15.10.1958

BERLINER FESTWOCHENNach Maß

Eines der bedeutendsten Ereignisse der Berliner Festwochen" nannte Dr. Gerhart von Westerman - Intendant des Berliner Philharmonischen Orchesters und alljährlicher Festwochenleiter - die Uraufführung von vier Kammeropern, die er selbst in Auftrag gegeben hatte. Schon im Januar war er auf eine Lücke im musikalischen Festprogramm gestoßen: Die Städtische Oper Berlin hatte in diesem Jahr als Erstaufführung nur die Neubearbeitung eines nahezu vergessenen Werkes des Beethoven-Zeitgenossen Cherubini, aber keinen modernen Beitrag vorgesehen.
Ermutigt und beraten vom Dirigenten Hermann Scherchen und finanziell unterstützt von der Akademie der Künste, bestellte Westerman sich bei fünf Komponisten je eine Kammeroper von 20 bis 25 Minuten Spieldauer. Für die Beschaffung einer einzigen, abendfüllenden Oper, die sich in der Zukunft auch im Repertoire anderer Bühnen leichter hätte unterbringen lassen, schien die Lieferfrist zu kurz.
Einer der aufgeforderten Komponisten, Werner Egk, sagte ab, da ihm ein passendes Libretto fehlte. Den Auftrag erfüllten, termingerecht, der Franzose Darius Milhaud (Jahrgang 1892), der Engländer Humphrey Searle (1915 in Oxford geboren), der aus Leipzig stammende (1907 geborene) Wolfgang Fortner und Werner Thärichen (Jahrgang 1921), Schlagzeuger im Berliner Philharmonischen Orchester.
Um den experimentellen Charakter dieser Festwochen-Darbietung zu demonstrieren und neben der Prominenz auch junge, unerprobte Sänger herauszustellen, wurde die Aufführung dem von Regisseur Wolf Völker geleiteten Opernstudio anvertraut. Als Ort war zunächst das Hebbel-Theater vorgesehen, dessen schmaler Orchestergraben nur etwa fünfzehn Musikern Sitzgelegenheit bietet. Die Komponisten mußten also für ein kleines Ensemble und für Kammerorchester-Besetzung schreiben.
Um bei so bescheidenen Mitteln wenigstens einige ungebräuchliche Instrumentations-Effekte in Reserve zu haben, verwendete Thärichen ein Klavier, Fortner ein Cembalo, Milhaud ein Saxophon und Searle ein Vibraphon. Elektronische Klänge, von denen Searle und Thärichen zu profitieren hofften, wurden auf Wunsch Hermann Scherchens nicht benutzt.
Für die inzwischen konzipierten Stücke aber war den Veranstaltern die konventionelle Atmosphäre des Hebbel-Theaters nicht recht; sie mußten schließlich, da die bei ähnlichen Experimenten schon bewährte Kongreßhalle für Proben nicht zur Verfügung gestanden hätte, mit einer Art Schul-Aula vorlieb nehmen - dem Festsaal des Ernst-Reuter-Hauses. Auf einer mit wenigen, geschickt arrangierten Requisiten und Schiebewänden ausgestatteten Behelfsbühne also gingen schließlich die vier Kammeropern in Szene.
Fortner wählte einen heiteren Stoff, eine Verwechslungskomödie des französischen Dichters und Heine-Freundes Gerard de Nerval: "Corinna". Zu diesem "Capriccio über die Nichtigkeit der Liebe" ("Der Tagesspiegel") schrieb Fortner eine Musik, die nach Ansicht des Komponisten "die Arien- und Ensemble-Formen der opera buffa liebend beschwört und mit einem kleinen schrägen Strahl beleuchtet". Zumindest einige Rezensenten begrüßten die Heiterkeit dieses Einakters, und der Musikkritiker des Rias, Kurt Westphal, konzedierte dem Komponisten, "daß er blitzsauber gearbeitete Koloratur-Arietten und Miniatur-Ensembles gedrechselt habe, die im Notenbild zu lesen durchaus vergnüglich ist".
Thärichens Beitrag "Anaximanders Ende" ist weder Buffo-Oper noch allzu ernst gemeint. Wolfdietrich Schnurre, Autor allegorischer Tiergeschichten und einer der beiden diesjährigen Berliner Literaturpreisträger, schrieb das Libretto, ohne- dabei viel Rücksicht auf musikalische Formen zu nehmen. Sein Anaximander ist nicht etwa ein vorsokratischer Philosoph, sondern ein Kater, "breitbrüstig, schmalhüftig ..., auf eine fatale Art 'schön': das Gesicht eines Commis, der in einer Laientheatergruppe den Beau spielt". Romanze hinter der Szene gesungen:
Hoch auf den Dächern
lock' ich die Damen
aus den Gemächern,
und ihre Namen,
so reizend und süß,
sind Mieze und Mulle und Mimi und Mies ...
Die Liebe eines "ältlichen Fräuleins" ("Oh Anaximander, ich bin ganz durcheinander!") wird dem streunenden Kater -Beau zum Verhängnis; das eifersüchtige Fräulein, das ihn vergeblich mit Mäusen gefüttert und ihm ein Kissen gestickt hat, ersticht ihn, um ihn wenigstens als Leiche immer bei sich zu haben. Aber ein Schornsteinfeger-Todesengel entführt Anaximander vermittels seiner Leiter. Der junge Komponist Thärichen nennt diese allegorische Moritat "eine Art ironisiertes Melodram", der Musikkritiker Hans Heinz Stuckenschmidt spricht von einer "kleinen Handlung im Stile von Comic Strips".
Milhaud hat, wie Gerhart von Westerman glaubt, den so kurz befristeten Auftrag nur angenommen, weil eine 25jährige Freundschaft ihn mit Hermann Scherchen verbindet. Westerman: "Ich ging mit Zagen an Milhaud heran, ob er sich auf einen so kurzen Termin einlassen würde." Als einziger der vier Beiträger hatte Darius Milhaud, dessen Oeuvre heute über 400 Kompositionen umfaßt, schon "Mikroopern" (Stuckenschmidt) geschrieben - allerdings vor etwa dreißig Jahren und ohne nachhaltigen Erfolg".
Seine neue Kammeroper - "Fiesta" - ist eine Art "Cavalleria rusticana" in einem kleinen Fischerhafen Südamerikas. Die Handlung von Boris Vian gibt sich so unkompliziert wie die Musik, die Kastagnetten, Songs und dezente Folklore verwendet, Ein- Schiffbrüchiger wird gerettet, mit viel Wein wieder zu Kräften gebracht, von einem eifersuchtigen Einheimischen erstochen, als er sich an eine (keineswegs spröde) Hafenschönheit herangemacht hat, und kurzerhand wieder ins Meer geworfen.
Searle, ein in Deutschland wenig bekannter Anton-Webern-Schüler, verwendete den merkwürdigsten und anspruchsvollsten literarischen Vorwurf. Er schrieb sich die Textvorlage zu seinem "Tagebuch eines Irren" nach einer Erzählung von Nikolai Gogol. Das im Zwölftonverfahren angefertigte Stück wird von den meisten Kritikern als Schwerpunkt des Abends gewertet.
Die Aufführung der vier Kammeropern wird übereinstimmend gelobt. "Man hatte das Gefühl", urteilt Kritiker Werner Oehlmann, "einem der lebendigsten, fesselndsten Festwochenabende und darüber hinaus einem Abend von symptomatischer Bedeutung für die Entwicklung der modernen Oper beizuwohnen."
Weniger optimistisch resümiert freilich Rias-Kritiker Westphal: "Werden diese vier Bühnenstücke nachgespielt werden? Können sie es überhaupt? College-Bühnen wie in Amerika gibt es bei uns nicht. Bleibt es aber bei der Wiederholung im Rahmen der Festwochen, ja lohnt es sich dann für die Komponisten, die Verleger, die Nachwuchssänger?"
* "Trois Opéras Minutes", "Le Pauvre Matelot".
Szenenbild "Tagebuch eines Irren"*
Weder Buffo-Oper ...
... noch allzu ernst gemeint: "Anaximanders Ende"**
* Der Irre: Theo Altmeyer.
** Szenenbild aus dem Festsaal des Ernst -Reuter-Hauses, Berlin: Ursula Mehnert, Frido Meyer-Wolff.

DER SPIEGEL 42/1958
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