerdings auch nur unzulänglich informiert, als ihnen die Idee zu dem Seehelden-Film entschlüpfte.
Anfang dieses Jahres hatten der Chef des Constantin-Filmverleihs, Waldfried Barthel, und sein Chefdramaturg Johannes Billian beim Konzipieren des neuen Verleihprogramms überlegt, welcher populäre Soldat des Zweiten Weltkrieges von den dramaturgischen Wünschelrutengängern der Filmbranche noch nicht aufgespürt worden sei. Dabei stieß Chefdramaturg Billian auf den Kapitänleutnant Prien; er legte seinem Chef die Verfilmung des U-Boot-Fahrer-Schicksals unter dem Gesichtspunkt nahe, daß es sich dabei um den ersten historischen deutschen U-Boot-Film nach 1945 handeln würde.
Die Herren erwärmten sich schnell für das Prien-Thema, zumal sie befürchteten, daß man sonst vielleicht wieder einer ausländischen Gesellschaft Geschäfts-Chancen überlassen würde - wie schon im Falle des von den Engländern gedrehten, finanziell sehr erfolgreichen Films vom Untergang des Panzerschiffes "Admiral Graf Spee". Sie beauftragten den Tatsachenbericht-Schreiber Udo Wolter, Verbindung mit der Witwe Priens aufzunehmen, die sich seit ihrer Wiederverheiratung mit dem Bundeswehr-Oberstleutnant Sturm betont Sturm-Prien nennt. Frau Prien war bereit, die Filmrechte für ein Honorar von 4000 Mark zu veräußern.
Das Material, das Wolter nach intensivem Quellenstudium und unter Assistenz von Frau Prien erarbeitete, ging an den Autor Joachim Bartsch, dem aufgegeben war, das Drehbuch zu ersinnen. Bartsch bemühte sich, in sein neues Opus nicht jene Töne einfließen zu lassen, die ihm bei seinen Drehbüchern zu dem Legion -Condor-Film "Solange Du lebst" und dem Fallschirmjäger-Film "Die grünen Teufel von Monte Cassino" als NS-Tendenzen angekreidet worden waren. Um die angestrebte Anti-Kriegslinie des Films zu verdeutlichen, schlug er sogar vor, über die - im Wasser treibenden Teile des untergegangenen Prien-U-Bootes die Stimme von Joseph Goebbels mit der berüchtigten Frage aus der Sportpalast-Rede von 1943 zu legen: "Wollt ihr den totalen Krieg?", mitsamt dem hysterischen Antwortgeschrei der Menge: "Jaaa!" Aber mit dieser Idee drang Bartsch beim Constantin-Verleih nicht durch.
Er war mittlerweile zu der Erkenntnis vorgerückt, daß "es bei diesem Film gar nicht in erster Linie um Prien geht, sondern um das Schicksal eines Menschen, der sich im Krieg müht, aufrecht und sauber mit seinem Schicksal fertig zu werden". Bartsch stellte dem U-Boot-Kommandanten, der kurz nach Kriegsbeginn in einem wahrhaft tollkühnen Unternehmen in die Bucht von Scapa Flow eindrang und ein britisches Schlachtschiff versenkte, die frei erfundene Figur des Pfarrers Kille gegenüber. Mehrere Renkontres zwischen Prien und Kille sollen darlegen, worauf es dem Autor ankommt: "auf die inneren Vorgänge".
Kille, der von Nachtwachen-Borsche dargestellt wird, ist ein Jugendfreund Priens, "ein Beschützer und Helfer der Verfolgten aus innerem Drang heraus". Der frisch dekorierte Ritterkreuz-Träger Prien (Dieter Eppler) soll ihm und seinen Bittschriften für die KZ-Häftlinge den Weg zu den zuständigen Stellen ebnen. "Doch Prien, der Soldat, bleibt Soldat", beschreibt die Arca in ihrer offiziellen Inhaltsangabe die weitere Handlung. "Er verweigert dem Pfarrer seine Hilfe. Eine Hilfe, die ihm leichtgefallen wäre. Doch ganz unnütz war Killes Beschwörung nicht."
Nachdem Prien auf der nächsten Feindfahrt ein Schiff versenkt hat, tut der Appell Killes verspätet Wirkung. Prien entschließt sich, aufzutauchen und die Schiffbrüchigen an Bord zu nehmen, doch die Rettungsaktion wird durch einen Angriff englischer Flugzeuge unterbrochen. Während die Leichen "auf den Wogen schaukeln" (Arca), taucht Prien mit seinem Boot weg - zu den Takten eines "zackigen Marsches", den der "Bomben auf Engelland" -Komponist Norbert Schultze beisteuerte (Regisseur Reinl: "Das ist die Polarisation").
Auf die Leichenszene ließ Autor Bartsch eine "besinnliche Stunde in einer Hafenbar an der französischen Küste" folgen, in der Prien immer wieder an die Worte seines Jugendfreundes Kille denken muß. "Plötzlich erkennt Prien, daß Soldatsein allein nicht genügt ... Die Wandlung in ihm ist vollzogen, aber Günther Prien kann nicht mehr helfen, er hat sich zu spät entschieden." Auf der nächsten Feindfahrt wird sein Boot versenkt, Prien von einem englischen Frachter gerettet. Diesen Frachter aber torpediert ein deutsches U-Boot, und Prien geht mit dem englischen Schiff unter.
Dieser frei erfundene Schluß -in Wirklichkeit wurde Priens U-Boot von dem englischen Zerstörer "Wolverine" durch Wasserbomben mit Mann und Maus versenkt - erbitterte die U-Boot-Fahrer besonders, aber alle ihre Einwände beantwortete der Produzent Wecker mit einem Hinweis, der schwerlich entkräftet werden kann: "Die waren ja auch nicht dabei, sonst könnten sie ja heute keine Reminiszenzen im fröhlichen Überlebendenkreis feiern."
Produzent Wecker, dem der Constantin -Verleih das Prien-Projekt übertragen hatte, fühlte sich auch zu Autoren-Täterschaft berufen. Er ließ zusätzlich eine Szene schreiben, in der Priens U-Boot einen Frachtdampfer versenkt, der einen Juden an Bord hat. Als der in den Wellen treibende Jude das zur Rettungsaktion auftauchende deutsche U-Boot erkennt, läßt er sich untergehen, denn der Tod in den Wellen ist ihm lieber als der Tod in einem Konzentrationslager.
Nachdem Frau Prien gegen die endgültige Drehbuchfassung keine Bedenken zu empfinden vermochte - ihre Rolle wird im Film von der Münchner Schauspielerin Sabina Sesselmann gespielt, die sich bisher in den Arca-Unsittenfilmen "Liebe kann wie Gift sein" und "Madeleine Tel. 13 62 11" hervorgetan hat -, inszenierte der Regisseur Dr. jur. Harald Reinl die U-Boot-Ballade in den Pichelsberger Ateliers der Area. Die Außenaufnahmen wurden im spanischen Kriegshafen Cartagena gedreht, wo der spanische Marineminister den Filmleuten kostenlos das U-Boot G-7, das ehemals deutsche Unterseeboot "U 573", zur Verfügung stellte. Zwei ehemalige U-Boot-Kommandanten namens Hoffmann und Bürgel achteten für je 6500 Mark Honorar darauf, daß alles möglichst milieugetreu ausfiel.
Mittlerweile scheinen dem Produzenten Wecker allerdings Zweifel gekommen zu sein, ob der Film die angestrebte "Aussage" enthält. "Ich weiß noch nicht", sagte er einige Wochen vor der Premiere, "ob der Reinl das so hinbekommen hat."
Aber auch der Regisseur Reinl, den die Proteste gegen sein Opus sichtlich angefochten haben, machte aus seinem tirolerischen Herzen keine Mördergrube: "Früher haben sie nur Schnulzen von mir haben wollen. Jetzt habe ich einen Kriegsfilm gemacht (Die grünen Teufel von Monte Cassino), und der geht, und schon wollen's von mir lauter Kriegsfilme haben." Noch vor der Premiere des Prien-Films versicherte er: "Als nächstes mache ich was Harmloses."
Film-Ehepaar Prien*
Leichen schaukeln...
Ehepaar Prien
... bei Marschmusik
* Dieter Eppler, Sabina Sesselmann.

DER SPIEGEL 39/1958
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