22.10.1958

TOURISMUS / HOTELSGast auf Lebenszeit

Das Eurotel ist ein spontaner Weg zur
Vereinigung der Völker. Wenn sich die Völker in der Häuslichkeit der Familie kennenlernen, schwinden die Vorurteile. Laßt alle in Eintracht die Schönheiten der Natur genießen: die Welt wird besser sein!"
Diese Ankündigung einer besseren Welt ist die Einleitung eines Werbeprospekts, der "eine einfache und geniale Idee" erläutert, mit deren Hilfe das in Bozen ansässige Bauunternehmen "Gebrüder Vanzo" sonnenlüsternen Europäern zu Ferienheimen verhelfen will.
Die "geniale Idee" der Gebrüder Vanzo ist in der Tat einfach: Die durchaus angesehene und kapitalkräftige Firma will sich den Bau von hotelähnlichen Instituten von den Benutzern dieser Institute finanzieren lassen. Wer immer Lust und Geld dazu hat, kann sich in einem "Eurotel" - Verstümmelung von Europahotel eine Kleinwohnung kaufen. Miteigentum an Wohnungsbauten ist in Italien weit verbreitet, und so fiel es den Gebrüdern Vanzo nicht schwer, genügend Interessenten für ihr erstes Eurotel - in Meran - zu finden.
Den Erfindern dieser neuen Form von Hotellerie war allerdings klar, daß es nicht sonderlich erstrebenswert ist, durch den Erwerb eines Eurotel-Appartements in Meran auf Lebenszeit Feriengast in der Südtiroler Stadt zu werden. Sie weiteten deshalb ihre Idee in einer Form aus, die ihnen eine reelle Chance bietet, in relativ kurzer Zeit einen umfangreichen Hotelkonzern aufzubauen: Überall in den europäischen Feriengebieten sollen - sofern sich genügend Interessenten finden - Eurotels nach Meraner Muster gebaut werden, und jeder Eigner einer Eurotel -Wohnung soll - per Tausch mit anderen Eurotelisten - in jedem Eurotel ohne zusätzliche Kosten ein Appartement in Anspruch nehmen können.
Rühmen die Italiener ihr Unterfangen: "Das Eurotel ist der Schlager des neuzeitlichen Tourismus, das Ei des Kolumbus für so manches Problem." Die Vanzos verstanden es, diese hohe Meinung von ihrem Projekt auch anderen zu suggerieren, darunter dem kapitalkräftigen Reisebüro -Inhaber Ernst Neukamm aus Friedrichshafen. Neukamm übernahm das Länderbüro der Eurotels für Deutschland.
Zusammen mit seinem Architekten -Freund Hanns Schlichte will Neukamm bis zum Frühjahr 1960 in Friedrichshafen das erste deutsche Eurotel errichten. Bevor Neukamm in das Geschäft einstieg, prüfte er mit zwei Testinseraten in der Hamburger "Welt" und im "Münchner Merkur" die Reaktion des Publikums.
Wenige Tage später - es war zu Beginn des Jahres 1958 - stapelten sich auf den Schreibtischen der "Zeppelin-Reisebüros KG" in der Friedrichshafener Karlstraße über 800 Zuschriften auf die beiden Annoncen. Den Interessenten gingen unverzüglich wohlvorbereitete Druckschriften zu, denen die Bundesbürger die Details der Eurotel-Pläne entnehmen konnten.
23 000 Mark kostet ein Eurotel-Appartement von 22 Quadratmetern Größe, 29 000 Mark eines von 30 Quadratmetern. Beide Typen, der kleinere Typ B und der größere Typ A, sind gleichartig ausgestattet: Wohn-Schlaf-Raum mit zwei Betten und Couch nebst weiterer Einrichtung, zu der auch ein Bücherregal gehört, "Studioküche" mit Kühlschrank, Loggia, Bad und Toilette. Neukamm: "In der Küche ist alles, von der Pfanne bis zum Sektglas, und nebenan fehlt auch das Bidet nicht."
Den ganzen Sommer über wurde Neukamm in Friedrichshafen von Eurotel -Interessenten heimgesucht, die - mündlich oder mit ausgefülltem Fragebogen - kundtaten, wo sie weitere Eurotels wünschen - beispielsweise in Baden-Baden und Travemünde.
Wenn die ersten deutschen Eurotels stehen, sollen in Italien und in der Schweiz bereits Tausch-Hotels errichtet worden sein. Die Gebrüder Vanzo ließen ihren italienischen Vertragsarchitekten Ronca aus Mailand bereits zwei weitere Eurotel -Projekte fertigplanen: Ein Eurotel wird auf der für Winter- und Sommer-Saison geeigneten Seiser Alm in den Dolomiten gebaut, das andere in Viareggio am Sandstrand des Tyrrhenischen Meeres.
Währenddes wird auch in Österreich, wo ein Länderbüro besteht, sowie in Frankreich, Skandinavien und in der Schweiz (Länderbüro in Zürich) gebaut werden. Das erste Schweizer Eurotel wird auf dem Hasliberg nahe dem Brünig-Paß stehen, das zweite in Zürich.
Die Brüder Vanzo und der deutsche Eurotel-Chef Neukamm sind optimistisch: Von den 100 Ferienzellen des Meraner Eurotels war im Nu weit über die Hälfte verkauft, und auch das Friedrichshafener Vier-Millionen-Projekt ist baureif: 60 Vormerkungen wurden eingereicht, 20 Appartements fest bestellt. Außerdem gingen bei Neukamm über 50 weitere schriftliche Vormerkungen für Eurotels an anderen Plätzen ein, insbesondere für Meran, Viareggio und Bayern.
Das Gros der Interessenten und Käufer rekrutiert sich aus den Reihen wohlhabender Kaufleute, Industriedirektoren und hochbezahlter Techniker. Teilweise erwerben ganze Familien-Clans eine Eurotel-Einheit, die dann von den einzelnen Familienmitgliedern nacheinander bewohnt werden kann. Die Zuschriften kamen vor allem aus Hamburg und dem Ruhrgebiet.
Auch westdeutsche Firmen bekundeten lebhaftes Interesse an Eurotel-Appartements. Sie ließen sich für zwei bis sieben Zellen vormerken, um ihren Angestellten statt der firmeneigenen Ferienheime Abwechslung zu bieten. Neukamm: "Einer Firma, die Eurotel-Einheiten besitzt, stehen ja für ihre Angestellten bald mehrere Eurotels zur Verfügung - die Leute können durch Tausch jedes Jahr an einen anderen Platz."
In der Tat bietet das System der Eurotel -Kette dem Appartement-Eigner über den direkten Tausch mit anderen Zellenbesitzern hinaus vielfältige Möglichkeiten: Er kann die Wohnung
- von der Organisation vermieten lassen, solange er sie nicht selbst oder für Tauschpartner benötigt; der Mietertrag wird dem Eigentümer gutgeschrieben;
- ständig bewohnen, wobei er alle Vorzüge eines Hotes genießt;
- ständig vermieten; Eurotel-Einheiten können als Kapitalanlage erworben und privat oder über die Organisation ständig vermietet werden. Neukamm: "Diesen Verwendungszweck beabsichtigen viele Interessenten. Nach den Erfahrungen auf dem Immobilienmarkt ist das zur Zeit das beste Geschäft: mindestens zehn Prozent Rendite!"
Alle Eurotels werden etwa die gleiche Einrichtung erhalten - damit beim Tausch niemand benachteiligt wird -, Größe und Baustil hingegen richten sich nach der Zahl der Interessenten, der Landschaft und dem Grundstück. Friedrichshafen erhält einen siebengeschossigen Querbau, Viareggio ein Hochhaus mit "Eurotel-Brücke" zum eigenen Teehaus und Strand, und für Lugano plant der Architekt Ronca einen Zentralbau, von dem zwei fühlerähnliche Reihen mit den Eurotel-Waben ausgehen.
Das Friedrichshafener Eurotel will Schlichte mit allem Komfort ausstatten: "Solarium mit Planschbecken, Dachgarten, Tischtennisanlage, Terrasse über dem See, eigener Anlegeplatz." Dem Eurotel am Bodensee wie allen anderen Vanzo-Bauten wird ein Restaurationsbetrieb angegliedert, der von den Eurotel-Bewohnern und auch von Fremden frequentiert werden kann.
Weil die Rentabilität eines Eurotels mit der Möglichkeit des Tausches steht und fällt, widmen die Initiatoren diesem Teil ihrer Pläne besonders viele Worte. Heißt es in der Werbebroschüre: "Alle Besitzer einer Eurotel-Einheit nehmen automatisch an der gesamten Eurotel-Kette teil. Das heißt also: die Besitzer ... können untereinander ihre Wohnungen austauschen und so ohne Mehrkosten in allen anderen Eurotels wohnen."
Die Miteigentümer werden emphatisch als "Eurotel-Familie" bezeichnet; als Befürworter werden reichlich unklar bezeichnete europäische Institutionen bemüht: "Die Initiative Eurotel ist in den internationalen europäischen Kreisen mit Begeisterung aufgenommen worden und steht unter dem besonderen Schutz der Europa-Bewegung." Pensionierten Beamten wird der Eigentumserwerb an einem Eurotel als "logische Ergänzung Ihrer Pension" empfohlen: "Wenn Sie nicht mehr im Dienst stehen, wird es Ihnen ein neues Leben geben."
In der Tat sind die Aufwendungen in einem Eurotel nach dem Erwerb einer möblierten Wohneinheit relativ gering. In Friedrichshafen werden die Appartement -Besitzer zum Beispiel monatlich 25 Mark dafür entrichten müssen, daß ihre "Zelle" das ganze Jahr über gereinigt, überwacht und instandgehalten wird. Kosten für Strom- und Heizungsverbrauch werden extra berechnet: In jedem Appartement befinden sich Zähluhren.
Der Reisebüro-Unternehmer Neukamm hat Pläne, die selbst die Erwartungen der Italiener Vanzo übertreffen. Mit Hilfe seines Zweigbetriebes in New York - via "Zeppelin - Tours" kommen alljährlich etliche Tausend amerikanische Touristen nach Deutschland - will Neukamm vier Eurotels in den USA bauen: in Miami, in Santa Monica, in Colorado Springs und in Anupulco (Mexiko). Sechs Neukamm -Agenturen sammeln bereits Interessenten in New York, Philadelphia, Los Angeles, St. Louis, Chicago und Detroit.
Hofft Neukamm: "Stellen Sie sich vor, wie das ankommt: Appartement-Tausch Europa-USA. Es sind dann nur die Reisekosten aufzubringen, gleichgültig, wie lange Sie sich in den Staaten aufhalten wollen."
Die Hoteliers in Friedrichshafen, Meran und anderen Orten mit Eurotel-Projekten betrachten die Eurotels nicht als Konkurrenz, im Gegenteil: Sie erwerben Wohneinheiten in den Eurotels, die sie dann auf eigene Rechnung ihren Gästen nach Wunsch zur Verfügung stellen können. Meint Ernst Neukamm: "Die Rechnung ist gut. Ein neues Hotelbett muß mit 25 000 Mark veranschlagt werden, und bei mir bekommen sie für knapp 30 000 Mark ein komplettes Appartement, für dessen Pflege sie nicht verantwortlich sind."
Reisebürochef Neukamm
Europaischer Wohnzellen-Tausch
Eurotel Friedrichshafen (Modell): Touristisches Kolumbusei
Eurotel-Architekt Schlichte
Pfanne und Sektglas sind da
Eurotel-Interieur: Neues Leben für Pensionäre

DER SPIEGEL 43/1958
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