08.01.1958

LUFTWAFFELappen im Tank

Die neue bundesdeutsche Luftwaffe hat sich in den letzten Wochen wieder als das spezielle Sorgenkind des Bundesverteidigungsministers erwiesen. Nicht nur, daß es der Luftwaffe an einem auf die westdeutschen Verhältnisse zugeschnittenen Jagdflugzeug mangelt (SPIEGEL 50/1957), nicht nur, daß noch durchaus unklar ist, ob Raketen oder Jagdflugzeuge für die Luftverteidigung besser geeignet sind - sogar relativ einfache Probleme, wie die Versorgung der Luftwaffe mit Transportflugzeugen, sind anscheinend nicht zu lösen. Jedenfalls mußten die Prüfbehörden der Luftwaffe vor kurzem für sämtliche Mittelstrecken-Transporter vom Typ Nord 2501 "Noratlas" ein Flugverbot erlassen, weil sich die Maschinen als reichlich flugunsicher erwiesen hatten.
Was die 25 "Noratlas"-Transporter, die der Luftwaffe bisher im Zeichen deutsch französischer Waffenbrüderschaft von der Société Nationale de Constructions Aéronautiques du Nord (S. N. C. A. N.) geliefert wurden, zu Boden zwang, war ein menschliches Versagen ganz besonderer Art; von dem sich nicht eindeutig sagen läßt, ob es
sich um Schlamperei, betrügerische Manipulationen oder gar um Sabotage handelt.
Das Flugverbot für diese 25 Maschinen wurde verhängt, weil
- die Kraftstofftanks gelegentlich Risse hatten,
- Leitungen brachen,
- Steuerungsorgane versagten und Funkanlagen ausfielen; die Röhren stammten offenbar aus französischen Beutebeständen des letzten Krieges, jedenfalls trugen sie den Prüfstempel des großdeutschen Reichsluftfahrtministeriums.
Angeblich wurde sogar in einem Kraftstofftank ein Putzlappen gefunden.
Eigenartig ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß die Flugzeuge gleichen Typs, die von der S. N. C. A. N. an die französische Luftwaffe geliefert wurden, nicht an derartigen Mängeln litten - ein Rätsel, das auch die eilig nach Deutschland geholten Ingenieure der Lieferfirma nicht zu lösen vermochten.
Das Bundesverteidigungsministerium hielt es für richtig, die "Noratlas"-Pannen auf Anfrage als "Entwicklungsstörungen" zu bezeichnen, als Mängel also, wie sie bei jedem neuen Flugzeugtyp gelegentlich auftreten. Bisher war es allerdings durchaus nicht üblich, schwere Materialfehler und die Verwendung uralter Röhren den unvermeidlichen Entwicklungspannen zuzurechnen.
Ebensowenig kann als Entwicklungsstörung gelten, daß bei den Abnahmeprüfungen der Maschinen - mangels geeigneten Personals - offenbar reichlich flüchtig verfahren wurde. Dieser Mangel ist allerdings behoben. Zur Zeit werden die bereits im Truppendienst stehenden "Noratlas"-Maschinen, die nach Ansicht von Fachleuten ohnehin ungeeignet sind, weil sie vollbeladen nur von Betonpisten starten können, Stück für Stück gründlich untersucht und dann einzeln wieder für den Flugdienst freigegeben. Bis zur Freigabe werden sie am Boden zu Übungszwecken verwendet.
Die Transportpiloten der Luftwaffe, denen himmelangst geworden war, als sie nach kurzer Flugzeit die lebensgefährlichen Mängel entdeckten, hoffen zuversichtlich, daß die "Noratlas"-Restserie von 20 Stück besser ausfällt. Die Restserie wird nämlich von der deutschen "Flugzeugbau Nord GmbH" in Lizenz gebaut.
Luftwaffen-Transportflugzeug Nord 2501 "Noratlas": Entwicklungsstörungen oder Sabotage?

DER SPIEGEL 2/1958
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