11.12.1957

FREIHEIT IST MANGELWARE

In einem Schauprozeß, den der Erste Strafsenat des Bezirksgerichts Leipzig vor kommunistischen Delegationen veranstaltete, wurde der evangelische Studentenpfarrer Dr. Siegfried Schmutzler, 42, wegen "Boykotthetze" zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, nachdem man ihn schon vorher ein halbes Jahr in Haft gehalten hatte. Der Rundfunk der Sowjetzone üertrug vom Tonband Original-Auszüge aus der Hauptverhandlung zu dem erklärten Zweck, das hohe Zuchthausurteil zu rechtfertigen. Obgleich für die Sendung also jene Passagen ausgesucht worden waren, die den verhafteten Pfarrer nach Ansicht der Kommunisten am stärksten im Sinne ihrer Anklage belasteten, zeugte die Sendung gegen ihre Urheber: Es entstand das akustische Bild eines Prozesses, das mit den Tiraden des Vorsitzenden an die Atmosphäre der Freislerschen Volksgerichtsverhandlungen des Dritten Reiches erinnerte. - Dem Pfarrer Schmutzler warf die Anklage vor, er habe Verbindungen zu Evangelischen Akademien in Westdeutschland gehabt.
RICHTER: Mit wie vielen Evangelischen Akademien hatten Sie Verbindung?
SCHMUTZLER: Zunächst mit sehr wenigen, im Laufe der Jahre mit einer Reihe. Ich kann nicht die genaue Zahl angeben. Vielleicht sechs, sieben.
RICHTER: Sie sagten bisher zehn.
SCHMUTZLER: Die Verbindung besteht dann darin, daß einmal jemand dort gewesen ist.
RICHTER: Na ja, inzwischen haben Sie ja die Evangelischen Akademien kennengelernt.
SCHMUTZLER: Zum Teil habe ich sie kennengelernt, persönlich.
RICHTER: Sie haben zum Beispiel zu Friedewald doch sehr engen Kontakt gehabt.
SCHMUTZLER: Mit dieser Akademie hatte ich engeren Kontakt. Ich habe einmal an etwa der Hälfte eines Lehrgangs teilgenommen.
RICHTER: Was war das für ein Lehrgang?
SCHMUTZLER: Das war ein Lehrgang über Marxismus-Leninismus.
RICHTER: Sagen Sie mal, ist das nicht ein bißchen eigenartig, daß in Evangelischen Akademien Lehrgänge durchgeführt werden über Marxismus-Leninismus? - Wie viele Studenten haben Sie hingeschickt?
SCHMUTZLER: Ich habe bei der Voruntersuchung mir das überlegt. Da habe ich wohl die Zahl 70 genannt.
RICHTER: Ja.
SCHMUTZLER: Zirka.
RICHTER: Und stimmt das nicht?
SCHMUTZLER: Das wird stimmen.
RICHTER: Das stimmt. Wissen Sie, wem diese Evangelischen Akademien unterstehen?
SCHMUTZLER: Die Evangelischen Akademien unterstehen jeweils der Landeskirche. Friedewald ist die einzige Akademie, die direkt unter dem, unter der Evangelischen Kirche in Deutschland arbeitet.
RICHTER: So, Sie haben also etwa 70 Studenten nach Westdeutschland geschickt zu solchen Lehrgängen, Tagungen, Friedewald oder teilweise auch anderen Akademien. Was haben denn die Studenten angegeben, wenn sie ihren Reisepaß beantragten bei der Volkspolizei?
SCHMUTZLER: Da ist es vorgekommen, daß Studenten, wenn sie drüben Verwandte haben, dann die Verwandten angegeben haben.
RICHTER: Wer hat, ihnen den Rat gegeben?
SCHMUTZLER: Ich habe auch persönlich diesen Rat gegeben.
Dem Geistlichen wurde vorgeworfen, er habe im November 1956 unter dem Eindruck der Ereignisse in Polen und Ungarn einen Vortrag gehalten und die Studenten dadurch ermutigt, von den zuständigen Stellen der "DDR" mehr Freiheit zu verlangen.
RICHTER: Das war also am Abend des 5. November 1956. Jeder, der hier im Saal sitzt, weiß, welche Situation damals war. Und da diskutieren Sie über den 17. Juni 1953
- naturgemäß kam das in Erinnerung -,
sprachen also von Demonstrationen, redeten von der Humboldt-Universität, sprachen sich gegen das Eingreifen der sowjetischen
Truppen in Ungarn aus und sagten, jetzt ist ein günstiger Zeitpunkt, jetzt könnte man also hervortreten.
SCHMUTZLER: Dies schien mir der günstige Augenblick zu sein, darauf einzugehen. Ich habe längst eingesehen, daß das völlig falsch war und daß die Lagebeurteilung, die ich damals hatte, total daneben ging.
RICHTER: Das sagen Sie heute, wo Sie festgestellt haben, in der DDR hat sich nichts gerührt wie in Ungarn.
SCHMUTZLER: Herr Oberrichter ...
RICHTER: Heute können Sie das sagen: "Heute sehe ich ein."
SCHMUTZLER: Das habe ich schon eher eingesehen, schon nachdem ...
RICHTER: Wie war die Situation auf Ihrer Universität?
SCHMUTZLER: Am 5. November war mir da nichts bekannt.
RICHTER: Na, da fing's doch an. Mit Ihrer Diskussion fing's doch an. Oder meinen Sie, die Studenten wären auf die Idee gekommen, Resolutionen zu verfassen, wenn Sie nicht so'nen Vortrag gehalten hätten am, mit dem 17. Juni 53 anzufangen. Daß die Studenten genau wie in Berlin auch in Leipzig nicht unseren Staat umgestürzt hätten, das ist 'ne klare Sache. Aber auch nicht eine Sekunde Arbeitszeit durfte verlorengehen zu dieser Zeit, und weil man unbedingt verhindern mußte, daß aufrechte Patrioten gevierteilt und erschossen werden, aufgehangen werden wie in Ungarn. Das mußte man. Und Sie organisieren in dieser Zeit - ich betone ausdrücklich: organisieren in dieser Zeit diese Resolution mit den Forderungen, die ausgeht von einem Pfarrer, und der stiftet die Studenten der Theologischen Falkultät an, es darf dabei aber nicht die Studenten -Gemeinde hervortreten hier, nur ein Student, und zwar ein Theologie-Student, der zu den Medizinern ging, sie aufhetzte. Und das sollen alle Menschen erfahren. Das sollen alle Menschen unserer Republik erfahren, wer das war, der Organisator.
SCHMUTZLER: Herr Oberrichter, ich sehe ein, daß das falsch war
RICHTER: Das war nicht falsch, das war ein Verbrechen. Und deshalb stehen Sie hier!
Die Anklage warf dem Pfarrer vor, er habe in Böhlen bei Leipzig eine Evangelisations-Woche veranstaltet.
RICHTER: Auf alle Fälle ist doch richtig, daß also unsere Staatsorgane ziemlich viel Nachsicht geübt haben, daß also nicht - wie im Westen oft behauptet wird - sobald also einer mal ein schiefes Wort erzählte, würde er gleich eingesperrt, nicht? So was gibt's also nicht. Im Gegenteil. Sie haben also allerhand gemacht, und das, was Sie also im November 56 machten, das war gar nicht so ungefährlich, das war sehr gefährlich. Und trotzdem sind Sie nicht eingesperrt worden. Jetzt standen die Staatsorgane vor der Tatsache, daß Sie wieder etwas organisieren, wo man die Vermutung haben konnte, das kann wieder so etwas werden wie im November 56. Und da hat es Aussprachen (mit den Staatsorganen) gegeben. Bei diesen Aussprachen - ich kann das gleich kurz zusammenfassen - haben Sie gesagt: Nein, das hat also keinen staatsfeindlichen Charakter, was ich dort unternehmen will. Ich beachte nicht, was mir vorgetragen wird. Ich werde also in Bohlen diese Versuchswoche durchführen. - Wieviel Studenten haben Sie mitgenommen?
SCHMUTZLER: Es waren wohl 22.
RICHTER: Und sind dann rausgefahren. Sie hatten die Aufgabe, diese Vorträge zu halten?
SCHMUTZLER: Ja.
RICHTER: Anschließend war im Gemeindehaus ...
SCHMUTZLER: Anschließend, ja.
RICHTER: Anschließend im Gemeindehaus eine Diskussion darüber?
SCHMUTZLER: Ja.
RICHTER: Und die Studenten hatten die Aufgabe, Sie dabei zu unterstützen beziehungsweise die einzelnen Kirchenmitglieder aufzusuchen in der Wohnung?
SCHMUTZLER: Jawohl.
RICHTER: Einige Dinge sind da ziemlich klar ausgesprochen. Zum Beispiel einige Beispiele: "Die Jugendweihe ist unmenschlich."
SCHMUTZLER: Ich habe schon vorher zugegeben, daß die Vokabel unmenschlich in diesem Zusammenhang überhaupt steht, das halte ich für nicht richtig.
RICHTER: "Die für die Jugendweihe eintreten, müssen einen Mühlstein um den Hals bekommen und ersäuft werden."
SCHMUTZLER: Herr Staats..., Herr Oberrichter, das ist, ich gebe zu, das habe ich schon vorhin alles gesagt, daß dieser ganze Zusammenhang also zu kraß formuliert ist und daß es sich hier um eine Zuspitzung handelt, die ich bedauern muß.
RICHTER: So, nun zu Ihren weiteren Argumenten in Ihren Vorträgen: "Freiheit ist Mangelware geworden. Feiertagsarbeit ist unmenschlich. Republikflucht ist nicht schlimm, weil Gott dabei ist." - Zunächst zum ersten Punkt: Feiertagsarbeit ist unmenschlich.
SCHMUTZLER: Das gilt nicht generell für die Feiertagsarbeit.
RICHTER: Sie müssen sich mal vorstellen, wie Sie, wie stark Sie die Arbeiter verhetzten, die ihre Freizeit opfern. Nicht für sich! Nicht für sich, das haben sie nicht notwendig; denn die Arbeiter, die sonntags aufs Land gehen, die haben so viel verdient, daß sie das nicht notwendig hätten. Außerdem wird ihnen das auch nicht bezahlt. Sie opfern ihre Freizeit. Für wen? Auch für die Theologen. Auch für solche Menschen wie Sie, die seit 1954 nichts weiter machen, als gegen unseren Staat zu hetzen. Auch damit Sie Kartoffeln haben.

DER SPIEGEL 50/1957
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