27.11.1957

GENERALSFEMEDie Rache der Spätheimkehrer

Vor der 6. Zivilkammer des Landgerichts in Stuttgart wurde in der letzten Woche der Rechtsstreit zweier im Militärdienst ergrauter Herren ausgetragen, die einmal die Generalsepauletten trugen und jahrelang in demselben russischen Gefangenenlager saßen.
Heute sind sie derart miteinander verfeindet, daß sie ihre Kontroverse vor Gericht austragen mußten.
Kläger war der gutverdienende Amerika-Vertreter der Daimler-Benz AG, Generalmajor außer Diensten Karl Giese, 54, den seine Firma für 16 Stunden von New York nach Stuttgart beorderte.
Die Klage richtete sich gegen den zehn Jahre älteren ehemaligen Generalmajor Leopold Graf Fugger von Babenhausen, der wortführend für elf weitere spät heimgekehrte frühere Wehrmachtgenerale Protestnoten fabrizierte, um seinem früheren Kameraden Giese den Daimler-Benz -Job zu versalzen. Giese - so schrieb der Graf an den Daimler-Benz-Generaldirektor Dr. Fritz Könecke - sei nicht würdig, den Mercedes-Stern am Rockaufschlag zu tragen und im New Yorker Rockefeller Center zu residieren. Generaldirektor Könecke solle den Generalmajor außer Diensten Giese mit Schimpf und Schande entlassen.
"Da zu befürchten war, daß die Generalsaffäre in den USA von der Konkurrenz breitgetreten wird", sagt Generaldirektor Könecke, "mußten wir etwas dagegen unternehmen." Darum sollte das Stuttgarter Landgericht in Vorgänge hineinleuchten, die sich vor Jahren in Woikowo, dem sowjetischen Gefangenenlager für Generale, abgespielt haben.
In Woikowo waren nach der Kapitulation 185 deutsche Wehrmachtgenerale zusammengepfercht worden, darunter auch der Luftwaffen-Generalmajor Graf Fugger und sein Kamerad Giese, der bis 1944 im Oberkommando des Heeres das Kraftfahrzeugwesen verwaltet hatte. Wegen Differenzen mit dem Führerhauptquartier war Giese an die Ostfront versetzt worden. Als Divisionskommandeur geriet er im Mai 1945 in russische Gefangenschaft und kam sehr bald in nähere Berührung mit politischen Umerziehern, die aus ehemaligen Generalen linksgewirkte Kollaborateure machen wollten.
Giese zeigte sich als Lebenspraktiker, der es nicht verschmähte, in der Bäckerei des Generalslagers Teig zu kneten und Brötchen zu backen. Die Spätheimkehrer unter den gefangenen Generalen behaupten nun, Giese habe in jenen Jahren hinter russischem Stacheldraht auch politische Brötchen gebacken. Dadurch habe er erreicht, daß er bereits 1950 aus der Gefangenschaft entlassen wurde.
Giese wandte sich alsbald nach Indien, wo er zunächst die Armee in puncto Motorisierung beriet. Gleichzeitig bahnte er Kontakte zu maßgeblichen Regierungsvertretern und zu Indiens Stahlmagnaten Jehangir R. D. Tata an, dem damals viel daran gelegen war, mit einer westdeutschen Großfirma - möglichst aus der Autobranche - in Verbindung zu treten.
Giese empfahl die Daimler-Benz AG und stiftete bald darauf eine Firmenehe zwischen Tata und Mercedes, der eine Arbeitsgemeinschaft entsproß (sie produziert jährlich etwa 6000 Lastkraftwagen und soll demnächst auch Personenwagen herstellen).
Um den tüchtigen Giese zu belohnen, schickte ihn Generaldirektor Könecke 1954 nach New York, wo Giese alsbald den eingeführten Amerikavertreter der Firma, den Emigranten Hoffmann, überspielte und für seine Geschäftserfolge mit einem Direktor-Titel und hohen Provisionen (200 000 Mark jährlich) belohnt wurde.
Die Saga vom reichgewordenen Giese kam eines Tages einem jungen Mann in New York zu Ohren, dessen Vater bis 1955 das harte Brot aus der Lagerbäckerei Woikowo hinunterwürgen mußte: dem Sohn des ehemaligen Generalmajors Graf Fugger von Babenhausen.
Der junge Graf war mit dem von Giese verdrängten ehemaligen Mercedes-Generalvertreter Hoffmann bekannt geworden und konnte daher seinem Vater einen genauen Bericht über dessen ehemaligen Mitgefangenen Karl Giese erstatten. Angesichts der Berichte seines Sohnes will dem Grafen Fugger plötzlich der Gedanke gekommen sein, daß es für das Ansehen der Bundesrepublik in Übersee sehr schädlich sei, wenn sich ein "Kameraden-Verräter" und "Kollaborateur" wie Giese als Generalvertreter von Daimler-Benz in USA betätigen dürfe.
Diese Bedenken trug Fugger dann sehr ausführlich in einem Brief vor, den er am 27 Dezember 1956 an den Daimler -Benz-Generaldirektor Dr. Fritz Könecke sandte. Der Brief enthielt eine geballte Ladung von Verdächtigungen und Verärgerungskomplexen, die sich in Fugger und einem runden Dutzend spätheimgekehrter ehemaliger Generale während der zehnjährigen Gefangenschaft angesammelt hatten.
Generaldirektor Könecke, der nach dem Fiasko mit dem ehemaligen Daimler -Benz-Generalvertreter in Argentinien, Jorge Antonio (SPIEGEL 17/1954), nichts mehr fürchtet als einen neuen Skandal um einen Generalvertreter der Mercedes-Werke, schlug dem Grafen Fugger ein Generalsehrengerichtsverfahren vor, dem Giese sich anstandslos unterwerfen würde.
Zunächst schien das Generalskonsortium mit diesem Vorschlag einverstanden zu sein. Es wurde bereits erwogen, daß der Stahlhelmführer Generalfeldmarschall Kesselring den Vorsitz des Ehrentribunals übernehmen sollte.
Während Giese im August dieses Jahres seine Reise nach Westdeutschland vorbereitete, um sich den Ehrenrichtern zu stellen, lehnte Graf Fugger den Kompromißvorschlag plötzlich ab. Das Ehrengericht sei nicht das richtige Verfahren, schrieb der Graf aus München. Kommentierte der ebenfalls spätheimgekehrte General der Artillerie Sigfried Thomaschki, 63, diesen Brief: "Ein Ferkel braucht kein Ehrengericht. In Woikowo haben wir mal einen in die Latrine geschmissen." Der General weiß auch zu berichten, daß es in Westdeutschland so etwas wie eine Generalsfeme gibt: "Vor kurzem wurde ein ehemaliger Kollaborateur auf einem schleswig-holsteinischen Gut furchtbar verdroschen. Die nächtlichen Besucher verabschiedeten sich mit der Versicherung: 'In einem halben Jahr kommen wir wieder'."
Um die Spätheimkehrer daran zu hindern, ihrer Verärgerung in unbedachten Augenblicken allzu freien Lauf zu lassen, verlangte die Daimler-Benz AG, daß der Frühheimkehrer Giese gegen den General Fugger eine Klage "auf Widerruf und Unterlassung der beleidigenden Behauptungen" anstrenge. Nach der Verhandlung der letzten Woche will das Stuttgarter Landgericht in Kürze sein Urteil verkünden.
Mercedes-Vertreter General a. D. Giese
Erinnerungen an Woikowo

DER SPIEGEL 48/1957
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