18.12.1957

LEHRERIsrael wird ausradiert

Der Offenburger Textilgroßhändler Kurt Lieser saß an einem Aprilabend dieses Jahres in dem Offenburger Gasthaus Zähringer Hof" bei einem Glas Bier, als der Studienrat Ludwig Zind, der am Grimmelshausen - Gymnasium der Stadt Mathematik und Biologie lehrt, die Gaststube betrat.
Der Pädagoge hatte sich für ein Weilchen von der Kegelbahn des Gasthofes entfernt, wo er sich - wie allwöchentlich - im Kreise seiner Kegelbrüder körperertüchtigend betätigt hatte. Er suchte offenbar Unterhaltung und ließ sich an Liesers Tisch nieder, wiewohl sich Lieser und Zind nur flüchtig kannten. Als Studienrat Zind am Nebentisch zwei ehemalige Schüler - inzwischen Studenten erkannte, winkte er auch sie noch herbei.
Zwischen den vier Herren entspann sich alsbald eine angeregte Debatte über politische Probleme, insbesondere über die Zustände im Dritten Reich. Erzieher Zind gab dabei zu verstehen, daß er am Tun und Lassen des Führers Adolf Hitler und seiner Paladine nichts auszusetzen finde.
Kaufmann Lieser fragte den Studienrat darauf, was er wohl von den Schändungen jüdischer Friedhöfe halte, die jüngst in Norddeutschland begangen worden waren. Der Pädagoge meinte, daß den Grabschändern nichts vorzuwerfen sei.
Daraufhin zeigte sich Kaufmann Lieser empört; denn er ist jüdischer Abstammung - was Lehrer Zind nicht wußte - und hatte unter Hitler in einem "Sicherungslager" Übles erdulden müssen; beispielsweise war ihm von einem SS-Wachmann der Unterkiefer zerschlagen worden.
Eingedenk solcher Erfahrungen widersprach Lieser dem Lehrer Zind energisch, was der Studienrat mit der Bemerkung quittierte: "Meiner Meinung nach sind noch viel zu wenig Juden vergast worden!"
Lieser: "Herr Zind, ich möchte Ihnen mitteilen, daß ich im Dritten Reich als Halbjude im KZ gesessen habe."
Zind: "Was - dann hat man also auch Sie vergessen zu vergasen?"
Lieser: "Sie würden mich also auch heute noch ins KZ bringen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?"
Zind: "Jawohl. Und das will ich Ihnen sagen: Ich lege auch Sie noch um."
Lieser: "Und meine Frau, würden Sie die ebenfalls vergasen?"
Zind: "Jawohl, das würde ich ebenfalls tun."
Lieser: "Ich habe zwei Kinder ...
Zind: "Die könnten meinetwegen am Leben bleiben. Im übrigen bin ich stolz darauf, daß' ich im Krieg mit meinen Männern Hunderten von Juden mit der Schaufel das Genick eingeschlagen habe."
Als einer der beiden Studenten dem Pädagogen in die Parade fuhr, wies Zind ihn barsch zurecht: "Das dürfte aber nicht die Meinung Ihres Vaters sein!" Der Vater des Studenten ist der Oberstudiendirektor Walzer, Leiter des Grimmelshausen-Gymnasiums, an dem Zind unterrichtet.
Die beiden Studenten hatten während dieser Unterhaltung Mühe, den Kaufmann Lieser davon zurückzuhalten, seiner Entrüstung über die Bemerkungen Zinds auf der Stelle handgreiflich Ausdruck zu verleihen. Ludwig Zind schloß die Auseinandersetzung mit der Bemerkung: "Israel gehört ausradiert und wird ausradiert." Auf Liesers Frage, weshalb er das für angebracht halte, erwiderte der Lehrer Zind: "Ich sehe das mit den Augen des Arabers an."
Kaufmann Lieser verfertigte ein Protokoll der Unterredung und schickte es zwei Tage später an den "Oberrat der Israeliten Badens", der das Schriftstück an das Kultusministerium weiterreichte.
Sowohl der "Oberrat" als auch Kaufmann Lieser erwarteten nun, daß Studienrat Zind unverzüglich von seinem Amt suspendiert werden würde. Aber nichts geschah. Dennoch meinte Lieser, dem Studienrat Gelegenheit zu einer Entschuldigung geben zu sollen, ehe er eine Privatklage gegen ihn anstrengte.
Es dauerte allerdings sechs Wochen, bis Oberstudiendirektor Walzer, dem sein Sohn über den Vorfall berichtet hatte, den Textil-Kaufnmann Lieser zu einer Aussprache mit Lehrer Zind in das Direktorenzimmer des Gymnasiums bat.
Studienrat Zind war keineswegs geneigt, sich für seine maßlosen Äußerungen zu entschuldigen, sosehr auch Direktor Walzer und ein Regierungsrat vom Oberschulamt Südbaden in Freiburg, der zu dieser Aussprache herbeigeeilt war, begütigend auf ihn einredeten. Der Studienrat blieb starrsinnig: "Ich gehe lieber Straßen kehren, als daß ich meine Meinung ändere."
Auch die Brücke, die ihm Direktor Walzer mit der Frage zu bauen versuchte, ob er etwa betrunken gewesen sei, wollte Zind nicht betreten. Er bestritt energisch, betrunken oder auch nur angetrunken gewesen zu sein. In der Tat hatte kein Teilnehmer jenes Gesprächs im "Zähringer Hof" irgend etwas bemerkt, was darauf hingedeutet hätte, daß Zind unter Alkohol-Einwirkung stand.
Zind bestätigte bei dem Zusammentreffen im Gymnasium unumwunden Liesers Darstellung des Gesprächs. Nur eine seiner Bemerkungen habe Lieser falsch wiedergegeben: Nicht Hunderten von "Juden", sondern "Russen" habe er, Zind, mit der Schaufel das Genick eingeschlagen. Insoweit - ob Zind "Juden" oder "Russen" gesagt hat - sind sich auch die beiden Studenten nicht ganz sicher, im übrigen aber bestätigen sie Liesers Darstellung des Gasthof-Gesprächs .
Auch nach der Unterhaltung im Direktorenzimmer des Grimmelshausen-Gymnasiums hielt es weder das Oberschulamt noch Direktor Walzer für angebracht, den Studienrat Zind vom Lehramt zu suspendieren oder ein Verfahren gegen ihn einzuleiten. Statt dessen versuchte Direktor Walzer, den Kaufmann Lieser zu besänftigen und den Fall auf diese Weise zu bereinigen.
Freilich hatte Walzer dabei keinen rechten Erfolg, denn Äußerungen wie "Ach, Herr Lieser, wenn Herr Zind Russen gemeint hat, dann ist es ja gar nicht so schlimm", oder "Wie es auch sein mag, der Mann (Zind) hat Mut" stärkten keineswegs Liesers Bereitschaft, die Kränkung zu vergessen.
Schließlich meldete Kurt Lieser auf Anraten eines Rechtsanwaltes den Fall in aller Form dem Oberschulamt in Freiburg zu Händen des Präsidenten Nunier. Das war Anfang September. Am 18. September schrieb der Leiter des Oberschulamtes:
"Sehr geehrter Herr Lieser! Auf Ihr Schreiben vom 10. September 1957 teilen wir Ihnen mit, daß das Kultusministerium mit Erlaß vom 7. September 1957 die Einleitung des förmlichen Dienststrafverfahrens gegen Herrn Zind verfügt hat. Über den Ausgang des Verfahrens vermögen wir derzeit nichts zu sagen. Nunier."
Keine Gefahr für die Kinder?
Der eines "Hochachtungsvoll" nicht für wert befundene Kaufmann Lieser kann es sich nicht erklären, warum das Oberschulamt ein Vierteljahr brauchte, um sich zu einem Dienststrafverfahren gegen Zind zu entschließen, und weshalb jetzt, nach einem weiteren Vierteljahr, die Dienststrafkammer in Freiburg noch immer nicht über den Fall entschieden hat.
Es ist verständlich, daß Kaufmann Liesers Groll gegen Zind wuchs und sich schließlich in einem barschen Zuruf entlud. Als Zind am 19. September im Weidmanns-Kostüm und mit umgehängtem Gewehr das Cafe Lang am Offenburger Schillerplatz betrat, scholl ihm Liesers Stimme entgegen: "Tierschlächter, Menschenschlächter!" Zind fühlte sich beleidigt und beantragte einen Sühnetermin vor dem Schiedsamt, dem Lieser jedoch nicht Folge leistete, worauf Zind eine Beleidigungsklage anstrengte.
Lieser gibt zwar seinen Zuruf etwas anders wieder ("Früher hat er Menschen geschlachtet, heute Tiere!"), was jedoch am Sachverhalt nicht viel ändert, so daß Studienrat Zind möglicherweise mit seiner Beleidigungsklage gegen Kaufmann Lieser Erfolg hat, noch ehe das Dienststrafverfahren gegen ihn bis zu einer Entscheidung gediehen ist
Der Fall Zind, so gab die Rechtsabteilung des baden-württembergischen Kultusministeriums inzwischen auf Anfrage zu wissen, sei zwar "äußerst unerfreulich, wirklich ganz unerfreulich und schwerwiegend", aber "Suspendierungen vor Abschluß eines Disziplinarverfahrens kommen nur in besonderen Fällen in Betracht, zum Beispiel, wenn Sittlichkeitsdelikte vorliegen. Suspendiert kann nur werden, wenn effektiv eine permanente Gefahr für die Kinder vorliegt."
Pädagoge Zind
"Viel zu wenig Juden Vergast"

DER SPIEGEL 51/1957
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