22.10.1958

SCHILLER

Genügend Sex

Schillers Tragödie von der Schottenkönigin Maria Stuart, in wenigen Wochen des Sommers 1800 vollendet, hatte bisher in der englischen Hauptstadt nicht reüssiert. Während anderthalb Jahrhunderten war dieses Schauspiel nur drei - oder viermal - ohne Erfolg - über Londoner Bühnen gegangen.

Warum sich englische Impresarios bisher an Schiller nicht herangewagt haben, läßt sich mit einer bissigen Bemerkung des englischen Dichters Samuel Taylor Coleridge (1772 bis 1834) erläutern, eines Beinah-Zeitgenossen des deutschen Klassikers. Coleridge hat erklärt, daß nach englischem Geschmack Schillers Dramatik den Bewegungen einer Fliege vergleichbar sei, die in einen Leimtopf gefallen ist.

Seinem Plan gemäß, dem Publikum sämtliche Dramen des englischen Nationaldichters zu bieten, hatte das Londoner Theater Old Vic fünf Jahre hindurch immer nur Shakespeare gespielt. Das Theater fand es nun an der Zeit, endlich auch wieder Ausländer zu Wort kommen zu lassen. Französische, spanische, russische und skandinavische Autoren standen in früheren Jahren oft auf dem Spielplan des Old Vic, deutsche noch nie. Die Wahl fiel auf "Maria Stuart".

Der weißhaarige, 49jährige Dichter Stephen Spender, der Schillers Text in englische Verse brachte - er soll jetzt auch eine Übersetzung des "Don Carlos" vorbereiten -, und der junge Regisseur Peter Wood, dem das Old Vic die Inszenierung anvertraute, machten sich eingedenk des kritischen Wortes von Coleridge tapfer daran, die Fliege durch eine Neubearbeitung aus dem Leim zu befreien. Sie strichen Wörter, Zeilen und ganze Szenen. Was dabei an Schillerschem Pathos verlorenging, wurde an Dramatik gewonnen. Das Stück bekam eine erträgliche Länge: Die Londoner Aufführung dauerte, Pausen nicht eingerechnet, knapp 140 Minuten - und war somit um etwa drei Viertelstunden kürzer als durchschnittlich eine. deutsche Aufführung.

Die radikale Umdichtung einiger Szenen wird an einer Dialogstelle aus dem ersten Aufzug deutlich. Der junge Edelmann Mortimer hat der schottischen Königin Maria Stuart verraten, daß sie hingerichtet werden soll. Die englische Königin Elisabeth, von der Maria gefangengehalten wird, will ihre Gegnerin aus der Welt schaffen.

Maria: Den Briten wollte sie dies Schauspiel geben?

Mortimer: Dies Land, Mylady, hat in letzten Zeiten der königlichen Frauen mehr vom Thron herab aufs Blutgelüste steigen sehn. Die eigne Mutter der Elisabeth ging diesen Weg, und Katharina Howard, auch Lady Gray war ein gekröntes Haupt.

Bei Spender-Wood schrumpft dieser Wortwechsel auf zwei Zeilen zusammen:

Maria: Mein Haupt zur Schau ausstellen würd' sie nie!

Mortimer: England schickt Königinnen aufs Schaffott!

An anderer Stelle haben Übersetzer Spender und Regisseur Wood die Reihenfolge der Szenen umgekehrt. So bittet in Schillers Original Königin Maria nach ihrer Beichte den Kerkermeister Paulet um Verzeihung für manches Unrecht, das sie ihm angetan habe, und er reicht ihr die Hand. In der nächsten Szene wünscht sie, Lord Burleigh, Elisabeths Abgesandter, möge gestatten, daß ihr vor der Hinrichtung die Augen verbunden werden. Burleigh weist sie schroff zurück, willigt aber dann ein, als auch Kerkermeister Paulet für Maria bittet.

In der englischen Fassung wurden diese Szenen umgestellt. Erst läßt Burleigh sich von Paulet erweichen, dann stürzt die einst so stolze Königin, Verzeihung erbittend, vor ihrem Gefängniswärter in die Knie.

Die Einstudierung des Old Vic - die Premiere gehörte zum Festspielprogramm im schottischen Edinburgh - erhielt zunächst nicht von allen Seiten Beifall. Die schottischen Rezensenten zwar waren des Lobes voll. Seit Hunderten von Jahren hatten sich Schottlands Dramatiker bemüht, die berühmteste Figur der Geschichte ihres Landes auf die Bühne zu stellen, und immer wieder war es mißlungen. Hier erfuhren die Schotten nun - und quittierten es froh -, daß ein deutscher Klassiker das Problem bereits vor mehr als 150 Jahren mit Glanz gelöst hatte.

Die englischen Kritiker dagegen zeigten sich unbefriedigt. Der "Daily Express" zum Beispiel schrieb, dieses Stück sei noch immer überladen mit "endlosen Komplotten zwischen Adligen, endlosen schönen Reden und endlosen Plattheiten".

Der Londoner Regisseur Peter Wood, der um den Erfolg seines Schiller-Experiments beim englischen Publikum bangte - die Aufführung sollte nach den Edinburgher Festspielen in das Repertoire des Londoner Old Vic übernommen werden -, machte der englischen Kritik ein Zugeständnis. Er strich nach der ersten Aufführung sogar noch eine große Anfangsszene, in der Maria ihre Schuld an der Ermordung ihres zweiten Gatten, Lord Darnleys, zugibt.

Der Eingriff zahlte sich aus. Als die Aufführung einen Monat später auf die Bühne des Old Vic ging, waren die Londoner Kritiker mehr als zufrieden. "Doppelt so gut", urteilten die "Times", die mit der Vorstellung in Edinburgh streng zu Gericht gegangen waren. Der Rezensent der vielgelesenen "London Illustrated News", der die schottische Aufführung des Old Vic getadelt hatte, bekannte, er stehe nun in Sack und Asche da.

Der Erfolg der Inszenierung wurde allerdings dadurch erleichtert, daß zwei der besten englischen Schauspielerinnen mitwirkten: Irene Worth als Maria Stuart - "eine dunkeläugige Schönheit" schrieben die "Times" - und Catherine Lacey als Elisabeth.

Die beiden Schauspielerinnen akzentuierten besonders das Weibliche in ihren Rollen, und weniger das Politische - was den Engländern sehr zu gefallen schien. Der Kritiker der Wochenzeitschrift "Spectator" -, der bei Shakespeares historischen Stücken imt Old Vic einen "deprimierenden Mangel an Sex" festgestellt hatte -, zollte dem deutschen Dichter Schiller ein ungewohntes Kompliment: "'Maria Stuart' dreht sich um Sex - es ist beinah eine Studie über zwei Typen der Nymphomanie."

Daß dies keine mutwillige Interpretation war, läßt sich bereits bei Goethe nachweisen. Noch vor der Uraufführung der "Maria Stuart" in Weimar unterhielt er sich mit Schiller über dessen neues Drama und vermerkte dann über die Begegnung der beiden Königinnen: "Neugierig bin ich doch, was die Leute sagen werden, wenn die beiden Huren zusammenkommen und sich gegenseitig ihre Aventüren an den Kopf werfen!"

Wie sicher Spender-Wood bei ihrer Bearbeitung des Schillerschen Schauspiels die englische Mentalität eingeschätzt hatten, erwies sich vor kurzem, als das Londoner Publikum mit dem deutschen Original des Stückes konfrontiert wurde. Karl Heinz Stroux zeigte während eines einwöchigen Gastspiels des Düsseldorfer Schauspielhauses in London auch zwei Aufführungen der "Maria Stuart". "Was für eine Oper diese 'Maria Stuart' ist!", mokierte sich der Kritiker des "Manchester Guardian".

Englische "Maria Stuart" in London*

Schillers Dramatik ähnelt ...

Deutsche "Maria Stuart" in London**

... einer Fliege im Leimtopf

* Catherine Lacey als Königin Elisabeth, Irene

Worth als Maria Stuart.

** Maria Wimmer als Königin Elisabeth, Heidemarie Hatheyer als Maria Stuart.


DER SPIEGEL 43/1958
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