08.10.1958

HORACE GREELY HJALMAR SCHACHT

HORACE GREELY HJALMAR SCHACHT wurde am 22. Januar 1877 in dem jetzt zu Dänemark gehörenden schleswigschen Tingleff geboren. Er besuchte Hamburgs renommiertes humanistisches Gymnasium, das Johanneum, und studierte von 1895 bis 1899 in München, Leipzig, Berlin, Paris und Kiel Wirtschaftswissenschaft, daneben Medizin, Germanistik, Literaturgeschichte und Soziologie. Im Jahre 1900 promovierte er zum Dr. phil.
SEINE BANKLAUFBAHN begann er als Archivar der Dresdner Bank von 1903 bis 1908. Er rückte schnell zum Rang eines stellvertretenden Direktors auf. Während seiner Tätigkeit als Direktor der (privaten) Nationalbank für Deutschland von 1916 bis 1923 verschmolz er dieses Kreditinstitut mit der Bank für Handel und Industrie, Berlin und Darmstadt, zur Darmstädter und Nationalbank. Im Jahre 1923 wurde er zum Reichswährungskommissar bestellt und bemühte sich seit dieser Zeit um die Stabilisierung der durch Inflation ruinierten Nachkriegsmark. Anschließend übernahm er das Amt des Reichsbankpräsidenten. Aus Protest gegen die Annahme des Young-Planes, der das Reich verpflichtete, Anleihen aufzunehmen, um seinen drückenden Reparationsverpflichtungen nachkommen zu können, trat er 1930 zurück und widmete sich drei Jahre lang nur noch der Bewirtschaftung seines Hofes in der Mark Brandenburg.
IM DRITTEN REICH war Schacht zunächst Förderer, später Verfolgter des Regimes. Nachdem er die Regierungsbildung Hitlers unterstützt hatte, kehrte er 1933 auf den Sessel des Reichsbankpräsidenten zurück und übernahm kurze Zeit später auch das Reichswirtschaftsministerium. Er trug entscheidend zur Arbeitsbeschaffung und Rüstungsfinanzierung in den dreißiger Jahren bei. Besondere Bedeutung erlangte das von ihm praktizierte Finanzierungssystem mit sogenannten Mefo -Wechseln. Es handelte sich um Wechsel, die zur Finanzierung öffentlicher Aufträge von den Lieferanten auf eine eigens dazu gegründete Metallurgische Forschungsgesellschaft mbH (Mefo) in Berlin gezogen wurden. Die Wechsel wurden nach drei Monaten von der Reichsbank rediskontiert. Die Reichsregierung konnte dadurch einen großen Teil ihrer öffentlichen Aufträge finanzieren, ohne die Reichsbank direkt in Anspruch nehmen zu müssen. Freilich führten diese Wechselmanipulationen zu einer inflationären Aufblähung des Kreditvolumens, da die Mittel nicht ans dem Reichshaushalt aufgebracht wurden. 1938 waren Mefo-Wechsel für 12 Milliarden im Umlauf. Seine Bemühungen um die Dämpfung dieser Rüstungsinflation trugen Schacht Spannungen mit den Nationalsozialisten ein, die ihn veranlaßten, zuerst den Posten des Wirtschaftsministers, später auch den Präsidentensessel der Reichsbank aufzugeben. Schachts Nachfolger auf beiden Stühlen wurde der weniger kritische Walter Funk. In den Jahren 1944-45 wurde Schacht wegen seiner oppositionellen Haltung im Konzentrationslager Flossenbürg festgehalten.
NACH DER KAPITULATION mußte sich Schacht vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal verantworten, wurde jedoch freigesprochen. Danach erklärten ihn die Entnazifizierungsbehörden znnächst zum "Hauptschuldigen" und verurteilten ihn zu acht Jahren Arbeitslager. Später - im September 1950 - stufte ihn die Lüneburger Hauptspruchkammer als 'Entlasteten' ein. Mit seiner im Jahre 1948 erschienenen "Abrechnung mit Hitler" verließ er erstmals das Gebiet der Fachliteratur, das er zuvor mit einer Reihe stark beachteter Beiträge bereichert hatte. Ein Erinnerungsband "76 Jahre meines Lebens" folgte 1953. Sein Ruf als "Finanzjongleur" blieb von allen Kriegs- und Nachkriegsauseinandersetzungen ungetrübt. Schacht reiste als Währungs- und Finanzberater nach Brasilien, Abessinien, Indonesien, dem Iran, Ägypten und Syrien. Am 15. Januar 1953 schließlich gründete Hjalmar Schacht ein eigenes Außenhandelsbankhaus in Düsseldorf, nachdem ihm der Hamburger Senat über Jahre hin Schwierigkeiten bei der Konzessionserteilung gemacht hatte.
IN JÜNGSTER ZEIT machte er von sich reden indem er vorschlug, die Bundesrepublik solle einen Teil ihrer übermäßig angeschwollenen Devisenreserven als Kapital exportieren.

DER SPIEGEL 41/1958
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