13.11.1957

BINDING-BRIEFE

Randerscheinungen

Im Mai 1935 wurde dem Reichsminister des Inneren, Wilhelm Frick, in dessen Ressort auch die "Ausbürgerungen" deutscher Hitler-Gegner fielen, ein für den Geschmack jener Zeit ungewöhnlicher Vorschlag unterbreitet. Die Deutsche Dichterakademie, so schrieb deren Geschäftsführender zweiter Vorsitzender dem Minister, wünsche ihr vormaliges Mitglied Thomas Mann, dessen sechzigster Geburtstag bevorstehe, zu diesem Datum "durch einen Glückwunsch vielleicht auch durch Entsendung einer Abordnung ... zu ehren". Sie wünsche dies "aus dem Geiste und als sichtbares Zeichen des neuen Deutschland" zu tun, und die Akademie hoffe auf einen großzügigen ministeriellen Entscheid, der sie zu entsprechendem Vorgehen ermächtige.

Das an den Hitler-Kämpen Wilhelm Frick gerichtete Schriftstück trug an der Spitze den Vermerk "Persönliche und dringende Angelegenheit!" und schloß mit den diplomatisch - unterwürfigen Worten: "In großer Verehrung mit dem Gruße Heil Hitler!" Indessen verstand Frick unter dem "Geist des neuen Deutschland" etwas anderes als der Briefschreiber, und so wurde die von der Dichterakademie geplante Geburtstags-Ehrung für Thomas Mann (der 1933 seinen Wohnsitz in die Schweiz verlegt hatte) verhindert. Der Urheber und Verfechter des unwillkommenen Vorschlages aber, der Dichter Rudolf Georg Binding, bekam in der Folgezeit zu spüren, daß er sich zu weit vorgewagt und die ihm gesteckten Grenzen nicht respektiert hatte.

Vor allem über diesen Lebensabschnitt des Schriftstellers Binding gibt ein Briefband*, der kürzlich erschienen ist, zum ersten Male vor breiterem Publikum Auskunft. Der 1867 geborene Binding hatte, bevor er mit der Schriftstellerei anfing, Lebensgewohnheiten gepflogen, die nach seiner Ansicht einem "Gentleman" angemessen waren: Er hatte als Rittmeister der Grimmaer Husaren durch seine Reitkünste Furore gemacht, im Jahre 1892 die Reitprüfung "Englische Meile von Lincoln" gewonnen und zeitweilig sogar in Berlin -Hoppegarten einen eigenen Rennstall unterhalten.

Erst während einer schweren Nervenkrankheit in seinem zweiundvierzigsten Lebensjahre war ihm beschieden, was er seine "ersten Stunden schüchterner und behüteter dichterischer Empfängnis" nannte. Seine zumeist kurzen Erzählungen und Texte ("Der Opfergang", "Moselfahrt aus Liebeskummer". "Reitvorschrift für eine Geliebte") waren in einem Ton der Empfindsamkeit gehalten, auf den das deutsche Publikum besonders willfährig reagierte: Bindings Gesamtauflage erreichte mehrere Millionen.

Als die Nationalsozialisten die Regierung übernahmen, war Binding seit langem einer der populärsten deutschen Dichter. Die Entstehung des Dritten Reiches beobachtete er als entschiedener Nationalist und ehemaliger Frontkämpfer mit Wohlwollen. Andererseits mußte er, seinem "Gentleman"-Ideal zuliebe, darauf bestehen, den Nationalsozialisten gegenüber gewisse Vorbehalte zu bewahren. Er trat nicht in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein und hatte in der Juden-Frage seine eigene, humanere Meinung, wie er etwa auch die Interpunktion konsequent nach eigenen, schwer durchschaubaren Regeln handhabte.

In welche Schwierigkeiten Binding während seiner letzten Lebensjahre - er starb 1938 - mit dieser seiner vorbehaltvollen Billigung des NS-Regimes geraten mußte, ist an einigen Briefen abzulesen, die in dem Briefband zum ersten Male veröffentlicht werden. Sie sind zum Teil symptomatisch für die damalige Gefühlslage der deutsch-national und völkisch gesonnenen Autoren, die von einer Erneuerung der Reichs- und Staatsidee durch Hitler träumten, dabei aber trotz größter Anstrengung die Intoleranz und die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht ignorieren konnten.

"Unwichtig und kaum verwertbar"

Für Binding selbst war zunächst das Unrecht augenfällig, von dem er sich persönlich getroffen fühlte. Drei "Tatbestände", die er "schon aus Standesbewußtsein nicht ruhen" und auf sich sitzenlassen konnte, veranlaßten ihn, im Juli 1936 eine flammende Beschwerde an die Reichsschrifttumskammer zu richten. Binding vergaß bei diesem Anlaß auch nicht, sich über die "fälschliche Wirkung" zu beklagen, die "jener Brief an den Herrn Minister Frick in der Angelegenheit Thomas Mann vielleicht noch im Hintergrunde" tue, und beteuerte, er habe, indem er als Geschäftsführer der Dichterakademie die ominöse Eingabe an den Innenminister abfaßte, "etwas auf seinen Rücken genommen", was "eigentlich auf den Rücken anderer gehörte".

Im einzelnen führte Binding darüber Klage, daß er erstens, auf Weisung der Schrifttumskammer, aus seinem Preisrichteramt beim Lyrik-Wettbewerb der Zeitschrift "Die Dame" verdrängt worden sei; daß man zweitens bei der Buchausstellung des Propagandaministeriums während der Berliner Olympischen Spiele seine auf der Amsterdamer Olympiade 1928 preisgekrönte "Reitvorschrift für eine Geliebte" zunächst ausgemerzt und erst in letzter Minute doch noch aufgenommen habe; daß drittens in einer Publikation "Deutsche Dichtung der Gegenwart" zwar ausnahmslos die Namen seiner Kollegen von der "Deutschen Akademie der Dichtung" und die Namen aller seiner Freunde stünden, hingegen sein eigener Name demonstrativ fehle.

"Meinen Sie daß ich ... nicht Mitträger deutscher Dichtung bin?" erkundigte sich Binding beschwerdeführend beim Stellvertretenden Schrifttumskammer-Präsidenten. "Wissen Sie daß Sie mich damit in die Reihe der Emigranten stellen würden wenn Sie das glauben? ... Wenn man durch Maßnahmen wie die erste, die zweite und die dritte, die vielleicht nicht zusammenhängen aber doch vielleicht zusammenhängen, einen deutschen Arbeiter der Stirn (wie er würdig genug heißt) trifft und ausschließt wie kommt man sich dann eigentlich in dieser Gemeinschaft vor die wir Volk nennen und die nach des Führers Willen uns alle umfaßt?"

In einem zweiten Brief an die Reichsschrifttumskammer wurde Binding noch präziser: "Liegt gegen mich irgend etwas vor von dem ich nichts weiß?" fragte er. "Ich bitte mir das doch dann mitzuteilen, damit man aufklären kann; damit man falsche Berichte richtigstellen kann."

Bindings jetzt veröffentlichter Briefwechsel enthält jedoch keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß er von Amts wegen einer Antwort auf diese Frage gewürdigt worden ist. Vielmehr mußte sich Binding mit einem allerdings kaum mißzuverstehenden Wink bescheiden, den ihm der Schrifttumskammer-Präsident und Führer-Intimus Hanns Johst, der auch die Dichterakademie unter sich hatte, als "subjektive Meinung" getarnt erteilte. Wie Binding seinem Akademie-Kollegen Hans Grimm ("Volk ohne Raum") nach Lippoldsberg schrieb, hatte Johst die sorgenvolle Frage Bindings nach der Zukunft der bis 1933 in aller Welt renommierten Dichterakademie dahin beantwortet, daß "man wohl nichts gerade gegen sie habe, daß man sie aber als für das öffentliche Dasein, wie man es sich vorstellt, unwichtig und jedenfalls kaum verwertbar ansieht".

Im Munde des Preußischen Staatsrats Johst bedeutete das "man" soviel wie "Partei und Staat". Binding hätte damals jene der Akademie geltenden Worte "für das öffentliche Dasein ... unwichtig und kaum verwertbar" durchaus auf sich selber beziehen können: Zu der Trauerfeier, nach Bindings Tod am 4. August 1938, im Krematorium des Münchner Ostfriedhofs entsandten Partei und Staat keinen Vertreter.

Zu Bindings Lebzeiten schon war deutlich geworden, daß der Schriftsteller den damaligen Machthabern mißliebig geworden war. Auch gegen ihn nämlich richtete die Wochenzeitung "Das Schwarze Korps" einen ihrer Angriffe, und vor aller Öffentlichkeit beschuldigte der Reichsjugendführer Baldur von Schirach den Dichter Binding der "Büberei" an Goethe, der Binding sich bereits vor 1933 schuldig gemacht haben sollte.

Aus dem Briefband ist zu ersehen, mit welcher Zähigkeit Binding sich dieser Anwürfe erwehrte, wobei er es allerdings nie an dem durch die Zeitumstände gebotenen Treuegelöbnis fehlen ließ.

So schrieb er, als im Herbst 1936 die Zeitschrift "Das Innere Reich" auf Betreiben des "Schwarzen Korps" verboten wurde, an den damaligen Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Joseph Goebbels: Er, Binding, fühle sich als bisheriger Mitarbeiter des "Inneren Reiches" und als "Kamerad" der Herausgeber (Paul Alverdes und Karl Benno von Mechow) "mitgetroffen, mit angeklagt". Er protestierte, und zwar in seiner Eigenschaft

"als Frontkämpfer und Kriegsdichter" entschieden gegen das wegen vorgeblicher Verunglimpfung Friedrichs des Großen erlassene Verbot. Aber im selben Brief an Goebbels verstieg sich Binding obendrein zu den Sätzen: "Wir die Dichter des Krieges - daß es nur einmal gesagt sei - wünschen daß der Nationalsozialismus verwirklicht werde. Freilich in jener reinen Gestalt und Form wie wir sie in jedem Wort des Führers fühlen und empfangen."

Dem "Schwarzen Korps" wies Binding nach, daß der Angriff auf ihn durch "irrige Berichte" ausgelöst worden sei. Offen bemängelte Binding an diesem Blatt ein "nachlässiges, fast leichtfertiges" und "leider zu häufig" vorkommendes "Obenhin". Aber Binding versagte es sich auch hier wiederum nicht, an den Chefredakteur des Blattes, Gunter d'Alquen, zu schreiben: "Sie haben die Unabhängigkeit - sagen wir ruhig den Mut -, die Gabe und das Feld, eine strengere, reinere und höhere Ansicht zu äußern als wahrscheinlich alle anderen Zeitungen heute in unserem Vaterlande."

Auch dem Reichsjugendführer Schirach lieferte Binding den Beweis, daß die Unterstellung, er habe durch eine "Büberei" in der Zeit der Weimarer Republik das Andenken Goethes beschmutzt, auf falschen Informationen basierte. Zugleich aber verwies er auf das, wodurch er sich nach seiner Ansicht bei den Nationalsozialisten Verdienste erworben haben mußte: "Es dürfte Ihnen auch nicht unbekannt sein daß ich als einer der ersten - mit sehr wenigen - aus dem damals allein der Welt gegenüber unbefangen erscheinenden Kreise Romain Rollands Angriffe auf den Nationalsozialismus zurückwies, daß ich es war der die 'Religion der Wehrhaftigkeit' (schon 1915) forderte und voraussah, daß ich fast als einziger, gegen eine Flut von Entrüstung über mich, Remarques 'Im Westen nichts Neues' herunterriß ..."

In der Tat hatte Binding im Frühsommer 1933 in seiner "Antwort eines Deutschen an die Welt" dem französischen Dichter -Pazifisten Romain Rolland, der die ersten ruchbar gewordenen Verbrechen des Dritten Reiches kritisiert hatte, entgegengehalten: "Ein Volk glaubt an sich, das nicht mehr an sich glaubte. Und sein Glaube macht es schön."

Die "Aufreizungen zur Gewalt", den "Rassismus", die "Autodafés" und "Verfemungen", die von dem Nobelpreisträger Romain Rolland beanstandet worden waren, stritt Binding in seiner "Antwort" keineswegs ab. "Aber alles das", verkündete er, "so furchtbar es aussieht und so entscheidend es den einzelnen oder viele treffen mag, sind Randerscheinungen, die - wenn sie noch so einschneidend wären - die eigentliche Souveränität, den Kern, die Wahrheit des Geschehens gar nicht mehr anrühren."

Verständnis für Hitler

Solche "Randerscheinungen" hat Binding für seine eigene Person freilich nur recht widerstrebend akzeptiert. Der Briefband erhellt, wodurch sich Binding - weniger im allgemeinen, wohl aber im Speziellen - erheblich von den Nationalsozialisten unterschied: im Verhältnis zu den Juden. Wie Binding keine Bedenken trug, mit Nachdruck für die wegen ihrer politischen Haltung aus ihren Ämtern als Rundfunkintendanten in Breslau und Köln entfernten Dichter Fritz Walther (Friedrich) Bischoff und Ernst Hardt einzutreten, so bemühte er sich auch, den vom Minister Rust für "untragbar" erklärten jüdischen Dichter Alfred Mombert in der Dichterakademie zu "halten". Allerdings mußte Binding seinen Kollegen Mombert Mitte Mai 1933 davon unterrichten, daß sein Vorstoß ohne Erfolg geblieben war.

Wie seinem Dichter-Kollegen Mombert suchte Binding seinem Zeitungsverleger-Freund Heinrich Simon (der im Briefempfänger-Verzeichnis des im Dulk-Verlag erschienenen Briefbandes als "Heinz Simon" registriert ist) begreiflich zu machen, er sei keineswegs vom "rassischen" Fanatismus angekränkelt. Als Simon ihm vorwarf, daß Binding in seinem Begleittext zu einem den Plastiken Georg Kolbes gewidmeten Bildband eine "Tatbestandsverhüllung" begangen habe - in der Tat hatte Binding verschwiegen, daß die nunmehr als "Frühlingslied" bezeichnete Kolbe-Figurengruppe ursprünglich für das Frankfurter Heinrich-Heine-Denkmal geschaffen worden war -, wies Binding diesen Tadel erregt von sich. Aber in seinem Abschiedsbrief an Heinrich Simon (der wie sein Bruder Kurt schon 1934 bei der "Arisierung" der "Frankfurter Zeitung" aus dem angestammten Familienunternehmen entfernt wurde) schrieb Binding: "Daß Du uns verlässest und verlassen mußt im Kampf ist sehr schmerzlich. Es ist mir nicht wohl dabei, wenn ich an die Zukunft denke."

Juden waren auch Bindings Verleger Neumann und Oswalt, die Inhaber des renommierten Frankfurter Verlagshauses Rütten & Loening, die im Mai 1936 vom Schicksal der "Arisierung" ereilt wurden. Der Abschiedsbrief, den Binding an beide richtete, schließt: "Wenn wir nicht mehr gemeinsam tätig sein sollen, so wollen wir doch bei jeder Wiederbegegnung uns dessen freuen daß wir es einmal waren. Lieber Herr Oswalt, lieber Herr Neumann ich grüße Sie in Dankbarkeit..." Aber sogar noch in diesem Brief voller Freundschaftsbeteuerungen hielt es Binding für angemessen, im Prinzipiellen den Nationalsozialisten zuzustimmen: "Ich verstehe einen Staatsmann der sagt: 'Ich will nicht mit den Juden.' Mein Standpunkt ist daß der Nationalsozialismus verwirklicht werde weil er in der Tat nach seiner Idee dem am nächsten kommt was ich vom Staate als einer lebendigen Realität erwarte und fordern würde: nämlich eine Erfüllung des Lebens durch ihn."

Zur gleichen Zeit aber, zu der Binding ausdrücklich sein Verständnis für den Antisemitismus als staatsmännisches Prinzip formulierte, bewahrte er sich im Persönlichen das Recht zu einer anderen Meinung: Er hielt bis zu seinem Tode zu seiner langjährigen Gefährtin, der ehemaligen Sekretärin Gerhart Hauptmanns, Elisabeth Jungmann, die er, der sogenannten "Nürnberger Gesetze" wegen, nicht heiraten konnte.

Puma und Pumakatze

Von seiner ersten Frau Helene, geborene Wirsing, hatte sich Binding bereits 1913 getrennt. Helene figuriert in einigen seiner Bücher unter dem Decknamen "Octavia"; in denselben Büchern taucht Bindings langjährige Freundin Eva Connstein, die sich 1922 von ihm trennte und 1942 starb, als "Joie" (französisch für "Freude") auf. In Briefen pflegte Binding, wie sich nun ergibt, seine Freundin Eva Connstein als "Pumakatze" anzureden; er unterzeichnete als "Dein Puma". Bindings zweite Frau, die Schweizerin Hedwig, geborene Blaser, verließ ihren Mann im Jahre 1935 und kehrte mit dem aus dieser Ehe entsprossenen Sohn Enzian in die Schweiz zurück. Mit Elisabeth Jungmann, die in Bindings Korrespondenz als "Kalypso" figuriert, zog Binding 1935 aus der Gemeinde Buchschlag bei Frankfurt, deren Bürgermeister er lange Jahre gewesen war, in die oberbayrische Kleinstadt Starnberg um.

Vor allem Elisabeth Jungmann hatte tätigen Anteil an einer Annäherung zwischen Gerhart Hauptmann und Rudolf Georg Binding, aus der sich eine Art freundschaftlicher Verkehr entwickelte: Bei Hauptmann fand Binding Verständnis und Zustimmung für seine Anhänglichkeit an die Dichterakademie (Binding: "Man bleibt auf seinem Posten").

Von Thomas Mann dagegen hielt Binding wenig. Daß Thomas Mann 1933 aus der Dichterakademie austrat, vermochte Binding nicht zu begreifen: "Ich muß darauf beharren auszusprechen daß Sie uns verlassen haben ..." schrieb er am 8. Juni 1933 an Thomas Mann.

Obwohl Binding aber für Thomas Mann und dessen Werk keinerlei Sympathie aufbrachte, plädierte er in jenem Brief an den Minister Frick für eine offizielle Ehrung. Nach der Ablehnung dieses Vorschlags dürfte Binding, wie zwei Briefe vom August 1935 erkennen lassen, auf der Rückreise aus dem Kurort Pontresina sogar mit Thomas Mann in Zürich zusammengetroffen sein, um ihn "in Kenntnis von einigen Dingen zu setzen", die Binding "nur dem mündlichen Wort anvertrauen" wollte. Ähnliche Erwägungen mögen dazu geführt haben, daß Binding im Herbst 1937 - was bisher gleichfalls kaum bekannt war - ein

Gespräch mit dem Dichter Hermann Hesse hatte, den er, trotz Hesses erklärter Abneigung gegen das Dritte Reich, in dessen Tessiner Wohnort Montagnola aufsuchte.

Solche Unternehmungen, mit denen der "Gentleman" Binding seine private Sphäre streng gegen seine prinzipielle Zustimmung zum Nationalsozialismus abgrenzte, sind kennzeichnend für die letzten fünf Jahre seines Lebens. Sie deuten auf jene Position, die Binding bis an sein Lebensende zu behaupten suchte: die Position des Nicht-Parteigenossen, der gerade dadurch, daß er aus seiner Nicht-Zugehörigkeit zur Hitler-Partei kein Hehl machte, am besten seiner vaterländischen Pflicht zu genügen vermeinte. Binding wähnte im Ernst, die Nationalsozialisten müßten es ihm besonders danken, daß er sich als Außenstehender zu dem bekannte, was sie "nationale Erhebung" nannten.

"Uneingestandenermaßen", so kommentierte Benno Reifenberg in der "Gegenwart", hätten diese Briefe aus Bindings letzten Jahren "etwas Verzweifeltes. Sie bieten eine grausame Lektüre ... Am Ende mußte er sich selber seiner Haut wehren, und das Haus in Starnberg, dieses vielbeschriebene, schöne, gesellige, gastfreundliche Haus, kam nach und nach unmerklich einer belagerten Festung gleich."

Innerhalb dieser "Festung" (an der Starnberger Herzog-Wilhelm-Straße) ging es unterdessen nach dem Willen des Hausherrn stets betont herzlich zu. Rudolf Bach, einer der ständigen Gäste, hat in seiner Einleitung zur neuen zweibändigen Binding -Gesamtausgabe Geselligkeiten bei Binding beschrieben, bei denen die Kochkunst der "großgewachsenen, dunkelhaarigen, lebenswarm-gescheiten" Binding-Gefährtin "Kalypso" Triumphe feierte und "Vater Binding" für seine Gäste den Braten tranchierte.

Gelegentlicher Gast bei Binding war zu jener Zeit auch der Schriftsteller Dr. Ludwig Friedrich Barthel, der die Auswahl der Binding-Briefe besorgt hat. Barthel wurde im Oktober 1956 in Berichten über den Überlinger Schriftsteller-Kongreß viel erwähnt: Dort war ihm vom Autor Hermann Kesten ein Huldigungsgedicht vorgehalten worden, das Barthel während des "Dritten Reiches" auf den "Führer" verfaßt hatte.

Lücken

Auch im Vorwort zu den Binding-Briefen hat Barthel an den Nationalsozialisten er benutzt das Wort "Bewegung" - vor allem auszusetzen, es sei "das eigentlich Furchtbare der Bewegung gewesen, daß sie unser Volk mit einem zweiten Weltkrieg überforderte, als es noch vom ersten nicht genesen war". Ebenso erstaunlich - und gleicherweise verwirrend für Leser des Autors Jean-Paul Sartre wie für eingefleischte Binding-Verehrer - ist, daß Barthel in seinem Vorwort zum Briefband den Dichter Binding als "Existentialisten" einstuft.

Jene Spanne des Lebens, die Binding als "Brache", als "Hochstapelei" abtat - die Zeit, bevor er mit dem Schreiben anfing -, aber auch die Jahre vor Hitlers "Machtergreifung" kommen in Barthels Auswahl der Binding-Briefe offensichtlich zu kurz. Vor allem fehlen der Sammlung viele Briefe, die für Binding besonders charakteristisch sind - so ist der Brief, in dem Binding die Abschaffung des Paragraphen 218 des Strafgesetzbuches (Abtreibung) gefordert hat, von Barthel nicht aufgenommen worden. Ebenso sind jene Briefe weggelassen, in denen Binding, an den ersten Weltkrieg zurückdenkend, sich über das Einsegnen der Waffen durch evangelische Geistliche entsetzte.

Es fehlen aber auch die brieflichen Belege dafür, daß Binding eine unüberwindliche Abneigung gegen Albert Schweitzer hegte und daß er seine Autobiographie "Erlebtes Leben" in direktem, absichtsvollem Widerspruch zu Thomas Mann verfaßte, dessen Roman "Der Zauberberg" Binding ablehnte. "Na - vornehmer Seele war er nie!" so urteilte Binding noch im Jahre 1937 vertraulich über Thomas Mann in einer Nachschrift zu einem Brief an den Soziologen Alfred Weber. Auch um diesen Nachtrag glaubte Barthel den im übrigen veröffentlichten Brief kürzen zu müssen.

Ohnehin kann Barthels Auswahl, der zum Teil, dem Verlagsvermerk zufolge, "Durchschläge und Abschriften des Bindingarchivs" zugrunde liegen, nur einen bescheidenen Ausschnitt bieten: Bindings Nachlaß, der mehrere Kisten füllt, ist bisher noch nicht publiziert worden.

* Rudolf G. Binding: "Die Briefe", ausgewählt und eingeleitet von Ludwig Friedrich Barthel; Hans Dulk Verlag. Hamburg: 415 Seiten: 17,80 Mark.

Autor Binding

"Liegt etwas gegen mich vor?"

Erste Ehefrau Helene Binding

"Die Briefe sind ...

Binding-Freundin Eva Connstein

... eine grausame Lektüre"

Brief-Herausgeber Barthel

Huldigung an den Führer


DER SPIEGEL 46/1957
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