20.11.1957

MOTORISIERUNGTraum vom Auto

Das Volkspolizei-Kreisamt in Nauen muß seit kurzem auf die Mitarbeit von zwei Genossen Volkspolizisten verzichten, die finanzielle Vorteile aus der Tatsache gezogen hatten, daß es mit der Motorisierung in der Sowjetzone schlecht bestellt ist.
Auf je tausend Einwohner entfallen in der Sowjetzone fünf Personenkraftwagen, 4,5 Lastkraftwagen und zehn Motorräder, in der Bundesrepublik dagegen 35 Personenkraftwagen, elf Lastkraftwagen und 45 Motorräder. Das Durchschnittsalter der Personenkraftwagen beträgt in der Sowjetzone überdies achtzehn Jahre, da Produktion und Einfuhr neuer Fahrzeuge den Bedarf bei weitem nicht decken.
Um diesen Mangel auszugleichen und den schmerzlichen Abstand zur westlichen Lebenshaltung, der besonders kraß in dem unterschiedlichen Ausmaß der Motorisierung sichtbar wird, möglichst zu verringern, bemüht sich die Regierung der "DDR" seit längerem um die Einfuhr von gebrauchten Kraftfahrzeugen aus der Bundesrepublik.
Bereits im April dieses Jahres fand in der Treuhandstelle für den Interzonenhandel in Berlin eine Besprechung zwischen Vertretern der westdeutschen Automobilindustrie und des sowjetzonalen "DIA (Deutscher Innen- und Außenhandel) Transportmaschinen" über diese Frage statt. Die Unterhändler der Sowjetzone äußerten die Absicht, von der Bundesrepublik zunächst zehntausend gebrauchte Personenkraftwagen zu kaufen, die möglichst nicht älter als drei Jahre sein sollten. Inzwischen ist der Kauf der ersten dieser Fahrzeuge zum Durchschnittspreis von 3000 Mark je Wagen perfekt geworden*.
Neben diesen amtlichen Anstrengungen versuchte nun auch der Leiter der Zulassungsstelle beim Volkspolizeiamt in Nauen, Erich Pirk, dem Kraftfahrzeugmangel in der Sowjetzone mit eigenen Methoden abzuhelfen. Der Weg, auf dem Pirk Bürgern der "DDR" zu einem westdeutschen Kraftwagen verhalf, war steinig, erwies sich aber doch als gangbar.
Zunächst kaufte ein eingeweihter Mittelsmann einen ordnungsgemäß in Westberlin angemeldeten und dort auch versteuerten Wagen, nachdem er Ostmark in Westmark umgetauscht hatte, und fuhr ihn in den Ostsektor, was keine Schwierigkeiten macht, weil der Kraftwagenverkehr von West- nach Ostberlin grundsätzlich freizügig ist. In einer Ostberliner Garage wurde das Westberliner Nummernschild abgenommen und durch das Nummernschild eines Wagens vom gleichen Typ ersetzt, der in der Sowjetzone gegen gute Bezahlung eigens zu diesem Zweck vorübergehend seines polizeilichen Kennzeichens entblößt und in einer Garage versteckt worden war.
Der Westberliner Wagen wurde in Ostberlin dann außerdem mit den Papieren und den Motor- und Fahrgestellnummern des Wagens aus der Sowjetzone versehen. Mit neuer - sowjetzonaler - Nummer auf Schild, Motorblock und Fahrgestell wurde der Wagen dann durch die scharfen Kontrollen zwischen dem Sowjetsektor Berlins und der sowjetischen Besatzungszone gebracht. Der neue Besitzer des Wagens bekam vorn Genossen Pirk bei der Volkspolizei in Nauen, der in diese Machenschaften genau eingeweiht war, dann endgültige Papiere. Mit den Papieren des stillgelegten Fahrzeugs konnte ein neues Auto gleichen Typs von Westberlin in die "DDR" geschafft werden.
Mit dieser Praxis hängt es zusammen, daß auf dem Gebrauchtwagenmarkt in Westberlin bald dieser, bald jener Typ stärker verlangt wird, je nachdem für welchen Typ gerade Kraftfahrzeugpapiere greifbar sind.
Die bunten Karten
Pirk und andere Lieferanten von neuen Papieren und Nummernschildern für geschmuggelte Autos aus dem Westen erhielten von den neuen Kraftwagenbesitzern etwa 500 Ost-Mark pro Satz. Dieser Betrag ist gering, wenn man berücksichtigt, wie teuer in der "DDR" ein gebrauchter Wagen ist, der es im Westen nur mit Mühe auf 1500 Mark bringen würde. Im Osten ist derselbe Wagen kaum für 7000 Mark zu haben, was etwa dem Wechselkurs zuzüglich Gefahrenspesen entspricht.
Besorgte Erich Pirk, der Leiter der Nauener Auto-Zulassungsstelle, also die neuen Papiere, so schaffte Erich Scheller, der Leiter der Führerschein-Prüfungskommission in Nauen, auf ebenfalls außeramtlichem Wege Führerscheine herbei. Die Anforderungen, die an Absolventen einer Fahrschule - sogenannte Fahrerlaubnisanwärter - gestellt werden, sind nämlich in der "DDR" ungleich höher als etwa in der Bundesrepublik.
Wer in der Sowjetzone eine Fahrerlaubnis erwerben will, muß nicht nur ein Auto steuern können und die Verkehrsregeln und Verkehrszeichen auswendig wissen wie in der Bundesrepublik. Wichtiges Prüfungsfach ist auch Motorenkunde. So kann es passieren, daß ein Prüfling durchfällt, weil er die Arbeitsweise der Einspritzpumpe an einem Dieselmotor nicht erläutern kann.
Hier half Scheller. Er verkaufte ohne Prüfung rund vierzig Führerscheine aller Klassen zum Preise von je fünfzig bis hundert Mark an technisch weniger begabte, aber dafür bemittelte Fahrschüler. Als Leiter der Prüfungskommission in Nauen hatte er unmittelbaren Kontakt zu den Prüflingen, die von zwei privaten Fahrschulen am Ort und der "Gesellschaft für Sport und Technik", einer halbmilitärischen Organisation in der Sowjetzone, ausgebildet wurden.
Zusätzlich zu seiner Fahrerlaubnis erhält jeder Kraftfahrer in der Sowjetzone einen Berechtigungsschein in grüner Farbe, auf dem die Polizei jedes Verkehrsvergehen - auch geringster Art - einträgt. Nach drei solchen Tadelsvermerken wird der grüne Berechtigungsschein in einen gelben Berechtigungsschein umgetauscht, dieser wiederum - nach drei Eintragungen - in einen roten. Nach drei Vermerken auf dem roten Schein wird auch ein regulär erworbener Führerschein eingezogen.
An Interessenten für prüfungsfreie Führerscheine zum Preise von 50 bis 100 Mark gab es in Nauen mithin keinen Mangel, so daß Volkspolizist Scheller alsbald zu den zahlungskräftigsten Mitgliedern seiner Dienststelle gehörte. Er sah sich zum Beispiel in der Lage, seine Frau und seine beiden Kinder westlich einzukleiden und sich ein Fernsehgerät zu kaufen. Ähnlich gut ging es Schellers Kollegen Pirk, der die neuen Papiere für Westberliner Altautos ausgestellt hatte.
Die sprunghafte Verbesserung des Lebensstandards seiner beiden Untergebenen Scheller und Pirk blieb dem Volkspolizeirat Gottschalch vom Kreisamt Nauen nicht verborgen. Es kam zu einer Untersuchung, und im letzten Monat wurden Pirk und Scheller wegen ihres Schwarzhandels mit Führerscheinen und Kraftfahrzeugzulassungen vom Kreisgericht Nauen verurteilt. Zulassungsstellenleiter Pirk kam mit zwanzig Monaten Zuchthaus davon, sein Kollege Scheller erhielt für seinen Handel mit Führerscheinen drei Jahre Zuchthaus.
* Wenn ein Einwohner der Bundesrepublik stirbt und einen Wagen, den er laut Kraftfahrzeugbrief schon mehrere Jahre lang besessen hatte, einem Verwandten ersten Grades in der Sowjetzone hinterlassen hat, erteilt das Ministerium für Außenhandel und innerdeutschen Handel in Ostberlin die Genehmigung zur Einfuhr in die "DDR", falls auch das westdeutsche Amtsgericht, das für den Wohnsitz des Verstorbenen zuständig ist, in einer beglaubigten Abschrift des Testaments die Richtigkeit des Erbfalls bescheinigt.
Autos in Leipzig: Illegaler Nachschub aus dem Westen

DER SPIEGEL 47/1957
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