25.12.1957

INDONESIENDrehscheibe gesucht

Mit scharfer Akzentuierung verlas der in Bonn akkreditierte Botschafter der indonesischen Republik, Dr. Zairin Zain, in der Hamburger Handelskammer vor 180 Repräsentanten des Überseehandels, der Banken und Reedereien ein sechs Seiten langes Maschinen-Skript, dem man anmerkte, daß es mit Hilfe deutscher Public-relations-Berater zurechtgefeilt worden war.
Die Zuhörer warteten gespannt auf die Vorschläge, die ihnen der Botschafter - voreiligen Pressemeldungen zufolge - unterbreiten wollte. Hamburg sei dazu ausersehen, so hatte es geheißen, an Stelle von Rotterdam Nabel des Indonesienhandels zu werden. Alle Schiffsladungen mit Kautschuk, Zinn, Bauxit, Kopra, Gewürzen und Tabak aus Indonesien sollten in Zukunft in Hamburg gelöscht und die Rohprodukte über deutsche Handelsfirmen weiterverkauft werden.
Das Präsidium der Hamburger Handelskammer nahm diese Nachricht mit gemischten Gefühlen auf, zumal man aus Bonn erfahren hatte, daß die Bundesregierung alles vermeiden wolle, was die Beziehungen zum Nato-Partner Holland trüben könne. Um keinen Schnitzer beim Empfang des Botschafters zu begehen, fuhren Abgesandte der Handelskammer nach Bonn und fragten nach etwaigen Direktiven. Doch Bundeswirtschaftsministerium und Außenamt ließen den Hanseaten im Vertrauen auf ihren kaufmännischen Sachverstand freie Hand.
Beim Botschafterbesuch zeigte sich nun, daß die Sorgen der Hanseaten unbegründet gewesen waren. Der kleine gedrungene Indonesier bewies angeborenen Takt. Sein Skript war genau auf die Bonner Nato-Bindungen abgestimmt; Zain warb mit keinem Wort um Hamburg als Drehscheibe, sondern bemühte sich ausschließlich, die Exportfirmen in Sicherheit zu wiegen. Er flehte sie an, die mit Indonesien vereinbarten Lieferungen notfalls auch auf holländischen Frachtern zu verschiffen, da die, drei deutschen Frachter, die im Liniendienst der Hapag auf der Indonesien-Route verkehren, den Transport nicht bewältigen können.
Jede Lieferung werde prompt bezahlt, versprach Zain, obwohl die holländischen Außenhandelsbanken in Djakarta, die den deutschen Exportfirmen bisher die Akkreditive* eröffneten, unter Sequester gestellt wurden. Ähnliche Beruhigungspillen verteilte Zain auch in anderen Städten, so in Bremen bei den Borgward-Werken, die zusammen mit einer indonesischen Finanzgruppe ein Fahrzeug-Montagewerk in Surabaja errichten wollen. Die Vorbereitungen kamen aber wegen des schon lange schwelenden Bürgerkrieges nur sehr schleppend voran.
Seit die Lawine der sogenannten Merdéka-Aktion** rollt, haben weder Borgward noch andere deutsche Firmen Neigung, Kapital in einem Lande zu investieren, das sich am fremden Eigentum vergreift und nach kommunistischem Muster einen Schlüsselbetrieb nach dem anderen beschlagnahmt.
Der Amoklauf der Merdéka-Bewegung und das in mancher Beziehung durchaus berechtigte Mißtrauen der Indonesier gegen ihre früheren Kolonialherren sind dem jungen Staat schlecht bekommen. Stärker als je zuvor leidet das mit 84 Millionen Einwohnern siebentgrößte Land der Erde trotz seiner überaus reichen Rohstoffquellen an akutem Warenmangel, an Geldentwertung und Versorgungsschwierigkeiten, die sich vor allem durch den Zusammenbruch des insularen Schiffsverkehrs ergeben haben.
Während ihrer 350jährigen Kolonialherrschaft hatten die Holländer einen Liniendienst organisiert den die Reederei "Koninklijke Paketvaart Maatschappij" (KPM) auch nach 1945 zwischen den 3000 Inseln Indonesiens aufrechterhielt. Um das holländische Schiffahrtsmonopol zu brechen, lockte Sukarno kleine japanische und deutsche Reeder nach Indonesien; sie leisteten aber nur vorübergehend Hilfsdienste.
Sagt einer dieser Monopolbrecher, der Hamburger Reeder Barthold Richters: "Das Unternehmen bereitete uns viel Verdruß, weil die Indonesier große Devisenschwierigkeiten haben und mit ihren Zahlungen sehr oft in Verzug gerieten. Deshalb habe ich mich von diesem Experiment zurückgezogen. Die indonesische Regierung schuldet mir heute noch 45 000 Mark."
Sukarno ließ dann eine eigene kleine Flotte von etwa 20 Schiffen - größtenteils auf deutschen Werften - bauen, die in der staatlichen Gesellschaft Pelni zusammengefaßt wurde. In den letzten Wochen annektierte die Pelni etwa 45 KPM -Schiffe, denen es nicht mehr gelungen war, rechtzeitig zu flüchten; etwa 20 holländische Schiffe und ein großer Teil des KPM-Führungspersonals konnten nach Singapur entkommen.
Der indonesische Staat verfügt nach dem Gewaltstreich zwar über sechs bis sieben Dutzend Schiffe, aber nicht über genügend Kapitäne und Steuermänner. Es gibt kein Schiff über 2000 Tonnen, gleichgültig ob es bisher den Holländern gehörte oder
unter der Pelni-Flagge schwimmt, das von Eingeborenen geführt wird (etwa 90 Prozent aller Kapitäne und etwa 70 Prozent der ersten Offiziere waren Holländer, die inzwischen das Land verließen).
Botschafter Zain ließ kürzlich in Hamburg durchblicken, daß er in den westdeutschen Hafenkneipen nach Lückenbüßern fahnden läßt. Bisher haben sich aber nicht einmal Fahrensmänner, die kein einwandfreies Seefahrtsbuch besitzen, anheuern lassen. Den Seeleuten ist nämlich bekannt, daß in Indonesien strenge fremdenpolizeiliche Bestimmungen gelten. Man braucht ein Visum nicht nur für die Einreise, sondern auch für die Ausreise. Fachkräften, die der indonesische Staat behalten möchte, wird oft mit fadenscheinigen Begründungen das Ausreisevisum verweigert.
Mehr Erfolg mit ihrer Bitte um technische Hilfe hatten die Indonesier in Tokio; japanische Reeder wollen mit Schiffsraum und Fachpersonal aushelfen. Gleichzeitig wollen die früheren Okkupanten im Dschungel des indonesischen Bürgerkrieges ihre Position als Hauptwarenlieferant noch verbessern. Japan erregte damit aber keineswegs den Neid anderer exportintensiver Länder, denn die Indonesier sind wegen der außerordentlichen Schwäche ihres Staats- und Devisenhaushalts schlechte Zahler. So mußte zum Beispiel eine Lübecker Werft, die einen Schlepper für indonesische Rechnung baute, neun Monate auf Bezahlung warten. Die Importbrücke zerbrach
Da sich die Beschlagnahme-Aktionen und Ausweisungen holländischen Fachpersonals auf die Rohstoffausfuhr sehr negativ auswirkten, wurde Indonesiens Devisenlage noch kritischer. Die Ausfuhr der Inselrepublik wird weiter schrumpfen, weil Holland seine Funktion als große Drehscheibe des Rohstoffimports aus Indonesien kaum noch wahrnehmen kann. Über Holland führten bisher auch die meisten deutschen Importfirmen Kautschuk, Zinn und Rohprodukte für die Margarinefabriken ein; unmittelbar aus dem Inselreich kamen nur etwa 19 Prozent der westdeutschen Indonesien-Importe.
Die Holländer genießen den Ruf, daß sie nur einwandfreie Ware importieren, die den westlichen Qualitätsnormen entspricht. Als die holländischen Manager ihrer Schlüsselpositionen beraubt wurden, rissen auch die eingespielten Geschäftsbeziehungen zwischen der Importbrücke Holland und dem ehemaligen Kolonialgebiet ab. Die neuen Herren in den Zinnminen, Bankdirektionen und Kopra-Handelsgesellschaften haben es schwer, sich auf dem internationalen Markt jenes Vertrauen zu erwerben, das die Rotchinesen in der westlichen Welt heute bereits genießen. Den Indonesiern, denen die Holländer während ihrer Kolonialherrschaft keine höhere Bildung gönnten, traut man vorläufig noch nicht zu, daß sie Qualitätsprodukte unter handelsüblichen Konditionen in den Verkehr bringen können.
In ihrer wirtschaftlichen Not wandte sich die indonesische Regierung auch an die Ostblockstaaten. Die Sowjet-Union sagte eine Devisenhilfe im Werte von 100 Millionen Dollar zu. Moskaus Satelliten schickten die üblichen Deklarationen nach Djakarta; so erbot sich die sogenannte Deutsche Demokratische Republik großspurig, einen Teil des bisher über Holland laufenden Handels abzuwickeln.
Daraufhin flog der Präsident der indonesischen Handelskammer nach Ostberlin. Dort teilte man ihm dann mit, daß die DDR der Fluggesellschaft "Garuda Indonesian Airways" Flugkapitäne der Ost-Lufthansa als Ersatz für die geschaßten holländischen Piloten zur Verfügung stellen werde. Außerdem war in Ostberlin viel von Freundschaft und Solidarität die Rede, dagegen wenig von effektiver Wirtschaftshilfe.
Indonesiens Handel mit der DDR ist so unbedeutend, daß er nur knapp 1,5 Prozent der Außenhandelsumsätze ausmacht, die im Warenverkehr zwischen Indonesien und Westdeutschland erzielt werden. Botschafter Zain gab während seines Hamburg-Besuches zu, daß der Vorstoß nach Ostberlin ein Fehlschlag war.
Mit Pathos appellierte er an die westdeutschen Wirtschaftler, Indonesien nicht im Stich zu lassen, "weil wir sonst in der Flut des Kommunismus versinken". Es war den glatten Gesichtern der Bankiers und Großkaufleute nicht anzumerken, ob diese Drohung mit dem Beelzebub auf die Repräsentanten der Wirtschaft auch nur den geringsten Eindruck machte.
* Akkreditive sind im Internationalen Handel übliche Zahlungsversprechen, die eine ausländische sank gegenüber dem Exporteur abgibt.
** Merdéka (indonesisch) bedeutet Freiheit Unter dieser Parole segeln auch die vielen Beschlagnahmen holländischen Eigentums.
Staatspräsident Sukarno
Amoklauf ruiniert die Wirtschaft
Botschafter Zain
"Hilfe, wir versinken!"

DER SPIEGEL 52/1957
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